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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-03-23 · 12 (23.3.1894) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
12 (23.3.1894)
Date
1894-03-23
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 240 Vrstrrreichiptzr Wochenfchrlst Nr. 12 unserem Vater geworden, wenn nicht Du ihm mit der zärtlichen Fürsorge eines Sohnes, mit Deiner großen Klugheit und unermüdlichen Ausdauer zur Seite gestanden wärst?! Wie oft hast Du Dein Leben für ihn eingesetzt!" „Endlich waren wir nach zehnmonatlicher Reise an das Ziel derselben, in Jerusalem, angelangt. Unser Rabbi besuchte die dortigen Chachamim*) und nannte sich diesen. Ec war ihnen wohl bekannt, der Ruf seiner Gelehrsamkeit und Frömmigkeit war bis hierher gedrungen, und die jerusalemitischen Rabbiner hatten sich mehrmals mit wichtigen religiösen Fragen an unseren Rabbi gewendet. Sie empfingen ihn mit dem größten Jubel und der tiefsten Ehrfurcht und wollten ihm die höchsten Ehren erweisen, boten ihm den Vorsitz im Rabbinats-Collegium an, allein unser Rabbi erklärte mit aller Entschiedenheit, daß außer den Chachamim, denen gegenüber er nichts verhehlen wolle, kein Mensch im heiligen Lande seinen Namen erfahren dürfe, er wolle in größter Zurückgezogenheit, in tiefster Abgeschiedenheit leben." „Ich sandte nun durch einen Meschulach**) der nach Europa ging, ein Schreiben an meine Fnau, worin ich ihr anzeigte, daß wir glücklich in Jerusalem angelangt seien und daß ich, sobald ich dem Rabbi entbehrlich, mit Gottes Hilfe die Reise nach der Heimat antreten wolle. Ich blieb auch in der That so lange in Jerusalem, bis sich der Rabbi dort eingewöhnt, und als endlich er selbst mich in fast strengen Worten an meine Pflichten als Gatte und Familienvater gemahnte und mich auch unbezwingbare Sehnsucht nach der Heimat zog, konnte ich, von des Rabbis Segenssprüchen begleitet, mit voller Beruhigung von diesem scheiden. „Der Rabbi wohnt in dem Hause eines frommen, vertrauenswürdigen Mannes, der mir von den dortigen Chachamim empfohlen wurde, der ihn hochhält und mit kindlicher Liebe verehrt. Diesem habe ich eine größere Geldsumme, welche für die geringen Bedürfnisse unseres Rabbi lange Zeit ausreicht, übergeben und versprochen, ihm trotzdem in kurzer Zeit Geld zu senden." „Ich werde es ihm persönlich überbringen", sprach Rafael. „Ich sehne mich endlos nach dem Vater, ich muß ihn, so's Gott beliebt, sehen und sprechen. Ich will ihn auch um seine Genehmigung und seinen Vatersegen zu meiner Ehe mit Lea Arnstein bitten." „Ich begleite Dich!" rief Eva. „Wie uns der würdige Oberhoffactor Samson Wertheimer mittheilte, -wird" sie senkte purpurn erglühend den Blick zu Boden, „Perez Markbreiter mit seinen Eltern nach Wien kommen, um seine Werbung um meine Hand zu wiederholen und nun ist durch Gottes Gnade der Grund, der uns bisher gezwungen, dieselbe abzulehnen, weggefallen. Ich möchte nebst meiner theuren Mutter Genehmigung und Segen mir beides auch vom Vater erbitten." Deidelsheimer horchte gespannt auf, seine Wangen rötheten sich vor freudiger Erregung und mit fröhlichem Lachen rief er: „Was ich soeben höre, macht mich glücklich und wird auch unseren Rabbi hoch erfreuen, denn bevor ich von ihm schied, sprach sein heiliger Mund zu mir: Ich Hab' es Dir schon gesagt, ich bin, wie von dem Dasein meiner Seele, davon überzeugt, daß Gott meine Familie in seinem Schutz genommen, sie gerettet und erhalten hat. Wenn Du meine Frau und meine Kinder sehen solltest, überbringe ihnen meine besten Grüße, meinen herzlichsten Dank für die Liebe und Treue, die sie mir bewiesen, sag' ihnen, daß ich ihrer stets gedenken und daß mein letzter Athemzug noch ein Gebet für sie zum Allvater sein wird. Sag' ihnen, daß ich mit dieser Welt für immer abgeschlosien und mich hier in der heiligen Stadt, in meinem einsamen, beschaulichen Leben glücklich fühle, sag' ihnen, daß ich hier auf Erden nur einen einzigen Wunsch hege, zu erfahren, daß meine Kinder glücklich verheiratet sind. Das Wort Gottes: ,Es ist nicht gut, daß der Mensch allein bleibt, soll ebenso befolgt werden, als irgend ein anderes seiner Gebote. Meine Kinder stehen in dem Alter, eine Ehe einzugehen und besitzen alle Eigenschaften, indem sie Andere beglücken ihr eigenes Glück zu finden. Ich bin überzeugt, daß meiner Kinder Wahl nur auf eine würdige Person fallen wird und wenn meine kluge Frau, die fürsorglichste Mutter, die es gibt, sich mit ihrer Wahl *) So werden bei den orientalischen und portugiesischen Juden die Rabbiner genannt. **) Sendbote. Diese sammelten bei der europäischen Judenheit Gelder zur Unterstützung der palästinensischen Juden ein. einverstanden erklärt, dann wird von weiter Ferne aus, auch mein reichster Vatersegen sie zum Trauhimmel begleiten. Und noch viel Angenehmes kann ich Ihnen künden. Unser Rabbi billigt Ihre Wahl, Fräulein Eva, ich Hab' dies ausdrücklich ausseinem Munde gehört und — er hat Herrn Perez Markbreiter in der That schon seinen Segen ertheilt."