Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 13 (30.3.1894)
- Date
- 1894-03-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 13 Destrrredhlfrtzr Wortzrnschrifl Sette 253 Propheten als Reich Gottes auf Erden geweissagt wird, daß nämlich feindliche Rassen, anstatt sich zu zerfleischen und zu vertilgen, vereint beisammen in Frieden unter dem Schutze gleichen Gesetzes und Rechtes wohnen und Einen Staat, Eine Gesellschaft bilden werden, ist in einem jüdischen Reiche, unter Semiten und Turaniern, im Lande der Chazaren Ereigniß geworden und dauerte nicht etwa, wie große kritische Geister gewiß ironisch rufen werden und wie es einer Utopie geziemte, einige Jahre oder Jahrzehnte, sondern fast vier Jahrhunderte, und war also dieser Staat einer der längst dauernden in der Geschichte. Man glaubt, wenn man diese Chronik liest, von einem Traumgebilde zu hören. Wir Modernen, die wir den Fortschritt im Völkerleben mit Blut und Eisen, in der Gesellschaft mit Classenunterdrückung, mit Dynamit und Massenmord arbeiten sehen, können die Erzählung vom Chazarenstaat kaum fassen. ' Für uns Moderne ist (nach unserem Nietzsche) der Uebermensch derjenige, der sein Ich auf Kosten Anderer entwickelt, die Anderen verzehrt. Dort aber sehen wir in dem Fürsten des Chazarenreiches eine ganz andere Art Uebermenschen, welche mitten in dem Völkergetümmel des Mittelalters voll Haß und Uncültur durch mehrere Jahrhunderte in einem großen, weitausgedehnten Reiche die Gleichberechtigung von Stämmen und Confessionen unter einem Regiment hoher Cultur praktisch durchführten und dabei gegenüber dem Feinde Helden ersten Ranges waren und der Reihe nach den Persern, Byzantinern, Arabern und Russen Niederlagen beibrachten. Wir geben nachstehende geschichtliche Skizze des Chazarenreiches nicht etwa nach jüdischen Quellen, denn diese wissen wenig von den Chazaren, sondern nach Forschungen der neueren russischen Historiker (Golubowski u. A.), die zu Hause im eigenen socialen Leben eher Gefühle der Feindschaft als der Freundschaft gegen Judenthum und jüdisches Wesen zu hegen gelernt haben. Sogar unser Urtheil und unsere Werthschätzung können wir mit wörtlichen Citaten aus russischen Schriftstellern begründen und belegen. Golubowski im Juliheft 1888 der in Kijew erscheinenden historisch-kritischen Monatsschrift: »Kijewskaja Stavine« sagt wörtlich: „Während in den westeuropäischen Staaten Mangel an Principien herrschte, vielmehr Fanatismus und tiefe Ignoranz mit einander wetteiferten, hatte das Wolgareich der Chazaren schon längst sich durch Gerechtigkeitssinn und religiöse Toleranz derart ausgezeichnet, daß Menschen aller Secten, die wegen ihrer religiösen Ueberzeugung verfolgt wurden, in Chazarien ihre Zuflucht fanden. Wie ein schimmernder Meteor leuchtete das Chazarenreich am dunklen Horizont Europas auf und erlosch, ohne deutliche Spuren seiner Existenz zu hinterlaffen." Das Chazarenreich befand sich an der unteren Wolga. Die West- und Ostgrenze läßt sich nicht genau feststellen. Die Südgrenze reichte bis zur zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts über den Kaukasus bis zur Kura und zum Araxes. Chazarische Garnisonen lagen in den Städten sowohl diesseits als jenseits des Kaukasus. Später als die Chazaren im Kampfe gegen die Araber Einbußen an Land erlitten, bildete der Kaukasus die Südgrenze. Im, Westen umfaßte das Chazarenreich einen Theil der Halbinsel Krim, und nachher (im 9. Jahrhundert) unterwarfen sie ihrem Reiche die russischen Stämme der Polanen, Radymiczen, Wirbiczen, Siwcoja und auf kurze Zeit sogar die Westbulgaren. In der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts war die Zeit ihres größten Glanzes, und damals reichte ihre Herrschaft vom Jaik bis zum Dnieper und Bug, vom Kaspisee, Kaukasus und Schwarzen Meer nach Norden bis zur mittleren Wolga. Im Süden und Westen waren die größten und berühmtesten Städte der Chazaren, wie Jtyl, Balandzer, Sarkel (russisch Bilaja Weza genannt, das ist „weißer Thurm"), Semender, Kambydze und Saksyn. Die Bevölkerung des Chazarenreiches war aus verschiedenen Stämmen zusammengesetzt. AlsHauptstamm betrachten die russischen Historiker einen turanischen (finnisch-türkischen Stamm, zumal die ihm angehörende regierende Dynastie die Benennung Chakan, Khan führte. Als vorwiegende Sprache wird ein Gemisch von Türkisch und Bulgarisch betrachtet. Auch der Titel, welchen die ersten