Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-04-06 · 14 (6.4.1894) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
14 (6.4.1894)
Date
1894-04-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021022--03378-3027512
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 270 Oryrrrrichifchr Wochenschrift Nr. 14 In diesem liberalen und menschenrechtlichen Grundtone ist das ganze Sendschreiben gehalten, welches Kossuth, ein schon damals dem Grabe zuwankender Greis, prophetisch an seine Partei richtete, die ihn als ihren Heiland betrachtete und mit diesen ewig denkwürdigen Mahnworten richtete er die Hydra des Antisemitismus, die fast drei Jahre hindurch rvie ein schwerer Alp auf den jüdischen Bewohnern unseres Landes lastete. Es ist von den jüdischen Patrioten Ungarns nur ein natürlicher Ausstuß ihrer Dankbarkeit, wenn ihr Gefühl für den großen Todten mit der imposanten Trauer des ganzen Landes zusammenstießt und gerade die aufrichtigen, loyalen und patriotischen Juden beweisen es, daß die Verschmelzung dieser beiden Gefühle für die schützende und schirmende Krone und den edlen Freiheitsmärtyrer kein Paradoxon sein muß. Donnerstag den 5. d. M. findet auch im Tempel der Tabakgasse eine Trauerfeier für den großen Todten statt, welche sich voraussichtlich zu einer imposanten, der großartigen Landestrauer würdigen Solennität gestalten wird. Am 13. d. M. hielt die israelitische ungarische Literaturgesellschaft ihre erste Ausschußsitzung, zu der die Provinzmitglieder in ansehnlicher Anzahl erschienen. Die Zahl der Mitglieder beträgt bereits jetzt, trotzdem die Subscriptionsbogen bisher nur unter die oberen Zehntausend geschickt wurden, mehr als Tausend. Die Sitzung war eigentlich nur eine conftituirende, dennoch entspann sich zufolge Aufforderung des Präsidenten Rabb. Dr. Kohn über die zukünftige Wirkung des Vereines eine interessante Debatte speciell über die betonte Nothwendigkeit, auch ausländische Kräfte in die geistige Wirkungssphäre der Gesellschaft einzubeziehen, was von Vielen wegen etwaiger Mißdeutung der Vereinszwecke bestritten wurde. Auch die literarische Richtung war Gegenstand eifriger Discussion. Viele wünschten eine streng wissenschaftliche Thätigkeit, während andere wieder für eine populäre Richtung Stellung nahmen. Auch der jüdische Landes-Lehrerverein kielt vor Kurzem am 22. d. M. seine erste diesjährige Plenar-Ausschußsitzung, zu der die Provinzmitglieder fast vollzählig erschienen sind. Der Verein hat in den letzten Jahren einen recht erfreulichen Aufschwung genommen. Sein Vermögen beläuft sich auf circa fl. 50.000 und seine Mitgliederzahl ist auf 700 gestiegen. Den intereffantesten Gegenstand der erwähnten Ausschußsitzung bildet der jüngste Erlaß unseres Unterrichtsministers, laut welchem bei Feststellung des in die Pension einzuberechnenden Stammgehaltes von der Bezahlung der jüdischen Gemeindeschullehrer eine gewisse Quote als Quartiergeld in Abzug zu bringen ist. Durch diese Verfügung wird die jüdische Lehrerschaft in ihrer Anwartschaft auf eine ohnehin kümmerliche Pension beträchtlich geschädigt, dadieungarischenjüdischenGemeinden ihren Lehrern kein Quartiergeld gewähren und der Staat mithin diesen seinerzeit um fl. 100—150 weniger Pension gewähren würde. Mit Stimmeneinhelligkeit wurde beschlossen, an den Minister Grafen Csaky in dieser Angelegenheit ein Memorandum zu richten. Ob es etwas nützen wird, das wird die Zukunft lehren. Dem jüngst vom ungarischen Unterrichtsminister herausgegebenen amtlichen Bericht über, den öffentlichen Volksschulunterricht entnehmen wir Folgendes: Die Zahl der israelitischen Kinder im schulpflichtigen Alter beträgt 132.729, wovon 109.257, also 82'31 Percent thatsächlich die Schule besuchen. Jüdische öffentliche Schulen gab es 576, u. zw.: 576 Elementar-, 1 höhere Volks- und 5 Bürgerschulen. Jüdische Lehrer an jüdischen Schulen gab es 1040, darunter nur 24 nichtdiplomirte. Im Allgemeinen 26.505 : 2984. Unter sämmtlichen Lehrern gab es 1610, die der ungarischen Sprache nicht mächtig waren, während es unter den jüdischen Lehrern nur vier solche gab. B. M. Jüdische Arbeiter und Handwerker. Herr Oberlehrer Prof. Dr. W. Pohlmann aus Neuwied hat am 27. v. M. Abends im Saale der Gesellschaft der Freunde in Berlin vor einer zahlreich besuchten Versammlung