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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-03-23 · 12 (23.3.1894) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
12 (23.3.1894)
Date
1894-03-23
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 12 Vrstrrreichifchr Wochenschrift Seite 239 Hamburg. Am 15. d. M. fand im hiesigen Logenhaus eine Akademie statt, deren Reinerträgniß dem neugegründeten Verein zur Heranbildung jüdischer Krankenpflegerinnen gewidmet wurde. Um den Verein, der nach dem Frankfurter Vereine gebildet wurde, bat sich Frau Dr. Katharina Leimdörfer sowohl bei der Gründung, wie auch durch Zuführung großer Legate besondere Verdienste erworben. Mrffengunst. Roman von S. Kohn. Verfasser von „Gabriel". Jeder unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersetzungr- 51) rechte Vorbehalten.) Der Rabbi hatte den Seiltänzer ruhig angehört und kein Zug seines Gesichtes ließ auf irgend eine Gemüthsbewegung schließen, er antwortete diesem: „Daß Du, Franz Tremig — so heißt Du, wenn ich mich recht erinnere — mich ausliefern willst, ist recht undankbar und grausam von Dir, was mich betrifft, habe ich die Pflicht, mein Leben zu erhalten. Wenn Du mich näher kennst, wirst Du auch wissen, daß ich mich nie um Geldangelegenheiten gekümmert habe. Ich weiß nicht, ob ich so viel Geld besitze, als Du forderst, darüber muß ich selbst meinen Deidelsheimer fragen. Hat er so viel bei sich, so soll er Dir's in Gottes Namen auszahlen, wenn nicht — so thu', was Dir beliebt; wenn Dich nicht Dein Gewissen daran verhindert, ich vermag es nicht!" Einen Moment war ich völlig fassungslos. Ich hatte nicht mehr so viel Geld, als der elende Schurke verlangte, überdies war ich überzeugt, daß Franz Tremig, auch wenn er die Summe von uns erpreßt hätte, auch das von dem Markgrafen zu erwartende Blutgeld hätte einheimsen wollen. Ich beabsichtigte vor allem Anderen, Zeit zu gewinnen und sprach: „Wir sind, wie Du begreifen wirst, sehr überrascht. Das Eine kann ich Dir wohl schon jetzt sagen, daß wir nicht so viel bei uns tragen, als Du verlangst. Allein, wir befinden uns hier in der Nähe einer großen jüdischen Gemeinde, Tu weißt es ja, die Juden stehen einander m ihren Nöthen bei, laß' mich die Sache ruhig überdenken; komm' in einiger Zeit wieder, dann will ich Dir Bescheid geben. Entfliehen können wir Dir nicht! „Das weiß ich, Herr Deidelsheimer", hatte der Seiltänzer, schon halb befriedigt, mit einem häßlichen Lächeln geantwortet. „Ich will Ihnen auf Ihren vernünftigen Vorschlag vernünftig antworten. Das Pack da unten, scheint nach dem wüsten Geschrei, das es ausstößt, ungeduldig zu werden, ich Hab' nach seiner Ansicht für die lumpigen paar Kreuzer, die es meiner Frau in das Sammelbecken geworfen, noch zu wenig mein Leben riskirt. Ich muß nochmals auf dem Seil nach der Thurmspitze zurückgehen, sonst sind die groben Klötze im Stande, mir alle Knochen entzwei zu schlagen. In einer kleinen Viertelstunde bin ich zurück und hoff', daß wir unser Geschäft zu beiderseitiger Zufriedenheit abmachen werden. Es würde mich sehr schmerzen, gnädiger Herr Oberrabiner, wenn Sie mich durch Verweigerung meiner Bitte zwingen würden, Sie um meiner Frau und meiner sieben Kinder willen an den Markgrafen ausliefern zu lassen. Der Unmensch wäre im Stande, Sie in martervoller Weise tödten zu lassen." So sprechend hatte sich der Seiltänzer wieder seine Schellenkappe angezogen, sich auf's Fensterbrett geschwungen und begann, ein Weinglas in der Rechten, das Seil zur Thurmspitze zu besteigen. „Ich vermag es, treuer Josel, mich in Deine Lage zu versetzen", meinte Frau Dina als dieser, wie so oft während seiner Erzählung wieder eine kurze Pause machte, „was thatest Du?" „Was hätte ich auch zu thun vermocht? Ich setzte mich zum Rabbi an den Tisch, stützte meinen Kopf in beide Hände und zermarterte mein Gehirn, ein Mittel zur Rettung zu ersinnen; aber all' mein Nachdenken war vergeblich, ich verzweifelte und trotz aller Bemühungen, vermochte ich es nicht zu verhindern, daß ich in lautes Schluchzen ausbrach. „Warum weinst Du, warum verzagst Du?" hatte unser Rabbi gefragt. „Wenn