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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-03-30 · 13 (30.3.1894) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
13 (30.3.1894)
Date
1894-03-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 254 Orstrrrrichifche Wochenschrift Nr. 13 gebracht haben. Da kommt man denn auf den Gedanken, ob nicht die Ursache dieser Judenfurcht im schlechten Gewissen liege. Man hat die Juden so lange unterdrückt, verfolgt und gequält, daß man fürchtet, sie könnten einmal, zu einiger Macht gelangt, auf den Gedanken kommen, sich zu rächen. Aber abgesehen davon, daß die Juden nicht rachsüchtig sind, würden denn die Arier, wenn sie Gewissensregungen verspürten, gegen andere nicht semitische Völker ebenso rücksichtslos und egoistisch wie gegen die Juden Vorgehen? Und wenn es den Deutschen wirklich so sehr daran gelegen ist, sich von der Vermischung und Berührung mit andern Nationalitäten rein zu erhalten, warum gehen sie nach Afrika, das doch ausschließlich von Semiten und andern nichtarischen Völkerschaften bewohnt ist? Nomaden, parasitische Gastvölker werden die Juden von ihren Feinden geschimpft; betrachtet man aber das Vorgehen der Europäer in Afrika und in frühern Zeiten in Amerika, so findet man. daß Alles, was den Nomaden, den Ausbeuter und Parasiten kennzeichnet, viel eher auf sie als auf die Juden paßt. Im Evangelium des Matthäus wird den Pharisäern vorgeworfen, daß sie „Land und Meer durchziehen, um einen Judengenossen zu machen"; von den sogenannten Ariern wird zwar bei ihren Colonisationen mitunter auch die Verbreitung des Christenthums zum Vorwand genommen, die Hauptsache aber ist das Geschäft, die Ausbeutung des Bodens und der Einwohner jener Länder. Schon Columbus und seine Begleiter zogen von unersättlicher Erwerbsgier getrieben nach Amerika. Der große Afrikareisende Stanley berechnete gierig die Millionen Ellen Kattun, welche man den Schwarzen verkaufen würde, und sein Zug zur angeblichen Rettung Emin Paschas scheint vorzüglich dem in dessen Besitz vermutheten kostbaren Elfenbein gegolten zu haben. . Der Handel ist ein ebenso ehrenwerther Erwerbszweig wie jeder andere, und es ließe sich nichts dagegen einwenden, wenn die Arier sich damit begnügten, in Afrika ehrlich Handel zu treiben. Freilich dürften sie den unwissenden Schwarzen nicht ihre. kostbaren Landesproducte für werthlose Glasperlen, Fuselbranntwein oder gar alte Flinten abnehmen, schlechte Flinten, welche vielleicht nur einen Schuß in der Minute abgeben, während die hochcivilisirten Europäer nur solche gebrauchen können, die zehn Menschen in der Minute ins Jenseits befördern. Solche Waffen liefern Engländer freundlichst den Schwarzen zum Kampfe gegen die Deutschen, Deutsche den Schwarzen zum Kampfe gegen Franzosen. Nach einer officiellen Mittheilung der Colonialabtheilung des kaiserl. deutschen Auswärtigen Amts (Anfang Februar dieses Jahres) hat ein Hamburger Haus beim König von Dahomey Sclaven gekauft, die dieser auf französischem Hinterland geraubt hatte, und ihm die Zahlung dafür in Winchestergewehren und Munition geleistet, diß der schwarze König dann im Krieg gegen die Franzosen verwandte. Und hier sehen wir den Unterschied zwischen jüdischer und arischer Einwanderung. Der Jude kommt bescheiden und demüthig in die Fremde, er ist glücklich, wenn man ihm einige Gastfreundschaft gewährt, ihn nicht zu sehr hudelt und drückt und ihm gestattet durch Fleiß, Mäßigkeit und Dienstwilligkeit zu einigem Wohlstand zu gelangen. Der sogenannte Arier denkt gleich an Eroberung und Beherrschung der Ureinwohner; er will sie mit seiner Religion, seinen Einrichtungen und Gebräuchen beglücken (?) und vor Allem den größtmöglichen Nutzen aus ihnen ziehen. „Was bedeutet denn euer Christenthum in Afrika?" sagte der Socialist Bebel im deutschen Reichstage, „Prügelstrafe, Mißhandlung von Weibern, Schnapspest u. s. w.; die Eroberung ganz gemeiner materieller Interessen halber, um Millionäre zu züchten durch die Ausbeutung und Ausräubung der dortigen Bevölkerung. Der Sclaverei will man entgegentreten, aber man duldet die Haussclaverei." Wir wollen das unter Semiten, auf semitischem Boden entstandene Christenthum, das an dem Vorgehen der arischen Eindringlinge in Afrika ganz unschuldig ist, aus dem Spiele lasten und nur dieses Vorgehen etwas näher betrachten. Es wird sich dann zeigen, in welcher Weise dort die „höhere arische Cultur" verbreitet wird. Vor Allem sei bemerkt, daß der ganze europäische Besitz in Afrika mit wenigen Ausnahmen, keine Rechtsbasis hat. Nicht einmal das Recht der Eroberung kann überall angeführt werden. Sehr oft wurden