Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 12 (23.3.1894)
- Date
- 1894-03-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 12 Deflerreichisttzr Wochenschrift Seite 225 semitischen Hetze zurückzuziehen und seinem Geschäfte eine anständige Basis zu geben. Vor wenigen Tagen ist der Dresdener Erzeuger jener schmählichen Bilderbögen, welche die Herren Lesk und Schwidernoch in Wien hatten einbürgern wollen, von dem gleichen Schicksale ereilt worden. Die gerichtliche Untersuchung wird nun zeigen, ob die Firma Lesk und Schwidernoch sich blos der leichtsinnigen oder der b etrügerischen Crida schuldig gemacht hat. Wir werden dieser Untersuchung nicht vorgreisen. ' Die Erfolge der Herrn Lesk und Schwidernoch werden wohl keinen ihrer Gesinnungsgenossen mehr zur Nachahmung reizen. Ueber die sittlichen Qualitäten dieser Leute aber hat sich das große Publicum schon längst sein Urtheil gebildet. Heute weiß man, für wem der Strick gedreht ist, der als Symbol auf den aus Deutschland importirten Juden-Caricaturen paradirte. Unter Aller Würde. Am 13. Februar d. I. verleumdete der Abgeordnete Schneider die Mehrheit des Wiener Gemeinderathes. Der fortschrittliche Parteiverband erklärte es für tief unter feiner Würde, auf solche Anwürfe eine Antwort zu geben. Die Juden halten es schon lange für unter ihrer Würde, auf die antisemitischen Angriffe einzugehen. Auch die Staatsanwaltschaft hält es augenscheinlich für unter ihrer Würde, sich mit den Antisemiten einzulassen. Ist es da ein Wunder, wenn die Zustände unter Aller Würde sind? Gegen die Juden läßt sich moralisch nichts sagen. Sich Niederschlagen lassen, weil es unter seiner Würde ist, sich mit seinem Gegner herumzuprügeln, ist sogar sublim. Der fortschrittliche Parteiverband sollte aber doch nicht vergessen, daß er nicht eigene, sondern fremde Rechte zu schützen hat, daß er Mandatar der fortschrittlichen Wähler im Lande ist. Als solcher hat er die Interessen des Fortschritts auf jede ehrliche und anständige Weise zu schützen, nicht aber seine vermeintliche Würde als Vorwand für seine Energielosigkeit zu gebrauchen. „Würde" war noch stets das Losungswort absterbender politischer Parteien. Durch die Passivität der fortschrittlichen Führer wird der Freisinn geschädigt. Sind die Führer zu vornehm, sich zu wehren, dann — fort mit ihnen. Dann müssen sie eben derberen Führern im Interesse der Allgemeinheit Platz machen. Dies freiwillig zu thun, wäre wirklich vornehm und würdig. Anderen Falls würden die Wähler gut thun, über die „Würde" der Herren ebenso zur Tagesordnung überzugehen wie die Gegner. (Ein Berliner Beobachter Wiener Vorgänge.) „Schirtzt dir Iudrn nieder." Gemeinderath und Baurath Wilhelm Stiaßny ist also zu 12 Stunden Arrest verurtheilt worden wegen Schmähung des Herrn Greg orig. Herr Gregorig wurde geschmäht und das ist strafbar. Fü: die Schmähungen aber, welche den Juden jahraus jahrein in Wort und Schrift zugeschleudert werden, fand sich bis jetzt kein Richter. Dr. L u stkandl hat ihm im Landtagssaal zugerufen: „Sie sind ein frecher Lügner", allein die Rathstube erfordert besondere Anständigkeit. Greg orig spricht von „jüdischen Jnsectenknaben", er ruft: „Pfui, Jude" — darauf liegt keine Strafe! Es liegt uns ferne, ein richterliches Urtheil zu kritisiren, allein die Frage drängt sich uns auf, warum sich niemals zu Gunsten der Juden ein Richter oder Staatsanwalt findet? In der „Volksstimme" z. B. finden wir folgendes „Eingesendet": Geehrter Herr Redacteur! Im XVII. Wiener Gemeindebezirke (in Johann Randa's Gasthaus „zur heil. Dreifaltigkeit", Hernals, Hauptstraße 135) besteht seit mehreren Jahren der Männergesangverein „Hernalser Sängerbund". Sonntag den 11. März war eine