Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 14 (6.4.1894)
- Date
- 1894-04-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021022--03387-3027521- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Homer 1× ep/1025156
OCR text
Nr. 14 Drsterrekhischr Wochenschrift Sette 379 der Zunz'schen Bestrebungen mit den Arbeiten der galizischen Aufklärungsperiode unter Rappaport, Mises, Natkes, Ester, Perl u. A. Herr Obercantor Halpern und der Chor trugen die Festgesänge in sehr wirkungsvoller Weise vor. Mannheim, 20. März. Der „General-Anzeiger" schreibt: Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur hielt gestern Abends Herr Rechtsanwalt Dr. Fränkel aus München einen Vortrag über: Claffieismus und Bibel, die Elemente moderner Bildung". Der Kern der fast eineinhalbstündigen, mit Begeisterung vorgetragenen Ausführungen beruhte in einer Gegenüberstellung des dichterischen Gehaltes des alten Testamentes zu der classischen Poesie der Griechen und Römer, und zwar mit dem Endresultat, daß das Buch der Bücher an Poesie die Erzeugnisse des Classicismus überrage. Um diesen Satz zu beweisen und zu verdeutlichen, ging der Redner in wohlgelungenen Skizzirungen die verschiedenen Gattungen der Dichtkunst durch. In der Epik zollte er Homer unbedingteste Anerkennung und gab ihm den ersten Rang für alle Zeiten. Die altjüdische Poesie der Bibel, ihrer ganzen Veranlagung und Tendenz nach weniger der reinen Epik zugewandt, muß diese Palme den Griechen lassen. Aber dennoch finden sich in der Bibel Stellen von echt epischer Prägung und Kraft, so die Darstellung des Unterganges der Egypter im Rothen Meer. In der Lyrik stellt der Redner die alten Hebräer entschieden höher als die Griechen und Römer. Was Anakreon und Pindar gesungen, was Catull und Horaz gedichtet, werde trotz der in diesen Poesien lebenden Anmuth und Schönheit weit überholt von der Lyrik des alten Testaments, namentlich durch die eminent musikalischen Eigenschaften des Letzteren. In diesem Punkte sind wir mit dem Redner völlig einverstanden. Eine ergreifendere Lyrik, als der alttestamentliche Psalmist gesungen, ist uns nicht bekannt, und Männer wie Goethe und Luther haben sich immer wieder an dieser wunderbaren Poesie begeistert. Der Redner brachte verschiedene Proben aus den Psalmen, so u. A. auch den herrlichen 104. Psalm und Bruchtheile des hohen Liedes Salomons in Uebersetzungen zur Declamation und verlieh damit seinen Ausführungen ein erhöhtes Interesse. DieUebersetzung des hohen Liedes, welches der Redner vortrug, schien eine sehr gelungene Nachdichtung zu sein, während wir von den vorgetragenen Psalmen nicht dasselbe sagen konnten. Uns sind Uebersetzungen derselben bekannt, die, wenn sie sich auch in der Form mehr vom Urtext emancipiren, unseres Erachtens die Kraft der Poesie charakteristischer athmen. Weiter betrat der Vortragende das Gebiet der didaktischen Dichtart. Hier hat die Bibel wiederum seltene Perlen aufzuweisen. Die Prophetie der Propheten des alten Testamentes charakterisirt sich als Poesie von solcher Tiefe und Wuchtigkeit, daß die damit nur vergleichbare Rhetorik der Griechen und Römer die Concurrenz mit derselben nicht aushalten kann. Was der Prophet Jeremias ausgesagt, was an Sprüchen voll tiefer Weisheit das Buch Hiob birgt, ist bis auf den heutigen Tag für Dichter und Denker eine Gedankenfundgrube gewesen. Der Redner konnte in dieser Hinsicht auf Goethe verweisen, der bekanntlich den Faustprolog dem Hiob entnahm. Von Dramatik weiß naturgemäß die Bibel wenig, nur insofern, als sich mit der Epik und Lyrik, wenn diese Gattungen zu einer solchen Beweglichkeit wie bei den alten Hebräern sich steigern, immer mehr oder weniger das dramatische Element verbindet. Die Superiorität der altbiblischen Poesie vor der altclassischen hielt der Redner schließlich noch durch die Thatsache für erwiesen, als die erstere in einer ungleich höheren Sphäre lebe und webe, in der zielbewußten Tendenz der Verherrlichung des reinsten, idealsten Monotheismus, während der Classicismus der Griechen und Römer in philosophischer Resignation den alten Glauben zerschlage und so vor dem geistigen Bankerott stehe. Zum Schlüsse stellte der Vortragende, dessen äußerst instructiven Ausführungen die nicht gerade zahlreich Versammelten mit Aufmerksamkeit folgten, die Forderung auf, daß die studirende jüdische Jugend ebensogut über die zum Verständniß des Urtextes der Bibel nothwendigen hebräischen Sprachkenntnisse verfügen müsse, wie man von einem humanistisch Gebildeten die Beherrschung des Griechischen und Lateinischen fordere. Bern, 20. März. Noch immer dauern die Nachwehen des Schächtverbotes an. Nachdem die Entscheidung des Volkes in einem rein wissenschaftlichen Streitpunkt angerufen worden ist