die Eingebornen unter nichtigen Vorwänden depostedirt oder einem Häuptling für einige Stücke Zeug, eine kleine Geldsumme und einige Flaschen Branntwein das Land abgekauft. Manchmal hatte der Häuptling gar kein Recht, es zu verkaufen oder keinen rechten Begriff vom Verkaufen. Genug, der Europäer hing an einem Mastbaum einen zwei- oder dreifarbigen Leinwandfetzen auf und erklärte sich damit zum Herrn und Gebieter. Der Eingeborene ward über Nacht zum Unterthan des Fremden, und wenn er diesem nicht gehorchte, war er ein Rebell, der niedergeschoffen, dessen Hütte niedergebrannt wurde. Abschaffung der Sclaverei war das humane Feldgeschrei, das man im Kriege gegen die Araber erhob; aber bald sahen die Europäer ein, daß die Sclaverei eine ganz bequeme und einträgliche Institution ist, namentlich, wenn nicht mehr der Araber sondern der Europäer der Herr ist. Wir haben bereits erwähnt, daß ein deutsches Haus Sclaven gegen Flinten einhandelte, neuerlich hat wieder der deutsche Gouverneur von Camerun die Auswanderung der Eingeborenen aus dem Schutzgebiet ohne besondere Genehmigung verboten. Als Motiv ward unter Anderem angegeben: „die Verhinderung der uncontrolirten Ausfuhr landwirthschaftlicher und anderweitiger Arbeiter." Es wurden zwar noch andere anständiger klingende Motive des Verbots angeführt, aber die Hauptabsicht scheint doch dahin zu gehen, sich das Monopol auf die Arbeitskraft der Einwohner zu sichern. Die grausame Behandlung der Eingeborenen hat auch am Ende des vorigen Jahres zu einer Meuterei in Camerun geführt. Nach dem Berichte einer Berliner Zeitung ließen die dortigen deutschen Beamten die Weiber der schwarzen Soldaten öffentlich peitschen, weil sie zu wenig gearbeitet hatten. „Während die Soldaten zum Zuschauen in Reihe und Glied angetreten waren, erhielten ihre Weiber jedes zehn Hiebe mit der Flußpferdpeitsche und der Assessor Leist stand dabei und sah der Execution zu. Weithin tönte das Geschrei und Geheul der Gezüchtigten." Die Peitschen sind später im deutschen Reichstage vorgezeigt worden. - Die Meuterer wurden natürlich, Dank der Ueberlegenheit der europäischen Waffen, bald besiegt. Dabei wurden „um freiere Aussicht zu haben, drei Dörfer niedergebrannt. Aus Versehen wurden auch die Häuser der beiden einflußreichsten Häuptlinge verbrannt, obwohl sie trotz aller erlittenen Kränkungen als Freunde der Regierung gelten." Daß man die Frauen in Gegenwart ihrer Männer öffentlich auspeitschen ließ, scheint aber kein Versehen gewesen zu sein. Die Einwanderung fremder Juden zu verhindern, betrachtet man in Deutschland und anderen europäischen Staaten als Pflicht der Regierung, obwohl diese Juden gewöhnlich nicht freiwillig, sondern oft von der Noth oder von der heimischen „väterlichen" Regierung getrieben kommen. Wehe aber dem afrikanischen Könige oder Häuptling, der es wagen sollte, einer europäischen sogenannten Forschungsexpedition, die aber mitunter nur Kundschafterexpedition, nur Vorbereitung zur Eroberung ist, den Durchzug durch sein Gebiet zu verweigern. Und gewöhnlich begnügen sich diese „friedlichen", bis an die Zähne bewaffneten Reisenden nicht mit dem Durchzug, sondern verlangen noch die Lieferung von Lebensmitteln für sich und ihr zahlreiches Gefolge von den armen Schwarzen, die manchmal kaum genug für sich selbst haben. Weigern sie sich, so wird mit Gewalt genommen, leisten sie Widerstand, wollen sie das Eindringen Fremder in ihr Gebiet verhindern, so sind sie „freche Wilde, die gezüchtigt werden müssen." Es wird dann leicht ein Vorwand gefunden, die europäischen Präcisionswaffen an den nackten Schwarzen zu probiren und ihnen mit Feuer und Schwert arische Civilisation beizubringen. Da werden dann Thaten verübt im Namen von Eivilisation und Christenthum, die man nicht glauben würde„ wenn die Verüber selbst sie nicht mit Stolz auf ihre Heldenthaten und ihre überlegene Civilisation nach Europa berichten würden. Als Beispiel mag Einiges aus dem Originalberichte des Führers einer solchen „wissenschaftlichen" Expedition in das Hinterland von Camerun dienen.*) Da heißt es unter Anderem: „Dann verlangten wir Essen für die Leute. Nach kurzer Zeit kam eine starke Gesandtschaft von zehn Bewaffneten zurück. In frechem Tone verlangte der Hauptredner, wir sollten vom Lager aufbrechen und uns entweder auf den uns angewiesenen Platz begeben oder umkehren und uns aus dem Lande scheeren." So ungefähr spricht auch die Regierung der Vereinigten Staaten von Nordamerika zu den armen russischen Juden, und Niemand nennt es frech. *) Abgedruckt in der Beilage der „Allgem. Ztg." vom 10. März.

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