größere Anzahl von Mitgliedern dieses Vereines, unter Anderen der Obmann, Messerschmied Franz Mohr, sowie die Vorstandsmitglieder Bernhart, Geschäftsführer im Kaffeehause seiner Mutter und Fahnenjunker des Vereines, Kolbaba jun., Kinderwagen-Erzeuger, XVII., Mariengasse 12, und der Kistentischlers-Sohn Nossek, außerdem einige Familien mit ihren Töchtern und minderjährigen Kindern, mehrere Burschen und zu ihnen gehörige Mädchen anwesend. Nachdem diese Gesellschaft unter Clavierbegleitung mehrere Lieder gesungen, ließen sie das Trinkhorn des Vereines mit Bier füllen und stimmten das bekannte Trinklied: „Ich hin der Fürst von Thoren, zum Saufen auserkoren rc." an. AIS dasselbe bereits einigemale gesungen war und die Reche an den Kaffeesieder Bernhart kam, so sang derselbe im Refrain bei der Strophe: „Ihr Jäger spannt's Gefieder", statt: „Schießt mir die Füchslein nieder", mit scharfer Betonung: Schießt mir die Juden nieder!" Nachdem dies mit Jubel ausgenommen wurde, so stimmte Bernhart nochmals das Lied vom Anfang an und schaltete neuerdings statt des Wortes „Füchse" das Wort „Juden" ein. Bernhart übergab sodann das Horn an einen der anwesenden Sänger (Kunz), welcher mit noch schärferer Betonung die von Bernhart durchgeführte Textänderung sang, was nach Beendigung des Liedes mit ungeheurem demonstrativen Beifall, Händeklatschen, Johlen und Strümpfen ausgenommen wurde. Jedoch scheint dies einigen Herren, hauptsächlich den älteren, welche mit Familie anwesend waren, zu stark gewesen zu sein, denn sie verließen nacheinander das Locale. Außer einer größeren Anzahl von Gästen im Gastzimmer befand sich im Extrazimmer ein Herr, welcher diese Vorgänge beobachtete, und ein in der Nachbarschaft etablirter Geschäftsmann mit seiner Frau wendete sich, nachdem ihm die Dreistigkeit der Herren Sangesbrüder doch zu arg wurde, an die anwesende Wirthin mit dem Ersuchen, daß in einem öffentlichen Locale, wo Jedermann der Zutritt gestattet ist, ein solcher Mißbrauch der edlen Sangeskunst, wodurch Andere beleidigt oder gar gefährdet werden können, hintanzuhalten sei. Die Wirthin ließ durch den Zählkellner die Saufbrüder verständigen, daß sich andere Gäste aufhalten, sie möchten die beleidigenden und aufreizenden Einschaltungen unterlassen. Nach kurzer Zeit war das Locale geleert. Zwei der bereits genannten Sangesbrüder, der Kistentischlers - Sohn Nossek und der Korbflechters-Sohn Kolbaba, blieben jedoch zurück, nahmen vor dem Tische des Beschwerdeführers eine ungemein herausfordernde Haltung an und Letzterer drohte: „Weh' Ihnen, wenn Sie etwas unternehmen sollten und der Verein, welcher ein nichtpolitischer ist, wegen Uebergrifses auf das politische Gebiet aufgelöst werden sollte!" Wie weit die Verrohung in dieser Körperschaft gediehen sein muß, zeigen nachstehende, im Verlaufe des Streites gethane Aeußerungen: Kolbaba: „Wenn wir einen Juden hereinnehmen und ihn kreuzigen, so kümmert das Ihnen an Dr..., Sie haben 's Maul zu halten!" Nossek: „Was machens S' denn für Geschichten wegen die Juden, is ja nur a Jud. Sö san ka Jud und ka Jüdin — na so geht's Jhna a nix an, zu was nehma S' Jhna nacha an" u. s. w. Vielleicht wirkt die Veröffentlichung dieser bezeichnenden Scene doch etwas ernüchternd auf die antisemitischen Sängerbündler von Hernals. Wien, 16. März 1894. Hochachtungsvoll Kießwetter. Zur Haustrgesetz-Novelle. Das neueste Bubenstück, das „Ehren-Vergani" in seinem Schmutzblatt aufgeführt hat, indem er seinen Lesern erzählte, daß die Hausirer ein solch glänzendes Einkommen hatten, daß sie im Sommer zur Erholung in „Vöslau" wohnen und im Winter sich den Luxus eines Logen-Abonnements in den Hoftheatern erlauben können, reiht sich würdig den bisherigen ge-