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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-03-23 · 12 (23.3.1894) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
12 (23.3.1894)
Date
1894-03-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 232 Oestrrreichifche Wochenschrifl Nr. 12 Oesterreichifch-Israelttische Union. (Wählerversammlung vom 14. März 1894.) Bei dicht gedrängtem Saale eröffnete der Vorsitzende Cultusvorsteher Dr. Josef Grünfeld die Versammlung, zu welcher sich u. A. die Herren: Reichsraths-Abgeordneter Dr. Krona weiter, Landtags-Abgeordneter Constantin Noske, die Gemeinderäthe Lang und Dr. Mittler, der Bezirksvorsteher der Innern Stadt Picker mit den Ausschüssen Frankl und Wald sie in, Landesschulrath Dr. Gustav Kohn, Dr. Julius Osner rc. eingefunden hatten, und hielt dem verstorbenen Dichter Ludwig August Frankl einen tiefempfundenen Nachruf, welchen die Versammlung unter dem Eindrücke desselben, stehend anhörtc. Der Vorsitzende gab hierauf namens des Vereines der hohen Befriedigung über die Wahl des Bürgermeisters Herrn Dr. Grübl Ausdruck, von welchem mit Bestimmtheit erwartet werden kann, daß er unter seinem Regime die Ausschreitungen der Opposition gegenüber der jüdischen Religionsgenosienschaft nicht dulden werde. Der Schriftführer, Secretär Fuchs, verliest sodann ein vom Gemeinderäthe Dr. Friedjung an den Vorsitzenden gerichtetes Schreiben, wonach derselbe mit Rücksicht auf die seitens des deutschfortschrittlichen Centralwahl - Comites erfolgte Nominirung des Staütrathes Constantin Noske zum Candidaten für das erledigte Reichsrathsmandat in der Innern Stadt erklärte, daß er seine Candidatur zurückziehe und mit aller Kraft für den officiellen Candidaten eintreten und wirken wolle. Die Versammlung drückte Dr. Friedjung für diese loyale Erklärung den Dank aus. Es ergreift hierauf das Wort Herr Landtags-Abgeordneter Constantin Noske. Mit stürmischem Beifalle begrüßt, sagte derselbe: „Ich glaube nicht, daß Sie, geehrte.Herren, mit der Erwartung hierhergekommen sind, daß ich Ihnen eine ausführliche Candidatcnrede bieten werde:, ich weiß, mit welchem Interesse gerade die Mitglieder dieses geehrten Vereines das politische Leben verfolgen und ich darf daher annehmen, daß der weitaus größte Theil der Mitglieder des Vereines jener allgemeinen Wählerversammlung beigewohnt hat, in welcher ich die Ehre hatte, mich als Candidaten vorzustellen und daß daher die überwiegende Mehrzahl der Anwesenden in Kenntnitz des Programmes sei, welches ich in jener Versammlung entwickelt habe." „Ich befinde mich aber weiters in der angenehmen Lage, in der sich Jeder mit Rücksicht aus das von mir Auszuführende, befindet, der durch eine Reihe von Jahren dem öffentlichen Leben' angehört. Ich möchte sagen, Jeder, dem das Vertrauen der Wählerschaft ein Mandat gegeben hat, möge es nun in die Gemeindevertretung, Landtag oder eine andere Corporation sein, sitzt in einem Glashause und tagtäglich ist die Wählerschaft in der Lage, zu controliren, ob die Handlungsweise Desjenigen, dem sie ihr Vertrauen gegeben hat, ihren Wünschen. Erwartungen und Hoffnungen entspricht oder nicht, und es ist daher der, welcher sich nach längerer Thätigkeit um ein neues Mandat bewirbt, in der Lage, zu sagen, nicht nur das Programm, das er in der Wählerversammlung gegeben, möge die Grundlage zur Beurtheilung sein, sondern auch das Vorgehen das er in der ganzen Zeit seines öffentlichen Wirkens an den Tag gelegt hat." Der Redner gibt — obwohl er wegen des im deutschfortschrittlichen Comite in geheimer Abstimmung erfolgten Beschlusses nicht weiß, wie die Delegirten der Union gestimmt haben, der Ansicht Ausdruck, daß er auch die Unterstützung dieses Vereines finden werde; obwohl er grundsätzlich der Meinung sei, daß die Confession eines Candidaten keinen Ausschlag geben dürfe, finde er aber gleichwohl, daß die Anschauung mancher Kreise, in der Situation, in welcher sich die Judenschaft befinde, einen Candidaten gleicher Confession zu wählen, wenn grundsätzlich nicht berechtigt, so doch mindestens discutabel sei. Ob der israelitische Theil der Wählerschaft einen Israeliten wählen oder nicht wählen wolle, habesie mit sich selbst auszumachen; er habe gezögert, seine Candidatur von allem Anfang an aufzustellen, weil gerade er, bei seiner Stellung zur Judenschaft, keinen Keil in die jüdische Wählerschaft treiben wollte. Ich habe — fährt der Redner fort — meine Candidatur erst aufgestellt, als ich mich mit Angehörigen Ihrer Confession verständigt und erfahren habe, daß der confessionelle Standpunkt nicht ausschließlich maßgebend 'sein