Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 11 (16.3.1894)
- Date
- 1894-03-16
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 216 Orsterrrichifche Wochenschrift Nr. 11 gestört l°ben, dort hatte er keinen Verrath zu befürchten, nach der heiligen Stadt reichte-Markgraf Wilhelm Friedrichs gewaltthätiger Arm nicht!" Und Ihr, Ihr treuer Mann, der Ihr Weib und Kind besitzt und sie abgöttisch liebt", rief Dina Frankl, „Ihr konntet Euch entschließen, meinen Gatten nach Jerusalem zu begleiten, Euere Familie so lange ohne Schützer und Ernährer zu lassen?" „Frau Oberrabbinerin", entgegnete Deidelsheimer und ein gntmüthiges Lächeln überflog seine Züge, „Sie kennen ja unfern Rabbi, der sich, soweit es sich um ihn selbst handelte, nie um das Getriebe des gemeinen Alltagsleben gekümmert hatte. Es erschien oft unerklärlich, daß ein Mann, der, wenn es sich um die Interessen Anderer handelte, wenn es sich darum handelte. Bedrückte zu beschützen, Unglückliche zu retten, den Markgrafen von Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten abzuhalten, so hohe Lebensklugheit und Energie zu entwickeln vermochte; — wenn es sich um seine und der Seinen Rechte und Vortheile handelte, so ganz apathisch blieb. Er hat sich nicht um das' Geschäft, dessen Theilhaber er war, gekümmert und nur aus dem Grunde alljährlich nachgefragt, wie viel gewonnen wurde, um den Zehnt für wohlthätige Zwecke zu verwenden. Wie konnte ein solcher Mann, allein, von den höchsten Gefahren bedroht, die weite, beschwerliche Reise unternehmen? Das war ja völlig undenkbar! In seiner frommen Einfalt hätte der Mann, von dem ich's beschwören möchte, oaß nie ein unwahres Wort auf seine Lippen getreten, sich tausendmal verrathen und sich von Neuem in entsetzliches Elend gebracht!" „Gott hat uns viel. Leid zugeschickt, abec er hat uns auch große Huld erwiesen: — daß er uns einen so edlen Freund wie Du es bist, beschieden", sprach Dina Fränkl. Deidelsheimer that, als wenn er die Unterbrechung überhörte und fuhr fort: „Zum Glücke war ich, wie Sie, junger, gnädiger Herr, wissen, reichlich mit Geld versehen, Herr Rafael" — Deidelsheimer wandte sich an die Frauen. — „hatte in seiner umsichtigen Weise auch die Möglichkeit in's Auge gefaßt, daß wir, wie dies in der That geschehen, durch einen unberechenbaren Zwischenfall bei dem Befreiungsversuche zersprengt würden und ich gezwungen sein könnte, zu flüchten, längere Zeit in der Ferne zu leben, und hatte mir für alle Fälle eine aroße Summe übergeben, die ich in einem Geldgurt unter den Oberkleidern trug. Der Rabbi wollte es zuerst nicht dulden, daß ich ihn begleiten, nicht zu meiner- Familie zurückkehren wollte, schließlich sah er doch die Nothwendigkeit ein und ich glaube fast, er freute sich dessen." „Gewiß, bestimmt!" rief Eva, „der Vater mußte ja erkennen, daß er nicht einen einzigen Tag ohne Dich hätte bestehen können." „Der Rabbi war noch zu schwach, um sofort die weite Reise anzutreten, aber er fühlte sich glücklich und sein Gesicht strahlte verzückt, nls er nach sechsthalb Jahren wieder das Erstemal in Tallis*) und T'filin sein Gebet verrichten konnte. Drei Tage päter hieß es, daß meines Bruders Schwiegervater nach langer Krankheit wieder in seine Heimat zuruckkehre und die Bauern des Dorfes, die mit meinem braven, wohlthätigen Bruder im besten Einvernehmen leben, bedauerten es, ihn nicht näher kennen gelernt zu haben. Unsere lange Reise war gefährlich und beschwerlich. Da wir Nachum Hanau's und seines Dieners Reisedocumente benutzten, hatte ich die schwierige Aufgabe, alle Orte zu vermeiden, wo sowohl unser Rabbi, als Nachum Hanau bekannt sein konnte. Auch war unser Rabbi noch so schwach, daß wir nur kurze Tagreisen machen konnten. Ueberdies waren wir gezwungen, kleine jüdische Gemeinden, auch wenn diese weitab von unserem Wege lagen, aufzusuchen, um den Rabbi, dessen Gesundheit durch den lang entbehrten Genuß warmer Speisen gelitten hatte, solche verschaffen zu können. Namentlich und ganz besonders aber mußte ich mein Augenmerk darauf richten, an Sabbathen und Feiertagen nach Orten zu gelangen, wo Glaubensgenossen lebten und wir die Ruhetage halten konnten. Als wir endlich deutschen Boden verließen, athmete ich etwas freier auf — aber zuweilen tauchte Gefahr da auf. wo ich dies am wenigsten erwartet hatte." „In welcher Art, in toelcher Weise?" frug Rafael. „Zuweilen in der sonderbarsten! Das Erstemal war's in einem mährischen Dorfe. Wir waren eines Sonntags Mittag in demselben angelangt und der Kutscher, den wir für mehrere Gebktmantel. Tage gemiethet und der uns bis an