Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 15 (13.4.1894)
- Date
- 1894-04-13
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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VeflerreichifchrWochrnschrist Sette 299 Nr. 15 die Römer bei der allgemeinen Zerstreuung ihres Volkes ihren Weg nach Mauretanien fanden, wo sie sich niederließen und in verschiedenen Städten kleinere Gemeinden bildeten. Anfangs scheint es, waren diese Einwanderer in Handelsbestrebungen verwickelt und, solange die römische Herrschaft andauerte, keiner besonderen Ungerechtigkeit ausgesetzt; als aber die Mohammedaner mit dem Beginn des 8. Jahrhunderts die Eroberung dieser Länder beendet hatten, befanden sie sich unter einem Joche, das bis auf die Gegenwart einer systematischen Verfolgung gleichbedeutend war. Noch jetzt müssen im Binnenlande die Juden barfuß in den Straßen einhergehen, und wenn sie einmal in anderer als in der vorhin angedeuteten Kleidung erscheinen, sich die Beleidigungen des Pöbels gefallen lassen; auch sind sie zum Wohnungs- Aufenthalte in einen besonderen Stadttheil verurtheilt, der aus engen schmutzigen Gäßchen, Mellah's genannt, zusammengesetzt und von Mauern umgeben ist, deren Thore bei Nacht gesperrt sind. Wie man sich denken kann, ist die Erziehung unter dieser Classe von Juden noch tief herabgekommen. Ihre Sprache ist der in Marokko übliche arabische Dialekt, doch gibt es Schulen, die im Zusammenhänge mit den-Synagogen stehen. wo die Schüler gelehrt werden, die heiligen Schriften hebräisch zu lesen, und hier, darf man beinahe sagen, ist ihre Bildung zu Ende. Aberglaube, wie immer und überall die Folge von Unwissenheit, hat unter ihnen eine Menge von Riten und Bräuchen hecvorgebracht, von denen viele sinnlos und anwidernd, die anderen der Sittlichkeit gefährlich und von üblen Folgen begleitet sind; auch halten sie an gewissen Herkommen fest, die nicht nur nicht mit den Anschauungen der in Europa lebenden Bekenner des Judenthums in Uebereinstimmung, sondern die ihren alten Glauben geradezu entgegengesetzt sind. Als ein Beispiel für das Gesagte führe ich die Thatsache an, daß frühzeitige Ehen bei ihnen bis zu einem Grade gestattet werden, deren Folgen mehr als in Einer Hinsicht ernste Bedenken erwecken müssen; denn so unglaublich es einem Bewohner Europas scheinen mag, es ist doch Thatsache, daß beide Ehehälften oft Knaben und Mädchen von ungefähr 12 Jahren sind. Es gehört da zu den ganz gewöhnlichen Dingen, kleine Mädchen dieses Alters an Männer verlobt zu sehen, die das mittlere Alter schon überschritten haben, und diese Weibkinder, die zu 14 Jahren Mutter waren, sind zu fünfundzwanzig bereits verwelkte, gebrochene Greisinnen. Ich bin jedoch so glücklich, bemerken zu können, daß die Alliance Israelite, nachdem sie mit der verkommenen Lage der maurischen Juden bekannt wurde, jetzt Anstrengungen macht, ihnen dieselben Erziehungsvortheile zu bieten, die die Gesellschaft seit mehreren Jahren ihren Glaubensgenossen in den Küstenstädten zu Theil werden ließ, und bereits eine Schule nach europäischem System in Fez etablirt hat. Da der erste Schritt gelungen, soll, im Falle die Mittel ausreichen würden, ein derartig tüchtiges, modernes Erziehungssystem auf verschiedene Städte und Flecken innerhalb des gesammten Kaiserreiches ausgedehnt werden. Wenn dies geschehen sein wird, werden die Auswüchse Jahrhunderte langer Unwissenheit, Aberglaube, Tyrannei und Ausschließung zerstreut werden; Kenntnisse und Wissenschaften werden ihre Macht behaupten, und die Israeliten der Berberei werden befähigt sein, eine wichtige Rolle bei der künftigen Wiedergeburt ihres angenommenen Vaterlandes zu spielen. Unter den anderen Ursachen, die dazu beigetragen haben, die Juden von Marokko als ein abgesondertes Volk zu erhalten, mag die Thatsache erwähnt werden, daß sie immer ein imxerlnm m imperio bildeten, insofern die die Jsraelitengemeinde bindenden Gesetze von den Rabbis gehandhabt werden. In Criminalfällen, wenn beide Parteien Juden sind, wird das Maß und die Art der Strafe, die auferlegt werden soll, von den Rabbis entschieden, der Delinquent alsdann den maurischen Behörden überliefert und von diesen das Urtheil an jenem ausgesührt. Unter den wilden Stämmen der Riffberge und den nomadischen Stämmen der Ebenen kann man eine Menge maurischer Juden finden. Obwohl in einer Art Leibeigenschaft lebend, sind sie dennoch nach Allem, was über sie berichtet wird, vollkommen zufrieden, da sie gut behandelt und von ihren mohammedanischen Gebietern gegen jederlei Unrecht geschützt werden. Es ist eine bezeichnende Thatiache überhaupt, daß erst auf einer