Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 14 (6.4.1894)
- Date
- 1894-04-06
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 14 Vesterretchtschr Wochenschrift Sette 283 Die große Strenge, mit welcher gegen Tedeschi vorgegangen wurde und der Umstand, daß Graf Nimptsch, obwohl er der Schwager des allmächtigen Günstlings des Kaisers, des Grafen Althan war, unachsichtlich zur Verantwortung gezogen wurde, übte einen so nachhaltigen Eindruck auf Eugens Gegner aus, das sie nie mehr den Versuch wagten durch Verleumdungen beim Kaiser seine Stellung zu erschüttern und der Prinz bis an sein Lebensende im Besitze seiner hohen Aemter und der höchsten kaiserlichen Gunst blieb. Prinz Eugen hatte drei Kaiser überlebt. Er starb im Jahre 1736 plötzlich im Alter von dreiundsiebzig Jahren. Sem ruhmgekrönter Name wird ewig in den Annalen Oesterreichs und in der Welt- und Kriegsgeschichte sortleben. Samson Wertheimer blieb das Glück und die Gunst seines Kaisers bis zu seinem Lebensende treu. Wertheimer war das verkörperte Ideal eines gesetzestreuen Juden. Er vereinigte reinste Menschenliebe, tiefste Religiosität, höchste Klugheit, reichstes Wissen, bewundernswerthe Fähigkeiten, beispiellose Opferwilligfeit mit staunenswerther Energie und Unermüdlichkeit. Er benützte seinen großen Reichthum, sowie seinen großen Einfluß in bester, schönster Weise. Er hat während seiner Lebensdauer mehrere Millionen wohlthätigen und religiösen Zwecken gewidmet und noch heute bestehen große Stiftungen, welche er theils bei Lebzeiten, theils letztwillig in's Leben gerufen. Samson Wertheimer war der mächtigste Beschützer seiner gedrückten Glaubensgenossen. Zahllosen Menschen hatte er Wohlthaten erwiesen. Kein Dürftiger — welcher Confession er auch angehören mochte — hatte sich je vergeblich um Hilfe an ihn gewendet; vielen Hunderten Vertriebenen hatte er eine neue Heimat verschafft, viele Gelehrte fanden in seinem Hause ein Asyl, wo sie sorgenfrei ihren Studien leben konnten, zahlreiche Judengemeinden wären ohne seinen Schutz und seine Fürsprache durch die blinde Wuth des Pöbels oder den finstern Glaubens- und Menschenhaß der Machthaber vernichtet worden; zahlreiche Ghetti, zahllose Synagogen, welche den verheerenden Elementen zum Opfer fielen, wurden durch seinen Einfluß, seine Munificenz neuaufgerichtet, viele Stätten der Gotteslehre verdanken ihre Entstehung und Erhaltung seiner Großmuth, viele religiöswissenschaftliche Werke gelangten nur durch seine Freigebigkeit zum Drucke, zur Verbreitung, auf die Nachwelt. Schon sein Dasein allein gereichte seinen zeitgenössischen Glaubensbrüdern zum höchsten Nutzen. Daß es zu einer Zeit, wo die Bekenner des einig-einzigen Gottes zu totaler Rechtslosigkeit verurtheilt, der Willkür der Fürsten und oft genug der Raublust des wilden, zuchtlosen, grausamen Pöbels preisgegebcn waren, daß es zu einer solchen Zeit Einen unter ihnen gab, der sich durch Gottes Hilfe zu einer so beispiellosen hohen Höhe wie Samson Wertheimer emporgeschwungen; daß Samson Wertheimer der Liebling dreier deutscher Kaiser, der mächtigsten Herren auf dieser irdischen Welt gewesen und bis an fein Lebensende geblieben, mußte den zahllosen Judenfeinden jener Zeit einen heilsamen Respect einflößen, den Juden aber als ein halbes Wunder, als ein Zeichen erscheinen, daß sie der allerbarmende Gott nicht ganz verstoßen; konnte sie in ihrem tiefen Leid, in ihrer namenlosen Erniedrigung moralisch aufrichten. Ein besonders hervorragendes Verdienst um die gesammte Judenheit hatte sich Wertheimer im Jahre 1700 erworben. Kurz nachdem eine Pöbelhorde in mehr als dreißig Orten des fränkischen Kreises mordend, plündernd, sengend in die Wohnungen der Juden eingebrochen, hatte der berüchtigte Joh. Andreas Eisenmenger ein Werk „Das neuentdeckte Juddnthum" geschrieben und es zunächst den Juden zum Kaufe angeboten, mit andern Worten sich bereit erklärt, gegen eine Abfindungssumme das Buch, welches die entsetzlichsten, lügenhaftesten Ver-. leumdungen gegen die Juden enthielt, nicht erscheinen zu lassen. Die Bedrohten, welche weder ein Mittel besaßen, den Druck dieser Brandschrift zu verhindern, noch derselben durch die Presse wirksam entgegenzutreten, hatten sich in ihrer Verzweiflung zu einem großen Geldopfer entschlossen; aber Eisenmenger wollte von den schwer Beängstigten eine so riesige Summe erpressen, daß sie ihre