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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-04-13 · 15 (13.4.1894) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
15 (13.4.1894)
Date
1894-04-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15 Petri Kettenfeier Rosegger und Heine. Das macht der Zufall, der oft wunderlich spielt. Da hielt man eine Art Gericht über einen großen Poeten. Und den altgermanischen Rechtsgrundsatz, daß Jedermann nur vor seinen Peers gerichtet werden dürfe, konnte man diesmal nicht einhalten, so weise er ist. Denn wer lebt heute in deutschen Landen, der an dichterischer Bedeutung sich messen könnte mit Heinrich Heine? So kamen allerhand Leute in diese Jury, und gaben, wie das schon üblich ist, allerhand Urtheile ab. Unter Anderen auch Herrj Petri Kettenfeier Rosegger, der sich's in Folge dessen schon gefallen lassen muß, mit Heine zusammen genannt zu werden. Ihm ist das nämlich gar nicht recht; er hat ja feierlich erklärt, er sei lieber der unbedeutende steirische Waldpoet als Heinrich Heine. Das ist einmal bequem; denn ihm möcht' es nichts helfen, wenn's ihm anders lieber wäre. Sodann ist es eine Bestätigung der alten Thatsache, daß Jedermann in seiner Haut am wohlsten ist. Das deutsche Sprichwort hat dafür einen ziemlich derben Ausdruck. Endlich aber ist's charakteristisch für die Bescheidenheit des „Waldpoeten", die sich am Ende auch darin so schön bekundete, daß vielleicht noch Niemand so unermüdlich Erinnerungen aus seinem Leben veröffentlicht hat, als eben Herr Petri Kettenfeier Rosegger. Gott weiß, wie viel Bände Autobiographisches der „Heimgarten" schon veröffentlicht; Gott allein in seiner unerschöpflichen Langmuth wäre auch im Stande, sie zu lesen, wenn sie gesammelt vorlägen. Es mag ihm aber auch wirklich nicht gar angenehm sein, daß er in dieser Angelegenheit vor die Oeffentlichkeit treten mußte, die er sonst, wenn sie ihm nur hold ist, so sehr liebt. Er hätte sich auch gerne gedrückt, in die Büsche geschlagen, und das Mittel, das er dazu wählte, war wahrhaftig nicht unfein und recht bauernschlau. Es verfing leider nicht, und da er sah, daß die Unkenntniß Heine's so wenig vor Strafe schütze, wie die des Gesetzes, da ging er hin, las Heine und verkündigte nun sein motivirtes Urtheil im „Heimgarten". Und da schritt er noch über Heine hinaus zur Journalistik, deren einer Ahnherr im modernen Sinne ja Heine ist und fand, „die Anmaßung der Juden in ihrer Presse sei unerträglich". Er hat wohl manchen Nutzen daraus gezogen; chm war es völlig gleich, ob Juden oder Christen die Reclame-Notizen über seine Werke und über seine Vorlesungen — denn Herr Rosegger hört seine Sachen immer wieder gerne und ist also immer gerne bereit, ihre Kenntniß auch weiteren Kreisen zu vermitteln — abfaßten und vor das Publicum brachten. Man weiß auch nicht, ob er die Spenden, die ihm im Vorjahre anläßlich seines fünfzigsten Geburtstages einfloffen, so genau daraufhin untersucht hat, ob sie von anmaßenden Juden oder von bescheidenen Christen geschickt worden waren. Aber das Alles gehört eigentlich nicht hieher. Es ist auch ziemlich gleichgiltig, ob Rosegger wirklich, wie er klagt, in der Judenfrage immer mißverstanden worden sei. Das wird Jedem widerfahren, der, sei es ohne genügende Kenntniß der Sachlage, sei es ohne genügende Offenheit, Stellung zu Dingen nimmt, welche die Zeit bewegen. Zur Offenheit aber gehört Muth — und den kann man von Niemanden verlangen, der eigentlich nicht verpflichtet werden kann, ihn zu haben. Herr Rosegger ist ein betriebsamer Mann. Er schreibt rastlos; er schreibt über Alles. Er begann mit feinen Dialectgedichten; die Hoffnung auf einen neuen Stelzhammer ward rege. Aber der Franzl von Piesenhamm war ein sorgloser Singvogel, der's auch zu nichts brachte. Rosegger aber arbeitete an sich und seiner Begabung. Es kamen Novellen voll Frische, in denen die schönen Tannen des Mürzthals brausen, wie im Sturm, singen wie vorm linden Wehen in den Wipfeln; in denen das Harz duftet und Waldblumen blühen. Er weiß zu schildern die lebendige und fast unbändige Sinnlichkeit, die im Volke unserer Alpenländer lebt und von der am Ende auch jede Sammlung von „Schnadahüpfeln" Zeugniß ablegt. Einmal in „Maria im Elend" erhob