Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 12 (23.3.1894)
- Date
- 1894-03-23
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 236 Vesterrektztsche Wochenschrift Nr. 12 von fl. 80 hier und fl. 60 auswärts. Der Bericht schließt mit einem pietätvollen Hinweise aus das dem Vereine gewidmete bedeutende Legat des verstorbenen Gemeinderathes Heinrich Gomperz von fl. 50.000, dem der Vorsitzende, ebenso wie dem verstorbenen Ignaz Kohn, einen warmen Nachruf widmet. Die Versammlung ehrte das Andenken dieser Wohlthäter durch Erheben von den Sitzen und sprach den Spendern Schindler und Subak den Dank und die Anerkennung aus, worauf der Bericht, sowie der Rechnungsabschluß nebst dem Voranschläge für 1894 einstimmig genehmigt wurde. Zu Miigliedern des Vorstandes wurden Dr. Placzek und kais. Rath Mandls zu Revisoren G. Drucker und Ignaz Hönig wiedergewählt. Troppau. (Aus dem Troppauer Gemeinderathe.) Der Gemeinderath von Troppau hat sich wieder ausgezeichnet. Der hochachtbare und als sehr opferwillig anerkannte Arzt Dr. Leopold Buchbinder, seiner Confession nach ein Jude, überreichte ein Gesuch um Zusicherung der Aufnahme in den Gemeindeverband für den Fall der Erlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft. Der Sectionsrefcrent, welcher darüber dem Plenum Bericht erstattete, stellte den Antrag auf einfache Ablehnung und machte hiebei als Hauptgrund geltend, daß der Aufnahmswerber erst fünf Jahre in Troppau wohnhaft ist. Gegen diesen Antrag nahmen die Gemeinderäthe Dr. Eisler, Alker, Dr. Freißler und Hauer Stellung, während die Gemeinderäthe Runk, Bürgermeister-Stellvertreter Dr. Krommer, Hosmann und Mader für denselben eintraten, Letztere mit dem Zusatzantrage, daß die Aufnahme dermalen abgelehnt werde. Dr. Krommer sagte, es liege für den Aufnahmswerber kein zwingender Grund vor, gerade die Aufnahme in den Troppauer Gemeindeverband anzustreben, da er die österreichische Staatsbürgerschaft auch durch die Aufnahme in eine beliebige Gemeinde erlange. (Sehr geistreich!) Der Gemeinde könne das Recht der Ablehnung nicht benommen werden, da dasselbe eben ein Ausfluß ihrer Autonomie sei; sie könne sich desselben nach Belieben bedienen, zumal wenn „nationale Gründe" eine Ablehnung gerechtfertigt erscheinen lassen. Dr. Eisler erklärte es als der. Gemeinde unwürdig, daß in diesem Falle „nationale" Rücksichten in's Treffen geführt werden, da es sich dann nur um eine antisemitische Demonstration handle. Schließlich wurde der Sectionsantrag sowie der Zusatzantrag Mader's mit 10 gegen 9 Stimmen angenommen. Das Troppauer Antisemitenblatt ärgert sich darüber, daß viele Gemeinderäthe die Sitzung schwänzten, und rügt die Begründung der Ablehnung, welche in Zukunft bei ähnlichen Gesuchen von Nichtjuden sehr unbequem sein könnte. Was der Sectionsreferent zu verschweigen für angemeffen hielt, hat übrigens Dr. Krommer sehr deutlich zu verstehen gegeben: Mag ein in Troppau ansässiger Jude noch so sehr für das.Gemeinwohl Ersprießliches leisten, die Aufnahme in den Gemeindeverband wird er bei der jetzigen Mehrheit der Stadtvertretung vergeblich nachsuchen. Grybow im März 1894. Auf dem hiesigen Postam.'e versahen den Dienst zwei Beamte ein Arier. Herr Ogonbinski, und ein Jude, Herr Schreiber. Daß der Jude seine Pflicht zur vollsten Zufriedenheit des Publicums erfüllte und nie Anlaß zu Aerger gab, fand man natürlich selbstverständlich, daß der Arier gar zu oft das Amt einfach „schwänzte", daß er einen auf 600 fl. lautenden Cbeck 19 Tage lang (sage neunzehn Tage) nicht absandte und die Parteien von seiner Manipulation nicht sehr erbaut waren, übersah man; man drückte ein Auge zu und Alles war in der besten Ordnung. Der jüdische College vertrat oft den Anderen, obwohl er mit seiner Arbeit kaum fertig werden konnte. Dafür lieferte er einen würdigen Beweis der so oft gerühmten christlich-arischen Dankbarkeit. Dieser Tage sollte uns Herr Schreiber verlassen, um sich der Affistentenprüfung zu unterziehen und Herr Ogonbinski erhält eine Depesche des Inhaltes, ein Expeditor Moriz Gottesmann komme des Scheidenden Stelle zu übernehmen. Dies war dem wackeren Christen doch zu viel. Er telegraphirt daher an die Postdirection in Lemberg: „Bitte statt des Moriz Gottesmann einen römisch-katholischen Expeditor zu senden." Die Depesche spricht und urtheilt selber. Aus Mateszalka wird unserem Blatte geschrieben: In unserer jüngst stattgefundenen Repräsentantensitzung wurde Ministerpräsident Alexander Wekerle mit großer Begeisterung zum Ehrenbürger der Stadt Mateszalka