Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 12 (23.3.1894)
- Date
- 1894-03-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021020--03345-3027477- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 12 Oeyrrrrichifchr WvüLenschrist Seite 235 Mit jugendlicher Kraft und mit bewundeuiswertl-er llnvcrdrvffcnheit verfolgte er diesen auf dem ihm bisher ganz fremden Felde des Blindenunterrichtes, erwarb sich Keuntnitz und Einsicht, und was ihm im Lande nicht zu erfahren gestattet war, suchte er im Auslande und die Schule hier ward mit Umsicht und Sorgfalt mit Allem ausgestattet, was die Pädagogik jener Zeit zu bieten im Stande war. Wenn der greise Mann einen Blick auf das warf, was er geschaffen, er hätte wohl mit Recht sagen können: „Ich werde wohl nicht ganz sterben." Ja, fürwahr, wenn nach Jahren die Enkelkinder der Jetztzeit fragen sollten, wer hat die himmelanstrebende Säule errichtet zum Andenken des deutschen Volksdichters, der seinem Standplatze den Namen gab, man wird ihn an das hochgelegene Gelände des Donaustromes weisen können, wo derselbe Wohlthäter in Correctur der Vorsehung die zur ewigen Umnachtung Verurtheilteu durch Unterricht geistig erleuchtete, die gelähmten Hände zur Arbeit gelenkig machte und mit ihrem Geschicke aussöhnte. Nach solch' verdienstlichem Wirken in einem Alter, über das gewöhnliche Maß der Sterblichen reichend, zog sich dieser ehrwürdige Greis vom öffentlichen Leben zurück, um dem Drange seines Herzens, sich mit sich beschäftigen zu können, zu genügen. Die Sonne des Abends beschien sein friedliches Heim so heiter, wie sein bisheriges ganzes Leben, eine zärtlich liebende sorgsame Gattin sowie seine musterhaften zärtlichen Kinder erheiterten jede freie Stunde seines noch immer geistig thätigen Lebens und dem Glückskinde durch ein ganzes Leben ward auch der letzte Kampf des Lebens erspart, das schon brechende Auge blickte noch auf die treue Gefährtin seines langen Lebens, die erlahmende Hand stützte der heißgeliebte treue Sohn. Wien. (Wieder Einiges von arischer Ehrlichkeit.) Die Defraudationen in Krankencassen, Leichenvereinen und Genossenschaften, deren Mitgliedschaft ausschließlich aus christlichen Ariern besteht, häufen sich in einem Maße, daß man schier von einer in diesen Kreisen ausgebrochenen Defraudationsseuche sprechen kann. Diese Art von Unterschlagungen ist doch das Nichtswürdigste, was sich überhaupt denken läßt. Welche Verrohung des Gemüthes gehört dazu, die Aermsten der Armen, die Kranken, die Witwen und Waisen um die wtnigcn Groschen zu betrügen, die ihnen eine, wenn auch noch so geringe Linderung ihres Elendes gewähren sollen. Man denke an die Defraudation beim Wiener Sparverein! Die antisemitischen Blätter befleißigen sich fast in jeder Nummer, den Juden ein paar Eigenthumsdelicte hinaufzudividireu. Aber so erbärmlich schlecht, so sittlich verkommen ist auch kein Jude, daß er Krankengelder und Waisenpfennige angreifen würde. Das ist eine rein arische Specialität, auf welche die „christliche Cultur" allerdings keine Ursache hat, stolz zu sein. Am 14. d. M. stand wieder der Cassier des Leichenvereines „Nächstenliebe', Leopold Stefsky, vor Gericht unter Anklage des Diebstahls und der Veruntreuung. Stefsky hatte sich nämlich im Laufe der Jahre 9 Stück Bodencredit-Lose im Werthe von 1030 fl. und Baarbeträge in der Höhe von 1891 fl. 78 kr. aus dem Vereinsvermögen zugeeignet, ferner dem Verein „Axmann", als dessen Cassier er gleichfalls sungirte, 3538 fl. 48 kr. in Baarem veruntreut. Das Muster eines christlich-arischenVerzinsen ssiers wurde zu dreiJahren schweren Kerkers verurtheilt. Ein würdiger Genosse Stefsky's und wie dieser wahrscheinlich gleichfalls ein eifriger Anhänger der antisemitischen Partei ist der Cassier der genossenschaftlichen Krankencasse der Buchbinder, Karl Binder, welcher die feuerfeste Casse dieses Vereines mittelst Nachschlüssels geöffnet und aus derselben einen Betrag von 1700 fl. gestohlen hatte. Die Polizei stellte fest, daß Binder den Einbruch nur fingirt hatte, um auf solche Weise die seit langer Zeit begangenen Unterschleise zu bemänteln. Auch zum Capitel der arischen Lebensmittelversälschung liegt ein neuer Fall vor. Vor dem Strafrichter des Bezirkes Wieden hatte sich dieser Tage die im 5. Bezirke, Wolfganggaffe 12, wohnhafte Gemischtwaarenverschleißerin Cäcilie Bo sinn sch i wegen Uebertretung gegen die körperliche Sicherheit zu verantworten, weil dieselbe eine große Quantität von Schwämmen feilgeboten hatte, die als im höchsten Grade gesundheitsschädlich erkannt wurden. Die Angeklagte wurde zu — fünf Gulden Geldstrafe verurtheilt, ein Strafausmaß, gegen welches der staatsanwaltschaftliche Functionär selbst die Berufung anmeldete. Wien. (Die „Reise durch Halbasie n.") In einer am 11. d. M. hier abgehaltenen antisemitischen Versammlung