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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-03-30 · 13 (30.3.1894) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
13 (30.3.1894)
Date
1894-03-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 250 ' - * »- in.> J- *—»« Veflerreutztptzr Mmtzrnptzrtft Nr. 13 Belzebub auszutreiben vermag. Allein im Hinblick darauf, daß die Gewerbefrage sich, wie bereits erwähnt, wie keine andere als vorzügliches und zügiges Agitationsmittel für die antisemitischen Maulhelden eignet, wird von diesen noch eine weitere Verschärfung des Gewerbegesetzes gefordert und der Handelsminister des Coalitionscabinetes , schickt sich an, diesen Maulhelden den Tribut zu zollen und vor ihnen zu capituliren. Es muß daher umso freudiger das so eben erschienene Werk ,,Die Aufhebung des Befähigungsnachweises in Oesterreich von Sigmund Mayer*) begrüßt werden. Der Verfasser ist in Gewerbefragen eine auch von gegnerischer Seite anerkannte Autorität. Die Tendenz und der beschränkte Raum der „Oösterreichischen Wochenschrift" gestatten leider nicht, sich mit dem Buche M a y e r 's eingehend zu befassen. Wir halten es jedoch für unsere Pflicht und Aufgabe, jedem unserer Glaubensgenossen ans Herz zu legen, sich mit der Lectüre dieses Buches eingehendst zu befassen, in welchem sich des Informativen und Jnstructiven, nebst dem auf das Gewerbewesen Bezughabende, auch mit Bezug auf den Antisemitismus so Mannigfaltiges und Wissenswerthes findet. Mayer deducirt aus der geschichtlichen Entwicklung der Handwerke die ganze Hohlheit und den auffälligen Schwindel, welcher mit der Gewerbesrage in Verbindung mit dem Antisemitismus getrieben wird. An der Hand amtlicher actenmäßiger Daten liefert Mayer eine Schilderung der Zustände im Gewerbewesen Oesterreichs und speciell Wiens vom Jahre 1700 angefangen — also zu einer Zeit wo die Handwerke doch unbestritten juden-- rein waren — bis in die neueste Zeit, die vom höchsten Interesse ist und der Actualität nicht entbehrt. Wir entnehmen diesen actenmäßigen Darstellungen, daß die österreichischen Feudalen schon vor 150 Jahren die Gewerbefrage zu Agitationszwecken benützten, daß die Zünfte, die derzeit nicht müde werden, auf ihre dynastische Treue hinzuweisen, gegen Habsburgische Herrscher offene Fehde führten und mit ihrem Zunftwesen einen Staat im Staate zu bilden versuchten. Sehr lehrreich sind Mayer's Ausführungen, was von den Forderungen der gegenwärtigen Gewerbegenossenschaften im Interesse der Genossenschaftsmitglieder zu halten ist. Er zeigt uns, daß, als die Zünfte im Vollgenusse ihrer Privilegien waren, deren ganzes Streben dahin gerichtet war, einen numerus clausus zu schaffen und jeden, auch arischen Eindringling in die Zunft abzuwehren. Und welcher verwerflichen Mittel wurde sich hiebei bedient! Für verstorbene Mitglieder der Zunft wurde, um den Steuerfiscus zu beschwichtigen, die Steuer bezahlt, neuen Bewerbern wurden die größten Schwierigkeiten bereitet und dies Alles aus gemeinem Egoismus, aus niedriger Selbstsucht. Derartige Zustände möchte mau wieder schaffen und nach Lage der Dinge dürfte der Erfolg auch nicht ausbleiben. Mayer erscheint mit seinem Buche wie ein Deus ex machina, er ist ein Rufer in der Wüste, doch dürfte seine Sttmme bei der derzeitigen politischen Constellation kaum Gehör finden. Für uns Juden ist das Tröstliche, daß es ein Glaubensgenosse ist, der den persönlichen Muth besitzt, gegen den Sttom zu schwimmen und in einer für das staatliche Interesse vitalen Frage das warnende Wort mit allem Freimuthe klipp und klar auszusprechen und ohne Umschweife die Aushebung des Befähigungsnachweises zu fordern. Als alter Achtundvierziger wurzelt Mayer mit seinen Ideen, Grundsätzen und Anschauungen, noch in den josefinischen Traditionen. Er besitzt den persönlichen Muth, die Geradheit und Offenheit, gleich der vormärzlichen Commerzhofcommission unverhüllt auszusprechen, daß im Interesse von Handel und Verkehr, von Gewerbe und Industrie wirken auch im Interesse des Staates und der Dynastie handeln heißt. Für uns Juden ergibt sich aber die Moral von selbst. Wir Juden, bis vor drei Jahrzehnten von der Bethätigung in allen Verkehrsgebieten gänzlich ausgeschlossen, müssen jede Beschränkung des freien Verkehres perhorresciren und uns mit allen zu Gebote stehenden Mitteln dagegen wehren, denn jede reactionäre Maßregel ist in letzter Linie gegen