Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 13 (30.3.1894)
- Date
- 1894-03-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 13. Wien, 30. Marx '1894. Ig-hrgang^Xl. Crntralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. -#--- Herausgeber: Reichsraths-Abgeordneter vr. KLoch. - »)■» ■H| —- Lr f cheint jeden Freitag. -- Man sbonnirt bei allen Postanstalkrn des In- und.Auslandes. K. K. Postsparrasten-Aml Clearingverkehr Ar. 810.976. Ardartivn und Administration: Wien Frank Josrfs-Nnai Dr. 3. Telephon-Nr. 6535. m ■ - ' ==* =3S Srkngsprris für Srflrrreirst: Halbjährig 4 fl. — 8 Ar. Einzelexemplare 25 kr. Für's Ausland: halbjährig 5 fl. — 10 Ar. ganzjährig 10 „ 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 kr. -X Inhalt: Leitartikel : Der deutschnationale und der jüdische Talmud. — Die Fluth wächst. — Sigmund Mayer über den Befähigungsnachweis. — Ofsiciersrang und Judenthum. — Lesefrüchte. — Das jüdische Reich der Chazaren. — Antisemitische Inkonsequenzen. — Das wandernde Monument. — Correspondenzen: Wien, Pilsen, Budapest, Prag, Halberstadt, Berlin. —Vermischtes: Wien, Gänserndorf, Brünn, Kanitz, Tyrnau, Prag, Saaz, Krakau, London, St. Petersburg, Rio de Janeiro. — Der gefoppte Reb Amrom oder „Nur lustig sein". — Fürstengunst LH. — Allerlei. — Wochenkalender — Inserate. Der deutschnationale und der semitische Talmud. Die deutschnationale „Ostdeutsche Rundschau" von Freitag den 23. März l. I. beginnt den „Leitaufsatz" mit folgenden Worten: „Im Talmud wird behauptet, daß ein gescheidter Mensch nie mit „Ja" oder „Nein" antworten darf, und wenn man ihn fragt, wo er das linke Ohr habe, soll er das Vorhandensein dieses wichtigen Organes nicht mit mit der linken, sondern auf dem Umwege über den Nacken mit der rechten Hand darthun." Schreiber dieser Zeilen zahlt zu den eifrigsten „Talmudjuden" in Wien und das Talmudstudium war seit frühester Jugend seine geistige Erholung. Nichtsdestoweniger war uns eine solche Talmudstelle, wie sie der deutschnationale Schmock producirt, niemals begegnet. Wir haben uns an talmudbeflissene Freunde gewendet, aber keiner von diesen war in der Lage, die Talmudstelle des deutschnationalen Schornalisten zu entdecken. Dabei hat der talmudkundige „Ostdeutsche" verabsäumt, die Quelle seines gelehrten Fundes näher zu bezeichnen, was die gelehrten Deutschen sonst nie zu unterlassen pflegen. In dem jüdischen Talmud, der uns zur Verfügung steht, lesen wir, u. zw.: B. Mezia 49a. „Dein Ja sei Ja, Dein Nein sei Nein;" „Wer seinem Worte die Treue nicht hält, der treibt Götzendienst", Sanhedrin 92 a; „Wahrheit besteht, Lüge vergeht" (Sabbath 104 a). Die Wahrheit und die daraus fließende Wahrhaftigkeit wird in den biblischen und talmudischen Schriften mit größtem Nachdruck eingeschärft. Gott selbst ist die Wahrheit. (Jeremias 10, 10, Ps. 31, 5.) Durch sie hat er die Welt geschaffen, sie hat er zu seinem Siegel und Abbild gemacht (Sabbath 55 a, Sanhedrin 64 a). Jede Lüge ist daher eine Entheiligung vor Gott, eine Entwürdigung des Menschen; die Lüge unterwühlt den Grund eines jeden Bestandes in der Gesellschaft wie in der Familie. Wehe! rufen die Weisen des Talmud über das Geschlecht aus, das der Wahrheit Feind und der Lüge ergeben ist; die Plagen des Krieges und der inneren Zerrüttung bleiben für dasselbe nicht aus (Midrasch Rut). Die erste und unerläßliche Bedingung eines gesunden Volkslebens ist „daß Wahrheit redet Einer mit dem Andern, daß nach Wahrheit gerichtet wird, nicht Einer gegen den Andern Unheil im Herzen sinnt und falscher Schwur verpönt ist, denn alles dieses haßr der Ewige" (Secharia 8,16 ff.). In der feierlichsten Weise befiehlt daher die mosaische Lehre: Ihr sollt nicht belügen Einer den Andern" 3. B. Mos. 19, 11). „Von jeder Lüge halte dich fern" (2. B. Mos. 23, 7). „Was deine Lippen ausgesprochen, das mußt du erfüllen" (5. B. Mos. 23, 24). Unaufhörlich mahnen die Propheten und Spruchdichter, der Wahrheit die Ehre zu geben, die Lüge aber zu hassen, denn „wahrhafte Lippe hat Bestand auf immer, nur einen Augenblick die Lügenlippe" (Spr. Sal. 12, 19); „dem Ewigen ein Gräuel sind Lügenlippen, die Wahrheit aber sein Wohlgefallen (Spr. Sal. 12, 22). Gestützt auf solche Lehren und Aussprüche fordert der Talmud mit dem größten Nachdruck als hohe und heilige Pflicht die lauterste Wahrheit, unbedingte Wahrhaftigkeit von Jedem gegen Jeden, welchem Stamme und Bekenntnisse er auch angehört. Der Mensch soll „Wahrheit aus seinem Herzen reden" (Ps. 15, 2), das erläutert der Talmud, er soll mit dem Munde nicht anders sprechen und im Herzen anders denken, denn solche Zweideutigkeit ist dem Ewigen verhaßt. (B. Mezia 49a, Pesachim 113a.) Der jüdische Talmud enthält somit den von dem „Gelehrten" der „Ostdeutschen Schundschau" citirten Lehrsatz nicht. Da wir andererseits ' diesen Biedermännern eine Erdichtung und Fälschung nicht zutrauen wollen, so bleibt uns nur der Ausweg, daß das Citat einem deutschnationalen Talmud, einem Lehrbuche für arisch-germanische Moral entnommen sein möchte. In der That, man muß den arisch-germanischen Charakter nur objectio würdigen und man wird unsere Vermuthung als gerechtfertigt unterstützen. Man denke nuran die Fülle von L ist und V erschlagenheit, von Wortbruch und Hinterhältigk eit, gepaart mit Blutdurst und Rachsucht, welche die g erm an ischen Helden der Nibelungen in sich verkörpern, die sich alle einander todtschlagen und hintergehen, weil es gilt, einen großen Goldschatz an sich zu bringen. Die gleichen Charaktermerkmale : Gelddurst, Wortbruch und Rachsucht, begegnen uns bei nahezu sämmtlichen germanischen Königen, insofern sie noch unverjudet waren. Freilich reden die Germanen prahlerisch von „deutscher Treue", allein auch hierin erinnern sie an die alten Römer, welche nach einander alle ihre Bundesgenossen mißbraucht und verrathen haben und dabei über die „punischs Treue" sich lustig gemacht. Bismarck, welchen die Deutschnationalen nicht ganz ohne Grund als die vollendete Verkörperung des germa-