Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 11 (16.3.1894)
- Date
- 1894-03-16
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 11 Oesterrrichifche Wochenschrift Seite 315 schönsten Resultaten gekrönte Thätigkeit. Mit wahrhaft regem Eifer, mit gewissenhaft genauer Umsicht, stets unverdrossen wurde dem Ausbaue aller gemeinnützigen Institutionen der hiesigen Gemeinde die thatkräftigste Aufmerksamkeit zugewendet. Die Creirnng der 3. Handelsclasse, die Centralisirung der verschiedenen Cassen der hier bestehenden Wohtthätigkeitsvereine, die Neugestaltung der Secretariats-Agenden durch Anstellung des Herrn L. Barta, Anstellung eines besoldeten Cassiers u. s. w. sind anerkennenswerthe Errungenschaften dieser Section. Im abgelaufenen Jahre hielt diese Sectivn 24 und mit dem Gesammtvorstande 22 Sitzungen. Der Gesammteinnahme von fl. 64.618-35 stehen die Ausgaben von fl. 63.016-07 gegenüber. Das Gesanuntvermögen der Gemeinde beträgt heute außer dein Tempelgebäude und der der Chewra-Kadischa und den sonstigen Vereinen gehörigen Realitäten und Effecten rund fl. 300.000. Doch der diese Summen an Werth weit überragende Schatz der hiesigen Gemeinde besteht irr dem inneren, seit einem Jahrhundert ungetrübt gebliebenen Frieden; kein Atom von orthodoxer Zerklüftung, fern von jedem Parteizank, mit den weitgehendsten Reformen, und den auf der Höhe der Zeit stehenden Einrichtungen in Tempel, Schule und Gemeinde, wandelt diese, in der von den Heimgegangenen Koryphäen ihrer weiland gewesenen Religions-Oberhäuptern: Mayer Szanlü. Leopold Löw und Hirsch B. Faßel vorgezeichneten, und in der Gegenwart, von ihrem Oberrabbiner Dr. Neumann geistig weitergeebneten Bahn friedlich, heilfördernd und segenbringend fort. Hoffen wir, daß dies durch die bereits erfolgte Wiederwahl des Herrn Wilhelm Gutmann de Gelse als Präses auch weiter so bleibe. G. Belovar. In der am 7. d. M. abgehaltenen Generalversammlung der hiesigen Bezirks-Cultusgemeinde, wurde Herr I. Fleischmann zu deren Präses und Herr Em. Ebenspanger zum Präses-Stellvertreter mit Acclamation wirdergewählt. Die beiden Herren bekleiden dieses Ehrenamt 19 Jahre hindurch und kann dieses als ein ehrendes Zeugniß ihres ersprießlichen Wirkens betrachtet werden. Als Repräsentanten wurden neugewählt die Herren Dr. znr. Rehberger, Stadt-Physikus Doctor Fischer, Wilhelm Weiß und Leopold Singer. Fürstengunst. > Roman von S. Kohn. Verfasser von „Gabriel". Jede» unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersetzangs 50) rechte Vorbehalten.) „Ich verlebte in dem Hause meines Bruders unschilderbare Qual. Der Rabbi rang wochenlang mit dem Tode und doch durften wir es nicht wageu, einen Arzt zu rufen. Es durfte außer meinem Bruder, meiner Schwägerin und mir Niemand den vermeintlichen Nachum Hanau zu Gesicht bekommen. Auch befand ich mich in schweren Sorgen um Sie, meine Hochgeehrten, und diese wurden bald noch dadurch erhöht, daß die Erlässe des Markgrafen, in welchen ein Preis auf Ihre Habhaftwerdung ausgeschrieben war, zu meiner Kenntniß gelangten. Zu alledem trat noch die Sorge, ob unser Rabbi auch nach se'ner Genesung, im Stande sein würde, eine weite Reise nach einer fernen Gegend, wo er vor den Verfolgungen des Markgrafen sicher sein konnte, zu unternehmen, ob es mir gelingen würde, einen solchen Ort zu ermitteln. Ueberdies quälte es mich auch unertragbar, daß mein gutes, treues Weib sich in Sorgen um mich verzehren würde." „Wie Sie wissen, war es besprochen worden, daß, sobald unser Rabbi glücklich aus dem Kerker entkommen, Sie alle mit ihm so rasch als möglich Deutschland verlassen, ich aber zu meiner Familie zurückkehren sollte. Meine Frau hatte mich schon längstens am 22. November erwartet! Ich durfte es nicht wagen, sie durch ein Schreiben zu beruhigen, ich durste nicht das gefährliche Geheimniß dem Papiere, nicht dieses einem Boten anvertrauen. Doch von dieser Seelenpein erlöste mich die Güte meines Bruders. Er entschloß sich, zu meiner Frau zu reisen, ihr Alles mitzutheilen, sie über mein langes Ausbleiben zu beruhigen, ihr aber auch zu sagen, daß ich meinen Herrn, der jetzt allein auf mich angewiesen sei, nicht verlassen könne, daß sie mich nicht eher Wiedersehen werde, als bis ich den Rabbi in volle Sicherheit gebracht und sie sich auch daraus gefaßt machen müsse, so lange keinen Brief von mir zu erhalten". „Reb Josel", sprach Rafael bewegt, „ich weiß nicht, was ich an Dir mehr bewundern soll, Derne nie erlahmende Geistesthätigkeit, Deine bewundernswerthe Umsicht oder Deine Pflichttreue, die Du-nach jeder Richtung hin bewiesen". „Wo sind wir?" waren