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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-03-30 · 13 (30.3.1894) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
13 (30.3.1894)
Date
1894-03-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13 Vesterrektzifche Wortzrnschrifl Seite 349 Gebietes dadurch bewirkt worden, daß man dem Gegner Concessionen macht, vor ihm zurückweicht und sich willenlos in seine Gewalt begibt. Auf diesem Punkte aber ist die liberale Partei angelangt. Statt ihre großen, unvergänglichen Grundsätze zu vertheidigen, statt, gestützt auf den ehernen Wall der Staatsgrundgesetze, das freisinnige Bürgerthum zum Kampfe für Freiheit und Recht aufzurufen, weicht sie ängstlich diesem Kampfe aus, gibt sie selbst diese Staatsgrundgesetze dem vernichtenden Angriffe der Gegner preis. Die Affaire des Vicebürgermeisters Richter hat gezeigt, wie weit es mit der Schwäche und Mattherzigkeit der liberalen Partei bereits gekommen ist. Das Princip der confessionellen Gleichberechtigung ist von dieser Partei thatsächlich bereits aufgegeben worden. Sie hat dem Judenhasse auf dem Gebiete der Schule, des wirthschaftlichen Lebens, der staatlichen und kommunalen Verwaltung bereits die weitgehendsten Concessionen gemacht. Das christlichsociale Wirthschaftsprogramm steht auf dem Punkte, voll und ganz verwirklicht zu werden, der Zutritt zu den staatlichen Aemtern ist den Juden vollständig verschlossen und die Zurückweisung auch der glänzendst qualificirten jüdischen Bewerber um einen communalen Beamtenposten ist zur Regel geworden. Das Wort von der „Wiedereroberung Wiens" ist nicht nur eine leere Phrase geblieben, man hat die Organisation der Vertheidigung auch dort unterlassen, wo eine wirksame Abwehr noch möglich gewesen wäre. Sagen wir es rund heraus: die Angst vor der antisemitischen Demagogie ist dem liberalen Bürgerthum lähmend in alle Glieder gefahren, und selbst ehrliche Liberale suchen durch ein prononcirtes Hervorkehren des arisch-christlichen Sonderstandpunktes den schmutzigen Waffen der Gegner, den giftigen Pfeilen der Verleumder zu entrinnen oder durch muthloses Paktiren mit denselben ihre persönliche Ruhe zu erkaufen. Ein typisches Beispiel hiefür bietet das Testament, welches der vor wenigen Wochen verstorbene liberale Leopoldstädter Stadtrath Meißl hinterlassen hat. Herr Meißl war ein braver und aufrichtiger fortschrittlich gesinnter Mann. Er war von Juden gewählt, er zählte zahlreiche Juden zu seinen engeren Freunden. Trotzdem hat er in seinem Testament verfügt, daß das ihm gehörige Hotel „zum bairischen Hof" in der Taborstraße in eine Stiftung für ausschließlich christliche Gewerbetreibende umgewandelt werde. Er hat es für nöthig erachtet, dem Geiste der Zeit eine Concession zu machen, und zwar eine Concession, die unter den gegenwärtigen Verhältnisse ganz und gar überflüssig war. Denn selbst wenn er angeordnet hätte, daß die Stiftung Gewerbetreibenden ohne Unterschied zu Gute kommen solle, wir wissen es aus einer langen Reihe trauriger Erfahrungen, daß an den Wohlthaten dieser Stiftung kein Jude participirt hätte. Wir wissen es, daß Juden selbst vom Nutzgenusse solcher Stiftungen ausgeschlossen sind, welche von Juden für Bedürftige ohne Unterschied der Confession errichtet worden sind. Wir wissen es, daß es fast keine interconfessionelle Wohlthätigkeits-Anstalt in Wien gibt, zu welcher nicht unsere jüdischen Mitbürger den weitaus überwiegenden Theil der Kosten beigesteuert hätten und noch beisteuern würden, und daß deren Vortheile trotzdem nur Nichtjuden zugewendet werden. Vor Kurzem erst hatte Frau Schiff 10.000 Gulden für das Kinderspital gespendetfür das nun zu errichtende Reconvalescentenheim fließen Herrn Hofrath Schrötter reiche Beiträge aus den Kreisen unserer wohlhabenden Glaubensgenosien zu, und dennoch darf man heute schon mit aller Bestimmtheit Voraussagen, daß weder an dem Kinderspital noch am Reconvalescentenheim ein jüdischer Arzt Anstellung finden wird. Die confessionelle Gleichberechtigung existirt nur mehr zu Lasten der Juden, nicht aber zu ihrem Vortheile. Das liberale Bürgerthum stimmt in die lärmende Hetze gegen die Juden nicht ein, aber praktisch und in aller Stille macht es die sociale und wirthschaftliche Gleichstellung zunichte. Und das soll der Weg zur „Wiedereroberung Wiens" sein? Auf solche Weise soll der antisemitische Geist aus unserer Stadt ausgetrieben werden? Wohin die liberale Partei durch ihre Schwäche und Muthlosigkeit gelangt, zeigen die Wahlen in Ottakring. Stück um Stück ihres Besitzstandes geht verloren, weil sie die Mühe eines allerdings nicht leichten Kampfes scheut, weil sie die Grundsätze