Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 13 (30.3.1894)
- Date
- 1894-03-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 248 Vestrrrvichiptzr Wochenschrift Nr. 13 nischen Volkscharakters preisen, hat Hinterlist, Wortbruch und Freuudestäuschung zu einer nationalen Tugend erhoben, er hat nicht blos alle seine Freunde und Bundesgenossen nach einander verrathen, er hat die Hinterlist als das wesentlichste Merkmal seiner Stüatskunst selber angepriesen. Vor seiner „Bundestreue" zitterten die jeweiligen Bundesgenossen, und wer heute Schulter an Schulter an seiner Seite' kämpfte, war sicher, morgen seine eigene Existenz mit den Waffen gegen diesen Bundesgenossen vertheidigen zu müssen. Und so oft seine Hinterlist und sein Wortbruch einen Triumph feierten, durchbrauste ein Jubelruf alle Gauen der germanischen Welt. Deswegen erscheint unsere Vermuthung nicht unbegründet, daß das Citat der „Ostdeuttchen Rundschau" einem deutschnationalen Talmudtractat entnommen sein dürfte. In der That scheint es zweifellos, daß bic. Antisemiten sich einen eigenen Moralcodex, einen deutschnationalen Talmud zugerichtet haben. An der Spitze der Bewegung, soweit sie für uns controlirbar, marschiren lauter Schubjacks, und wo nur ein neuer Agitator auftritt, erfährt man bald von einem geistigen oder sittlichen Defect des emporgetauchten Apostels. Es kann kein Zufall sein, daß gerade im Antisemitismus Leute eine öffentliche Rolle spielen dürfen, die jeder bürgerlichen Wohlanständigkeit längst verlustig gegangen sind; daß dieses politische Bekenntniß auf die Pfleglinge des Zuchthauses eine beinahe unwiderstehliche Anziehungskraft ausübt. - In Berlin wurde ein Antisemitenpro.ceß abgehandelt, der sich zu einem arischen Sittendrama gestaltete. Drei Angeklagte standen vor Gericht wegen Verleumdung, Ludwig Schweinhag e n. P l a ck-P o d g o r s k i und Buchhändler D e w a l d. Der Erste erinnert an unseren Herrn V e r g a n i, den ehemaligen Apostel und Leibgardisten Schönerer's, der nunmehr über den „Vaterlandsverräther Kossuth" Gift und Galle speit. Die antisemitischen Größen aller Länder gleichen einander, wie eine Mistgrube der andern. Ludwig S ch w e i n h a g e n ist ein entschieden vielseitiger Mann. Socialdemokratffcher Wanderredner, sreireligiöserWander- Prediger, Polizeispitzel gegen die Socialdemokraten, verheiratet und dabei Verführer einer jüdischen Erzieherin, die zwei Kinder von ihm bekam und ihre Ersparnisse an ihn los wurde, nach eigenem Geftändniß 5 Jahre lang Mitarbeiter der „Kreuz-Ztg.", obschon er dem Chefredacteur über seine eigene Vergangenheit Mittheilung gemacht hat . . Diese Stationen seines Lebens veranlaßten den Ersten Staatsanwalt Drescher zu den Worten: „Dieser Mann und Patriotismus?! Wer wird ihm das glauben? Der Angeklagte Schweinhagen betreibt die Politik lediglich als Geschäft, als Erwerb. Er ist ein Mann, der eine niedrige Gesinnung besitzt." Er schimpfte unablässig über die „Talmudmoral". Plack-Po dgorsk i, nicht minder ein Feind der „Talmudjuden", wird von dem Staatsanwalt Müller II, wie folgt, charakterisier: „Die Beleidigungen der Plack'schen Broschüre sind in so ordi- . närer Weise vorgebracht, daß man bei dem Lesen der Broschüre einen Ekel empfinden muß. .Bon Patriotismus kann nicht die Rede sein, nur seine Sucht, zu schmähen, hat ihm die Feder in die Hand gedrückt. Mit furchtbarer Frivolität hat er die Verleumdungen in die Welt geschleudert. Ein Verleumder ist schlimmer als ein Dieb. Welche Gemeingefahr schließt die Handlungsweise des Angeklagten in stch, wenn, ein derartiges Pamphlet unter das Volk geschleudert wird, welches den' Inhalt nicht zu prüfen und zu beurtheilen versteht, was wird das Ausland sagen, wenn es mit Staunen liest, was für hohe Beamte wir haben?" Das Kleeblatt Plack-Dewald-Schweinhagen erfuhr seitens des Ersten Staatsanwalts Drescher eine interessante Kritik: Er sagte: „Wir haben es nicht mit ernsten politischen Männern zu thun, sondern mit ganz gewöhnlichen Ehrabschneidern, mit ganz gemeinen Beleidigungen. Ich habe nicht die Aufgabe, diese Angeklagten zu überzeugen; dazu müßte man doch Menschen vor sich haben, die noch nicht auf dem Boden so niedriger Gesinnung stehen, wie diese drei Herren. Niemals hat es frivolere und unbegründetere Anschuldigungen gegeben." Bon dem antisemitischen Verleger Dewald sagte Staatsanwalt Drescher: „Er hat zwar mit dem Muth, der diesen Leuten eigen zu sein pflegt, sein Geftändniß widerrufen und behauptete