Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 15 (13.4.1894)
- Date
- 1894-04-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 15 Vesterrrtchifche auf Brust und Antlitz und schrie: „Wo ist deine frühere Gnade, o Herr?" und sprach zu der Freundin: Schlachte nicht den Jsak vor seinem Bruder Aaron, damit er nicht den Tod seines Bruders sehe." Aaron aber entfloh ihr und die Frau ergriff den Jsak; er war der kleinere und sehr hübsch. Als der Knabe Aaron die Hinschlachtung seines Bruders sah, schrie er: Mutter, schlachte mich nicht!" und verbarg sich unter einem Kasten. Ihre beiden schönen Mädchen, Bella und Matrona, Zierden des Hauses, schärften selbst das Messer, daß es nicht schartig sei; dann beugte die Mutter den Hals der Töchter und schlachtete sie dem Gotte Zebaoth, der uns geboten hat seinen Glauben nicht zu vertauschen. Als die Fromme mit dem Opfer der drei Kinder vor ihrem Schöpfer fertig war, rief sie: „Aaron wo bist du? Ich kann dich nicht schonen, kann mich dein nicht erbarmen." Sie zog ihn am Fuße unter dem Kasten hervor und opferte ihn vor dem erhabenen Gott. Dann legte sie die Kinder in ihre Aermeln, zwei rechts und zwei links, während sie noch zuckten. So saß sie und klagte, als die Feinde eindrangen, und sie erschlugen sie Über ihren Kindern. Der Vater, als er den Tod seiner vier anmuthigen und schönen Kinder sah, schrie jammernd auf und ging und stürzte sich in sein Schwert. Die Feinde tödteten Alle, die im Gemache noch übrig geblieben waren und zogen sie nackt aus, und es blieb von ihnen keiner am Leben. Damals b e d u r f te der Glaubenshaß noch keiner künstlichenMotive, wie sie später erfunden worden sind, um schrecklichen Thaten den Schein der Berechtigung zu verleihen; auf beiden Seiten fand man das einfache religiöse Motiv völlig ausreichend, um die Verfolgung und das Martyrium zu erklären. Die Christen haben nur eine Anschuldigung gegen die Juden zu erheben, daß sie Christus gekreuzigt haben und ihn noch fortwährend durch ihre Halsstarrigkeit beleidigen. Nur in diesem Si ne lassen die hebräischen Quellen die feindlichen Agitatoren reden. Sie legen ihnen Worte in den Mund wie die folgenden: „Warum ziehen wir in so entlegene Länder, um das Grab des Heilandes den Jsmaeliten zu entreißen? Befindet sich nicht in unserer Mitte ein Volk, das unser« Gott gehängt hat und unser« Glauben nicht achtet? Warum sollen wir diese leben lassen? Warum soll ihre Wohnung unter uns sein? Lasset unser Schwert mit ihren Köpfen den Anfang machen, und nachher wollen wir den Weg zu Christus weiterziehen." Das genügte damals noch; man hörte noch nichts von den unheimlichen Freve n, die das Mittelalter in der Folge allen denen, die ausgerottet werden sollten, Tempelrittern, Albigensern und natürlich erst recht den Inden andichtete. Der moderne Antisemitismus ist von Deutschland ausgegangen und über den Rhein und die Alpen gewandert, im Mittelalter kam er von Frankreich an und über den Rhein. Von der Verfolgung des Jahres 1146 redend, schreibt Ephraim bar-Jacob: „Der nichtswürdige Rudolf, ein Mönch, verfolgte schmählich Israel wie der Bösewicht Haman. Aus dem Lande Frankreich kommend, zog er durch ganz Deutschland — Gott beschütze es — um Christen zur Kreuzfahrt zu werben. Wohin er kam, reizte er die Schlangen und die Hunde gegen uns, indem er sprach: Rächet den Gekreuzigten zuerst an seinen Feinden, die unter euch sind! Da schrien wir zu unserem Gott und der Ewige hörte unser Flehen und schickte nach diesem Unhold einen anderen würdigen Mönch, einen der größten und angesehensten aller Mönche, der ihr Gesetz kannte und verstand: sein Name war Bernhard Haber au§ der Stadt Clairvaux in Frankrsich. (Ohne Zweifel ist der heilige . Bernhard der voetor mellifluus, der berühmte Abt von Clairvaux gemeint, und das nichtverständliche „Haber" nur eine Verstümmelung.von „Abbe"). Auch dieser predigte zum Volke und sprach: Wer einen Juden angreift und ihm nach dem Leben trachtet, der sündigt, als