Minister führten, nämlich Chatin, ist türkischen Ursprungs. Belehrend sind in dieser Hinsicht die erhaltenen Namen der Städte. Der Name der Hauptstadt Sarkel zeigt sich als türkisch. In einem Briese des Cbazarenkönigs Josef, dessen Authenticität von den russischen Forschern anerkannt wird, ist der Stammbaum der regierenden Dynastie ausführlich angegeben. Die Namen in diesem Stammbaum klingen türkisch-finnisch. Die Byzantiner betrachten die Chazaren als Türken und hatten dabei offenbar die regierende Dynastie im Auge. (Fortsetzung folgt.) Antisemitische Inronfequenzen. Es sind gerade vierhundert Jahre, seit Papst Alexander VI., um den Streitigkeiten zwischen Spanien und Portugal wegen der neuentdeckten Länder in Amerika ein Ende zu machen, eine Grenzlinie 360 Meilen westlich von den Azoren zog, welche die Eroberungen der beiden Staaten von einander scheiden sollte. Im aufgeklärten humanen achtzehnten Jahrhundert hat man sich über den Papst lustig gemacht, der Länder verschenkte, die ihm nicht gehörten und Völker vertheilte, die nie seinen Namen gehört hatten. Die Welt ist seitdem noch aufgeklärter und humaner geworden. Das heißt: wenn die europäischen Staaten sich Länder aneignen wollen, auf die sie nicht das geringste Recht haben, wenn sie Völkerschaften unterjochen wollen, die ihnen nichts Böses zugefügt haben, so fragen sie nicht mehr nach dem Papst, sondern greifen frisch zu, keinen anderen Heiligen anrufend als Krupp, Martini, Dreyse und wie all die Erfinder und Verfertiger von Kanonen und Magazingewehren, Riesengeschützen, Revolvern und anderen Mordinstrumenten und Civilisationsverbreitern heißen. Es vergeht fast keine Woche, wo nicht in den Zeitungen von einem solchen Theilungsvertrage. von Abgrenzung von Colonialbesitzungen, Schutzgebieten und Interessensphären zwischen Deutschland, Frankreich, England, Portugal u. s. w. zu lesen ist. Nach jedem solchen Bertragsschluß wird dann gewöhnlich in den Parlamenten einer jeden der Vertragsmächte von der Opposition darüber geklagt, daß gerade die Regierung ihres Staates übervortheilt worden sei, daß sie zu wenig oder zu schlechtes Land genommen habe. Die Bolks(?)vertreter erscheinen da mitunter noch landhungriger als die Minister, und in Deutschland sind es besonders die Bismarck-Partei und die Bismarck-Presse, welche nie genug afrikanischen Boden, nie genug schwarze Unterthanen haben können. Gleichzeitig wird aber gelegentlich der Verhandlungen über den russischen Handelsvertrag im deutschen Reichstage von den Antisemiten und selbst von sogenannten Liberalen, wie Herr von Bennigsen, ein wahres Jndianergeheul erhoben über die in Folge dieses Vertrages drohende Ueberschwemmung mit russischen Juden. Ein Antisemit erklärte, wegen der drohenden Judengesahr müsse der Handelsvertrag von Jedem abgelehnt werden, der einigermaßen noch deutsches Blut in den Adern habe. Ein Anderer fand es mit seinem christlichen Gewissen nicht vereinbar, die Juden in Ruhe zu lassen, während die Katholiken und Protestanten in Rußland verfolgt werden, — als ob die Juden für die Intoleranz der russischen Regierung verantwortlich wären. Nächstens werden wir vielleicht noch hören, daß der Oberprocurator Pobedonoszew ein Judenknecht oder Judenstämmling ist. Einen himmelschreienden Fall berichtete aber der Freiherr von Hammerstein: „Ein jüdischer Cultusbeamter, dem in Preußen die Naturalisation nicht ertheilt wurde, ließ sich in Elsaß- Lothringen naturalisiren und kehrte dann nach Preußen zurück." Es wundert mich, daß der gute Freiherr nicht hinznfügte, daß dieser eine vis. Elsaß-Lothringen eingeschlichene Jude den ganzen Gewinn der Wiedereroberung der beiden Provinzen auswiege. Humane, nicht judenseindliche Worte wurden in dieser Debatte nur von einem Mitglied des Centrums, dem Katholiken Dr. Bachem gesprochen. Wenn man dieses Geschrei der Antisemiten gegen die befürchtete Judeneinwanderung hört, so ist man oft in Zweifel darüber, ob diese Leute wirklich fürchten, die paar tausend russischen Juden könnten sich zu Herren des großen deutschen Reiches, des Besiegers der Franzosen, machen, oder ob sie nur, um ihrem Judenhaß zu fröhnen, so toben und Hetzen. Wie unbegründet eine solche Furcht wäre, kann man daraus entnehmen, daß selbst in solchen Ländern, wo die Juden verhältnißmäßig am zahlreichsten sind, sie es noch nicht zur wirklichen Gleichberechtigung, geschweige denn zu irgendwelcher Bevorrechtung