- „Hab' ich auch recht gehört?" rief Eva erstaunt, ungläubig aufblickend. „Was sprichst Du, lieber, guter Josel?" „Die volle, reine Wahrheit", erwiderte Deidelsheimer, „ die Sache hat sich folgender Weise zugetragen: Bei unserer Fahrt nach der heiligen Stadt mußten wir über Sabbath in Preßburg bleiben. Ich bemühte mich jede Annäherung mit Fremden zu vermeiden, weil ich befürchtete, der offene, jeder Verstellung unfähige Rabbi, der nie ein Wort sprach, das nicht vollständig mit der Wahrheit übereinstimmte, könne sich le'cht verrathen und wenn wir in einem Gasthause wohnen mußten, aßen wir auf unserer Stube. Diesmal aber waren wir gezwungen, eine Ausnahme zu machen und mußten Freitag Abends in dem großen gemeinschaftlichen Speisezimmer unser Abendmahl verzehren. Das Zimmer war von Gästen überfüllt und um möglichst unbemerkt zu bleiben, nahmen wir an einem kleinen Tische in einer Zimmerecke Platz. Kurz darauf betrat ein junger Mann das Zimmer. Schon beim ersten Anblicke mußte er ausfallen, er überragte, wie König Saul, um Kopfeslänge alle Andern. Ein Zug leichter Verlegenheit spielte auf seinen Zügen, als er mit raschem Blick das Zimmer überfliegend erkannte, daß alle Plätze, bis auf einem an unserem kleinen Tische besetzt waren. Mit bescheidenem Anstande nahte er sich dem Rabbi, in gutgewählten Worten um die Erlaubniß bittend, sich an unserem Tische niedersetzen zu dürfen, die unser Rabbi in seiner milden Weise gütig ertheilte. Zu meinem Erstaunen bemerkte ich, daß unser Rabbi, der stets in sich gekehrt, sich sonst wenig um das kümmert, was rings um ihn vorgeht, den schönen, jungen Mann mit unverkennbarem Wohlwollen betrachtete. Wie sie wissen, spricht unser Rabbi, wie es die religiöse Vorschrift fordert, bei jeder Mahlzeit über religiös wissenschaftliche Themata und richtete hierbei zumeist das Wort an mich, allein der junge Fremde bewies für diese nicht nur lebhafte Theilnahme, sondern auch tiefes Verständniß, so daß sich des Rabbis Wohlgefallen an ihn noch sichtlich steigerte. Allein auch der Jüngling ward von des Rabbis imponirender Persönlichkeit so hingerissen, daß er, bevor er sich von uns verabschiedete, zum Rabbi sprach: „Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen und wage es auch nicht nach Ihren Namen zu fragen, ich erkenne nur, daß Sie zu den Großen in Israel zählen, und da möchte ich eine Bitte an Sie richten", und als der Rabbi ihn durch ein freundliches Kopfnicken ermuthigte, diese auszusprechen, fuhr er fort: „Ich bin das einzige Kind meiner Eltern und am Freitag Abend ertheilt mir mein guter Vater — Gott möge mir ihn noch recht lange erhalten — seinen Segen. Heute wo ich ferne von der Heimat bin, muß ich diesen entbehren und das — Sie werden vielleicht darüber lächeln — vermindert meine Sabbathfreude. Darum möchte ich Sie ergebenst bitten, an Stelle meines Vaters, Ihre Hände segnend auf mein Haupt zu legen, mich würde es hocherfreuen und auch mein Vater, der Nikolsburger Primator Aron Markbreiter wird — wenn ich ihm dies berichte — dem unbekannten, frommen Greise zum besten Danke verpflichtet sein" — und der Rabbi willfahrte seinem Wunsche. Als ich mich dann allein mit dem Rabbi in unserem Schlafzimmer befand, sprach der sonst so schweigsame, verschlossene Rabbi, der selten unaufgefordert Lob oder Tadel ausspricht: Das ist ein junger Mann nach meinem Sinne, meinem Herzen, einen solchen wünsche ich meiner Eva zum Gatten!" Eva erröthete vor Freude und sprach: „Wie glücklich Du, lieber, guter Josel, mich durch diese Mittheilung machst!" und Rafael sprach mit vergnügtem Lachen: „Ja, mein zukünftiger Schwager, Perez Markbreiter, ist ein Mann, der rasch Herzen gewinnt. Bei seinem ersten Begegnen mit Euch, liebe Mutter und Schwester, mußte sein Auftreten einen mächtig erschütternden Eindruck auf Euch hervorgerufen haben, ich selbst hatte ihn das erstemal im Cabinete des Oberhoffactors wenige Minuten sprechen hören und fühlte mich gedrängt, an den mir ganz fremden Mann heranzutreten und ihm warm die Hand zu drücken — und wie ich nun mit Freuden vernommen, hat der Zauber seiner bestrickenden Persönlichkeit ihm auch unseres theuren Vaters Gunst gewonnen. Ich wünsche Dir, liebe Schwester, neidlos alles Glück auf Erden, aber sich Gleiches wünschen heißt ja lange nicht mißgönnen; obwohl

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