jetzt, daß er den Inhalt der Broschüre nicht gekannt habe. Das sei aber eine von der Feigheit eingegebeue Unwahrheit. Alle Unfläthigkeiten. der Broschüre hat Dewald mit zu verantworten. Erschwerend ist auch hervorzuheben, daß gerade er die Mittel geboten hat zur Veröffentlichungder Broschüre. Wenn es nicht ehrvergessene Verleger gäbe, würde es weniger ehrvergessene Skribenten geben, welche solche Schandschriften schreiben. Erschwerend fällt doch auch ins Gewicht, daß der Angeklagte Dewald das Ansehen des deutschen Namens im In- und Äuslande schwer geschädigt hat. Er ist es gerade gewesen, der die Schrift schleunigst ins Ausland dirigirt und den deutschen Namen und das deutsche Ansehen geschädigt hat. Und dieser Mann will selbst ein Deutscher sein!" Die Staatsanwaltschaft beantragte gegen Plack 2 Jahre Gesängniß, gegen Dewald 9 Monate und gegen Schweinhagen 1 Jahr 6 Monate. Nach dem vom Präsidenten Landgerichtsdirector Voigt verkündeten Urtheil wurde der Angeklagte Plack mit einem Jahr und 9 Monaten Gesängniß verurtheilt, wovon 6 Monate durch die Untersuchungshaft für verbüßt erachtet wurden. Dewald zu drei Monaten Gesängniß und Schweinhagen zu einem Jahr Gesängniß, wovon 6 Monate für verbüßt erachtet werden. Herr Vergani und die hiesigen Antisemite nblätt er sämmtlicher Schattirungen verschwiegen diesen Proceß vollständig. Nur in einer kurzen Notiz ward die- Zugehörigkeit S ch w e i n h a g e n's zur Antisemitenpartei geleugnet, allein darüber gibt der Berliner „Verband Deutsch-Socialer Antisemilen" genaue Auskunft. Noch Anfang Februar dieses Jahres veröffentlichte er im „Antis. General-Anzeiger" vom 11. Februar (Nr. 12 S. 1) eine Erklärung, in der es heißt: Herrn Schweinhagen aber werden wir das ihm bisher geschenkte Vertrauen auch trotz dieser persönlichen gehässigen Ausfälle weiter bewahren und sprechen demselben für sein Bestreben, viele dunkle Punkte in der heutigen Politik aufzuklären und hierbei die Einwirkungen des Judenthums nachzuweisen, unsere vollste Anerkennung aus. Franz Maire, Reinh. Schultz, Vors, der Abt. Westen, Vors, der Abt. Süd-West, Max Hampe, H. Schumann, Vors, der Abt. Moabit, Vors, der Abt. Ost, F r i tz G i b e l i u s, Stellv. Schriftf. der Abt. Oranienburger Thor, vom Verband Deutsch-Socialer Antisemiten. Solcher Art sind bie. Stammes- und Parteigenossen unserer „Ostdeutschen", die ihre „Moralbegriffe" aus einem d eutsch nationalen Talmudcodex geschöpft habem Die Flukh wächst. Die antisemitische Hochfluth wächst! Bei den Bezicksausschußwahlen in Ottakring haben auch im ersten Wahlkörper die antisemitischest Candidaten den Sieg errungen. Das ist eine Thatsache, welche mit furchtbarer Schwere ins Gewicht fällt. Der erste Wahlkörper, die Classe der Höchstbesteuerten, war bisher die unerschütterliche Domäne der liberalen Partei. Nun ergießen sich die Schlammwellen des Antisemitismus auch schon über dies letzte, bisher unbestrittene Gebiet. Die Wahlen in Ottakring eröffnen einen trüben Ausblick auf die nächstjährigen Gemeinderathswahlen im zweiten Wahlkörper. Die Gefahr, daß die liberale Majorität des Wiener Gemeinderathes einer antisemitischen Mehrheit Platz macht, ist in unmittelbarste Nähe gerückt. Unaufhaltsam vollzieht sich die politische Zersetzung der Wiener Bevölkerung. Unaufhaltsam? Ja, hat man denn auch schon einen wirklichen, einen energischen Versuch unternommen, denZersetzungsproceß aufzuhalten? Bor zwei Jahren wurde auf dem Hietzinger Parteitage, die Parole der „W i ed erero b erung Wiens" aus den Händen der antisemitischen Partei ausgegeben. Das Wort erweckte einen Sturm der Begeisterung. Aber was ist geschehen, um es zur Wahrheit zu machen? Welche Kraftanstrengung der liberalen Partei ist zu verzeichnen, welche wenigstens den ernsten Willen documentiren würde, den Eroberungszug thatsächlich ins Werk zu setzen? In den Kreisen dieser Partei, in den Kreisen des fortschrittlichen Bürgerthums hat ein grenzenloser Fatalismus platzgegriffen, eine Rath- und Thatlosigkeit, welche das Verhängniß kommen sieht, ohne auch nur den Versuch einer Abwehr zu unternehmen. Während die Rührigkeit der antisemitischen Propaganda mit ihren Erfolgen wächst, während die Apostel des Glaubens- und Rassenhasses eine geradezu erstaunliche Thätigkeit auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens entfalten, nimmt die Muthlosigkeit und die Indolenz in den Reihen des liberalen Bürgerthums in erschreckendem Maße überhand. Noch nie ist die Eroberung eines feindlichen