es Gottes heiliger Wille ist, wird dieser Bösewicht uns nichts anhaben können." „Wie ist Hilfe möglich?" hatte ich gefragt und darauf hatte unser Rabbi geantwortet. „Wie? Das weiß ich nicht, aber Gottes Hilfe kann in dem kürzesten Zeittheile eintreten." Der Rabbi hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als ein markerschütternder Schrei vom Dorfplatze herauftönte, dem unmittelbar darauf vielstimmiges, wüstes Geschrei folgte, wir traten ans Fenster, der Rabbi hatte Recht gehabt, Gott hatte in einem Momente geholfen, Franz Tremig lag mit zerschmetterten Gliedern am Boden; der Dorf-Chirurg, der sich unter den Zuschauern befand, war rasch an den Verunglückten herangetreten, hatte sich zu diesem niedergebeugt und sprach laut, daß man's auf dem ganzen Platze und daß auch wir es hören konnten: „Der ist maustodt, den kann Keiner mehr zum Leben erwecken, als unser Herrgott am Tage des jüngsten Gerichtes!" „Das war unerwartete Rettung!" rief Rafael und Eva frug: „Was sprach der Vater?" „Jedes Wort, das von seinen Lippen tönte, gab von Neuem Zeugniß von seiner bewundernswerthen Seelengröße, seiner Frömmigkeit, seiner Menschenliebe. Zuerst sprach er die Benediction, die der Jude bei dem Ableben eines Menschen spricht: „Gelobt seist Du, wahrhaft gerechter Richter" und diese Worte erschütterten mich um so tiefer, als der undankbare Mensch, der seinen Lebensretter einem qualvollen Tode entgegenführen wollte, rasch den verdienten Lohn gefunden. Unmittelbar darauf sprach der Rabi um unserer Rettung willen, den Segensspruch: „Gelobt seist Du, Allgütiger Gnadenspendender", dann aber fügte er rasch hinzn: „Der unglückliche Mann hat eine Witwe und sieben Waisen hinterlassen, geh' hinunter und gib ihr so viel, als wir eben entbehren können." „Wir können stolz sein, uns Kinder eines solchen Vaters nennen zu dürfen", sprach Eva zu Rafael. Deidelsheimer aber fuhr fort: „Auch in einem ungarischen Städtchen hatte ich kurze Zeit Todesangst ausgestanden. Wir mußten uns dort des Sabbaths wegen vierundzwanzig Stunden aufhalten, und ich begegnete einem mir ganz unbekannten Soldaten, der mich zuerst längere Zeit anstarrte, dann an mich herantrat und mich frug. ob er mich nicht schon einmal in Fürth gesehen habe und ob ich nicht den ehemaligen Oberrabbiner Hirsch Fränkl kenne. Ich that zuerst, als wenn ich wenig deutsch verstände, erst als er langsam seine Frage wiederholte, antwortete ich in gebrochenem Deutsch, daß er sich irren müsse, daß ich nie in Fürth gewesen, den Rabbi nicht einmal dem Namen nach kenne". „Ich frug ihn, weshalb er sich um diesen kümmere, worauf er erzählte: Die meisten Leute in Ansbach glaubten, der Rabbi sei bei lebendigem Leibe gen Himmel gefahren, allein einige kluge Menschen seien anderer Meinung» glauben, daß er geflohen und da in Ungarn viele Juden wohnen und dort weniger gedrückt als anderwärts seien, dorthin geflüchtet sei — und da hätten sich nun mehrere unternehmende Männer, zu denen auch er zähle, sich bei einem kaiserlichen Regimente, das nach Ungarn geschickt wurde, anwerben lassen, weniger um gegen die Moslims zu kämpfen, als um den Rabbi auszuspähen und dessen Auslieferung an den Markgrafen zn veranlassen, der sie dafür reichlich belohnen würde." „Er hatte, so schloß er, geglaubt, ich wäre ein Fürther und kenne den Rabbiner persönlich, in welchem Falle es mir als Jude leicht gewesen wäre, ihn und seine Kameraden aus die richtige Fährte zu bringen, wo ich dann gewiß einen entsprechenden Antheil von dem Denunciantenlohne erhalten hätte. Ich ließ den Rabbi den ganzen Tag nicht aus seinem Zimmer gehen und gleich nach Sabbathausgang fuhren wir weiter." „Auch von Gefahren anderer Art waren wir bedroht gewesen. Wir waren einmal des Nachts in einem Walde von Räubern, ein anderesmal auf offener Straße von Wölfen angefallen worden. In beiden Fällen mußte ich von den Waffen, die ich bei mir trug, Gebrauch machen und wir entkamen durch Gottes Hilfe beidemal glücklich". „Ich habe nicht Worte!" rief Rafael, „Dir, beispiellos edler, treuer, aufopfernder Freund zu danken! Was wäre aus

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