Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 15 (13.4.1894)
- Date
- 1894-04-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 290 OestrrreichischrMochrnschrisl Nr. 15 der Rolle gedenken können, die Einige und vornehmlich Ros- , egger dabei gespielt haben. Nun nützt ihm nichts mehr, und sei er tausendmal „lieber der bescheidene, steirische Waldpoet, als der große Heine," er kommt nicht mehr los von ihm; Heine schleift seinen Namen mit auf die Nachwelt. Nemo. „Das jüdische Weib". Unsere Leser kennen das Buch Nahida Remy's aus wiederholten eingehenden Berichten. Ueber die Geschichte'des jüdischen Weibes existat eine zahlreiche und gründliche Literatur und alle gründlichen Geschichtskenner, selbst solche arischer Abstammung, sind voller Bewunderung für die Tugenden der jüdischen Frau. Die Schrift der Frau Nahida Renn) hat nun eine größere Popularität erlangt und gerade das hat unsere Gegner sehr verstimmt. Seit geraumer Zeit liegt bereits die zweite Auflage vor, aber erst jetzt fällt es dem „Vaterland" ein, dasselbe durch einen Berliner Mitarbeiter unter die Lupe der christlich-socialen Weltanschauung zu nehmen. Den braven Mann an der Spree hat es verdrossen, daß das treffliche Werk der Pastorstochter aus Pommern so zahlreiche wohlwollende Recensionen gefunden hat und so macht er sich denn daran, der „wachsenden Verbreitung der Schundliteratur" — worunter er natürlich auch Remy's „Das jüdische Weib" versteht — durch ein kritisches Feuilleton entgegenzutreten. Er bestreitet vor Allem, daß die Verfasserin den „Ehrennamen einer Christin" verdiene, und läßt sie höchstens als t ine „Christin von Abstammung" gelten.. Das ist nun freilich ein sehr gefährlicher Standpunkt, und wir fürchten sehr, daß es der Herr Recensent mit den Raffen-Antisemiten zu lhun bekommen wird! Daß die Bezeichnung „Christ" an sich schon ein Ehrenname ist, war uns bisher unbekannt. Wir wissen wohl, daß das Wort „Jude" vielfach mit einer schimpflichen Nebenbedeutung gebraucht wird, aber daß das christliche Bekenntniß ohne Rücksicht auf alle sonstigen Eigenschaften zu besonderer Ehre verhilft, ist eine Entdeckung, auf die sich" das „Vaterland" hoffentlich ein Patent nehmen wird. Und nun — was hat unser Berliner Kritikus an dem Buche auszusetzen? Nicht viel mehr, als daß die Verfasserin die jüdischen Frauen des Mittelalters und unserer Zeit allzusehr lobt. In diesen Lob soll rine feindselige Tendenz, eine Herabsetzung der christlichen Frauen gelegen sein! Das „Vaterland mag stark im Glauben sein, in der Logik ist es dies nicht! Wenn es zufällig Jemandem einfiele, zu behaupten, daß das „Vaterland" gut redigirt ist — es fällt allerdings Niemanden ein! — würde man daraus schon schließen dürfen, daß die „Neue Freie Presse" schlecht redigirt wird? Herr M. — dies die Chiffre des Berliner krilischen Genies — verweist darauf, daß die Apotheose der guten Eigenschaften der Erzmütter einen Bestandtheil der christlichen Lehre bilde. Die Mutter der Maccabäer, Sarah und Rebecca, Hagar und Noemi in allen Ehren — nur die späteren Jüdinnen, die des M'ltelalters und die von heute dürfen nicht gelobt werden, denn das wäre eine Verunglimpfung der Christinnen. Die historische Bildung des Herrn M. leidet an einer Lücke, die blos von der Mutter der Maccabäer bis auf den heutigen Tag reicht, denn sonst müßte er sich ja jener jüdischen Heldinnen des Mittelalters erinnern, die sich und ihre Kinder dem Opfertode für ihren Glauben weihten. Auch Herr M. ist „Christ von Abstammung", und zwar von jüdischer Abstammung, wie das Christenthum selbst! Er weiß das ganz genau, denn er versichert uns, daß es nicht eine gottesgläubige Jüdin der biblischen Geschichte gibt, deren Lob nicht an christlichen. Schulen verkündet wird. Und dennoch soll es „blindeste Christenhaß", soll es „jüdischer, bis zur Verblendung gehender Hochmuth" sein, wenn eine Christin auch an den heutigen Judenfrauen noch rühmenswerthe Eigenschaften hervorzuheben weiß? Die „christliche Abstammung" nützt also Frau Nahida Remy gar nichts! Sie hat sich unterfangen, die Jüdinnen zu loben und damit ist ihr Urtheil