Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 11 (16.3.1894)
- Date
- 1894-03-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 11 jPE|terretüitHJ|« W^rtzensorrM 'Lcue 211 einer humoristischen Poime nicht entbehrt. Es hat sich nämlich hier Folgendes abgespielt: Der Reichsraths- und Landtagsabgeordnete Herr I a x, Besitzer eines bisher unrentablen Bergwerkes im Abbsthale, ist seit Jahren eifrig um das Zustandekommen der sogenannten Mbsthalbahn bemüht, die nun auch schmalspurig zur Ausführung gebracht werben soll. Zur Beschaffung des nöthigen Capitals hat das Land Niederösterceich eine Subvention von 250.000 fl. votirt und auf Grund der mit Herrn Jax gepflogenen Pourparlers den gleichen Betrag von 250.000 fl. auch der in Waidhofen und Umgebung begüterte Baron Rothschild zugesichert. Man sollte nun meinen, daß für diese letztere Subvention nicht nur Herrn Jax, sondern nebenbei auch dem eigentlichen Bewilliger derselben einiger Dank zukomme, und so dachte anläßlich einer jüngst stattgehabten Versammlung auch ein Wähler, der ein Dankesvotum beantragte. Zu dieser Kundgebung kam es jedoch nicht, weil die Versammlung vorzeitig geschlossen wurde. Dafür wurde bei nächster Gelegenheit in Anwesenheit und unter den Auspicien der Herren Dr. Lueger und Dr. Scheicher Herrn Jax ausschließlich die Bürgerkrone zuerkannt und von gewisser Seite sogar angedeutet, Baron Rothschild hätte das Zustandekommen der Bahn zu hintertreiben gesucht. Man mußte sich an den Kopf greifen, um un die Wirklichkeit einer so unsinnigen Behauptung zu glauben, daß Jemand eine Viertelmillion für ein Unternehmen freiwillig votiren, dasselbe aber gleichzeitig zu untergraben suchen werde. Doch diese Sorte von antisemitischen Spielereien ist zur Genüge bekannt, und nach antisemitischem Codexwar es ferner logisch, daß man Herrn Jax, der in einer schwachen Stunde der Waidhofener Gemeindevertretung einmal Ehrenbürger dieser Stadt tvurde, stracks um seiner Verdienste willen (die er sich offenbar durch die von Baron Rothschild votirte Subventionssumme erworben) für die Bürgermeisterwürde candidirte. Jetzt aber war das Faß voll und es rann auch über. Den Waidhofner Bürgern gingen diese Machenschaften bei ru- ' higer Erwägung denn doch über den Spaß, und die Folge war, daß sich ein beträchtlicher Theil der früher zur antisemitischen Partei zählenden Wähler wieder der liberalen Partei anschloß. Dies offenbarte sich insbesondere im zweiten Wahlkörper, in welchem der bisherige Bürgermeister Julius Jax, ein Bruder des Abgeordneten, solenn durchfiel. . Der erste Wahlkörper wählte einstimmig die liberalen Candidaten, hervorragende Vertreter der Industrie und Intelligenz, und nur die Wähler des dritten Wahlkörpers bekundeten sinngemäß ihre Genugtuung darüber, daß ein Mann, der zu gemeinnützigem Zwecke eine Viertelmillion zur Verfügung stellte, rafür spöttischen Undank ernten sollte. Jndeß, diese partielle Finsterniß der Geister ändert zum Glück nichts mehr an der Thatsache, daß Waidhofen seiner Mehrheit nach dem Liberalismus zurückerobert worden ist. Seine Wählerschaft candidirt jetzt den verdienten ehemaligen Landtagsabgeordneten Dr. Th. Freiherrn v. Plenker an Stelle des Herrn Julius Jax für die Bürgermeisterwürde. Die Wahl wird demnächst stattfinden. i Das ist der Ausgang, den der Kampf der beiden (A) Jaxe genommen hat, und er enthält für die Antiliberalen wohl die Lehre, daß sie nicht überall mehr das Seil allzu straff anspannen dürfen. Die alten Akrobatenkunststücke beginnen sie allmälig im Stich zu lassen, namentlich dann, wenn eine im Kerne aufgeklärte Bürgerschaft doch ein bischen was für ihr Eintrittsgeld erwartet. Prenzlau. Uebereine verunglückte Antisemitenversammlung wird uns aus Prenzlau, 8. März, geschrieben : Vorgestern fand hier eine antisemitische Versammlung statt, die von einem Mitglieds der deutsch-socialen Reformpartei, Redacteur Wald aus Hamburg, einberufen war, wobei ich gleich vorausschicken möchte, daß die Partei einen besseren Vertreter — für die Sache ihrer Gegner nämlich — nicht hätte schicken können. Der nicht allzu geräumige Saal hatte sich bald gefüllt und zwar zu zwei Drittel mit Socialdemokraten, während das andere Drittel sich aus uninteressirten Neugierigen, Angehörigen der hiesigen jüdischen Gemeinde und auch wohl einigen Parteigenossen des Referenten recrutirte. Charakteristisch für die Gesinnung der Versammelten war die Wahl des Bureaus, die erst nach heftigem Sträuben des Einberufers erfolgen konnte. Zum ersten Vorsitzenden wurde mit fast Stimmeneinheit ein