Kräfte bei Weitem überstieg, und da sie seine unmäßigen Forderungen nicht zu erfüllen vermochten, ließ er sein Werk erscheinen. Der Inhalt desselben war geeignet, den Haß des Volkes gegen die Juden zu wildester Wuth zu entflammen, die Juden befanden sich in der höchsten Gefahr, da trat Samson Wertheimer mannhaft für sie ein, und es gelang dem merkwürdigen Manne von Kaiser Leopold I.. trotzdem der erste König von Preußen, Friedrich Wilhelm, und der Pfalzgraf Johann Wilhelm energisch Einsprache erhoben, die Confiscation dieses Buches zu erlangen. Es bewies dies, daß seine großen Verdienste um das Erzhaus so hohe Anerkennung bei dem Kaiser fanden, daß Niemand — auch die Höchsten der Erde nicht, — ihn aus dessen Gunst zu drängen vermochte. Samson Wertheimer starb, von der ganzen Judenheit tief betrauert, am 6. August (17. Aw) 1724 im Alter von sechsundsechzig Jahren. Er hinterließ sieben Söhne und vier Töchter, sein jüngstes Kind Josel, entstammte seiner zweiten Ehe mit Magdalena, Tochter Leb Berlins, welche ihren Gatten um zwanzig Jahre überlebte. Der gefeierte Name des hochverehrten Mannes lebt in zahlreichen Nachkommen fort, ein Theil derselben ist wieder nach Deutschland übersiedelt, ein Theil ist in Oesterreich geblieben. Im Jahre 1791 wurde Josef, ein Urenkel von Samson Wertheimer, von Kaiser Leopold ll. in den österreichischen Adelstond mit dem Prädicate Edler von Wertheimstein erhoben und blüht dieser Familienzweig, der 1891 das hundertjährige Jubiläum seiner Standeserhöhung feierte, noch heute. Achtzig Jahre später wurde ein anderer Sprosse dieses Stammes, Josef Wertheimer, der rühmlichst bekannte Verfasser des epochemachenden Werkes, „Die Juden in Oesterreich", der sechzehn Jahre an der Spitze der Wiener israelitischen Cultus- Geineinde gestanden und ein Vorkämpfer der Juden-Emancipation gewesen, von Kaiser Kaiser Franz Josef in den Ritterstand erhoben, er starb 1887. Auch der durch seine große Gelehrsamkeit, Charaktergröße, Menschenliebe und Frömmigkeit berühmte Wolf S. Wertheimer. k. k. Tabakverleger in Dobruschka in Böhmen (gest. 1847),— der größte Philantrop, der je gelebt, Baron Moritz Hirsch, — der durch seine fürstliche Munificenz bekannte Baron Moritz Königswarter find Abkömmlinge dieser illustren Familie. Die Werthheimerschen Stiftungen bestehen noch und derCurator derselben ist der Zeit Ludwig Emanuel Wertheimber in Wien. Eine wahre Theatrrgeschichte. Es mögen jetzt 45 oder 46 Jahre sein. Ich war ein Bocherl der Preßburger Jeschiba, durfte also nicht ins Theater gehen, so sehr ich es auch wünschte, einmal diese verbotene Frucht zu genießen. Ich las täglich die Theaterzettel und wühlte in meinem Schmerz. Eines Tages waren diese Placate besonders auffallend groß. Sie kündigten heute das erste Auftreten eines berühmten Gastes, des Fräulein Monti, an. Es war gegen 10 Uhr Vormittags, die Probezeit, ich stand vor dem Theater und las das Placat, als ein Fiaker ankam, dem eine schöne schwarzgekleidete Dame entstieg. „Kommen Sie, mein lieber Frank", rief sie in den Wagen hinein und reichte einem ältlichen Manne mit melancholischem Aeußern ihre blendend weiße Rechte zum Aussteigen. »Die Gastin!" murmelten einige vom Theaterpersonale, die, heute unbeschäftigt, vor dem Gebäude standen. Diesmal konnte ich mich nicht beherrschen, ich schlich in das Gebäude, und es gelang mir, einen Winkel zu finden, wo ich unbemerkt Alles mitansehen konnte. Bei dem Betreten der Scene erbat sich die Gastin von dem um sie beschäftigten Theaterdiener einen Sessel, stellte diesen mit der Lehne an die vorderste Coulisse und bat dann ihren trübsinnigen Begleiter, darauf Platz zu nehmen. Unbeweglich saß nun dieser da und ließ seinen stieren Blick fortwährend auf seiner Freundin haften; aber als die Probe sich ihrem Ende näherte, sprang er plötzlich auf und stürzte mit dem markdurchbohrenden Zuruf auf sie los: „Meinen Sohn! meinen Sohn, Unglückselige! meinen Sohn gib mir wieder!" Es lag so viel Erschütterndes in diesem Ausrufe, daß die Schauspieler ganz aus ihren Rollen fielen. „Beruhigen Sie sich, meine Herren und Damen", beschwichtigte die Künstlerin, die an dergleichen Auftritte gewöhnt zu sein schien, die erschrockenen Collegen und Colleginnen, „diese Ausbrüche, wie heftig sie auch scheinen mögen, sind nicht gefährlich, einige Worte und mein unglücklicher Freund läßt sich wie ein sanftes Kind leiten." -