Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 14 (6.4.1894)
- Date
- 1894-04-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 272 Vrstrrreichiptzr WochrnschrM Nr. 14 Die Lage der Dinge am Ende des Jahres 1658 mar darauf folgende: Es wurde von den höchsten Rechtsbehörden des Landes entschieden, daß es den Juden frei stünde, sich in England niederzulassen, insofern sie jedoch weder als Fremde, noch als Eingeborene zu gelten hätten, folge daraus, daß, wenn sie in's Land kämen, sie keine Sicherheit haben würden, daß das Parlament ihnen Beschränkungen und Zurücksetzungen auferlegen könnte, die ihr Recht der Ansiedlung zu einem nutzlosen Privileg gestalten würden. Diese richterliche Entscheidung war für Menasseh folglich kein Gewinn, und mehr als diese — es ist wichtig, daß dies bemerkt werde — hat er durch seine Mission zu dem Protector absolut nicht erreicht. Das Fehlschlagen dieser Mission wird von allen zeitgenössischen Gewährsmännern, Menasseh inbegriffen, zugestanden. Henry Jessey's unmittelbar nach der Whitehall-Conferenz publicirte „Darstellung" constatirt, daß Rabbi Menasseh ben Israel noch immer in London weile, eine günstige Antwort auf seine Vorschläge erwartend, und da ihm eine solche noch immer nicht ertheilt wurde, wünsche er wenigstens eine mildernde Entlassung. Im April 1656 schreibt Menasseh (Vindiciae Judeorum p. 38): „Bis jetzt bin ich noch ohne eine abschließende Entscheidung Seiner Durchlauchtigsten Hoheit." Fünf Monate später wurden die Beziehungen der Amsterdamer Juden mit ihm ab geschnitten und von diesen offene Unterhandlungen mit dem in die Verbannung geschickten Karl II. angeknüpft. (B. M. Add. Mss. 4106, Fol. 253.) Im Jänner 1659 überreichte John Sadler, einer von Cromwells Requetenmeistern, eine Bittschrift an Richard Cromwell zu Gunsten der Witwe Menaffeh's, in der er folgendermaßen den traurigen Abschluß des Lebens des Rabbi beschrieb: „Mit seinem gebrochenen Herzen, seinem Gram über ben Verlust seines einzigen Sohnes und seiner kostbaren Zeit mit all den Hoffnungen auf dieses Eiland ging er hinweg mit so viel Athem, als es dauerte, um nur nach Middleburg zu kommen, und hier starb er darauf." Kabinetsbefehle des Staatsrathes (Bd. 64, Fol. 37) Pocock, in seiner biographischen Einleitung zu „ve Ter* mino Vitae" (1700) schreibt nach Informationen durch englische Juden, die persönlich an Menasseh sich zu erinnern wußten, folgende gefliffentlich genaue Auskunft über diese Sendung : „Er kam nach England in den Zeiten der abscheulichen und unnatürlichen Empörung. Sein Aufenthalt hier war nur kurz, da er nicht das erwartete Entgegenkommen fand." Es war Herrn Dr. Friedländer Vorbehalten, für das „Wörterbuch der Nationalbiographie" die Entdeckung zu machen, daß „Menaffeh's Anstrengungen von Erfolg begleitet waren". (Band 36 pa&. 14, 1893.) Trotz dieses Mißerfolges Menaffeh's ist es jedoch unzweifelhaft, daß die Frage noch zu Cromwell's Lebzeiten erledigt war. Der überzeugendste Beleg hiefür ist das officielle Bittgesuch des Londoner Stadtraths an Carl II. unmittelbar nach seiner erfolgten Wiedereinsetzung im Jahre 1660. Dieses Document (Stadtarchiv, handschriftliche Memorialien Bd. IX, p. p. 19—21), ein Gesuch um Vertreibung der Juden, constatirt ausdrücklich, daß Cromwell „den Juden Wohn- und Handelsfreiheit in diesen Herrschaftsgebieten" decretirt habe. Ein Mißverständniß ist bei den Urhebern dieser Behauptung ausgeschlossen. Das Privilegium war noch frisch in der Erinnerung der Leute und überdies hatten die Stadtbehörden ihre besonderen Gründe, über den wahren Charakter und die Geschichtlichkeit einer solchen Behauptung instruirt zu sein, da in ihre alten, eifersüchtig gehüteten Zunftrechte dadurch ein wesentlicher Eingriff geübt wurde. Dies also deutet offenbar auf das Decret, womit die Wiederansiedlungsverhandlungen endgiltig abgeschlossen wurden. Da es nun feststeht, daß nicht Menasseh, wenigstens zu seinen Lebzeiten, es erwirkte, so ist nur noch die Frage zu entscheiden durch wen und wann ist dieses Decret gesichert worden? Eine sorgfältige Untersuchung der auf diese Frage Bezug habenden Documente erschließt die