gewählt. Das Diplom wurde dem Ministerpräsidenten Wekerle durch eine aus 7 Mitgliedern bestehende Deputation am 6. d. M. im Ministerzimmer des ungarischen Abgeordnetenhauses zu Budapest in feierlicher Audienz überreicht. Die Deputation, in welcher sich von unseren Glaubensgenossen 2 Mitglieder, nämlich die Herren Julius Szalkai, Großgrundbesitzer und Mitchef der Fabriksfirma Moriz Schwartz, und Sigmund Keller, Chef des Getreide-Großhanolungshauses Brüder Keller, befanden, wurde in überaus herzlicher Weise empfangen und von dem Ministerpräsidenten am 7. d. M. im Palais des Ministerpräsidiums zum Diner geladen. Während und nach dem Diner conversirte der Ministerpräsident sehr freundlich mit jedem einzelnen Mitgliede der Deputation, besonders lange und in überaus leutseliger Weise unterhielt sich der Ministerpräsident mit unseren beiden oberwähnten Glaubensgenossen, den Herren Julius Szalkai und Sigmund Keller. Ein Beispiel, welches verdient, durch den österrreichischen Cabinetschef nachgeahmt zu werden. Bukovar, 15. März. Am 12. d. M. weilte Sectionschef v. Stankovic, Stellvertreter Sr. Excellenz des Banns, in unserer Stadt. Alle Confessionen, Behörden, Aemter rc. machten dem illustren Gaste ihre Aufwartung. Auf die schöne Ansprache unseres Rabbiners, welcher Führer und Sprecher der Deputation der Cultusgemeinde war, erwiderte der Stellvertreter des Banus, nachdem er sich für die ehrende Ansprache aufs Herzlichste bedankte: „Die Landesregierung hat die Ueberzeugung gewonnen, daß die Juden treue, hingebungsvolle, pflichtbewußte und opferwillige Bürger des Vaterlandes sind, und deshalb freut sich der Banus und die Landesregierung, wenn sie Gelegenheit haben, die Interessen der Israeliten im Allgemeinen, oder die Entwickelung einer israelitischen Gemeinde fördern zu können." Die in diesem Geiste gehaltene längere Erwiderung machte auf die Deputation den günstigsten Eindruck, da der Vertreter der Regierung den Verdiensten der Juden im vollsten Maße Anerkennung zollte. Berlin. Die national-liberale Partei beschloß heute einstimmig, den Abgeordneten Dr. Diederich Hahn, der ihr als Hospitant beigetreten war und im Beginne der Reichstagssession wegen einer antisemitischen Rede von der Partei desavouirt wurde, zu ersuchen, sein Verhältniß zur Partei zu lösen. Der antisetnitische Abgeordnete Dr. Förster wurde, dem „Berliner Tageblatt" zufolge, als er in Halberstadt dem dortigen um die Stadt verdienten jüdischen Kaufmann Benjamin Hirsch, welcher eine Hetzrede Förster's entgegentrat und als Antwort darauf ein „Hoch auf die Vaterstadt Halberstadt" ausbrachte, das Recht bestritt, Halberstadt als Vaterstadt anzusehen, von den Versammelten mit solcher Entrüstung zurückgewiesen, daß die Versammlung beendet werden mußte. Fürth, 11. März. Die Wahlen zum mittelfränkischen Landrath, einem die Interessen des Kreises wahrenden Institute, fanden in Fürth und Nürnberg von den je zu einem Wahlkörper vereinigten gemeindlichen Collegien heute statt. Unter den in Nürnberg gewählten Landräthen befindet sich Fabrikant und Magistratsrath Herr Michael Kohn, als Ersatzmann wurde Magistratsrath Herr Ernst Tuchmann gewählt. In Fürth wurde als Ersatzmann Commerzienrath Herr Siegfried Ullmann gewählt. Carlsruhe, 9. März. In der Zusammensetzung des Großherzoglichen Oberrathes der "Israeliten, unserer obersten Kirchenbehörde, sind nachfolgende Veränderungen eingeführt: Herr Oberrath Millstätter, der frühere Rabbiner Carlsruhes, welcher seit 1875 Mitglied und gleichzeitig Secretär des Oberrathes war, wurde mit Rücksicht auf seine leidende Gesundheit und sein hohes Alter in den Ruhestand versetzt. An Stelle des jüngst verstorbenen Herrn Oberrathes David Aberle in Mannheim wurde Herr Simon Bensheim, Vorsitzender des Synagogenrathes in Mannheim, in den Oberrath berufen; ferner wurden zu Mitgliedern dieser Behörde ernannt: Herr Doctor Albert Seeligmann, prakt. Arzt in Carlsruhe, und Herr Rechtsanwalt Dr. Staadecker in Mannheim. Magdeburg. Bekanntlich hat eine Reihe Häupter der Stöckerpartei in Siegen in Börsenspeculationen Unsummen verloren. Bezeichnend ist ein Ausspruch des Herrn Fuchs. Als ein Herr, der durch ihn Hunderttausende verloren hat, ihm heftige Vorwürfe machte, gab der fromme Herr zur Antwort: „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen!" — Wenn ein jüdischer Bankrotteur einem seiner Clienten eine solche Antwort gegeben hätte, wie würden da die antisemitischen Blätter über die jüdishe „Frivolität", die selbst vor dem heiligen Bibelwort nicht Halt macht, raisonniren.