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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-04-06 · 14 (6.4.1894) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
14 (6.4.1894)
Date
1894-04-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 27 6 Orsterrrktzischr WochrnfchriN Nr. 14 Lebens, die Weihdes Sabbaths verklärt das tiefgefurchte Gesicht, ein Strahl des Heiligen blitzt in den Angen, gebannt ist alles Profane und Irdische. Daß hier Andächtige sind, das bezeigt die Haltung eines jeden der Versammelten. Man sieht Viele im „stillen Gebete" sehr heftige Bewegungen vollführen, man denkt, „stille Andacht" paßt nur zu einem starren Körper. Wer wollte leugnen, daß diese schaukelnden, unruhigen Körper wahrhaft andächtige Seelen beherbergen? Man beobachte nur unbefangen. Der polnische Hausirer ist mit seinem Gotte intim, er denkt gar nicht, daß er in Salonmanieren mit seinem Gotte verkehren soll; er betet nicht nur mit seinen Lippen; Hände, Füße, jedes Glied seines Körpers betet mit. Und gefällt uns dieses nicht, umso schlimmer für uns. Die Wahrheit, die echte Andacht hat ihre eigene Sprache, man bemühe sich nur, dieselbe zu verstehen. Mittlerweile hat der Cantor die Keduscha (das 3mal beilig) begonnen. „Zion" tönt es von seinen Lippen, Töne .nesster W.ehmuth klingen durch den Raum. Man fühlt cs; der Sänger hat ein treues Herz, seine Empsindung ist echt. Seine Klage über das Schicksal seines Volkes ist der Ausdruck wahren Seelenschmerzes, Glaube und Hoffnung zittern durch seine Accorde, Zuversicht bildet den Schluß seiner Melodie. Glückliche Menschen! Sie verstehen ihren „Abgesandten", der in ihrem Namen die göttliche Gnade erflehen soll, sie sind begeistert durch ihren herrlichen Sänger; sie lieben ihr Judenthum nun noch mehr, seitdem es ihnen so wunderbar verdolmetscht wird; sie verachten allen Hohn und alles Ungemach, die Außenwelt kann sie nicht tief verletzen; sie tragen den Himmel im Herzen. Die polnische Synagoge in Wien hat eine civilisatorische Mission. Jeder polnische Jude, der in Wien unter seinesgleichen gebetet hat, verläßt veredelt die Stätte der Andacht und wird zu einem Apostel der Cultur. Niemand entzieht sich auf die Dauer der Wahrheit der Sentenz: Kleider machen Leute! Aber auch Andere werden civilisirt. Der Almemor in der Mitte, der niedrige Platz des Borbeters, ja selbst das Unruhige, das Schaukeln der Andächtigen mahnen uns eben an die Sentenz: Das Kleid macht nicht den Mann. Mit der Zeit wird die Kluft überbrückt, die Gegensätze vermindert und zum Mindesten gibt es dann innerhalb der Hirtenkaste keine Abstufungen. Der Schweinehirt hat unter der Geringschätzung der Rinderhirten gewiß mehr gelitten, als unter der Verachtung der Krieger, der Kaufleute und d.er anderen Kasten. Das jüdisch-rituelle Schlachlverfahren. In jüngster Zeit x mehren sich die gehässigen Angriffe gegen das jüdisch-rituelle Schlachtverfahren. Ermuntert durch die Erfolge, welche diese Hetzer in Sachsen und in der Schweiz erzielt haben, fehlt es auch in Oesterreich nicht an Versuchen, das rituelle Schlachtverfahren als eine grausame Institution darzustellen, und auf deffen Abschaffung hinzuwirken. Wenn auch nicht zu befürchten ist, daß die Legislative diese Bestrebungen unterstützen wird, vielmehr angenommen werden muß, daß die competenten Behörden ähnliche Angriffe auf die religiösen Einrichtungen der Juden zurückweisen werden, wie dies jüngst in Graz bereits geschehen ist, so liegt immerhin die Gefahr nahe, daß manche Stadtgemeinden in den ihnen angehörigen Schlachthäusern den praktisch wohl werthlos bleibenden Versuch unternehmen werden, das rituelle Schlachtverfahren zu verbieten. Die Angriffe auf das rituelle Schlachtverfahren richten sich gegen zwei Momente: 1. Gegen das Schächten und Berblutenlaffen des Thieres, ohne es zuvor betäubt zu haben. 