Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 12 (23.3.1894)
- Date
- 1894-03-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 12 VekLerrevtzikuxe Mortzensrtzrtst Sette 233 Vergangenheit und Gegenwart; es hat mich stets, solange ich socialwissenschaftliche Studien getrieben, mit patriotischem Stolz erfüllt, daß die jüdische Gesetzgebung hoch über alle Gesetzgebungen ihrer Zeit gestanden sei, daß sie keinen Unterschied kannte zwischen Adel und Gemeinen und zwischen Reich und Arm. Wenn Jemand von seiner frühesten Jugend an als hoher Herr auferzogen ist, wenn er niemals Schmerz und Druck gespürt hat, finde ich es begreiflich, daß er auch für Schmerz und Druck Anderer keine Empfindung hat; wenn man aber wie die Juden durch Jahrhunderte lang getreten wurde, sich aber in seinem Innern sagen mußte, daß man ebenso ehrlich sei, wie seine Unterdrücker, dann begreife ich es nicht, wie man vollständig gleichgiltig dagegen sein kann, daß auch der Arbeiter, welcher vom frühen Morgen bis zum späten Abei-.d mühsam sein bitteres Brot verdient, ein Recht bekomme, das ihn nickt mehr, wie jetzt, zum Staatsbürger zweiten Ranges macht. Der Redner spricht sich gegen die Errichtung einer fünften Curie aus und erklärt, daß in Oesterreich nickt mehr als 20—25 Stimmen der Socialdemokratie zufielen, weil selbst in Deutschland, trotz besserer Organisation, seit 24 Jahren nur 44 Stimmen ihnen gehören. Was den Antisemitismus betrifft, so sei die liberale Partei demselben erst dann entgegengetreten, als aus Antisemiten Antiliberale wurden. Was er gegen die Vereinigte Linke habe, sei nur, daß sie zu wenig liberal sei- und er meine, daß es nunmehr erst recht unmöglich sein werde, solche Fragen daselbst zur Sprache zu bringen. Gewisse Dinge batten aber oft, wenn schon keine andere Wirkung, doch die, daß sie in dem Gegner Scham erregen. Dr. Ofner schließt mit den Worten: Nach Ihrer Ueberzeugung handeln Sie, urtheilen Sie, treffen Sie Ihre Wahl." (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Hof- und Gerichts-Advocat Dr. Meitner glaubt, daß man sich nicht scheuen solle, diese Wahl nur vom Standpunkte des Juden zu besprechen. Bon der Bereinigten Linken sei in ihrer heutigen Coalition nichts zu erwarten, und wer sich derselben anzuschließen erklärt, dem kann es mit praktischen Erfolgen für das Judenthum und die Freiheit nicht ernst sein. Redner tritt schließlich für die Wahl des Doctor Ofner ein. Herr Siegfried Fleischer bemerkte, daß den einzigen Boden für die Bekämpfung des Antisemitismus nur die Staatsgrundgesetze bilden, und daß die Juden sich dieser Basis begeben, wenn sie diesen Boden preisgeben. Herr Dr. Ofner sei für die Verwirklichung der jetzt nur auf dem Papiere bestehenden Staatsgrundgesetze, und deshalb müsse er für denselben eintreten, schon deshalb weil derselbe erklärte, der Vereinigten Linken nicht beitreten zu wbllen und nach seiner Ueberzeugung nur Derjenige etwas wirken könne, der nicht an Clubbeschlüffe gebunden sei. Der nächste Redner, Herr Strauß, wirft den Demokraten, welche stets für die Gleichberechtigung aller Confessionen schwärmen, vor, daß sie bei dieser Wahl plötzlich auf dem konfessionellen Standpunkte stehen. Stadtrath Noske wird mit Unterstützung seiner Partei weit eher für das Judenthum etwas erreichen können, als Dr. Ofner, welcher gar keine Partei hinter sich habe. Man dürfe der liberalen Partei nicht zumuthen, daß sie für einen Mann eintrete, der von Vorneherein erklärt, ihr nicht angehören zu wollen. Herr Noske sei stets unerschrocken dort eingetreten,, wo die Juden angegriffen wurden, und die Juden begehen nur einen Act der Dankbarkeit, wenn sie denselben als ihren Candidaten nominiren. Redner warnt schließlich vor einem Bündnisse mit dem Socialismus, der bei uns in Oesterreich noch lange nicht auf dem Standpunkte wie in Frankreich und Deutschland stehe. Herr Bielitz möchte den Besitz des Mandates in der Innern Stadt den Juden erhalten wünschen. Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Victor Rosenfeld tritt für die Candidatur des Dr. Ofner ein, welcher im Parlamente eine gewisse juristische Kraft bilden würde. In diesem Sinne sei Dr. Ofner der würdigste Nachfolger von Dr. Jaques. Seine Erklärung, der Bereinigten Linken nicht beitreten zu wollen, könne er nur mit Freude begrüßen. Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Elias bedauert es sehr, daß das Central-Wahl-Comite sich der Bitte eines großen Theiles der Wählerschaft um Nominirung eines jüdischen Candidaten gegenüber so ablehnend verhalten habe, denn er hätte es gerne gesehen, wenn die Gepflogenheit, das frei gewordene jüdische Mandat wieder durch einen Juden zu besetzen, eingehalten worden wäre. Herr Stadtrath Noske werde gewiß jede Gelegenheit benützen, um für unsere Interessen einzutreten, doch müffe er aus den angeführten Gründen für Dr. Ofner stimmen. Herr Adolf Ritter von Nassau hat in Herrn Stadtrath Noske stets einen ehrlichen und muthigen Charakter kennen gelernt. Es seien dies Qualitäten, die heute sehr selten zu finden sind und die allein schon für die Wählerschaft bestimmend sein sollten, für ihn einzutreten. Auch er stehe auf dem Standpunkte des Juden, als welcher er sich jedoch verpflichtet fühle, in dem Augenblicke, wo speciell Herr N o s ke sich um ein Mandat bewirbt, mit aller Energie für denselben einzutreten, da Herr Noske einer der Ersten war. der für die beleidigte Judenschaft unerschrocken auftrat. Für andere Candidaten, die uns vielleicht Verlegenheiten bereiten könnten, könnte er nie und nimmer stimmen. Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Weiß tritt für die Candidatur des Dr. Ofner ein, welcher ja erklärt habe, an der Seite der Vereinigten Linken kämpfen zu wollen, wenn sie für freiheitliche Principien eintritt, sich aber durch einen Clubzwang nicht binden will. Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Heinrich Glaser könnte sich nur für einen Candidaten erwärmen, der die Staatsgrundgesetze in's Leben führen will. Die Juden müssen, weil selbst unterdrückt, mit aller Wärme dafür eintreten, wenn einem großen Theile der Staatsbürger das allgemeine Wahlrecht werden sollte, und aus diesem Grunde müsse er auch für einen Candidaten stimmen, der in diesem Sinne zu wirken verspricht. Reichsraths-Abgeordneter Dr. Kronawetter will nicht in eine Besprechung der Personenfrage eingehen. Gegenüber der Aeußerung eines Vorredners bezüglich des Verhaltens der Demokraten weist Redner darauf hin, daß selbe stets dort mit den Liberalen gegangen seien, wo es einer wirklich liberalen Sache galt. Dies habe die demokratische Partei bewiesen, als es sich um die Bekämpfung des Antisemitismus und um die engere Wahl im 9. Bezirke handelte. Hof- und Gerichts-Advocat Dr. Alfred Mittler bemerkte, daß die Einfiihrung des allgemeinen Wahlrechtes die Folge hätte, daß alle elementaren Gegensätze in unserem Staatswesen zu einem doppelt intensiveren Ausdruck gelangen würden. Gegenüber den dem Central-Wahlcomite gemachten Vorwürfen bemerkte Redner, daß es keine Partei gebe, die mit einer solchen Ehrlichkeit die Wahlbewegung eingeleitet habe, als gerade diese. Jeder Wunsch der Minorität sei berücksichtigt worden. Speciell die Aufstellung K r o n a w etter's sei ein lebendiger Beweis, daß die Wünsche der jüdischen Bevölkerung ein geneigtes Ohr bei der liberalen Partei gefunden haben. Schließlich tritt Dr. Mit t l e r mit aller Energie für die Candidatur des Stadtrathes Noske ein. Auch der letzte Redner, Herr Isidor Popper, tritt in sehr warmen Worten für den Candidaten Noske ein, schon deshalb, weil in der heutigen Zeit ein Nichtjude unsere Interessen viel besser vertreten könne, als ein Jude. An dieser Candidatur müsse festgehalten werden, weil wir nicht Biele so biedere Männer hätten. Außerdem stehe Stadtrath Noske dem Kaufmannsstande viel näher als ein Advocat und habe deshalb mit demselben sehr viele Berührungspunkte. Nach einigen thatsächlichen Berichtigungen schloß der Vorsitzende um Mitternacht die mitunter sehr erregte Versammlung. _ F. Verfassung neuer Statuten für die israelitischen Cultusgemrinden. Wien, 17. März. Se. Excellenz der Herr Minister für Cultus und Unterricht Dr. Ritter von Madeyski hat am 16. v. M. eine Verordnung erlaffen, welche die Berfaffung neuer, beziehungsweise die Umarbeitung der bisherigen Statuten für die im Sinne des Gesetzes vom 21. März 1890 neuconstituirten israelittschen Cultusgemeinden in Oesterreich unter der EnnK, mit Ausnahme der israelittschen Cultusgemeinde in Wien, betrifft. Die Verordnung bestimmt: § 1. Die Berfaffung neuer, beziehungsweise die Umarbeitung der bisherigen Statuten im Sinne des Gesetzes vom 21. März 1890 obliegt in einer jeden Cultusgemeinde der in Gemäßbeit der Ministerial-Berordnung vom 4. December 1891 provisorisch fungirenden Cultusgemeinde-Bertretung unter Mit-