Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 14 (6.4.1894)
- Date
- 1894-04-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 14 Vrflrrretchiptzr Wmtzrnschrip Sette 371 i; il In Hessen -Nassau, Thüringen und Sachsen leben viele Juden vom Ackerbau. Eine große Anzahl verkauft aber jetzt selbst mit Schaden ihr ländliches Besitzthum und zieht in die Städte, da die Juden auf dem Lande unter dem Antisemitismus gar zu sehr zu leiden haben. Selbst die Juden in Palästina treiben vielfach Ackerbau und Viehzucht. Geradezu unerhörtistdieBehauptung indem Antisemiten-Katechismus: DieJuden haben nicht blos in der Zerstreuung, sondern auch als sie noch eine selbstständige Nation bildeten, nur vom Schacher gelebt. Jeder nur halbwegs Gebildete muß doch wissen, daß die Juden im Alterthum fast ausschließlich Ackerbau und Viehzucht getrieben haben, ja jedes Kind in der Volksschule lernt das. Der jüdische Schriftsteller Josephus, der zur Zeit des Titus lebte, erwähnt nicht mit einem Worte des Handels. Die Juden sind weder schwerer körperlicher Arbeit abgeneigt, noch sind sie zumeist wohlhabend. Letzteres wird vielfach geglaubt. „Ich selbst" — sagte Professor Pohlmann — „bin dieser Meinung gewesen, bis ich durch statistische Forschungen eines Anderen belehrt wurde. Die Hauptursache des Antisemitismus bildet der Neid und die Mißgunst. Der Jude ist zumeist sparsam, fleißig und mäßig, während der Deutsche vielfach zur Völlerei neigt. Es wird mir, der ich germanischer Abstammung und Christ bin, nicht leicht, dies zuzugestehen. Anstatt einen Kampf gegen die Juden sollte man einen Kampf gegen die Trunksucht führen. Und ist denn der Handel nicht mit körperlicher Arbeit verknüpft, die ländlichen Hausirer, die bei jeder Witterung vom frühesten Morgen bis zum späten Abend mit einer schweren Last auf dem Rücken von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus gehen müssen, haben diese keine körperliche Anstrengung? Und sind denn alle diejenigen Leute, die nur mit dem Kopfe arbeiten, Faullenzer? Ich bin der Sohn eines evangelischen Landpfarrers. Obwohl nun mein Vater vom frühen Morgen bis zum späten Abend angestrengt arbeitete, um seine Amtsgeschäfte zu besorgen, sich für Predigten vorzubereiten u. s. w.. sagten die Bauern oftmals zu ihm: „Sie haben es gut, Herr Pfarrer, Sie brauchen nicht zu arbeiten." Es ist eigenthümlich: hervorragende christliche Industrielle, die vom Hause aus arm gewesen, werden den Kindern selbst in Lesebüchern als Beispiel vorgeführt und zur Nachahmung empfohlen. Wenn aber ein Jude es zu etwas bringt, dann sagen die Antisemiten: er habe das deutsche Volk betrogen. Es kann ja nicht geleugnet werden, daß es auch unter Juden schlechte Elemente gibt, man kann doch aber für die Sünden Einzelner nicht die Allgemeinheit verantwortlich machen. Der Redner bemerkte im Weiteren, daß die Vorgänge am Rhein, die aus Anlaß des Kantener Knabenmordes sich ereigneten, ihm die Feder in die Hand gedrückt haben. Er sei gegen die Judenverfolgungen aufgetreten, obwohl er sich bewußt war, daß er deshalb von den Antisemiten noch mehr als ein Jude werde gehaßt und angegriffen werden. Er sei aber der Meinung und habe sich verpflichtet gehalten, ihr auch Ausdruck zu geben, daß die Juden, die seit fast zwei Jahrtausenden in Deutschland leben, deutsch sprechen, deutsch fühlen und denken, dieselben Pflichten gegen das Vaterland üben wie die Christen und die sich lediglich in der Art der Gottesverehrung von den Christen unterscheiden, nicht nur das Recht, sondern die Pflicht haben, die volle Gleichberechtigung zu fordern! Der Vortrag ward von stürmischem Beifall begleitet, eine längere Discussion knüpfte sich an ihn, es wurde beschlossen, geistig veranlagte Kinder nicht, der antisemitischen Zeitströmung zu Liebe, dem Studium zu entziehen, die Rede drucken zu lassen und zu verbreiten, und mit einem dreifachen Hoch auf Professor Pohlmann endete die Versammlung. Der 4. Februar 1668. Neue Aufschlüsse über -re Wie-eransiedlung der Juden in England. Von Lucien Wolf. Deutsch von Ignatz Kaufmann (Kojetein). Die jüdische historische Gesellschaft von England hat die feierliche Einführung einer Jahresfeier zu Ehren der Wiederansiedlung der Juden in diesem Lande