Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 14 (6.4.1894)
- Date
- 1894-04-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021022--03376-3027510- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 266 OeflerrriiMchr Wochenfchrtfl Nr. 14 Taaffe, und wenn die Juden die ministerielle Gunst um den Preis der politischen Abstimmung erkaufen sollten — dann hätten sie die jahrelangen Leiden nicht ertragen brauchen. In der Hitze des Gefechtes fällt oft ein unüberlegtes Wort, das man nicht auf die Goldwaage legen soll. Aber die Erklärung des Abgeordneten Wrabetz hat eine viel tiefergehende Wirkung geübt. Man hat vielfach den Eindruck gewonnen, daß Herr Wrabetz sich dazu hat hinreißen lassen, unüberlegt aus der Schule zu schwatzen. Und darum die lebhafte Erregung, welche diese Aeußerung in einem großen Theil der jüdischen Wählerschaft hervorgerufen hat. Es ist das böse Gewissen, das sich in solchen Aeußerungen offenbart und welches man mit der Ausflucht beschwichtigen möchte, daß man ja ohnedies „der Juden wegen" so viele Anfeindungen ertragen muß. Die liberale Partei möge sich darüber ja nicht täuschen, daß die Feindseligkeit der sogenannten antisemitischen Partei weniger den Juden als ihr selbst gilt. Hinter dem Antisemitismus verbirgt sich nur der Antiliberalismus. Nichts wäre irriger, als zu glauben, daß die Gefolgschaft der Juden der liberalen Partei den Haß der Gegner zugezogen habe. Das gerade Gegentheil ist richtig! Wir Juden leiden unter dem Hasse, welchen die liberale Partei auf sich geladen hat, und wenn die Antiliberalen aus die Juden losschlagen, so thun sie dies nur, weil sie in dieser großen und allezeit getreuen Hilfstruppe die liberale Partei als solche treffen und schwächen wollen. Weder dem Fürsten Bismarck, noch dem Grafen Taaffe war es um die Juden zu thun, als sie den Antisemitismus förderten, sondern blos um mit Hilfe desselben den „Liberalismus" zu vernichten. Die Juden waren blos der „Prügelknabe"; sie haben die feindlichen Kugeln auffangen müssen, die den Freisinn verwunden sollten. Durch eine eventuelle Abstoßung der Juden würde die Linke gar nichts gewinnen, aber einen Bundesgenossen verlieren, der mit seltener Hingebung die Schläge auffängt, die ihr selbst zugedacht sind. Das muß und soll gesagt werden gegenüber der Aeußerung des Abgeordneten Wrabetz und zur Klarstellung des Verhältnisses zwischen unseren Glaubensgenossen und der liberalen Partei. Und es muß und soll auch deshalb gesagt werden, weil die liberale Partei sich in aller Zukunft darnach wird richten müssen. Die Dankbarkeit ist eine schöne Tugend, aber wenn sie einseitig gefordert und geübt wird, wird sieleicht zu, einem lästigen Zwange; und gezwungene Treue hält nicht lange vor. Brotneid. „Die sociale Frage ist das eigentliche Salz auf dem trockenen Brote der materiellen Interessen" schrieb vor Jahren W. H. Riehl. Die moderne Socialpolitik hat aber heute die materiellen Interessen gründlich versalzen. Indem man den Classengeist kräftigte, verstärkte man den Classenkampf, und die erwachte Kampflust, unfähig, gegen die stärkere Classe in die Schranken zu treten, richtete sich nun gegen die eigene Classe: Darüber darf man sich keiner Täuschung hingeben, man muß den ganzen Umfang dieser Krankheit zu erkennen trachten. Diesem völkerpsychologischen Moment in dem Kreise unserer Handwerkerschaft nachgeforscht, es auf diesem beschränkten Gebiete klargestellt zu haben, ist ein Perdienst, das sich soeben Sigmund Mayer mit einem Buche „Die Aufhebung des Befähigungsnachweises in Oesterreich" erworben hat. Sigmund Mayer zeichnet mit der Betrübniß eines echten Gewerbefreundes, wie unsere Handwerker die Bessei-ung ihres Standes nicht durch Hebung ihres Gewerbe-Standards, nicht durch fortschrittliche Führung ihres Gewerbes, durch moderne Umgestaltung, durch Ausnützung und Aneignung der technischen