die ersten Worte, die der Rabbian mich richtete, als er sein volles Bewußtsein erlangt hatte. Nachdem ich mich durch einige Fragen überzeugt hatte, daß dem Rabbi all die verhängnißvollen Ereignisse, die er erlebt, klar und deutlich bewußt waren, theilte ich ihm mit, daß er sich unter Freunden, in dem Hause meines Bruders, seines treuergebensten Dieners befände, daß aber hier nicht für die Dauer unseres Bleibens sei und wir, sobald sich der Rabbi stark genug fühlen würde, Burgsdorf verlassen, uns einen fernen, sichern Ort zum dauernden Aufenthalt suchen müßten. „Bevor ich Dir", erwiderte der der Rabbi, „meinen festen, unabänderlichen Beschluß mittheile, muß ich Dir nochmals aus voller Seele für Deine Treue und Liebe danken, Dich segnen und aus voller Seele wünschen: Gott möge Deine That lohnen, vollständig möge Dein Lohn sein. Dann aber sag' ich Dir, ich bin über das Schicksal meiner. Familie vollkommen beruhigt. Meine Frau und meine Kinder haben alle religiösen Pflichten mit ganz besonderer Liebe aber: Ehre Vater und Mutter, erfüllt, diese Mizwoh*) aber zählt zu jenen, die nach dem Ausspruch unserer Weisen schon auf dieser irdischen Welt ihren Lohn finden. Nun aber muß ich Dir, Du treuer Diener, sagen» was ich Gott in meinem Herzen gelobte. Im Talmud**) steht: Wenn einen Menschen schwere Leiden treffen, so soll er alle Handlungen, die er begangen, prüfend überblicken.. Nun hatten mich schwere Leiden getroffen; ich habe nie mit einem Worte, das über meine Lippen trat, geklagt, gemurrt, aber jetzt, da mich Gott gerettet, kann ich Dir's anvertrauen, ich Hab' so Schreckliches erduldet, daß ich es nicht begreife, wie ich es zu überstehen vermochte. Jahre lang an der Mauer angekettet zu sein, das ist eine Qual, die sich kein Mensch, der sie nicht selbst erduldet, vorzustellen vermag; und da hielt ich es für meine Pflicht, darüber nachzusorschen, was ich im Leben für Fehler Hab' begangen, um so hartes Los verdient zu haben." „Des Rabbi Leben war ganz fehlerlos", hatte ich gerufen, darauf aber hatte er mit seinem milden, ruhigen Lächeln geantwortet: „Deine überschätzende Liebe für mich, läßt Dich etwas ganz Unrichtiges, mehr als das, etwas höchst Tadelnswerthes aussprechen, Du scheinst das Wort unserer Weisen: „Ist es denkbar, daß Gott ohne Grund straft?" ganz vergeffen zu haben." „Wessen konnte sich der Vater anklagen, daß er dafür so furchtbar büßen sollte?" frug Eva. „Ich hatte den Rabbi, genau wie Sie mich, unterbrochen und er hatte geantwortet: „Ich habe das harte, wär's nicht Sünde, würd' ich sagen, unverdiente Schicksal meines Bruders Elkan dadurch mit verschuldet, daß ich ihm nicht mit noch mehr Nachdruck zugeredet, eine Stellung auszugeben, die ihn leicht in Collision mit seinen religiösen Pflichten bringen konnte und ihm viel Feinde zuzog!" Der Rabbi hatte ihm oft genug zugeredet, ich weiß es und es war ja allgemein bekannt! ries ich. „Zugeredet Hab' ich ihm wohl, aber zu wenig, ich hätte energischer Vorgehen, als er sich weigcrte meinem Rathe zu folgen, ihm als Oberrabbiner mit dem Banne drohen sollen — auch hatte ich in meinen Handlungen noch manches andere Tadelnswerthe vorgefunden, das ich nicht aussühren will, weil Du's in Deiner verblendeten Liebe für mich gar nicht als Fehler anerkennen würdest. Ich aber erkannte Gottes Strafe als eine gerechte, und wenn in bösen, harten Stunden zu geistiger Bedrückung noch überschwere Körperqnalen traten, die meine Kraft zu übersteigen drohten, so daß mich dir! fürchterliche Angst umschwebte, ich könnte mich vor wahnsinnigem Schmerze mit einem Worte, das wider Willen meinen Lippen entschlüpfte, gegen den allgerechten Gott auflehnen, — da hatte ich es gelobt: wenn Er mich von dieser Höllenpein erlösen, meine Fesseln sprengen, die Thore meines Kerkers öffnen würde — mich von allem Jrd'schen abzuwenden, mich aus allen Verhältnissen, die meinen Sinn auf Nichtiges lenken könnten, zu lösen, nach der heiligen Stadt Jerusalem, wo Gottes Tempel auf Moria stand, zu ziehen und dort, mich ausschließlich dem Studium der Gotteslehre und der Erfüllung religiöser Pflichten hingebend, mein Leben zu beschließen! — Ich gehe nach Jerusalem!" Es war mir nicht lieb, daß unier Rabbi, die Leuchte der deutschen Judenheit, für immer von uns gehen, für immer aus seinem Familienkreise treten wollte, aber ich wußte, daß, wenn er dies gelobt, es keiner menschlichen Neberrednng gelingen würde, seinen Entschluß zu erschüttern, und auch das mußte ich erkennen, daß die heilige Stadt ihm das sicherste Asyl böte — dort konnte er ruhig, un- *) Gebot, Pflichterfüllung. **) Berachath 5 a.