hiesiger allseitig beliebter jüdischer Kaufmann gewählt, nachdem der hiesige Rabbiner Dr. Bähr die Wahl abgelehnt hatte. Die beiden Beisitzer waren zwei bekannte hiesige Socialdemokraten. Man hörte es denn auch dem Redner an, daß es ihm bei einer solchen Stimmung nicht ganz geheuer war. Das angekündigte Thema: „Die Nothlage des Mittelstandes und die Mittel zur Abhilfe desselben" wurde kaum gestreift, wie denn der ganze Vortrag auch nur die bekannten antisemitischen Behauptungen mit ihren ebenso bekannten Verdrehungen, Verleumdungen enthielt. Es ist dem Publicum in einer öffentlichen politischen Versammlung wohl selten ein s«lch' geist- und inhalksloses Geschwätz geboten worden und die Anwesenden gaben denn auch öfters in recht deutlicher Weise ihren Unwillen und ihre Enttäuschung kund. Der Redner appellirte auch an die Versammlung, das „Berliner Tageblatt" nicht zu halten. Nach diesem Vortrag, der auch nicht an einer einzigen Stelle von Beifall unterbrochen wurde, verstand es Herr Rabbiner Dr. Bähr in beredten Worten die verleumderischen Behauptungen zu widerlegen, was die Versammlung durch wiederholten Beifall während des einstündigen Vortrages, wie auch am Schluffe desselben lohnte. Besondere Heiterkeit rief es hervor, als Herr Dr. Bähr vorschtug, der Referent möchte fein gutes Herz für die minder Bemittelten doch damit bethätigen, daß er den Ertrag des Abends, welcher aus dem Eintrittsgelds — 20 Pfg. pro Person — bestand, den Armen Prenzlaus überweisen möchte. — Nachdem noch von Seiten der Socialdemokraten einige Angriffe auf ihre Partei zurückgewiesen wurden, entstand nochmals ein Wortgefecht zwischen dem Referenten und Herrn Dr. Bähr, welches nur noch zur Vergrößerung des Fiascos der Antisemiten beitrug. Die Versammlung nahm dann auch am Schluffe eine Resolution an, in welcher sie sich mißbilligend über die Ausführungen des Redacteurs Wald aussprach und sich mit denselben durchaus nicht einverstanden erklärte. So kann man denn den Versuch der Antisemiten, auch hier Zwietracht unter den Bürgern zu säen, als gänzlich gescheitert ansehen. Birnbaum (Prov. Posen), 16. Februar. Das hiesige Wochenblatt von heute bringt folgenden, von den hervorragend-< sten Bürgern unLeczeichueten „Aufruf": „In neuerer Zeit sind in unserer Stadt und nächsten Umgebung Bestrebungen aufgetaucht, welche bedauerlicherweise geeignet sind, die friedlichen und guten Beziehungen, welche unsere Bürgerschaft bisher unter sich gepflegt hat, zu stören und an deren Stelle Haß und Zwietracht zu setzen. Der Antisemitismus, welcher leider auch hier sein Haupt erhebt, hat bereits seinen Ausdruck in mannigfachen Belästigungen unserer jüdischen Mitbürger gesunden: es ist sogar schon soweit gekommen, daß jüdische Frauen und Mädchen des Abends auf der Straße in gröblicher Weise insultrrt worden sind. Wir wenden uns unter diesen Umständen an alle diejenigen christlichen Mitbürger, welche human und tolerant genug denken, um derartige Ausschreitungen und die Gesinnungen, aus welchen dieselben hervorgehen, zu mißbilligen, mit der dringenden Aufforderung, bei jeder sich darbietenden Gelegenheit dieser Mißbilligung klar und offen Ausdruck zu geben, um damit zu bekunden, daß der überwiegende Theil der hiesigen Einwohnerschaft den antisemitischen Bestrebungen, wie sie oben gekennzeichnet sind, ferne stehr und auch weiterhin Friede und Eintracht zwischen den verschiedenen Confessionen ausrecht zu halten gewillt;st. Birnbaum, den 14. Februar 1894. Berend. Beuck. Engelmeyer. Hartwich, Sanitätsrath. A. Hesse, Kaufmann. Hoffmann, Stenerinspector. Jockisch, Amtsrichter, v. Kaffka, Bürgermeister. Krause. P. Lehmann. Losch. Lettow. Reinhard, Apotheker. Reitter. Rothenbücher. Schmidt, Pr. Steuer-Secretär. G. Scholz. Steinhauff. Szubczynski, k a t h. Pfarre r. Wendler, Braumeister. Zadow, Hotelbesitzer. Berlin, 5. März. Eine Großnichte Heinrich Heine's Frau Alice Born, eine schöne, blühende, junge Frau, reich begabt, in den besten Kreisen beliebt und angesehen, ist hier am 1. d. M. der tückischen Diphtberitis innerhalb dreier Tage erlegen. Die Verstorbene, deren Tod allgemeine schmerzliche Theilnahme erregen wird, hat auch Proben einer reichen poetischen Begabung, die null einmal in dieser Familie erblich zu sein scheint, im „Humoristischen Deutschland", in der „Dichter-Halle" und anderen Zeitschriften veröffentlicht. Die Beerdigung fand am 4. März von der Leichenhalle des Friedhofes in Weißcnsee ans statt. Ihr Andenken wird unverg:ffen sortleben in dem großen Kreise derer, welche sie gekannt und verehrt habe«.