Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-03-30 · 13 (30.3.1894) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
13 (30.3.1894)
Date
1894-03-30
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021021--03369-3027502
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 262 Vesterreichiptze Wochenschrift Nr. 13 zur Berathung jüdischer Angelegenheiten einberufen wurde, hat ihre Berathung beendet, nachdem dieselbe durch mehrere Wochen Sitzungen abgehalten hat. Eine Deputation der Conserenz überreichte dem Minister ein Memorandum, in welchem die Wünsche der Commission dargelegt waren. Der Minister versprach, das Memorandum einer eingehenden Erwägung zu unterziehen und dankte herzlich den Mitgliedern der Conserenz für ihre Arbeit und versicherte, daß sie sich um das Wohl des Landes verdient gemacht haben. Rio de Janeiro. Zur Leitung des neuerrichteten Lepra-Hospitales wurde ein deutscher Jude, Namens Dr. Wolf Havelburg, berufen, welcher bereits zwölf Jahre in Brasilien die Praxis ausübt. Der gefoppte Reb Amrom oder „Nur lustig jein". Humoristische Skizze aus dem Ghettoleben von Hermann Löwinger. In der jüdischen Gemeinde des an der Bahnstation gelegenen unterungarischen Städtchens D. war Reb Amrom Goldsand eine stadtbekannte Persönlichkeit. Was Wunder! In diesem Orte geboren und erzogen und durch sein charakteristisches Aeußeres auffallend, war er in D. von jedem Kinde gekannt. Unser Reb Amrom, klein von Gestalt, machte aber auch mit seinem unverhältnißmäßig dicken Kopfe, seinen zwinkernden, mit runden Brillengläsern bewaffneten Augen, seiner immer lächelnden Visage, welche von einem rothen, langen, in zwei Spitzen auslaufenden Barte umrahmt war, durch seinen hin- und herschaukelnden Gang eine höchst lächerliche und komische Figur. Seine Kleidung, mit welcher er stets der vor drei Jahrzehnte gewesenen Mode huldigte, war nicht minder geeignet, die Lachmuskeln der ihm Begegnenden in Bewegung zu setzen. Auf seinem dicken Kopfe hatte er einen riesig hohen Cylinder, der, glanzlos und gänzlich verwittert, mehr einem Ofenrohre als einem Hute glich. Seinen kleinen Corpus bedeckte ein langer stahlgrüner, bis' über die Knie reichender Leibrock, welcher oben beim Halse mit zwei spitzigen Klappen versehen war. Seine Füße warenmit hohen Röhrenstiefeln, in welchen seine grauen Beinkleider steckten, bekleidet. Wenn er des Morgens, nachdem er von der Synagoge zurückgekehrt, auf der Straße erschien, so, wurde er von Groß und Klein, von allen ihn Begegnenden mit „Guten Morgen. Reb Amrom" begrüßt, welchen Gruß er immer mit einem freundlichen Kopfnicken und mit den Worten „Nur lustig sein" erwiderte. Diese drei Worte waren aber auch seine Parole für das ganze Le.ben. Er rief sie Jedem zu jeder Tageszeit zu und sie paßten aber auch recht gut zu seinem heiteren Temperamente, das er immer zur Schau trug. Er hatte auch keinen Grund, übel gelaunt zu sein. Nahrungssorgen kannte er nur vom Hörensagen; für eine Familie hatte er nicht zu sorgen, denn er war nicht mit Kindern gesegnet und was ihn und sein Weib Sorel anbelangt, konnten sie recht gut von dem Ertrage des kleinen Gassenladens, in welchem sie den Handel mit altem Eisen betrieben, und neben welchem sie anstoßend ein geräumiges Zimmer bewohnten, wenn sie keine großen Ansprüche machten, sich so ziemlich erhalten. Doch Reb Amrom, weniger genügsam als! seine Frau es war und zum Wohlleben geneigt, suchte sich sein Leben, wo er nur Gelegenheit dazu hatte, zu versüßen und zu verschönen. Er überließ seiner Sorel den Handel mit altem Eisen und betrieb lieber den Handel mit lebendiger Waare. Er war wohl nicht, wie der liebe Leser vielleicht vermuthen dürfte, ein Sclaven- oder Viehhändler, dafür aber war er ein tüchtiger Schadchen und er setzte seine Force darein, die jungen Leute beiderlei Geschlechtes des Ortes und der Umgebung für gutes Honorar mit einander zu verbinden und die heiratsfähigen jungen Mädchen an den Mann zu bringen. Doch beschränkte er seine Thätigkeit nicht nur auf junge, sondern auch auf ältere Mädchen und wenn ihm gerade ein altes Stück „Sechore" in den Wurf kam, so ließ er es auch nicht laufen, indem er sich dachte, daß ja der Handel mit „altem Eisen" auch zu seinem Metier gehöre. In Folge seines, die meisten Mädchen des Ortes unter die Haube und die meisten Männer unter den Pantoffel bringenden Berufes war er eine überall gesuchte und gern gesehene Persönlichkeit. Zu den meisten „Chassenes" und „Sudes" wurde er geladen, und da er ein großer Feinschmecker und guter Esser war, so folgte er jeder Einladung und so konnte man Reb Amrom bei den meisten Hochzeitsfesten, Sudes oder