des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens einen Vortrag über das Thema „Die Juden und die körperliche Arbeit" gehalten, der in vielfacher Beziehung Beachtung verdient und aus dessen reichem Inhalt wir deshalb Nachstehendes wiedergeben. Die seit fast zwei Jahrzehnten herrschende Judenverfolgung — so etwa begann Herr Professor Pohlmann — hat noch keineswegs ihr Ende erreicht, sondern ist anscheinend noch im Aufsteigen begriffen. Sie unterscheidet sich von ihren Vorgängerinnen dadurch, daß sie nicht blos örtlich und auch keine eigentlich acute ist, sondern sich über weite Länder ausbreitet und geradezu chronisch geworden ist. Im Mittelalter wurde bei den Judenverfolgungen Feuer und Schwert in Anwendung gebracht,- da dies aber heute. Dank einer starken Regierung, nicht mehr angängig ist, so greift man zu der Waffe der Lüge und der Verleumdung. Eine der Hauptlügen der Antisemiten ist die Behauptung: die Juden seien jeder körperlichen Arbeit abgeneigt. Es ist den Antisemiten sehr genau bekannt, daß durch diese lügnerische Behauptung die Bauern und Handwerker sich am ehesten gegen die Juden aufhetzen lassen. Wenn man in Deutschland die Verhältnisse oberflächlich betrachtet, so gewinnt es fast den Anschein, als entspreche diese Behauptung der Wahrheit. Aber in Rußland befinden sich fast alle Handwerke in den Händen von Juden. Und in Rumänien werden fast alle körperlichen Arbeiten von Juden ausgeführt; so zu lesen auf Seite 19 des Antisemiten-Katechismus! Und in demselben Buche wird etwa hundert Seiten weiter behauptet: „Der Jude hat keine Neigung, sich durch schwere körperliche Arbeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen! Auch in der Türkei gibt es zahlreiche jüdische Handwerker. In London allein leben 10.000 jüdische Schneider. Aehnlich ist es in New-Iork. In Rußland ex'rftirten bereits 1887 293.000 jüdischeHandwerker und 89.844jüdischeTaglöhner, wie Straßenkehrer, Pflasterer, u. s. w. In Kleinasien werden die schwersten körperlichen Arbeiten von Juden verrichtet. Die 6000Juden, die auf der Insel Corfu leben, verdienen sich zumeist ihren Lebensunterhalt durch Handarbeit. In Holland werden die schwersten körperlichen Arbeiten, wie das Aus- und Einladen der Schiffe, von Juden ausgeführt. Wenn in Deutschland die Juden nur zum kleinsten Th eil Handwerker sind, so tragen daran nicht die Juden, sondern die Christen die Schuld. Seit länger denn 1000 Jahre war es den Juden in Deutschland verboten, sich in anderer Weise als durch den Kleinhandel ihr Brot zu verdienen. Erst seit 1848 ist es in Deutschland den Juden gestattet, auch Handwerk und Ackerbau zu treiben. Daß trotzdem noch immer die meisten Juden in Deutschland Kaufleute sind, ist durch die Verhältnisse vollauf begründet. Einerseits konnten doch diejenigen, die bis 1848 einen anderen Beruf hatten, nicht plötzlich Handwerker werden, und andererseits liegt es in der Natur der Sache, daß Kinder zumeist das Erbe ihrer Eltern antreten. Endlich ist zu berücksichtigen, daß ein jüdischer Handwerkslehrling und -Geselle noch heute mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Es ist dem Redner s eine Reihe von Fällen bekannt, in denen Meister, um in ihren Werkstätten Frieden zu haben, ihre jüdischen Gesellen entlassen mußten. Diese jüdischen Gesellen waren fleißig, arbeitsam, nüchtern und sparsam, und eben deshalb, so versicherten ihm christliche Meister, wurden sie von den christlichen Gesellen gehänselt und beschimpft. Trotz alledem sind die Juden, nachdem ihnen das Recht, Handwerk und Ackerbau zu treiben, gewährt wurde, sofort bemüht gewesen, davon Gebrauch zu machen. Es existiren in Deutschland 39 Vereine, die sich die Beförderung des Handwerks und des Ackerbaues unter den Juden angelegen sein lassen. Ein ähnlicher in Wien bestehender Verein hat bereits 1207 jüdische Lehrlinge bei Handwerksmeistern untergebracht. Dafür wird allerdings dieser Verein von den Antisemiten angegriffen! Schon hieraus ersieht man, daß die Behauptung: die Juden sind jeder körperlichen Arbeit abgeneigt, nur eine bequeme Waffe zur Judenverfolgung ist. Moralisch tiefstehende Menschen lieben es vielfach, ihre schwächeren Mitmenschen zu unterdrücken, und da dies mit ehrlichen Waffen nicht gelingen will, so wird eben zur Lüge und Verleumdung Zuflucht genommen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.