Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 15 (13.4.1894)
- Date
- 1894-04-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 15 Vesterrektziphr Avochenschrtst Seite 393 zu lassen. Sie thun das Nähere, das Fernere auch, denn sie wollen ihm die Carrißre nicht verlegen und wie die Redensarten in diesen Fällen alle lauten. Der Bursch macht auch richtig seinen Weg, wird Maler, und ein guter Maler. Sein Name kriegt Klang, seine Bilder werden gern gekauft. Letzthin kommt er nun zu seinen Alten mit der überraschenden Nachricht ins Haus, daß er wieder Jude geworden. Nicht etwa aus irgend egoistischen Motiven, nein, weil er Jude sein wollte und weil es ihn immer insgeheim gewurmt hatte, daß und warum ihn die Eltem seinem Väterglauben entzogen hatten.. . Wir könnten den Namen nennen, aber er thut nicht viel zur Sache. F. Die jüdische Schulangelegrnheit in Rumänien. Es ist eine unleugbare Thatsache, daß die Ausschreitungen des modernen Judenhasses, „Antisemitismus" genannt, bei den Juden das jüdische Bewußtsein mehr im nationalen, als im religiösen Sinne geweckt haben. Das Gefühl des erlittenen Unrechts, das Bewußtsein der gekränkten Unschuld seitens einer verlotterten und moralisch verkommenen Rotte hat beim Anblick ihres wilden Treibens im jüdischen Gemüthe eine Selbstbefriedigung wachgerufen, dieser Rotte nicht anzugehören. Die gemeinsamen Leiden weckten in unserer Brust das halberloschene Gefühl der Zusammengehörigkeit. Selbst jene mißrathenen Kinder unseres alten Stammes, welche diese Zusammengehörigkeit verleugnen, und deren verstocktes Herz dem Bedürfniß der Umkehr nicht zugänglich war, wurden von antisemitischer Seite gar zu unsanft daran gemahnt. Trotz aller Ausschließungsgesetze seitens der Regierung und der gesetzgebenden Kammern bestand bei dem größten Theile der rumänischen Juden noch immer der Individualismus ziemlich ungebrochen. Das -Gefühl der Zusammengehörigkeit untereinander und zum Gesammtjudenthume, war bis unlängst noch zu wenig entwickelt, um sich' zu einer gemeinsamen rettenden That aufzuraffen. So lange die Gesetzgebung blos einzelne Schichten von ihren Standpunkten verdrängte, glaubte man in gewissen Kreisen die Gefahr nicht gar so nahe. Erst das neue Schulgesetz, welches einer Ausschließung der jüdischen Kinder aus den untern Schulen beinahe gleichkommt, brachte eine Bestürzung und eine Erbitterung in allen jüdischen Kreisen des Landes hervor und trieb selbst die Assimilisten, die bis nun über die Tragweite der arischen Fiele« nicht belehrt werden wollten, in das jüdische Lager zurück. Es entstand nun die Frage, ob ein Jude in Rumänien noch sein Kind in eine öffentliche Schule schicken soll, von den Armen, die die vorgeschriebene Fremdentaxe nicht bezahlen können, gar nicht zu reden. Das Haupthinderniß lag weniger in der Bezahlung dieser Taxe selbst, als vielmehr in der Taxe überhaupt, weil mit der Leistung derselben selbst der autochthone Jude das stillschweigende Bekenntniß seiner Fremdheit ablegt, ja, daß er sich zu den rumänischen Staatsangehörigen gar nicht zähle. Aber mögen diese scrupulösen Bedenken wohl ihre Berechtigung haben, so bleibt ein solches Eingeständniß doch immer blos ein durch moralische Tortur erzwungenes und daher ohne alle Bedeutung. Von schwerer wiegender Bedeutung war jenes freiwillige Geständniß der Fremdheit, welche viele Tausende eingeborene rumänische Juden dadurch abgelegt haben, indem sie ihre Massenpetitionen zur Kammer um die Naturalisation eingereicht haben auf Grund eines Gesetzartikels (§ 7 der Constitution) welcher bestimmt, wie Fremde zu verfahren haben, wenn sie rumänische Staatsangehörige werden wollen. Dadurch werde im Lande die Judenfrage in ihr acutes Stadium gebracht und der Antisemitismus in Europa gefördert. Der Ruf von Gründung jüdischer Schulen ertönte und fand überall Gehör. In Bukarest ging Herr Dr. Stern an die Gründung einer im ganzen Lande verbreiteten Gesellschaft für Unterrichl rumänischer Israeliten, deren Wirksamkeit bis jetzt so gut wie unbekannt ist. Ganz unabhängig davon bildete sich hier eine Gesellschaft unter dem Namen Cultura, deren Comite unter Vorsitz des Herrn Leon Daniel