die Juden, wenn auch nicht offen gerichtet, so doch in Wahrheit gedacht. Mayer hat sich mit seinem Werke um das Judenthum und die Judenschaft ein unsterbliches Verdienst erworben. Noch in den spätesten Zeiten wird sein hochbedeutsames und verdienstvolles literarisches Werk Zeugniß oblegen von dem Freisinn des Autors in Gewerbefragen und den Culturhistoriker aller Zeiten wird es •) Duncker und Humblot, Leipzig. Zwei Theile, 359 Seiten. ein erhebendes Bewußtsein sein, zu entnehmen, daß im ün äe siede die kaum glaubliche reactionäre Richtung im Gewerbewesen doch einen Mutius Scävola gefunden hat, der für die Freiheit des Verkehres die Hand ins Feuer zu legen bereit war und seine Stimme erhoben hat. Daß dieser Mann ein Jude ist, müssen wir der Vorsehung danken und nur bedauern, daß Mayer es in Folge der derzeit unerquicklichen Verhältnisse abgelehnt hat, die ihm in der Oeffentlichkeit gebührende Stellung einzunehmen. Läuarä Leer. Offiriersrang und Iudenthum. Deutschland ist seitdem unerhörten Siegeszuge 1870/71 in puncto Militaribus ein Musterstaat par excellence für alle europäischen Mächte geworden. Auch wir sind seither bestrebt, unsere Heereseinrichtungen zu vervollkommnen, damit unsere Söhne in Waffen dem verbündeten deutschen Heere, mit welchen sie berufen sind, Schulter an Schulter zu kämpfen, in kemer Beziehung nachstehen. Nur in Einem sind wir den Deutschen voraus, indem in unserer Armee neben der Legion von Reserve-Officieren noch eine erhebliche Zahl Ober- und selbst Stabs-Officiere jüdischer Confession actio dient, während in Deutschland für unsere Glaubensbrüder der Officiersrang blos in der Reserve erreichbar ist. Allerdings ist bei uns der Weg zum Auditoriate und Generalstabe für unsere Glaubensgenossen noch verschlossen, da ein Cherub mit dem Flammenschwerte den Eingang in die k. u. k. Kriegsschule sorgsam bewacht, daß kein Sohn Israels hineingerathe — und wenn zufällig in einem unbewachten Momente es einem un|erer Glaubensgenossen gelingt, in das Heiligthum der k. u. k. Kriegsschule einzudringen, so ist ihm selbst dann, wenn er den Anforderungen auch vorzüglich entspricht, der Eintritt in den Generalstab nur im Wege der Wässerung gestattet. Daß unsere Glaubensgenossen als Officiere ihren andersgläubigen Kameraden in gar keiner Hinsicht nachstehen, braucht nicht erst betont zu werden, da dieselben schon wegen ihrer Confession bestrebt sein müssen, stets die Zufriedenheit ihrer Vorgesetzten zu erlangen. Kann aber ein Officier auch ein guter Jude sein? Diese Frage können wir mit gutem Gewissen bejahen und wollen zur Bekräftigung dieser Behauptung von vielen Fällen nur einen einzigen anführen. Ein Soldatenkind, das auf einen Freiplatz in einer k. u. k. Militär-Bildungsanstalt Anspruch hatte, fand auch in einer solchen Aufnahme, und seines Geburtsfehlers sich bewußr, war er der fleißigste und bravste unter allen Zöglingen. Mit Beharrlichkeit und Ausdauer strebte er seinem Ziele entgegen und ließ den Muth auch dann nicht sinken, als der Commandant der Anstalt ihm wiederholt versicherte, daß, so lange er lebe, kein Jud e als O fsicier ausgemustert werden wird. Als aber das Verhängniß in Form eines blauen Bogens diesen hochherzigen Commandanten von seinem Platze hinwegfegte, kam ein Würdigerer an dessen Stelle, der keinen Unter" schied der Confessionen kannte, und die Leistungen dieses strebsamen Jünglings wurden bald mit dem goldenen Porte-epe belohnt. — Bei seiner vorzüglichen Verwendbarkeit wurde er Bataillons-Adjutant, dann Ergänzungs-Bezirks-Officier, und als Oberlieutenant zur k. k. Gendarmerie übersetzt, wo seine hervorragenden Leistungen die höchste Zufriedenheit Sr. Excellenz des Herrn k. k. General-Gendarmerie-Jnspectors FZM. Freiherrn von Giesl erlangten. Ungeachtet dessen, daß er im zartesten Jugendalter das Elternhaus verlassen und sich dem Kriegerstande widmen mußte, ließ er nicht ab vom Glauben seiner Väter, und treu dem jüdischen Brauche gründete er sich schon als Oberlieutenant eine Familie, der zwei Söhne entstammen. Gelegentlich der rituellen Beschneidung seines Erstgebornen versuchte eine etwas stark fortgeschrittene Dame ihm von der an seinem Kinde vorzunehmenden Procedur abzurathen, doch wurde sie gründlich widerlegt. Mit Hinweis auf seine eigene Hünengestalt machte dieser Officier die Dame aufmerksam, daß vor so und so viel Jahren

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