er sich zur Meisterschaft und zu Sette 289 voller Tragik, während sonst sein bestes Können im Genre im Schildern wunderlicher Gesellen liegt. Die Presse sorgte eifrig sÄr Wachsthum und Mehrung seines Ruhmes. Herr Rosegger glaubte mehr und mehr an sich und so erhob er denn seine Stimme bald öfter, als ihm gut und Anderen genehm war. Er verflachte sich unbillig; er schritt auf die Tiefsinnigkeit los und gerieth glücklich zur Ungenießbarkeit — oder hat wer den „Martin den Mann" oder überhaupt einen der Bünde seit vielen, vielen Jahren zu Ende gebracht, wenn er nicht muß, wenn er nicht oft absetzt und immer wieder einen mühseligen Anlauf nimmt? Wem wurde nicht oft schon Hans Malsec's, des Doppelgängers, von Rosegger, „Gesalbader im „Heimgarten" unerträglich? Und es gibt keine größere Sünde, die ein Talent gegen sich selber und also auch gegen die Nation, der es angehört, begehen kann, als sich so unter sich selber systematisch herunterzudrücken. Hat Heine Mißbrauch mit seiner Begabung getrieben — und that's er manchmal, so that's Herr Rosegger nicht minder. Und Heine war mindestens immer unterhaltlich; ach, und aus den Sonntagspredigten des „steierischen Waldpoeten" laufen die Leute nur gar zu gerne. Herr Rosegger hatte manches gute Glück im Leben. Er fand immer Freunde, die ihm die Wege ebneten. Von großen inneren Stürmen erzählt nicht Eines seiner Bücher. Me sind sie mit sich und dieser Welt zufrieden. Seine Heimath hat ihn und wahrscheinlich, man darf hier dem Urtheil der Nachwelt selbst mit einiger Beruhigung vorgreifen, sogar über Gebühr geehrt. Blieb er ein braver Mensch, dann war das seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit; ein Splitterchen — und ganz dankbar wird man seine letzte Epistel vielleicht nicht finden können — wiegt bei ihm schwerer, als ein Balken bei einem Manne wie Heine. Hat er sich niemals an Deutschland versündigt, so hat er niemals was für Deutschland gethan. Heine aber hat deutschen Geist als Vorkämpfer dm Franzosen mitgetheilt und ihre Theilnahme an deutscher Literatur knüpft an Göthe und an Heiners Bücher über die Romantik und die deutsche Philosophie an. Noch wiegt das Fragment des Rabbi von Bacharach schwerer, als sämmtliche dreißig oder vierzig Bände gesammelter Schriften von Petri Kettenfeier Rosegger. Ts ist Sache der Deutschen, ob sie sich Heine wegsiloutiren lassen, ob sie auf einen der Wenigen verzichten wollen, die von deutschem Boden aus den Weg in die .Weltliteratur gefunden haben, die in aller Welt angeregt und Schule gemacht haben. Unwillkürlich kömmt Einem bei dieser Gelegenheit Lord Byron in Sinne. Da ihm die Engländer das Grabmal in der Weftminster-Abtei verweigerten — was war das wieder für ein Gethu' und ein Gezetter in Deutschland über Zionwächterei und Zelotismus! Aber nicht Einer derer, auf deren Stimme die Nation zu hören gewohnt war, der nicht über diesen Streich empört war, der nicht die Ehrung für den hohen Dichter in Anspruch nahm, die ihm gebührte. Und dennoch lagen dunkle Schatten auf seinem Namen; furchtbare Anklagen waren wider ihn im Umlauf, die noch heute nicht alle ganz entkräftet sind. Anders bei uns, die wir nicht etwa eine besondere Ehrung für Heine beanspruchen, die ihn nicht begraben wissen wollen, wo die Größten ruhen, in der Fürstengruft zu Weimar etwa, die wir nur ein Fleckchen deutscher Erde für das Denkmal des Mannes begehrm, der die süßeste Heimlichkeit der deutschen Sprache entlockte, der ihr zuerst das Wort und dm Ausdruck des Hohnes gegeben. Heine'n und seinem Ruhme schadet das nichts, was sich nun begibt. Aber denen, die dagegen sind, soll's gedacht werden, daß sie nach ihren Kräften dazu beitrugen, den deutschen Namen vor dem Auslande bloßzustellen, ein beschämendes Beispiel von Uneinigkeit und Unreife künstlerischen Fragen gegenüber zu geben. Daß Herr Rosegger kein Urtheil über Heine hat, sei ihm verziehen, hat er doch auch keines über seine eigene Production. Aber daß er dies so öffentlich documentirte, das ist ein böses Ding und soll ihm unvergeffen bleiben. Man wird einmal die Erregung belächeln, die diese Angelegenheit in Deutschland erweckte, aber ohne Scham wird man niemals ^-ffiniinil |. - «11. ■ J.-

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