Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 14 (6.4.1894)
- Date
- 1894-04-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021022--03377-3027511- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 14 Vestrrreichifche Mochrnfchrist Sette 369 sollten gewerbliche Organe diese Aufsicht üben. Da ist dieser Tage ein Frauenzimmer mit einem häßlichen Ausschlage im Gesichte hausiren gegangen; ich wußte, daß sie keine Hausirbewilligung besitzen könne und machte den nächsten Wachmann aufmerksam. (Rufe: Das ist aber schön!) Der sagte mir: Schaun's, daß Sie weiter kommen und kümmern Sie sich um Ihre Angelegenheiten. (Rufe: „Recht hat er gehabt!" unterbrechen den Redner und der Vorsitzende erklärt, daß er alt und grau geworden sei, ohne jemals denuncirt zu haben. Es folgen stürmische Bravorufe für den Vorsitzenden und stürmische Schlußrufe für den Redner, der in der That dem nächsten Sprecher das Wort überläßt.) Die Hausirer, die über ihren denuncirenden Genossen ein rasches, vernichtendes Urtheil fällten, ihn moralisch lynchten, haben edel gehandelt. Edel ist eigentlich nicht das richtige Wort; sie haben correct gehandelt. Der denunciationslüsterne Hausirer aber mag mit Recht erstaunt gewesen sein, als die Entrüstung über sein Vorgehen losbrach. Er mag sich vielleicht heute noch schuldlos dünken. Er hat einfach modern, neuzeitüch gehandelt. Er befindet sich in ganz auserlesener Gesellschaft, wenn er beim Staate und den staatlichen Organen Schutz sucht gegen Seinesgleichen. Der Geist, der aus dem denunciationslüsternen Hausirer sprach, ist der Geist unserer Zeit. Die armen jüdischen Hausirer können sich aber noch immer nicht aufschwingen zur moralischen Höhe der arischen Gewerbetreibenden; in den Augen dieser Juden ist das Denunciren etwas Verächtliches und der Denunciant ein Schubjack. Roth und Elend haben ren Hausirer noch nicht so tief erniedrigt, wie die moderne Socialpolitik den arischen Gewerbestand. Wer von der Inferiorität und der moralischen Scrupellosigkeit der semitischen Rasse noch immer nicht überzeugt ist, dem ist nicht zu helfen. Budaxrster Briese. VII. Ende März, 1894. Der Mensch denkt, Gott lenkt. Meinen diesmaligen Bericht wähnte ich ausschließlich jüdisch-culturellen Angelegenheiten widmen zu können und nun kommt der Tod jenes großen Ungars dazwischen, dessen pati'iarchalisches Hinscheiden die ganze Nation in beispiellose tiefe Trauer versetzt und das Herz eines jeden aufrichtigen und wahrhaften Ungars mit patriotischem Weh erfüllt. Die Atmosphäre, die uns umgibt, die Luft, die wir athmen, ist seit Tagen voll vom Cultus, der sich um den Verklärten glorienscheinartig in nationaler Spontanität spinnt und webt. Alles Fühlen und Denken concentrirt sich jetzt um die heimgebrachce sterbliche Hülle jenes phänomenalen Staatsmannes und Freiheitskämpfers, der mit seiner gigantischen Geisteskraft und seiner legislatorischen Zaubergewalt schon vor 45 Jahren unter dem Staunen Europas alle mittelalterlichen Schranken zwischen den Bewohnern seines Vaterlandes niederriß und auch die schweren Fesseln der finstern Vorurtheile zu sprengen begann, die damals noch die ungarische Judenschaft bedrückte. Halten Sie und Ihre freundlichen Leser es daher Ihrem Berichterstatter zu Gute, wenn diesmal auch er seine Feder in die Schmerzensergüsse des trauernden Landes taucht und mit einigen Worten jenes phänomenalen Mannes gedenkt, der in der Weltgeschichte ein ruhmreiches Blatt aussüllen wird und dem zur Stunde auch die Juden Ungarns in dankbarer Erinnerung den Tribut aufrichtiger und inniger Pietät zollen. Gleich zu Beginn seiner politischen Laufbahn, schon im Jahre 1843, trat Ludwig Kossuth in Wort und Schrift für die bürgerliche Gleichstellung der Juden ein. „Es thut Einem bis in die Seele hinein weh — rief er im Jahre 1848 aus — wenn man angesichts der allgemeinen Ausbreitung der Freiheit nur das jüdische Volk davon ausgeschlossen