durch Oliver Cromwell beschlossen und auf meine Empfehlung den 4. Februar als ein geeignetes Datum für diesen Gedenktag festgesetzt. Den englischen Juden gereicht es nicht zur Ehre, daß sie fast zwei und ein halbes Jahrhundert haben verstreichen lassen, ohne eine Anstrengung zu machen, ihrem Gefühle für die Wichtigkeit dieses Jahrestages öffentlichen Ausdruck zu geben. Eine Zeit lang allerdings war es nicht zu wünschen, daß irgend welche Schritte gemacht würden, die vor dem Publicum die Thatsache aufzuputzen schienen, daß ihre Existenz als Gemeinde ein Ueberbleibsel der Republik wäre. Unmittelbar nach der Restauration wurde ihnen von ihren Feinden durch eine auf ihre Vertreibung als Creaturen des „letzten Usurpators und elenden Tyrannen" abzielende Agitation das Mißliche einer solchen Maßregel nahe gelegt. In der That empfanden sie so lebhaft die Gefahr einer solchen Reminiscenz, daß sie officiell sich den Schein gaben, als wäre Karl II. der Urheber ihrer Privilegien gewesen, welche Fiction sie sogar durch den Ritus eines Specialgottesdienstes befestigten, den sie zu seinen Ehren i» der Bewis Marks Synagoge abhielten. Im gegenwärtigen Jahrhunderte jedoch war diese Scheu vor der wahren Geschichtslage oder vielmehr die Zurückhaltung von öffentlichen Dankeskundgebungen für die Erlaubniß zu „einem freien Zusammenwohnen in diesen Herrschaftsgebieten" nicht zu rechtfertigen. Das Gefühl eines übermäßigen Frevels überkömmt mich eisig, wenn ich denke, daß man das erste und das zweite Jahrhundert der Gründung unserer Gemeinde hat vorübergehen lassen, ohne ein Festmahl oder auch nur einen Mischel'erach. Die jüdisch-historische Gesellschaft hat einer so schmählichen Unterlassung für die Zukunft vorzubeugen beschlossen, und haben auch insoweit ihre Bemühungen bei den „Maccabäern" ein herzliches Entgegenkommen gefunden. Am Abend des 3. Februar wird von den „Maccabäern" zu Ehren des „Wiederansiedlungstages" ein Banket gegeben und am nächsten Tage eine Specialversammlung der historischen Gesellschaft abgehalten werden. Späterhin, hofft man, wird die Feier von der Gemeinde im Großen übernommen werden, hauptsächlich aber von den Leitern unserer Schulen, die auf diese Weise zur Beförderung einer besseren Kenntniß der englisch-jüdischen Geschichte unter ihren Zöglingen Etwas thun können. Ich bin gefragt worden, warum der 4. Februar für diese Feier gewühlt wurde. Um diese Frage zu beantworten, muß ich in Kürze den Verlauf der Unterhandlungen zwischen Cromwell und den Juden ins Gedächtniß zurückrufen. Insofern sie gegenseitig waren, begannen die Unterhandlungen am 3. November 1654 mit einer Bittschrift von David Abarbanell Dormido, die der Protector „in besonderer Art ... zur schleunigen Begutachtung an den Staatsrath" addressirte. Trotz dieser herzlichen Anempfehlung fand der Staatsrath, daß keine Veranlassung vorliege, irgend welche Verfügungen zu treffen. Im October darauf kam Menasseh ben Israel nach England und überreichte eine neue Bittschrift, die eine günstigere Erledigung fand. Der Staatsrath berichtete unter dem 13. November 1655, daß „im Punkte des Gewissens" es dem Gesetze entsprechend wäre, Juden, die es verdienen, im Lande Einlaß zu bewilligen, jedoch unter der Voraussetzung, daß gewisse strengere Beschränkungen ihnen auferlegt würden. Unzufrieden mit dieser Antwort forderte Cromwell eine Specialenqußte von Juristen, Kaufleuten und Theologen zur Beantwortung der folgenden zwei Fragen auf : 1- Ist es gesetzlich, „die Juden jetzt wieder in England zuzulassen?" 2. Und wenn es gesetzlich ist, unter welchen Bedingungen sollen sie zugelassen werden? Die Enqußte hielt 4 Sitzungen innerhalb der Zeit vom 4. bis zum 18. December 1655 ab, im Verlaufe welcher die Juristen — der Lord-Oberrichter Glyn und der Lord-Oberschatzkämmerer Steel — erklärten: „daß es kein Gesetz gebe, welches den Juden die Rückkehr verbiete". In den Debatten jedoch offenbarte sich eine sehr heftige Opposition gegen die Wiederzulassung und es kam schließlich zu keiner Entscheidung. Bei der Entlassung der Versammlung gab Cromwell ihr sein Bedauern für ihr so schlechtes Entgegenkommen zu erkennen und sagte, „er werde Nichts mit Hast oder Uebereilung thun." . »7 V :>•! -' i >' ‘■i