Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 12 (23.3.1894)
- Date
- 1894-03-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 12 Verlerredtztfitze WmtzrnptzrM Sette 231 Viertel dieser Summe sei von der Gesellschaft bis vorigen October ausgegeben worden, wobei die Hälfte davon zum Ankauf von Ländereien Verwendung fand. Indessen ist die Auswanderung von Juden nach jenem neuen „gelohten Lande" in der Argentinischen Republik hinter der ursprünglich ins Auge gefaßten Scala noch erheblich zurückgeblieben. Im October vorigen Jahres belief sich die Ziffer jener Colonisten aus 2683 Köpfe, in welche sich ungefähr 800 Familien theilten; jedoch wurde bis zum Jahresende die Ankunft von weiteren 450 Familien, in Summa 3000 Personen, erwartet und außerdem ein halbes Tausend von Verwandten schon eingebürgerter Colonisten in Folge günstiger Berichte, welch' Letztere über den Gang der Dinge nach ihrer russischen Heimat gesandt hatten. Das bisher erworbene Territorium erstreckt sich auf 500 O.uadratmeilen (englisch), wovon bereits ein Dritttheil im vorigen October von jüdischen Colonisten unter Cultur genommen war. So etwas wie 17.250 Acres (3 Acres 1 Morgen Landes) trugen Getreide, was bei einem Durchschnittsertrage von einer „Tonne" Gewicht (= 20 Centner) per 2'/- Acres eine Gesammtzifser von 7300 Tonnen darstellen würde, mit einem Geldwerthe von 30.000 Pfund Sterling oder 7 Percent auf das bis jetzt zur Verwendung gelangte Capital. Eine Zeit lang fand man erhebliche Schwierigkeiten darin, eine genügende Zahl von Pflugstieren und Milchkühen aufzutreiben, und dies wird mit als Grund dafür bezeichnet, daß man die Einwanderung neuer Colonisten zu verzögern hatte. Sachkenner äußern sich sehr günstig — so schreibt der Bericht — und erklären es für sehr befriedigend, daß Juden, die bis dahin auch nicht die mindeste' Kenntniß von Ackerbau besessen, die Fähigkeit erwiesen, sehr schnell für die Besonderheiten solcher Arbeit trainirt zu werden. Eine große Anzahl dieser Colonisten wäre vordem ausschließlich mit städtischem Leben vertraut gewesen und hätte nur mit städtischem Gewerbe sich abgegeben — als kleine Geschäftsleute, Kleider- und Schuhmacher, Näherinnen, Hausirer, Schmiede u. s. w. Wie in manchen anderen Kreisen herrschte auch bei den argentinischen Behörden anfänglich äußerst großer Zweifel über die wahrscheinliche Wirkung solcher russischen Einwanderung auf die Zukunft der socialen und möglichenfalls politischen Einrichtungen des Landes. Indessen äußere man sich heute dort günstig über die Resultate, lasse die bisherigen Vorurtheile dahinschmelzen und blicke neuen Ankömmlingen nicht mehr mit Mißtrauen oder Ungunst entgegen. Als besonders lobenswerth wird das Benehmen des Directors jener Colonien und seines Beamtenstabes hervorgehoben. Von dieser Seite sei man den Ankömmlingen jederzeit mit viel Bereitwilligkeit und ohne bureaukratische Engherzigkeit entgegengekommen, habe sie theoretisch und praktisch mit ihrer neuen Erwerbsmethode vertraut gemacht, sie über die Erzielung von Erfolgen unterrichtet und ihnen dringend angerathen, sich in dieser neuen, ihnen bisher fremden Thätigkeit auf fremden Boden genau auf der ihnen amtlich bezeichneten Linie zu halten. Ursprünglich habe im Plane gelegen, den Colonisten mit Land und Geldmitteln zu versehen und seinem eigenen Vorgehen zu überlassen, bald jedoch dem jetzigen Aufsichtssystem den praktischen Vorzug gegeben. Die „Association" zahlt die Reisekosten pon Rußland nach jenem Coloniallande in Argentinien und macht sich anheischig, jeder Familie ungefähr 190 Acres Landes, je nach der Zahl der Mitglieder, zu überlassen, zugleich mit 8—12 Ochsen, zwei Pflügen, zwei Eggen, einem Hause und für Nahrungsmittel so lange Sorge zu tragen, bis der Ackerboden Unterhalt liefere. Die „Association" verschafft sich die Ausgaben in der Weise allmalig zurück, daß nach jeder guten Ernte eine kleine Theilrückzahlung zu erfolgen hat, je nachdem jede Familie solche ohne Beschwerden leisten kann. In der Londoner Presse begegnet man sehr viel Anerkennung für jene Verhältnisse. Eine