hielt der Ritter Stampiglius einen Vortrag über seine Reiseerlebnisse in Galizien, welcher von Herrn Bergani sehr ausführlich wiedergegeben wurde. Zu welchem Zwecke dieser Bortrag gehalten wurde, der selbstverständlich fast durchaus erdichtete und gefälschte Mittheilungen über die angebliche Ausbeutung des christlichen Volkes durch die Juden in Galizien enthielt, lehrt die uns vorliegende Nr. 11 der „Schönberger Zeitung" vom 16. d. M. Der Vortrag des Ritters Stampiglius wandert nun durch die ganze antisemitische Provinzpreffe, damit die unwissende Landbevölkerung zu wildem Judenhaffe aufgestachelt werde. Die Erzählungen des Ritters Stampiglius tragen den Stempel der Lüge und Erfindung deutlich an sich, aber sie sind sehr geschickt aus das Begriffsvermögen der bäuerlichen Bevölkerung zugeschnitten. Alle diese Lügen sind bereit» im Parlamente von polnischen Abgeordneten christlicher Conseffion als solche erklärt worden. Der Staatsanwalt in Mährisch- Schönberg hält diese „Reise durch Halbasien" natürlich für ebenso unbedenklich wie der Staatsanwalt in Wien. E. B. Wien (Die Afsaire der 26 in der Augarteastraße) wird vom „Deutschen Volksblatt", dem antisemitischen Organe, welches in der Fructificirung der gröbsten Unsittlichkeiten ihre Meisterschaft bekundet, weidlich ausgeschrotet. Mit verdrehten Augen wird, trotzdem die „Helden des Dramas" waschechte Arier sind, den Juden die Schuld in die Schuhe geschoben. Es mag ja sein, daß auch Juden Verirrungen sich zu Schulden kommen lassen, aber daun ist dies die Wirkung der arisch-antisemitischen Schule. Noch immer können wir Juden auf unser ethisches, vom Geiste wahrer aufrichtiger Liebe durchwehtes Familienleben, das insbesondere in der Sorgfalt der Erziehung und Fortbildung der Kinder, der werkthätigsten Unterstützung auch der entferntesten Verwandten zum Ausdrucke gelaugt, mit Stolz und Befriedigung Hinweisen, die antisemitischen Catone des „Deutschen Volksblatt" haben jedoch keine Ursache, sich in die Brust zu werfen. Den Lesern der „Oesterr. Wochenschrift" sind schon so häufig arisch-antisemitische Sittenbilder vorgeführt worden, daß, um dieselben nicht zu einer „stehenden Rubrik" zu machen, aus die Vorführung täglicher Ereignisse in dieser Richtung verzichtet werden muß. Die Scandale in der allzeit getreuen Bischossstadt St. Pölten, welche namenloses Unglück in viele der besten Familien brachte, sind noch in frischer Erinnerung. St. Pölten ist kein großstädtisches Babel und die Acteurs und Statisten, der obscönen, anwidernden Handlung waren ausschließlich arische Patricier. Die sich beim Wiener Landesgerichte abwickelnde Gerichtsverhandlung, bei welcher ein im hohen Ansehen stehender Wiener Arzt, eine vielbeschäftigte Wiener Hebamme, ein biederer Landwirth, der selbst seine leibliche Tochter einer sträflichen unsittlichen „Behandlung" zuführt, sämmtlich notorische Arier, die Hauptrollen spielen, ist auch nicht dazu angethan, sich eine besonders günstige Meinung von dem sittlichen Niveau der Arier zu bilden. Eine andere Strafverhandlung, welche ein eheliches Sittenbild ganz eigenthümlicher Art zu Tage förderte — ein Grundbesitzer des antisemitisch verseuchten XVI. Bezirkes acguirirt' sich neben seiner Gattin im Wege eines Inserates eine die Letztere terrorisirende Concubine — ist auch nicht bitter. Das „Deutsche Volksblatt" dürfte daher gut thun, den Balken aus dem eigenen Auge zu entfernen und den Splitter im Auge der Anderen in Ruhe zu lassen. Brünn. (Mährisch-jüdischer Waisenhilssverein.) Die diesjährige Hauptversammlung dieses Vereines fand letzten Sonntag unter Vorsitz des kais. Rathes Mandl statt. Der Bericht des Vorstandes für das Jahr 1893 constatirt, daß das Vereinsvermögen um 2237 fl. 26 kr. gewachsen ist. Einen Gründungsbeitrag von 200 fl. leistete Heinrich S u b a k, eine Stiftung für zwei arme Waisenknaben gründete Sam. Schindler zur Erinnerung an seine verstorbene Gemalin Pauline Schindler. Das verstorbene Mitglied Ignaz K o h n legirte dem Vereine 500 fl. Die Jahresbeiträge von den Mitgliedern betrugen nur 253 fl., zu welchen noch die der hiesigen Cultusgemeinde und des Landesmassafondes von je 200 fl. kommen; an Spenden gingen 206 fl. ein. Da diese Einaangsposten leider so niedrig sind, so ist die Verwirklichung des Vereinszweckes nur durch die Erträgnisse des Fondes ermöglicht, deren jährliche Vermehrung sich somit als ein Gebot der Notbwendigkeit herausstellt. Für die Waisenpflege wurden fl. 4806°80 verausgabt und es standen in der Obhut des Vereines im Sommercurse 1892 bis 1893 72 Waisen (39 Brünner und 33 Auswärtige), im Wintercurse 1893—94 70 Waisen (36 hiesige und 34 aus dem Lande). Die Kinder blieben wie bisher in der Pflege ihrer Mütter oder nächsten Angehörigen, besuchen die Volks-, Bürger-, Mittel- oder Fachschulen und erhalten Erziehungsbeiträge