rühre er Jesum selbst an; denn es steht über sie im Psalmenbuche geschrieben: tobtet sie nicht, damit mein Volk nicht vergessen werde. — Alle ehrten diesen Mönch wie einen ihrer Wochenschrift Sette 291 Heiligen, auch erfuhr man nie, daß er für das Gute, das er über Israel sprach, eine Bestechung angenommen hätte. Gelobt sei der Befreier und Erretter, gelobt sein Name!" Als ich beim Lesen der entsetzlichen Geschichten an diese Stelle kam, hatte ich ein Gefühl, als vernähme ich Gretchens Worte: „Mitten durch's Heulen und Klappern der Hölle, Durch den grimmigen teuflischen Hohn Erkannt' ich den süßen, den liebenden Ton," den Ton der Menschlichkeit, schließt Otto Gildemeister." Das „Vaterland" schließt den Artikel mit folgendem Satze: „Sollten sich solche Schriften mehren, so wäre es angebracht, auf Einführung der Auto-da-Fes — mindestens für solche Bücher — zu plaidiren." Mindestens! Warum nur „mindestens", liebes „Vaterland"? Warum sollten wir uns in solch' glaubenseifriger Zeit nur mit dem „Mindesten" zufrieden geben? Haben «ir diese auffallende Milde der Gesinnung etwa gar der Coalition zu danken? Die Auto-da-F4s waren eine menschenfreundliche Einrichtung, welche sich nicht blos auf „solche Bücher", sondern auch auf „solche Menschen" erstreckte. Das vergißt Herr Roscher allerdings in seinem „System der Volkswirthschaft" zu erwähnen. Schade, daß diese hübsche Institution nicht mehr besteht, — man hätte mit derselben Frau Nahida Remy so überzeugend beweisen können, daß sie ein Schandbuch geschrieben hat. Etwas von unseren Künstlern. Die „Internationale" im Künstlerhaus — leider in den seltensten Fällen eine goldene — hat ihren großen, verdienten und unbestrittenen Erfolg. Wir wollen nun ein wenig festzustellen versuchen, ob unseren Glaubensgenossen ein Antheil an diesem Erfolge gebührt und welcher. Man sch'lte diesen Standpunkt nicht vorschnell kleinlich, engherzig oder einseitig. Die Kunst fragt gewiß nicht nach Glauben und Rasse — aber die Menschen fragen leider darnach und wir - dürfen der in hämischer Absicht aufgerollten Frage die Antwort nicht ganz schuldig bleiben, brauchen auch mit ihr nicht hinter dem Berge zu halten; sie lautet zu unseren Gunsten. Wird etwa ein Engländer, der in das Haus in der Lothringerstraße geräth nicht zu allererst die britische Abtheilung auffuchen, oder ein Franzose die französische? Wird nicht jeden die Kunst seiner Stammesangehörigen vor den andern interessiren? Allerdings haben wir seit bald zwei Jahrtausenden keine specifisch jüdisch-nationale Kunst mehr; unser Künstler mllß heute inmitten des ihn umgebenden Bildungs- und Culturkreises schaffen. Er fügt sich auch willig als Ring in die Kette, oft als glänzendes Kleinod und strahlender Mittelpunkt. Mit welchen Schwierigkeiten hat ein jeder zu ringen, bis er zur Geltung und Anerkennung in der Kunst sich emporkämpft! Und erst der jüdische Künstler mit drei- oder vierfachen! Deshalb verdient er schon sein besonderes Kapitelchen. Unsere Gegner sind ja so überrasch bereit, erbarmungslos den Stab zu brechen, wenn es sich überhaupt nur um einen Mann jüdischen Glaubens handelt. Sie gönnen ihm niemals den Ruhm des selbstständig und frei Schaffenden, höchstens, wo sie schon gar nicht anders aus können, widerwillig und nothgedrungen das kleinere Talent des Nach- und Anempfinders. Viel näher kommt jedoch derjenige der Wahrheit, welcher eingesteht, daß die Art der jüdischen Begabung in den überwiegenden Fällen eine ursprüngliche, kühn aufstrebende, keine aus zweiter Hand ist. Der Jude hält auch hier zäh und eisern fest an dem, was er einmal als giltiges Gesetz erkannt hat, er läßt sich durch kein kritisches Nergeln davon abbringen, er duldet Spott und Hohn für die von ihm erkannte Wahrheit und erlebt auch — zuweilen den Triumph, sie gekrönt und anerkannt zu sehen. Wir wollen nur an Josef Israels und Max Lieber mann kurz erinnert haben. Eine gute Vorschule bringen sie für diese dornenreiche Laufbahn immerhin mit.