Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 14 (6.4.1894)
- Date
- 1894-04-06
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 284 Vesterrektzifche Wochenschrift In einem fremden Idiom, das hebräisch klang, richtete sie einige Worte an den auf sie Losstürmenden, dessen beide Hände sie bereits erfaßt hatte, und die fürchterliche Wuth war wie durch einen Zauber in die rührendste Sanftmuth verwandelt. Seine Augen füllten sich plötzlich mit Thränen und wie ein Kind, das seinen Fehler einsieht, schlich er reuig auf seinen Platz zurück. Diesen ersten Eindruck vom Theater konnte ich lange nicht los werden, und als ich ein Jahr darauf Mitarbeiter der „Preßburger Zeitung" wurde, erfuhr ich von dem alten Theaterreferenten die Geschichte dieses Fräulein Monti und ihres Begleiters. In den Dreißiger-Jahren lebte in Wien ein reicher Mann Namens Frank. Derselbe war früher unter dem Pseudonym Robert Schmidt ein rühmlich bekannter Schauspieler. Er mußte aber in der Blüthe seines Künstlerlebens seine theatralische Laufbahn verlaffen, um sich mit einer Fabrikantenstochter vom „Diamantengrund" verehelichen zu können, die sich in ihn verliebte. Frank war Jude und opferte für dieses Glück auch seine Religion. Nach mehreren Jahren verlor er seine Gattin und er zog sich von der Fabrik, die er von seinem Schwiegervater ererbt hatte, zurück, um sich ganz der Erziehung seines einzigen Sohnes zu widmen, der zu einem prächtigen Jüngling heranwuchs, besonders für die Kunst schwärmte und täglich das Theater besuchte. Während der Saison von 183 ... wurde an einem der Theater Wiens die damals so berühmte Tragödin, Fräulein Davidsohn, vom Theater in Hamburgzu einigen Gastrollen verschrieben. Der erste dieser erwarteten Abende war erschienen. Das Haus war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Es wurde das Shakespearesche Meisterwerk „Hamlet" gegeben und die Gastin hatte die von Poesie durchduftete Rolle der Ophelia. Ein Entzückungsschauer durchrieselte das Publicum. Unter der enthusiastischen Menge befand sich auch der junge Frank. Von diesem Abend an schien mit ihm eine auffallende Veränderung vorgegangen zu sein. Die zweite Vorstellung der Gastin ward nach acht Tagen angezeigt und es fand dabei derselbe ungeheuere Andrang, dieselbe künstlerische Meisterschaft von Seite des Fräulein Davidsohn und dieselbe hohe Begeisterung von Seiten des Publicums wie das erste Mal statt. Als der Vorhang nach dem ersten Acte fiel und die Künstlerin sich in ihre Garderobe zurückziehen wollte, stürzte ein feingekleideter junger Mann zu ihren Füßen und rief ihr mtt verzweifelter Geberde zu: „Fräulein! ich liebe Sie — liebe Sie bis zum Wahnsinn und werde Sie ewig lieben!" Fräulein Davidsohn schien einen Augenblick überrascht, faßte sich jedoch bald wieder, warf einen zürnenden Blick auf den Vermessenen und verließ am Arme ihrer Kammerfrau die Bühne. Die Zeugen dieses romantischen Auftrittes brachten den Beschämten bald wieder zur Besinnung. Er raffte sich auf und eilte mit glühendem Antlitz auf und davon. Es war der junge Frank. Das Frauenherz ist ein ewiges Räthsel. Einige Tage nach jener Scene saß der junge Frank im Anschauen Fräulein Davidsohn's versunken an ihrer Seite und horchte zerstreut auf die kurzgefaßte Erzählung ihrer Lebensgeschichte. „Ich bin", erzählte sie unter Anderm, „von armen Eltern in einem Ghetto geboren. Der Haß, der uns Juden im wirklichen Leben verfolgt, drängt uns zur Bühne, der Welt des Scheins; die Ausschließung aus der Gesellschaft läßt uns nach dem Applaus des Publicums geizen, und auch ich folgte diesem Drange und Ehrgeize und ward Schauspielerin. Aber ich habe es mir beim Eintritte in dieses Leben des Scheins und des Wahnes geschworen, meinem Volke und Glauben treu zu bleiben. Ich gestehe aufrichtig, aus Haß gegen die Welt, die mich als Jüdin verachtet. Ihre Bestrebungen sind also umsonst. Ich bitte Sie, sehen Sie mich nicht wieder. Leben Sie wohl." Bei diesen Worten machte Sie ein Zeichen des Abschiedes. Der Jüngling warf sich ihr in den Weg. „O Gott", rief er, „warum denn Unmögliches verlangen. Ein solches Opfer übersteigt