Pidjons als obligaten Gast sehen. Er war bei jedem Freudenfeste ein unvermeidlicher Gast und was für einer! Er fraß für Dreie und es war wahrlich zu verwundern, wie dieses kleine Männlein so viel vertilgen konnte. Kaum hatte man bei einer Chassene die Schüssel hereingebracht, so hatte unser Reb Amrom mit scharfen Kennerblicken das schönste Stück Braten oder Fisch in seinen Teller befördert, und diese Virtuosität im Fange der schönsten und größten Portionen zeigte er bei jedem Gange, wo er sich zumeist zwei Portionen herausfing, wovon er gewöhnlich die eine im Teller, die andere in der rückwärtigen Tasche seines Rockes, die eben so tief wie sein Magen zu sein schien, verschwinden ließ. Reb Amrom bot aber auch einen hochkomischen Anblick, wenn er von einer Hochzeit oder Sude fortging. Die beiden rückwärtigen Taschen seines Rockes waren vollgepfropft mit Eßwaaren und standen ein viertel Meter weit von seinen Unaussprechlichen weg. Man mußte aber nur seine befriedigende Miene betrachten, als er, zu Hause angekommen, seine Taschen zu entleeren und auszupacken begann und seiner Ehehälfte von den Leckerbissen zu kosten gab. Doch den Löwenantheil behielt er sich und ihm waren diese Bäckereien eine Art Leckerbissen, die sein sonst frugales Mahl versüßten, bis er wieder zu einer anderen Hochzeit geladen wurde. Was Wunder also, wenn er immer guter Laune war und Traurigkeit bei ihm keine Einkehr fand! Leichten und frohen Herzens konnte er, der im guten Essen und Wohlleben seine höchste Seligkeit fand, jeden ihm Begegnenden mit dem Zuruf „Nur lustig sein" begrüßen. Ihm war es leicht, lustig zu sein, denn er wanderte von einer Freude zur anderen, von einem Eß- und Trinkgelage zum anderen. „Der Satte glaubt dem Hungernden nicht", ist schon ein altes Sprichwort, und Reb Amrom kannte den Hunger nur vom Hörensagen. Doch nichts auf Erden dauert ewig, und auch unser Reb Amrom sollte baldigst von der Vergänglichkeit aller Freuden und Genüsse auf diesem Jammerthale hienieden auf eine drastische Weise überzeugt werden. Zwei für ihn bittere Enttäuschungen sollte Reb Amrom erleben, nach deren eine er sich wohl nach kurzer Zeit tröstete, deren zweite ihm aber auf lange Zeit hinaus seinen Humor verdarb und die nicht sobald seinem Gedächtnisse entschwinden konnte. Ein lustiger Spaßvogel, der einmal bei einem Hochzeitsmahle sein unmittelbarer Tischnachbar war und der seine Manipulationen, nämlich seine Massenbeförderung von Eßwaaren nach seinen hinteren Rocktaschen beobachtete, spielte ihm einmal einen argen Schabernak. Er heftete Reb Amrom's rückwärts über der Tischbank herabhängenden Rockschöße und die darin befindlichen Taschen mit seinen Rocktaschen mittels Stecknadeln zusammen und Reb Amrom steckte ein Stück Braten und Bäckerei nach der andern anstatt in seiner, in des Nachbars Tasche hinein. Damit aber Reb Amrom beim Nachhausegehen nichts merke und die Taschen leer und zu leicht finde, beförderte der gute Tischnachbar vor dem Weggehen eine Unmasse von Brod oder Stücke Barches in seine Tasche hinein. Reb Amrom wankte wie gewöhnlich mit vollgepropften, weit wegstehenden Taschen nach Hause. Doch als er, zu Hause angelangt, seinen Vorrath auspacken und seiner Sorel von den mitgebrachten Delicatessen zum Kosten geben wollte und wie anstatt der vermeintlichen Braten- und Tortenstücke ein Stück Barches nach dem andern zum Vorschein kam, da lohnte es sich, das verduzte Gesicht, dann den Schrecken und die Verwunderung, die in seiner Miene zum Ausdrucke kamen, zu sehen und die Zornes- und Schimpfworte, die seinen Lippen gegen den im Verdachte stehenden Tischnachbarn entfuhren, zu vernehmen. Es war das erste Mal, daß er seiner langjährigen Devise „nur lustig sein" Untreu wurde. Doch dauerte diese Verstimmung bei ihm nicht lange. Eine Sude, der er einige Tage hernach als geladener Gast bei einem reichem Manne beiwohnte, verscheuchte seine üble Laune; vandalisch wüthete er bei dieser Mahlzeit und richtete eine wahre Verheerung unter den verabreichten Gerichten und Speisen an. Seinen Tischnachbar sah er aber scharf auf die Finger und das Resultat davon war eine schöne Ausbeute von Delicatessen, die er diesmal nicht in fremde Taschen steckte. Nach dieser gelungenen Sude war wieder seine alte gute Laune zurückgekehrt und der beste Beweis hiefür war sein altes Losungswort, mit dem er nach kurzer Unterbrechung jeden ihm begegnenden Bekannten begrüßte. Doch ein zweites Ereigniß, das sich bald darauf vollzog, sollte unseren Reb Amrom auf lange Zeit seinen Humor ver- , derben und ihm seine stereotype Aufmunterung zur Lustigkeit ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.