Thatsache, daß Menasseh und seine fremden Helfershelfer nicht die einzigen Parteigenossen in diesen Unterhandlungen gewesen sind. Zu jener Zeit bestand in London eine Coloniegemeinde von spanischen Marranos oder Cryptojuden, von denen einzelne hier schon seit dem Jahre 1630 sich niedergelassen hatten. Diese Männer galten in der Oeffentlichkeit als spanische Unterthanen und genossen als solche den Status und die Sicherheit von fremden Kausieuten. Als Cromwell jedoch im October 1655 durch die Alliance mit Frankreich die Beziehungen mit Spanien abbrach, wurde ihre Stellung — insoferne sie mit der Oeffentlichkeit in Berührung kamen, obzwar man Grund hat, annehmen zu können, daß Cromwell selber von ihrem Charakter Kenntniß hatte — man vergleiche die volle Erörterung dieser Frage in meinen beiden Broschüren: „Die Wiederansiedlung der Juden in England" (1888) und „Cromwell's jüdische Kundschafter" (1891), beide im „Jew. Chronicle“ abgedruckt — eine gefahrvollere. In Folge dessen, obwohl nach Außen hin von einer Begünstigung oder gar öffentlichen Vertheidigung der Mission Menaffeh's sich vollständig fernhaltend, hatten sie guten Grund, dem Laufe seiner Unterhandlungen mit Aufmerksamkeit zu folgen. Nun war für die Londoner Marranos das Resultat der Decemberconferenzen, bei denen Menasseh den Kürzeren zog, insofern von Gewinn und Bedeutung, als eine plötzliche Überschwemmung durch bedürftige oder ihnen Concurrenz bietende Glaubensgenossen, wie sie eine unbeschränkte Gewährung des Bittgesuchs Menaffeh's unzweifelhaft im Gefolge gehabt hätte, ihnen erspart blieb und andererseits die Wege geöffnet wurden, der leidigen Stellung, die ihnen als Spanier der Krieg gegen Spanien auferlegte, durch eine gesetzliche Bekräftigung ihrer Stellung im Lande als Juden zu entrinnen. Sie nützten diese Situation mit der ihnen eigenen Klugheit und Umsicht aus. Ehe sie ihre spanische Nationalität abschüttelten, war es jedoch nothwendig, von der Regierung Garantien zu erlangen, die ihnen als Juden eine erträgliche Stellung im Lande sicherten. Indem siestHjetzt mitMenasseh verbündeten und sich jüdische Namen beilegten, petitionirten sie zuerst an den Protector um das Recht, in ihren Privathäusern nach jüdischem Ritus Gottesdienst zu halten. Auf dieses Bittgesuch, das vom 24. März 1655(6) datirt ist, enthalten die Archive allerdings keinen antwortlichen Bescheid, aber wir besitzen in der Thatsache, daß im Februar darauf die beiden leitenden Mitglieder der Marranogemeinde, Antonio Fernandez Carvajal und Simon de Casseres, emen Landgrund in Mile End pachteten, der sogleich als jüdischer Begräbnißplatz verwendet wurde, einen vollauf genügenden Beweis dafür, daß jenes Bittgesuch gnädig angenommen wurde. Ein weiteres Privileg, die Freiheit des Handels auf gleichem Fuße mit den anderen Kausieuten, mußte gleichfalls vorerst gesichert werden. Ehe sie jedoch in diese Unterhandlung treten konnten, brach der Sturm, den die Marranen vorhergesehen hatten, los. Im April 1656 wurde Einer aus ihrer Zahl, Antonio Rodrigues Nobles, als Spanier und Papist denuncirt und die Confiscation seines Eigenthums gefordert. Nobles erklärte sofort, daß er ein Jude sei und diese Vertheidigung wurde vom Staatsrath gelten gelassen. Mehrere seiner Glaubensgenossen thaten, um einer ähnlichen Erfahrung vorzubeugen, das Gleiche; sie erklärten zur gleichen Zeit, daß sie Juden seien. Ihre Stellung im damaligen Augenblicke war jedoch nichtsdestoweniger eine ungemein heikle. Die Opposition gegen die Wiederansiedlung ging hauptsächlich von der Geistlichkeit, die sich jeder Genehmigung einer Feier des jüdischen Gottesdienstes widersetzte, und von den Kausleuten aus, die ihre Handelsconcurrenz fürchteten. Den Clerus ließ man sich ausreden, aber die Opposition der Kausleute blieb bestehen. Unter solchen Umständen war es offenbar im Interesse der Juden, sich so viel als möglich dem Auge der Oeffentlichkeit zu entziehen und die jüdische Frage für eine Zeit fallen zu lassen. Dies aber war nicht die Absicht Menasseh ben Jsrael's, dessen enthusiastischer Geist die Motive der Klugheit Carvajal's und seiner Freunde nicht zu windigen vermochte.