besiegelt, — sie wird selbst zur Jüdin degradirt, die von „Christenhaß" und jüdischem „Hochmuth" erfüllt, ist. Wer da die Logik nicht herausfindet, dem ist nicht anders zu helfen, als daß er ein Jahresabonnement auf das „Vaterland" nimmt. — Das fromme Blatt, respective sein Berliner Mitarbeiter, macht aber noch eine andere kostbare Entdeckung. Es beweist uns mit Hilfe Roscher's daß die Juden des Mittelalters die Judenverfolgungen selbst verschuldet haben. ' Daß die Bischöfe und Fürsten zuweilen ein kleines Judenbrennen arrangirten, um ihrer Schulden los zu werden und aufs Neue pumpen zu können, das ist eine pure Verleumdung, die mit einem „Fußtritte" abgewiesen werden muß. Wenn ab und zu doch ein Jude verbrannt wurde, so sei dies gegen den Willen der Kirche und lediglich aus — kaufmännischer Eifersucht der Städte geschehen, weil die bösen Juden sich unterfingen, denselben im Handel Concurrenz zu machen. Im Uebrigen behauptet das „Vaterland", daß die Juden im Mittelalter das schönste Leben geführt hätten. Der Geschichtskenntniß des „Vaterland" erlauben wir uns ein wenig nachzuhelfen. Aus der ZeU des ersten Kreuzzuges schildert - der Historiker Otto Gildemeister in Nr. 39 der „Nation", Jahrgang 1892, das Schicksal der Juden in nachstehenden Worten: „Aus den hebräischen Berichten erfahren wir, daß dieselben wilden Schaaren, die erbarmungslos Hunderte und Tausende niedermetzelten, fortwährend bemüht waren, die Juden zum Uebertritte zu bewegen und daß sie denen, die sich zur Taufe bequemten, das Leben und wohl auch die Habe ließen. Fast mehr als alle Schrecken der schrecklichen Gegenwart peinigte die Bedrängten der Gedanke, daß die Christen die Kinder der Erschlagenen verschonen, tanfen und in dem falschen Glauben erziehen möchten zum ewigen Verderben. Diese Angst hatte Folgen von ganz besonderer schauderhafter Art: viele Judenfamilien nämlich entschlossen sich zur gemeinsamen Selbstopferung, ehe sie sich der Gefahr feigherzigen Abfalls und ihre Kleinen der Gefahr, getauft zu werden, aussetzten. Mit besonderer Aus-, führlichkeit und mit unverkennbarem Stolz verweilen diese alten hebräischen Chronisten bei der großen Katastrophe, die im Mai 1096 die Gemeinde zu Mainz vernichtete und mit der Glorie eines beispiellosen Martyriums krönte. Die Juden hatten in den Gemächern und Höfen des ihnen wohlwollenden Erzbischofs Schutz gesucht; die Männer und Jünglinge vertheidigten den Eingang mit den Waffen, aber sie erlagen bald der Uebermacht, und die andringenden Kreuzfahrer metzelten Alles nieder, was sich in den Höfen zufammendrängte. Als nun die im Innern des Palastes sahen, daß keine Hilfe mehr zu hoffen sei, ermahnten sie einer den andern, sich „denr gerechten Gerichte des Ewigen" willig zu unterwerfen und sich selbst Gott zum Opfer darzubringen: jeder, der ein Schlachtmesser hat, untersuche, daß es nicht schartig sei (mit schartiger Klinge durfte nämlich nicht geopfert werden) und schlachte uns zur Heiligung des Einzigen, des Ewiglebenden; nachher schlachte er sich selbst am eigenen Halse oder steche sich das Messer in den Leib." Und nun schlachteten die Frauen ihre Kinder, die Männer ihre Frauen und. ihr Gesinde, der Bräutigam die Braut, der Freund den Freund, der Bruder den Bruder, und sie riefen zum Fenster hinaus: Schau, unser Gott, was wir thun zur Heiligung deines großen Namens, um dich nicht zu vertauschen mit dem Gekreuzigten!" Begeistert ob des heroischen Untergangs dieser seiner Glaubensgenossen ruft der Erzähler aus: „Fraget doch nach und sehet zu, ob je, von der Zeit des ersten Menschen an, eine so vielfache Opferung gewesen ist, elfhundert an einem Tage, alle gleich der Opferung Jsaks, des Sohnes Abrahams!" und bewundernd hebt er aus der großen Zahl hervor, was die junge Frau Nahel, die Gattin des R. Jehuda und Tochter des R. Jsak bar-Ascher gethan hat. Sie sprach zu ihren Freundinnen: „Ich habe vier Kinder: schonet sie nicht, daß nicht die Christen sie lebend ergreifen und in ihren Glauben taufen; heiligt auch an ihnen den heiligen Namen Gottes." Da nahm eine Freundin das Schlachtmesser, und die Mutter schlug sich