künstliche und sehr rasche Schöpfung von Wohlstand, so heißt es darin, sei freilich nicht ohne gewisse Gefahren, aber habe auch manche Vortheile auf ihrer Seite, richte verzagende Herzen wieder auf und lasse Verzweifelnde neue Hoffnungen fassen. Das „Daily Chronicle" schließt eine Betrachtung mit den Worten: „Sehr viel hängt dabei von der discreren und festen Verwaltung seitens des Directors ab und nicht minder gilt dies von seinen Beamten. Ist es auch wohl noch etwas zu früh, Schlüsse mit vollstem Vertrauen zu ziehen, so bietet doch jenes Project eine große gegenstandsreiche Lection für solche Länder, die einen hilflosen Bodensatz der Bevölkerung hegen, und die Entwicklung wird im Laufe kommender Jahre mit vielem Interesse beobachtet werden." Wie sich das hier erscheinende Wochenblatt „Jewish Chronicle" über eine andere jüdische Colonialgründung, und zwar in Palästina äußert, hat Baron Edmund v. Rothschild seit einem jenen Colonien gemachten Besuche sich mit viel Zuversicht über deren künftiges Gedeihen ausgesprochen. Er habe weitere Landstrecken zum Besten der Colonisten angekauft. Diese hätten ihm versprochen, sich wieder des Hebräischen als Tagessprache (?) zu befleißigen. Türkische Würdenträger hätten jene Colonien besucht und seien mit Erkenntlichkeit empfangen worden. Man habe ihnen zu Ehren sogar Triumphbogen errichtet mit der Inschrift: „Langes Leben unserem Souverän Abdul Hamid!" Jene türkischen Herren hätten vorurtheilsfrei auch einem Gottesdienst in der Synagoge beigewohnt und der Vornehmste unter ihnen habe verheißen, daß Se. Majestät sowohl die Juden im Allgemeinen als jene Colonien insbesondere unter seinen Schutz nehmen werde. Rothschild errichtet in Palästina eine Glasfactorei. „Die Weincultur blühtheißt es in seinem Bericht. „Nicht Juden und Christen allein, auch Mohammedaner trinken jenen Wein." Der Baron habe ferner 20.000 Francs zur Errichtung eines Asyls für Arme jedes Glaubensbekenntnisses beigesteuert. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, daß die Argentinische Republik als Nachbarin auf patagonischer Erde ein communistisches Colonialland empfängt. Wie aus Australien hierher gemeldet wird, hat sich eine Gesellschaft Wohlhabender gebildet, welche in Patagonien große Landstrecken erworben, denen der Name „N eu - Austra lien" beigelegt wurde. Es seien Leute, die ihres gegenwärtigen Lebens müde sind. Die Zahl dieser wohlhabenden Colonisten soll auf 10.000 Köpfe berechnet sein; 3000 hätten sich dem Verbände bereits angeschloffen un) ihre Ueberschiffung habe bereits begonnen. Sie wollen in Zukunft nach communistischen Grundsätzen leben. Jeder Theilnehmende habe im Anfang den Betrag von 60 Pfund Sterling in eine gemeinsame Kasse zu zahlen. Man beschränke sich zumeist auf australische Angesessene und heimischen Briten solle der Anschluß nur unter der Bedingung gestattet werden, daß sie Empfehlungs-Atteste von dem in London weilenden russischen Nihilisten Fürsten Krapotkin oder solche von hervorragenden Führern der socialdemokratischen Partei vorzuweisen vermögen. Die australischen Berichte erwähnen, daß diese neue „Bewegung" dort nur deshalb etwas alarmire, weil die Zahl von Arbeitslosen in Neu-Holland schon eine bedenkliche Höhe erreichte und der Massenfortzug von bemittelten Leuten das Nebel steigern würde. Es gab in den Zwanziger-Jahren dieses Jahrhunderts ein Vorspiel zu solcher Communisten-Auswanderung, und zwar aus Frankreich. Eine Anzahl Familien kaufte sich in Texas an und schaffte sich aus gemeinsamer guter Kaffe, wie verlautete, Wohlstand und behagliches Heim für Alle. Aber das Ende sei damit gekommen, daß in der nächsten Generation die Söhne ihren Eltern Valet sagten, mit dem Hinweis, daß sie lieber in das thätige Ringen und Streben der Volkswelt alter Mode zurückkehren wollten, als in so farbloser Eintönigkeit die Hände in den Schoß zu legen. Was Dr. Hertzka's Freilands-Gründung angeht, so beschäftigt sich die hiesige Preffe öfters damit. Die Kritik ist eine verschiedene, aber auch Zweifler halten nicht mit besten Wünschen für Erfolg zurück.