Errungenschaften, nicht durch Hebung, des künstlerischen Geschmackes, durch bessere, intelligentere Führung erstreben, sondern durch den neuzeitlichen Brotneid, der, wir haben es mitTrauer erlebt, bis zur Denunciation herab sinkt. Eine drastisch klare Schilderung dieses Froschmäusekrieges, der sichtlich den Charakter des Einzelnen, des Standes, ja schließlich ganzer Volksschichten verderben muß, liefert Sigmund Mayer. „Die Naturblumenhäudler werden verklagt, weil sie auch künstliche, die Kunstblumenhändler, weil sie auch natürliche Blumen zu den Kränzen und Sträußen mitverwenden; ja, es.wird ersteren von den Kranzelbindern überhaupt das Recht bestritten, die Naturblumen anders gls ungebunden zu verkaufen. Die Hausirer in den Alpengegenden werden von einer Behörde verfolgt, weil sie den Tabaksbeutel aus der Schweinsblase für die Fuhrleute erzeugen (!); die Pfaidler von den Wäschern, weil sie von den Privaten Wäsche zum Putzen übernehmen." „Die Posamentierer traten auf gegen die Stickerinnen im Gebirge, die Korbflechter gegen die Wagenflechter auf dem Dorfe, die Milchmeier gegen die Wirthschaftsbesitzer, die Schneider gegen die Mädchen und Frauen, welche sich im Hause mit Tambouriren und Plisfiren ernähren, die Schuster gegen die Tuchmachergesellen, welche als Nebenverdienst aus den Tuchabfällen „Potschen" flechten. Schier ins Unendliche zieht sich dieser Rattenschwanz." Diese Jagd, dieses ständige Ausgucken nach dem Erwerb Anderer, hält auch nicht vor dem häuslichen Erwerbe still. Die Friseure im Linzer Kammerbezirke traten gegen das Frisiren durch Mädchen im Hause sehr energisch auf — dafür wird wieder ihnen säst überall von den Kaufleuten das Feilhaben von Seifen und Parfumeriin bestritten. Die Modistinnen wollen keine Hausindustrien dulden u. s. w. u. s. w." So ist diese Bewegung kein Kampf gegen die Armuth und das Elend, sondern eine Verfolgung der Aermsten und Elendesten geworden. Anstatt zur Stärkung der wirthschaftlich Schwachen führt dies zu deren Niederzwingung; der Brotneid der Kleinen verfolgt die noch Kleineren. „In das gesammte Gebiet des österreichischen Gewerbelebensist ein häßlicher GeistderDenunciation eingezogen",klagte einer der höchsten Beamten des Ministeriums dem Herausgeber dieses Blattes gegenüber. „Wo nur irgend Einer sein Gewerbe mit Erfolg ausübt und zu einer geringen Wohlhabenheit gelangt, wird er von zehn Genossen umlauert und umspäht, ob er nicht um eine Haaresbreite über sein Gewerberecht sich hinausgewagt. Das Denunciren hat aufgehört, ehrlos zu sein, der Concurrent wird verfolgt ohne Rücksicht auf seine arische Abstammung und christliche Confession." Die Denunciation ist die letzte Blüthe dieser modernen Kräfte, die heute ein neues Kastenwesen schaffen und in den Classen und Rassen den wüthendsten und kleinlichsten Kampf entfachen. Das freie, kühne, edle Streben nach Fortschritt ist veraltet, die Sehnsucht nach Besserung sucht die Verwirklichung des Ideals im rücksichtslosen Ansichreißen der Rechte Anderer. Der Kampf tobt um erworbene Rechte, um geschaffene Güter, als wenn nicht in der Entwicklung des Rechtes die politische, die sociale Besserung, in der Production neuer Güter das Um und Auf des wirthschaftlichen Gedeihens läge. Das ist die moderne Völkerkrankheit die moral msanit^ fm de siede, die unseren Mittelstand ersaßt hat. Man veranstaltet wirthschaftliche Kreuzzüge, um den Mitbürger zu besiegen, zu vernichten. Da hat am 27. März 1894 in unserer Stadt ein Hausirer- Parlament getagt. Die Aermsten der Armen kamen zusammen, um eine Petition an das Abgeordnetenhaus zu beschließen, damit das Hausirgesetz gemildert werde. In dieser Versammlung ereignete sich nun folgender Zwischenfall: Ein Redner — ein Hausirer — sagte: „Man kann nicht verlangen, daß sich die Sicherheitswache ausschließlich mit der Ueberwachung unbefugter Hausirer beschäftige, deshalb