2. Gegen das Niederwerfen des Thieres auf den Boden, eine Procedur, welche dem eigentlichen Schlachten des Thieres vorangeht. Zur Abwehr ersterer Angriffe hat der verdienstvolle Herr Dr. Hirsch Hildesheimer in Berlin 224 Gutachten über das jüdisch-rituelle Schlachtverfahren seitens der hervorragendsten Profefforen der Physiologie, Pathologie und Thierarzneikunde, Directoren von Thierarzneischulen und Schlachthöfen gesammelt. Die hervorragendsten Capacitäten der Wissenschaft wie Du Bois- Reymond, Virchov in Berlin, Laugendorff in Rostock, Exner in Wien, Hering in Prag, Einthoven in Leyden, Engelmann in Utrecht, Lister in London, Foster in Cambridge, Richet in Paris u. s. w. bestätigen in unwiderlegbarer Weise, daß das rituelle Schlachtverfahren keinerlei grausame Todesart involvirt, vielmehr als mildeste Form der Tödtung des Thieres angesehen werden kann. Unter allen citirten Gutachten möge das chronologisch letzte ddo. London, 15. Jänner 1894, von Sir Joseph Lister, Bart. F. R. S. Professor in London, hier in Uebersetzung angeführt werden: „Bei der hierzulande gewöhnlich angewandten Methode der Tödtung des Schlachtviehes werden die Blutgefäße des Nackens vermittelst eines langen Messers durchtrennt, nachdem das Thier durch ein Schlagbeil zu Boden gestreckt worden ist. Bei der jüdischen Methode dagegen wird auf das Schlagbeil verzichtet." „Wenn das Schlagbeil geschickt gehandhabt wird, so daß das Thier durch einen einzigen Hieb zu Fall kommt, dann bewirkt es augenblickliche Bewußtlosigkeit und die ganze Procedur ist völlig schmerzlos, während die jüdische Methode im Moment der Beibringung der Wunde Schmerz verursacht. Indessen ist dieser Schmerz nur von sehr kurzer Dauer, da der Sitz der Empfindung, das Gehirn, sofort der Blutzufuhr beraubt wird, deren es für seine Functionen bedarf. Zudem wird die Schmerzempfindung auf ein Mindestmaß beschränkt dadurch, daß die jüdischen Schächter mit peinlichster Sorgfalt darauf bedacht sind, daß das Messer so scharf wie irgend möglich ist. Andererseits wird die Gewandtheit, um das Schlagbeil wirksam zu handhaben, nur durch eine recht lange Hebung erworben, und es geschieht durchaus nicht selten, daß der Schlag wieder und wieder ausgeführt werden muß, während die jüdische Methode mit Sicherheit ihren Zweck sofort erreicht. Es ist daher zum Mindesten eine offene Frage, welche der beiden Schlachtmethoden im Durchschnitt ein größeres Maß von Schmerzen verursacht. Zu bemerken ist, daß die jüdische Schlachtart beim Tödten von Schafen ganz allgemein Anwendung findet und daß das Schlagbeil für gehörntes. Vieh nicht aus Humanitäts-, sondern aus Bequemlichkeitsrücksichten gebraucht wird. Ich erachte es für eine schwere Ungerechtigkeit, die Juden in dieser Hinsicht der Thierquälerei zu beschuldigen. Sir Joseph Lister." Uebergehend auf das erwähnte Niederwerfen des Schlachtthieres kann mit Befriedigung constatirt werden, daß dasselbe in den fortschrittlichen Gemeinden Deutschlands fast vollkommen beseitigt und durch eine mildere Praxis ersetzt wurde. In erster Reihe verdient eine in Stettin zuerst eingeführte Methode erwähnt zu werden. Nach derselben wird das Thier am Schlachtplatze von zwei eisernen, sorgfältig ausgepolsterten Gestelltheilen umfaßt, welche den ganzen Körper des Thieres mit Ausnahme des Kopfes einhüllen, woraus vermittelst einer Winde das ganze um ein Schanier drehbare Gestell sammt dem Thiere sanft zu Boden gelegt wird. Eine am Gestell angebrachte Spannfeder gestattet, den Kopf des Thieres in die richtige Lage zu bringen und zu befestigen. Diese Vorrichtung ist wohl ihrer zweckmäßigen und praktischen Construction wegen sehr zu empfehlen, verursacht aber auch bedeutende Kosten, welche der Patentinhaber in Stettin mit ungefähr fl. 350 pro Apparat beziffert. Viel einfacher, aber nicht minder zweckmäßig ist die Methode des Niederlegens des Schlachtviehes, wie dieselbe zuerst in Fulda von Herrn Rüben Stern angegeben wurde. Nach dieser Methode werden dem Thiere zwei starke Hanfgurten um den Leib angeschnallt, welche oben, am Rückendes Thieres, mit zwei starken Ringen versehen sind. Vermittelst eines eisernen Dreiecks, welches oben in einem Aufzug und unten in die zwei Gurten des Thieres eingehängt wird, hebt man das Thier 10—20 (Zentimeter hoch, worauf ihm, vermittelst, eines Seiles, welches an einem Fußende angebunden und dessen freies Ende durch Schlingen ay den anderen drei Füßen durchgezogen wird, sämmtliche vier Füße unter dem Bauch stramm eingezogen werden.

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