sieht!" Denkwürdig sind auch die Worte, die er im Jahre 1848 zum Preßburger Oberrabbiner sprach, als dieser während der bekannten damaligen Plünderungen unter den Juden sich an diesen wendete: „Die Schande falle auf Diejenigen zurück — sagte er — die diese Hetze arrangirt haben. Sie ist arrangirt worden, um die ungarische Verfassung zu compromittiren. Seien Sie übrigens, ehrwürdiger Herr Rabbiner versichert, daß ich das Meinige gethan habe, um das aufgehetzte Gesindel zurückzuhalten. In Begleitung mehrerer Zuraten habe ich persönlich die Plünderer zurückgejagt und manchem Nebel Einhalt gethan. Und dieser Mann, der die elastische Jncarnation seiner Ideale gewesen,, trat in allen Phasen seiner schicksalreichen Laufbahn für die Emancipation der Juden ein, von denen er einige in seinen intimsten Freundeskreis gezogen. Während seines Exils in England, Mitte der Fünfziger- Jahre, sprach Kossuth in einer Volksversammlung zu Glasgow Folgendes: „Es thut mir leid und ich schäme mich auch dessen, daß wir damals in Ungarn wegen der noch herrschenden Vorurtheile das heilige Princip der ewigen Wahrheit: gleiche Freiheit, gleiches Recht und gleiche Pflichten nicht auch auf die jüdischen Bewohner ausdehneu konnten; doch tröstet uns der Gedanke, daß das Princip gesetzlich bereits inarticulirt ist und die Wärme der Freiheitssonne den Nebel der Vorurtheile bald zerstreuen wird. Es ist die Frage einer nur kurzen Zeit, daß vom Schilde der ungarischen nationalen Ehre auch dieser letzte Fleck verschwinde." Ins Unendliche könnte man die Blüthenlese aus seinen von edlem Liberalismus durchwehten Reden und Schriften fortsetzen, doch hier in dem engen Rahmen meines Briefes will ich nur noch jener seiner lÄmnciation erwähnen, die er im Jahre 1883 in Form eines Brieses an seine Partei richtete, als sich gerade innerhalb derselben der Antisemttismus einzunisten drohte. Der Brief lautet im Auszuge also: In der „Judenfrage" (Schmach und Schande, daß in Ungarn eine solche noch möglich ist) bekomme ich Hunderte von Briefen. Auch einen solchen, worin mir „eine Gesellschaft" wegen der paar Worte, die Csernatony über mich geschrieben, ihre Entrüstung darüber ausdrückt, daß aus meine alten Tage auch ich „Jude geworden bin" und erklärt, daß „es mit meiner Ehre aus ist". Ein anderer wieder, und zwar mit Namensunterschrift, gibt mir zu wissen, daß ich den Verdacht der Bestechung auf mich geladen u. s. w. Nun fürwahr, diese Correspondenzen beweisen, daß die Wogen der aufgestachelten Leidenschaften in jenem armen Lande unbändig stürmen. Die Sache hat zwei Seiten: Die eine ist die Tradition mittelalterlicher Finsterniß: der Judenhaß; die andere gewisse nationalökonomische und sociale Uebelstände, welche jenem als Nahrung dienen und auch zu seiner Entfachung gebraucht werden. Es ist nicht rathsam zu ignoriren, daß es den Herren Tatoczy & Comp, nie gelungen wäre, mit den von den Deutschen (proh pudor! auch dies von den Deutschen) importirten Agitationen solche Erregung hervorzurufen, wenn jene öconomischen und socialen Uebelstände das Volk zur Erregung nicht empfänglich machen würden. Das Volk fühlt das Elend, kann sich aber von dessen Ursachen keine Rechenschaft geben, und über die Malaise speculirend, tritt der mittelalterliche Judenhaß aus und spricht: Du armes, kümmerlich lebendes Volk, ich werde dir sagen, was die Ursache deines Elends ist: die Juden. Und selbstverständlich läßt sich dann das Echo vernehmen „Haut die Juden!" Was ist nun der Beruf Ihrer Partei? Entschiedene Stellung zu nehmen für die Unverletzlichkeit der Rechtsgleichheit unter den Bürgern des Landes ohne Unterschied der Rasse, Sprache und Religion. Die Unabhängigkeitspartei darf es nicht gestatten, daß unter Jenen, welche die der demokratischen Richtung huldigende Wahrheit zwischen die Bürger des Landes gereiht hat, die Rechtsgleichheit auch nur Einer ge- I schaffenen Seele verkürzt werde."