höheren Civilisationsstuse, wenn der Jude, in den Städten lebend, ein Wucherer oder Händler wird, er gehaßt und für die mohammedanische Bevölkerung ein Gegenstand der Verfolgung wird. Die Atlasjuden bilden die dritte Classe der eingeborenen Israeliten. Besonders.eigenthümlich ist ihre sagenhafte Geschichte, wonach zu einer sehr entlegenen Epoche, bereits vor der babylonischen Gefangenschaft, gewisse politische Erschütterungen, die den jüdischen Staat aus seinem Gleichgewicht brachten, bedeutende Volksmassen veranlaßt hätten, Judäa zu verlaffen, um eine neue Heimat zu suchen. Sie wanderten, entlang der südlichen Gestade des Mittelländischen Meeres, bis sie in das jetzt unter den Namen Marokko bekannte Land kamen, wo sie von den damaligen Einwohnern, einem Berberstamme, freundlich ausgenommen wurden und volle Religionsfreiheit erhielten. Als dann nacheinander die Carthager, Römer, Vandalen und Araber in Besitz des Landes kamen, wurden diejenigen von den Berberstämmen, die sich einem fremden Joche nicht beugen konnten, allmälig in die Berggegenden, insbesondere in die der großen Atlaskette, zurückgedrängt. Die früheren Juden theilten ihr Loos und ihre Abkömmlinge leben jetzt noch in einem Zustande vollkommener Freiheit bei den Gebirgsberbern. Die Atlasjuden sprechen den Berberdialect, sind unter den Bergstämmen zerstreut, dürfen Waffen tragen und sollen ein tapferes unabhängiges Volk sein. Mit den Juden der Ebenen stehen sie in nur sehr geringem Verkehr; der winzige Handel, der von den Bergen ausgeht, ist in ihren Händen. Man sagt, daß sie nur einen Theil der hebräischen heiligen Schriften besitzen und daß ihre Religion von dem entwürdigenden Aberglauben der maurischen Inden frei ist. Richardson in seinem Werke über Marokko führt Rocopkus, den byzantinischen Geschichtsschreiber als Gewährsmann dafür an, daß zur Zeit, wo er schrieb, im 6. Jahrhunderte, in Nordafrika eine Stadt namens Tigisis existirte, wo eine Säule die folgende merkwürdige Inschrift gehabt habe: ,,Wir sind Jene, die vor dem jüdischen Räuber Josua, dem Sohne Nun's, geflohen sind." Einige, sind der Ansicht, dieses Tigisis sei nahe dem jetzigen Tanger gelegen gewesen, aber die allgemeine Anschauung ist die, daß es eine Stadt in dem jetzt als Algerien bekannten Distrikte gewesen sei. Die Angabe des Rocopius wird durch eine Tradition unter den Berbern unterstützt, die behaupten, daß ihre Vorfahren ehemals Kanaan bewohnten, aber durch den Einfall einer Judenhorde vertrieben worden seien. Sollte es sich bestätigen, daß die Berber von früheren Bewohnern Kanaans sich herleiten, so ist es mcht wenig sonderbar, daß die beiden Stämme, die so lange miteinander um das Land von Milch und Honig im Kampfe waren, am Ende ihrer Wanderungen jetzt friedlich und harmonisch Zusammenleben — in den hohen, einsamen Bergketten des Atlas von Marokko. EarresMÜenren. Wien. („Zur Judenfrage.") Mit zolllangen Lettern prangt diese Ueberschrift über einen Leitartikel der „Wiener Fuhrwerker-Zeitung", des officiellen Organes der Wiener Fiaker und Einspänner. Dieses Blatt wird von Herrn Kerxheimer redigirt, der seit langen Jahren mir einem Concurrenten, Herrn Schnitzer, in Streit liegt. Aus dem persönlichen Zwist zwischen Arier und Semiten hat sich ein principieller Conflict entwickelt und Herr Keixheinier hetzt in seinem Blatte nicht blos gegen seinen Widerpart, sondern gegen die Juden im Allgemeinen. .Es sei uns gestattet, eine einzige zarte Geistesblüthe aus diesem Artikel wiederzugeben. „Vielleicht", heißt es gleich im Anfang, „kann der Antisemit dem Semiten doch noch ein Loch im Bauche bohren". Im weiteren Verlaufe des Artikels wird den Fiakern und Einspännern zu Gemüthe geführt, daß die Juden die Fuhrwerker zu Grunde richten und ihnen das Mark aus den Knochen saugen, und es wird ihnen eingeschärft, sich nicht länger am Gängelbande der Juden führen, sich nicht von den eingewanderten Schädlingen knechten zu lassen. Das steht, wie gesagt, im officiellen Organ der Genossenschaften der Wiener Fiaker und Einspänner. Es ist überflüssig» zu sagen, daß die Fiaker und Einspänner zum größten Theile, ja fast ausschließlich von Juden leben. Von den paar Cavalier- Fiakern abgesehen, reflectiren alle Fuhrwerker auf die Kund* schaft der Börse, der jüdischen Aerzte, Advocaten und Kaufleute. Und trotzdem, oder vielleicht eben deswegen regt sich auch da der antisemitische Geist. Wir sind neugierig, ob die Genoffenschafts-Borstehungeu die Jndenhetze in ihrem Organe stillschweigend billigen oder dagegen Stellung nehmen werden. Auf alle Fälle werden wir die „Wiener Fuhrwerker-Zeitung" von jetzt ab genau im Auge behalten.