die ungarische Grenze führen sollte, weigerte sich, weiter zu fahren; wenn wir, so sagte er, als Juden gestern den ganzen Tag geruht hatten, so habe er als katholischer Christ das Recht und die Pflicht, wenigstens Sonntag Nachmittag zu ruhen. Unser Rabbi fand dieses Begehren nicht nur billig, sondern lobenswerth und wandte darauf den Bibelspruch an: „Es mögen alle Völker im Namen ihres Gottes wandeln, und wir wandeln iü dem Namen des Ewigen, unseres Gottes". Ich aber erkannte, daß nicht Frömmigkeit den Kutscher veranlaßte, im Dorf zu verweilen, sondern weil — gerade als wir ankamen — ein Bajazzo unter Trommelschlag und Trompetenklang verkündete, daß Nachmittag der berühmte Akrobat Francesco Tremigo, der sich schon vor dem Papste, dem türkischen Kaiser und den Königen von Frankreich, Spanien und Dänemark mit dem größten Beifall producirt hatte, mit seiner Truppe auf dem Dorfplatze eine große Vorstellung geben und noch nie dagewesene Kunststücke vorführen würde und der Kutscher sich dieses Schauspiel nicht entgehen lassen wollte. Da in dem Dorfe kein Jude wohnte, wo wir Unterkunft finden konnten, blieb mir nichts übrig, als von dem Wirthe für eine ziemlich große Summe für die kurze Dauer unseres Aufenthaltes ein kleines Dachstübchen zu miethen. Schon lange vor Beginn der Vorstellung, waren die Seiltänzer mit den Vorbereitungen zu derselben auf dem Dorfplatze beschäftigt, unter Anderem zogen sie ein Seil von der Spitze des dem Wirthshause gegenüberliegenden Kirchthurms bis zu unserem Fenster, welches wir deshalb offen lassen mußten. Wie Sie es wissen, ist unser Rabbi stets geistig rege, und wenn es auch zuweilen einem Fremden, der ihn nicht näher kennt scheint, daß er gedankenlos vor sich hinstarrt, ist er doch stets mit religiösen Studien beschäftigt und wiederholt in Gedanken einen der talmudischen Tractate, die er alle auswendig herzusagen weiß. Unser Rabbi saß am Nachmittage in dieser Beschäftigung versunken in unserem Zimmer am Tische und ließ sich von dem geräuschvollen Treiben, den Jubel-und lärmenden Beifallsrufen bei einen: besonders gelungenen Kunststücke nicht stören, während ich, von Ungeduld über die Verzögerung unserer Reise verzehrt, nichts Anderes zu thun wußte, als am Fenster stehend die Productionen der Truppe mit anzusehen. Der Haupt- Held derselben war ein schlank gewachsener Mann, dessen Alter aus dem Grunde nicht bestimmbar war, weil er sein Gesicht durch einige farbige Striche in komischer. Weise entstellt hatte. Er trug eine mit Goldflitter verzierte Jacke, die auf einer Seite grün, auf der andern roth war und ebensolche Beinkleider, nur daß bei diesen die Seite, wo die Jacke grün, roth und wo die Jacke roth grün war. Am Kopfe trug er eine mit Schellen besetzte Narrenkappe, die bei jeder seiner Bewegungen klingelte. Die Kappe hatte eine eigentümliche Form; während sie die Stirne ganz frei ließ, ging sie an beiden Seiten so tief herab, daß von den Ohren nichts sichtbar war. Nachdem der Seiltänzer und die Mitglieder seiner Truppe mehrere Kunststücke ausgeführt, rief der Bajazzo, der dem Publicum immer ankündigte, was es demnächst zu sehen bekommen werde, mit weit tönender Stimme, jetzt zum Schlüsse der Vorstellung würde der berühmte Francesco Tremigo von dem Kirchthurmfenster das von diesem über die ganze Breite des Dorfplatzes bis zum Dachfenster des Wirthshauses gespannte Seil besteigen, und in jeder Hand ein Glas Wein haltend, den Weg'bis zum Dachfenster zurücklegen, dort angelangi, auf der Fensterbrüstung eines auf das Wohl des gnädigen Herrn Oberamtmannes. und nachdem er in das Zimmer getreten und sich dort wenige Minuten ausgeruht haben würde, wieder dem Weg zum Thurmfenster zurücklegen, dort das zweite Glas auf das Wohl des Publicums leeren und auf dem Hin- und Herweg nicht ein Tropfen vergießen. Deidelsheimer hielt einen Moment . inne und schüttelte leicht das Haupt, wie man zu thun pflegt, wenn man von'der Erinnerung an ein peinliches Ereigniß erfaßt wird, dann fuhr er fort: „Der Seiltänzer betrat hierauf, in jeder Hand ein volles Glas haltend, am Thurmfenster das Seil und schritt auf diesem langsam dem Fenster zu, au dem ich stand, ja um die Wirkung seines Kunststückes zu erhöhen, setzte er zuweilen einen Fuß in die Luft, als ob er ausgleiten würde. Es wurde dies stets vom Publicum mit lärmendem Beifall begrüßt, während ich für diesen Menschen, der für geringen Lohn sein Leben wagte, tiefes I Mitleid empfand und es nicht zu erwarten vermochte,! bis er glücklich durch das Fenster, an dem ich stand, eintreten würde und sogar entschlossen war, ihn — trotzdem