aufgibt, welche die Quelle ihrer Kraft und Macht gebildet haben. Die antisemitische Hochfluth steigt, aber sie bedroht nicht nur die Existenz der Juden, sie bedroht bereits die Existenz der großen liberalen Partei. Sigmund Mayrr über den Befähigungsnachweis. Wien, im März. Die rückschrittliche-Bewegung in der Gewerbegesetzgebung ist gleichen Datums mit der Geburt des Rassen- und Clasien- Hasses, dem Antisemitismus. Der moderne Betrieb auf industriellem Gebiete hat im Gewerbe eine förmliche Umwälzung hervorgerufen. An Stelle manueller Thätigkeit trat die Maschine, der Motor, betrieben mit Dampf und Elektricität. Viele Hände, die sich ehedem im Handwerke beschäftigten, wurden überflüssig und die Professionisten der alten Schule mußten ihre Thätigkeit entweder der exacten, egalen und gleichmäßigen Leistung des maschinellen Betriebes anpassen oder sich dem l'unstgewerbe zuwenden. Mit der alten Schablone gings nicht mehr weiter, den Handwerkern der guten alten Zeit, gewohnt den größten Theil des Tages im Wirthshause die Zeit tobt zu schlagen und sich um den Betrieb in der Werkstätte wenig oder gar nicht zu kümmern, Gesellen gegenüber den Despoten zu spielen, die Lehrlinge zu schopfbeuteln, kam natürlich die Großindustriellen-Concurrenz sehr unbequem, und als sie sich gar von der letzeren theilweise depossedirt sahen, begann das Klagen über Nothlage, Elend u. dgl. Eine alte Erfahrung lehrt, daß sich in kritischen Perioden stets Individuen finden, welche die Unzufriedenheit Anderer zur eigenen Zufriedenheit ausbeuten und zu selbstsüchtigen Zwecken fructificiren. „Wenn die Begriffe fehlen, stellt zur rechten Zeit ein Wort sich ein." Es lag nahe, die Nothlage im Gewerbe den Juden in die Schuhe zu schieben und die für die Judenhetze stets empfänglichen breiten Volksschichten — in verticaler und horizontaler Richtung — beteten gläubig nach, was ihnen von den Führern und Verführern tagtäglich im Beisel, auf der Tribüne, vom Katheder und der Kanzel gepredigt und in die Ohren geblasen wurde. Man muß nur auf die Genesis der Entwicklung der Gewerbefrage in Oesterreich zurückgehen, um die Haltlosigkeit, die hohle Phrase und die abderitischen Narretheien, welche an die Oberfläche gelangten, zu begreifen. Es war einmal in Wien ein Kupferschmied, er war Demokrat, dies sagt nicht nur viel, sondern Alles. Die demokratischen Raupen bildeten sich noch in der Regel zu antisemitischen Faltern aus. Besagter Kupferschmied warf sich, ungebeten und ungerufen, zum Beschützer der Gewerbe auf und versprach in puncto Besserung goldene Berge. Bessere Bezahlung der Arbeiter, Reduction der 14- bis 16-stündigen Arbeitszeit u. s. w. Der liebe Kupferschmied predigte Wasser und trank Wein. Gerade das Kupferschmiedgewerbe hatte seinerzeit gar keine Concurrenz seitens der Großindustrie zu bestehen, es gab weiters keine jüdischen Kupferschmiede, dagegen waren die Arbeiter in diesem rein arischen Gewerbe bei 14-stündiger Arbeitszeit am schlechtesten entlohnt. Politische Obscuranten. Streber und Jntriguanten, die das Regime T a a f f e begünstigte und züchtete, fanden bald heraus, daß die Gewerbefrage sich wie keine andere zu Agitationszwecken eigne und fructificiren lasse. Um der Agitation eine festere Basis zu geben, wurde die Gewerbefrage mit dem Antisemitismus verquickt. Die Schwankenden und Zweifler wurden hiedurch mit einem Schlage gewonnen, denn welcher rechte und echte Arier wird nicht mitthun, wenn es gegen die Juden gehh denn in dem Punkte hat Lueger den Nagel auf den Kopf getroffen, wenn er die These aufstellt: Antisemiten sind die Arier Alle, nur sind es die Einen offen, die Andern im Geheimen. Der Lehrsatz, daß die jüdische Presse, das jüdische Capital, die jüdische Großindustrie, die jüdischen Handwerker, Händler, Hausirer an dem Niedergang der Gewerbe Schuld tragen, war kaum von den . Liechtenstein, Lueger, Ebenhoch, Schneider, Pattai, Schnabel, Latschka, Scheicher et tutti quanti aufgestellt, so wurde auch schon auf demselben von jedem Arier geschworen und die constitutionelle Regierung des Grafen Taaffe beeilte sich, der Reaction auf gewerblichen Gebiete durch Einbringung einer die Gewerbefreiheit — geschaffen und eingeführt von einer absolutistischen Regierung — aufhebenden Gesetzesvorlage den Garaus zu machen, wobei sie auch von Talmiliberalen und Salonantisemiten liebevoller Unterstützung und Förderung begegnete. Jedem Einsichtigen und Verständigen war es klar, daß die Wiedereinführung des Befähigungsnachweises nicht das richtige Mittel ist und sein könne, dem Niedergang des Handwerkes Einhalt zu thun, ebensowenig als man den Teufel durch den

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