und unter eistiger Bemühung des Vize-Präsidenten Herrn Dr. Tiktin in kurzer Zeit ein Capital von 10.500 Franks Fonds und 12,500 Franks an halbjährigen Beiträgen zusammengebracht hat. Es wurden bereits zwei Häuser gemiethet, in welchen über 600 Kinder Unterricht werden genießen können. Besonders verdient um dieses schöne Werk haben sich die Herren Vice-Präsident Dr. Ph. Tiktin, Dr. Med. Herzenberg und Dr. M. Margulies gemacht. Dr. K. Lippe Vice-Präsident der „Cultura". Von drr Wiener Universität. In seiner Geschichte der Juden behauptet Grätz von Mendelssohn, daß dieser immer ohne Selbstantrieb, nur durch die Umstände gedrängt das Judenthum verherrlicht und die Schmach von seinem Volke abgeschüttelt habe. Von den heutigen jüdischen Größen könnte der wohlwollendste Beurtheiler nichts Aehnliches sagen. Im Mangel des Selbstantriebes sind sic zwar Mendelssohn gleich, aber auch nur darin, denn für sie scheint es auch keinen anderen Antrieb zu geben, der sich in Thaten für die jüdische Gesammtheit umsetzen könnte. Trotzdem nämlich die Umstände jetzt nicht nur drängen, sondern geradezu bedrohlich sind, hören wir nichts von irgend welcher edlen Kraftleiftung oder einem zielbewußten Auftreten jüdischerseits. Darunter aber haben die Juden aller Länder und Stände zu leiden, nicht am wenigsten die in Oesterreich. Die Empfindung dieses beinahe absoluten Mangels einer weiterausschauenden, nicht blos für das Nächste und Kleinste sorgenden Thätigkeit der leitenden Männer des jüdischen Volkes ist eine allgemeine, besonders aber in gebildeten jüdischen Kreisen und darum auch in der jüdischen Studentenschaft lebhaft gefühlte und schmerzende. Wer z. B. die Verhältnisse an der Wiener Hochschule kennt, der muß sich wundern, daß die maßgebenden jüdischen Persönlichkeiten nicht schon längst ein gegriffen haben. Oder kennen sie vielleicht diese Verhältnisse nicht? Oder wollen sie dieselben nicht bemerken, wie so manches Andere von ihnen absichtlich nicht bemerkt wird, weil es sie aus ihrer Ruhe und Bequemlichkeit aufschrecken könnte? Bei der allgemeinen Anfeindung, welche die jüdischen Studirenden von ihren Collegen und — nun und auch die andern, die nicht mehr Studenten sind, zu ertragen haben, bei der Unmöglichkeit mit den nicht jüdischen Collegen in akademischen Angelegenheiten gemeinsam zu wirken, bei der systematisch ausgeführten Verdrängung der Juden aus allen Vereinen und was für die arm en jüdischen Studirenden besonders traurig ist, aus den Ausschüssen der humanitären Vereine, bei der geringen Aussicht, ein anderes als eines der wenigen speciell für Juden bestimmten Stipenoien zu erhalten, ist es, wenn man die oft rohe Kampfweise ihrer Gegner in Betracht zieht, erklärlich, daß sie sich nur unter großen Schwierigkeiten und vielen unnöthigenDemüthigungen ihren Studien widmen können. Das sind ganz unwürdige Zustände, welche die jüdische Studentenschaft deprimiren. verletzen und verbittern, und zu deren Abhilfe doch gewiß ernstliche Anstrengungen gemacht werden sollten. Eine Abhilfe ist aber nur möglich durch Gründung eines jüdischen Studentenvereines, dessen Existenz durch unsere wohlhabenden Glaubensgenossen unterstützt und sichergestellt werden müßte. Ein solcher Verein — etwa unter dem Titel: „Lesehalle jüdischer Studenten" — würde vor Allem durch eine große Bibliothek, durch Fachschriften und Zeitungen die Ausbildung seiner Mitglieder im schönsten Sinne fördern, die Erörterung und Klarlegung verschiedener wissenschaftlicher und auch allgemein interessirender Themata an Rede- oder Vortragsabenden vorzunehmen haben und dadurch auch manche Einseitigkeit entfernen, die ein Fachstudium so oft mit sich bringt. Ein solcher Verein könnte auch vielen Uebelständen abhelfen. Abgesehen davon, daß er viele arme jüdische Studenten geistig und materiell in ihren Studien fördern könnte, würde er Jrrthümer, Borurtheile und Verleumdungen leichter zu beseitigen, Ungerechtigkeiten und Angriffe zurückzuweisen im Stande sein und würde auch in Angelegenheiten, welche die Gesammtheit der jüdischen Studentenschaft betreffen, ein maßgebendes Votum haben. Er würde gewiß auch unter einsichtsvoller Leitung