wird, sondern Aussicht vorhanden ist, daß die israelittsche Bevölkerung einen Mann unterstützen werde, der zwar nicht ein israelitisches Interesse — denn wir sind über diesen Standpunkt Alle heraus — sonder« das Interesse der Menschlichkeit, der Gerechtigkeit fördern wird. (Lebhafte Zustimmung.) Stadlrath Noske weist darauf hin, daß speciell die israelitische Wählerschaft Wiens stets der Vereinigten deutschen Linken zur Seite gestanden sei und daß Letztere gewiß Veranlassung habe, dies dankbar anzuerkennen und daraus die nöthigen Consequenzen zu ziehen. (Zwischenruf: Sie thuts aber nicht.) Wenn man ihr vorwerfe, daß sie es nicht thue, dann müsse er darauf Hinweisen, daß das, was gegen den Antisemitismus bisher geschehen, von ihr mit Unterstützung der Demokraten ansgegangen sei. So lange die Linke zwar geschlossen, aber trotzdem machtlos gewesen sei, habe sie nicht viel gegen den Antisemitismus machen können, was hätte sie auch thun sollen! ^Zwischenruf: In der Opposition bleiben.) In der Opposition zu bleiben hätte nach seiner Ansicht gar keinen Werth gehabt; es sei das Postulat einer jeden politischen Partei, zur Macht, zur Regierung zu kommen und nicht ewig als ideale Träumer herumzugehen. Erst heute wäre es, wenn sie auch nur zu einem Dritttheil zur Macht gekommen sei, eine Laxheit, wenn sie nicht rücksichtslos gegen den Antisemitismus Stellung nähme. Deshalb wäre es für die israelitische Wählerschaft ein politischer Selbstmord, dieselbe zu verlassen. Ein einzelner Mann, der sich außerhalb der Parteien stellen will, werde gar nichts erreichen können. „Ich bin" sagt Stadtrath Noske, „Realpolitiker genug, um mich auf den Boden der gegebenen Thatsachen zu stellen und zu sagen: Ich glaube, wenn ich gewählt werde, im Interesse meiner Wähler eher zu handeln, wenn ich im Kreise und unterstützt von einer mächtigen Partei, die zur Regierung gehört, etwas, zu erreichen strebe, als mich allein zu stellen und nichts zu erreichen. Ich würde es als meine Pflicht ansehen, das Programm der Gleichberechtigung zu erfüllen." Der Redner weist darauf hin, wie unerläßlich eine Einigung sei und daß er, wenn er auch für seine Person bereit wäre, seine Candidatur zum Opfer zu bringen, nicht die Ueberzeugung haben könne, daß eine, solche Einigung durch seinen Rücktritt herbeigeführt werde. Nichts aber wäre bedauerlicher und folgenschwerer, wenn ausschließlich aus confessionellen Motiven ein Kampf geschürt würde, gerade von einer Seite, die es so tief und bitter empfindet, daß gegen sie ein confessioneller Kampf geführt wird, Stadtrath Noske schloß mit den Worten: „Und nun trete ich an Sie mit der Bitte, zu untersuchen, ob Sie einen Mann mit den Anschauungen, wie ich sie Ihnen darlegte, auch Ihres Vertrauens würdig halten oder nicht. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Der zweite Redner, Herr Dr. Ofner, von seinen Anhängern mit lebhaftem Beifalle empfangen, geht nach kurzer Einleitung aus die drei Fragen ein, welche die gegenwärtige Situation charakterisiren: Die Coalition, die Wahlreform, der Antisemitismus, und sagt: „Die Coalition ist nach meiner Ueberzeugung nicht blos ein Verbrechen an den Grundsätzen des Liberalismus, welcher nie und nimmer ein Bündniß mit der offenen Reaction schließen durfte, die Coalition ist mehr als das, sie ist ein Fehler. Oesterreich ist, wie Ihnen Allen bekannt ist, ein ultramontanes, feudales, militärisches Gebilde und es ist für Jeden zweifellos, daß, wenn Liberalismus und Reaction sich sogenannt coaliren, dies nichts anderes ist als der Schemel für die Reaction." Einen Beweis für diese Behauptung bieten das soeben im Reichsrathe durchgebrachte Hausirgesetz, das Ratengesetz, das Gesetz für die Regelung des Gemischtwaarenverschleißes. Wir haben noch nicht Arbeitslose genug, es mußte das Hausirgesetz kommen, um noch ein paar Tausende hinabzustoßen ins Elend ad majoremgloriam des Antisemitismus. Das Herandrängen des Ultramontanismus an den Liberalismus mit dem Hinweise auf die Socialdemokratie wird nach Ueberzeugung des Redners dahin führen, daß es der liberalen Partei in Oesterreich so ergehen werde, wie der nationalliberalen in Deutschland, welche durch die Connivenz ihrer Führer gegen die Junkerpartei heute ganz zersprengt sei. Bezüglich der Wahlreform tritt der Redner für das gleiche allgemeine und directe Wahlrecht ein, das er nicht blos als einen Act der Gerechtigkeit, sondern auch als Staatsklugheit bezeichnet. In diesem Pünkte, sagt Dr. Ofner, will ich Sie als Juden erinnern an Ihre glorreiche Vergangenheit, Ihre gedrückte Mit-

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