meine Kräfte. Sie nicht mehr sehen dürfen, hieße mich dem Selbstmorde in die Hände liefern. Bin doch auch ich von ihrem Stamme, mein Vater war Jude." „Aber ich bleibe Jüdin! Verlassen und vergessen Sie mich!" Und wieder und nachdrücklicher als vorhin, gab sie ihm ein Zeichen des Abschiedes. Nr. 14 „Ich soll also hoffnungslos von hier gehen!" rief der junge Mann im dumpfen Tone der Verzweiflung. „Wohlan!" rief Fräulein Davidsohn etwas weich und gerührt, „seien Sie mein Freund, aber mir mehr zu sein, verlangen Sie nicht, denn zum letzten Male sage ich's Ihnen, ich bleibe Jüdin! Leben Sie wohl!" Damit zog sie sich schleunigst in das anstoßende Zimmer zurück. Der junge Mann verließ in Verzweiflung das Haus. Die Schauspielerin gab darauf ihren Leuten den strengsten Auftrag, den jungen Mann unter keinerlei Vorwand jemals mehr vorzulaffen. Der Sohn machte dem Vater gegenüber kein Hehl aus seiner ihn verzehrenden Leidenschaft. Der Alte maß aber die Davidsohn nach seinem eigenen Charakter und glaubte fest, sie werde ihr Glück nicht mit Füßen treten und endlich doch seinem Sohne die Hand reichen. Er spornte daher diesen an, seine Bewerbungen fortzusetzen und gab ihm die volle Freiheit, ihr sein ganzes Vermögen zu Füßen zu legen. Der junge Mann versuchte auch noch mehrere Tage nacheinander, Fräulein Davidsohn zu sprechen, aber immer vergebens. Seine Verzweiflung wuchs von Tag zu Tag. Am achten Tage nach der letzten Unterredung erhielt der alte Frank folgendes Billet: „Mein Vater! Wenn Sie mich diesen Abend nicht wieder sehen, so haben Sie keinen Sohn mehr. Albert." Und er sah ihn nicht wieder. Albert Frank wurde am nächsten Tage als Leiche aus der Donau gezogen. Drei Monate nach diesem traurigen Vorfälle klopfte es eines Tages bei dem Director des Hamburger Theaters an die Thür. Auf das „Herein!" trat ein schwarz gekleideter, hagerer Mann ins Zimmer, über dessen silbergraues Haupt ein halbes Jahrhundert mit seinen Schreckensschauein nicht ganz spurlos dahingegangen zu sein schien. „Mit wem habe ich die Ehre?" fragte der Director, dem Fremden auf einige Schritte entgegen kommend. „Robert Schmidt", erwiderte dieser mit einer Verbeugung; „ich bitte um ein Gastspiel auf Ihrer Bühne." Der Name Robert Schmidt hatte einst einen so guten Klang in der europäischen Theaterwelt, daß man sich seiner sogar noch nach einem Vierteljahrhundert sehr angenehm erinnerte und der Director daher keinen Anstnd nahm, dem Wunsche seines Gastes sofort zu willfahren. „Und wann soll Ihr erstes Debüt beginnen?" fragte der Director. „Je eher, desto lieber", erwiderte Jener. „Und das Stück Ihres ersten Debüts?" „Othello", gab der Befragte zur Antwort. „Meinetwegen." „Wer gibt die Desdemona?" „Das auch von ihren letzten Gastrollen in Wien bekannte Fräulein Davidsohn", versetzte der Director. Nachdem hierauf noch einige nöthige Rücksprache genommen wurde, kehrte der plötzlich wieder aufgetauchte Schauspieler Robert Schmidt in fein Hotel zurück. Am Montage darauf brachte der Theaterzettel folgende Anzeige mit besonders großer Schrift: „Nächstkommenden Freitag, den . . ., als erstes Auftreten des bekannten Tragöden Herrn Robert Schmidt und unserer gefeierten Tragödin Fräulein Davidsohn: „Der Mohr von Venedig". Bon Shakespeare. Herr Robert Schmidt als Mohr, Fräulein Davidsohn als Desdemona." Der von dem Hamburger Theaterpublicum sehnlich herbcigewunschte Abend war endlich gekommen. Noch nie hatte dieses Theater eine solch außerordentliche Menschenmasse in sich versammelt gesehen, als an diesem Abend. Aber noch nie hat auch ein Theaterpublicum einen würdigeren Repräsentanten des Othello gesehen und gehört, als dieses Publicum an jenem Abend in der Person des Gastes. Dasselbe gilt auch von der meisterhaften Darstellung der Desdemona durch die heimische Künstlerin, Fräulein Davidsohn. Es schien, als hätte sich zwischen -beiden Künstlern ein Wettstreit in Genie und Talent entspannen. Der 5. Act hatte endlich begonnen. Jago hat Cassio am Fuße verwundet, Rodrigo durchbohrt, diese wurden weggebracht und jener geht in Begleitung seiner Frau und Blanca, Caffio's Geliebte, ebenfalls ab. Nun