und das Schächten ohne vorhergehende Betäubung von der souveränen Mehrheit, den bedeutendsten Gelehrten zum Trotze, verboten worden ist, suchte die vergewaltigte, jüdische Minderheit sich den Fleischgenuß in einer weder ihr Gewissen noch das Landesgesetz verletzenden Weise zugänglich zu machen. Da aber der Import geschächteten Fleisches vom Auslande her zu kostspielig und unbequem ist, sann man nach einem näher liegenden Mittel und fand ein solches: man betäubte die Thiere vor dem Schächten mit Alkohol. Allein der gesunde Menschenverstand sollte hinreichend gewesen sein, um dieses Verfahren als ein in gesundheitlicher wie ritueller Beziehung gleich unglückliches zu erkennen, und es war mehr als überflüssig, ein verwerfendes Gutachten seitens des bernischen cantonalen Sanitätscollegiums und ein directes Verbot durch den bernischen Regierungsrath abzuwarten. Nun ist der Fehler begangen worden, und die Früchte dieser Kopflosigkeit erntet die judenfeindliche Presse. Endlich nach einem zweiten Versuche, die Tbiere durch Aether zu betäuben, welchen die luzernische jüdische Gemeinde ebenso erfolglos vorgenommen hat, entschlossen sich die Juden, ihren Bedarf an Fleisch aus den Nachbarländern zu beziehen — zum Nachtheile des ärmeren Theiles der Bevölkerung und nicht zum Vortheile des inländischen Marktes — und zwar für die Ortschaften bis und mit Winterthur von Höchst, für Zürich und die Mittelschweiz mit dem Nachtzuge aus Como, für Basel und den übrigen Nordwesten von St. Ludwig und für die französische Schweiz aus Frankreich. Selbstverständlich beschäftigt sich die Presse mit dieser, den strenggläubigen Juden geradezu aufgezwungenen Einrichtung auf ihre Weise, indem sie allerlei Bemerkungen über die Einfuhr „koscheren" Fleisches „trotz des Verbotes" macht, als ob es den Juden verboten werden könnte, für ihre Ueberzeugungen Opfer bringen zu dürfen. „Wie sie sich zu helfen wissen!" ruft der „Schweizerische Handels- Courier", das Organ der demokratisch-freisinnigen Partei des Cantons Bern, aus, und das ebenfalls freisinnige. „Oberländische Volksblatt" winkt der Sanitätsbehörde zu, sie möge sich doch das Ding, das heißt die von der züricherischen jüdischen Gemeinde in Como errichtete Schächterei, auch ansehen; denn — wir haben die Juden allzu gern — zur Sommerszeit und bei Seuchen liegt die Gefahr von Einschleppung kranker Mikroben nahe. Sonderbar! Man möchte die Einschleppung von Mikroben verhüten und besorgt selbst die Verbreitung derselben im Lande; denn der Haß eines Volkes gegen das andere ist auch eine Mikrobe! Uebrigens ist es jammerschade, daß die Fürsorge für die Gesundheit des Vaterlandes sich mit der Aussicht über jüdische Schlächtereien begnügt und sofort verstummt, sobald man von der Einführung der unentgeltlichen Krankenpflege spricht, und es berührt eigenthümlich, daß die berechtigte Forderung des Thierschutzes den Mitmenschen christlicher Confeffion gegenüber so bescheiden austritt. So z. B. empfiehlt ein St. Gallisches Blatt, angesichts der heranrückenden Zeit der Froschjagd, den Jägern, beim Tödten der Frösche statt eines Schnittes zwei Schnitte mit dem Messer oder Beile auszuführen. Etwas mehr Weitsichtigkeit und Folgerichtigkeit, ihr Herren! Czernowitz. (Silberne Hochzeit.) Der Landtags- Abgeordnete Herr David Tittinger und Frau Caroline Tittinger feierten gestern das schöne Fest der silbernen Hochzeit. Ungeachtet dessen, daß das Jubelpaar den fünfundzwanzigjährigen Hochzeitstag in aller Stille zu begehen beschlossen hatte und infolge dessen Niemandem über den Eintritt des hochbedeutsamen Datums Mittheilung machte, erfuhren doch vorgestern Nachmittags die Kreise der Freunde, Bekannten und Verehrer des Herrn Tittinger davon und überraschten ihn durch ebenso herzliche als ehrende Kundgebungen der Sympathie und der Hochachtung. Als eine dieser Kundgebungen wurde dem Jubilar eine herzlich abgefaßte Gratulations-Adresse des Magistrates und des Gemeinderathes der Landeshauptstadt Czernowitz feierlichst überbracht, worin dem „verehrten Freunde und Collegen, dem um die Gemeindeintercssen so hochverdienten Gemeinderathe Herrn David Tittinger die aufrichtigste Gratulation" ausgesprochen wurde. Zuerst waren gekommen die Herren: Landeshauptmann - Stellvertreter Dr. Rott, Landtagsabgeordneter Kohn, Gemeinderäthe Dr. Goldenberg, Dr. Kiesler, Dr. Wachtel. Sanitätsrath Dr Zaloziecki, Bernhard Baltinester, Leon Rosenzweig, Emanuel Rosenzweig mit ihren Damen, A. Amster, S. Luttinger, ferner der Director der galizischen Hypothekenbank Lazarus aus Lemberg und der Präses der Lemberger Cultusgemeinde und Verwaltungsrath der galizischen Hypothekenbank Horowitz, der Vorstand der österr.-ung. Bankfiliale Hinghofer, Bankdirector Ferdinand Mayer u. s. w. u. s. w.