Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 11 (16.3.1894)
- Date
- 1894-03-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021019--03314-3027445- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
VekerrrirhMtze WortzrnfchrM Seite 203 Nr. 11 sich hier mit dem Fremdenhaß, der seit der nationalen Erhebungim Jahre 1870 künstlich geschürt und wacherhalten worden ist. Aber wenn dieser Haß schon in allen privaten Verhältnissen zum Durchbruch gelangt und wenn er selbst in der staatlichen Verwaltung seinen Ausdruck findet, die gesetzgebende Gewalt des deutschen Volkes hätte sich doch hüten sollen, demselben den Stempel officieller Anerkennung und nationalen Verdienstes aufzudrücken. Denn diese gesetzgebende Gewalt hat nicht nur, gleich der Verwaltung,, auf die Verhältnisse und Bedürfnisse des Augenblicks Rücksicht zu nehmen, in ihr soll das Blut und Leben des deutschen Volkes pulsiren und sollen die Erinnerungen einer tausendjährigen Geschichte verkörpert sein. Wir sprechen nicht einmal vyn dem allgemeinen Gefühle' der Menschlichkeit. Seit der Chauvinismus in Deutschland Wurzel gefaßt hat, ist dieses Gefühl tief herabgedrückt worden. Der Militarismus hat alle wahrhaft menschlichen Regungen erstickt und man braucht nur die Schilderungen über die grausame Anwendung der Nilpferdpeitsche in den deutschen Colonien Ostafrika's zu lesen, um von den Segnungen der neueren deutschen Cultur den richtigen Begriff zu bekommen. Nein, wir sprechen blos von jenem „gesunden Egoismus", den Fürst Bismarck als die Triebfeder jedes menschlichen Fortschritts und auch des Aufschwunges des Deutschen Reiches gepriesen hat. Der deutsche Reichstag sollte auf einer höheren Warte stehen als die deutsche Reichsregierung oder gar als die Herren Böckel und Consorten, ihm sollte es doch gegenwärtig sein, daß der deutsche.Aar seine schützenden Fittiche nicht nur bis an die Grenze des Reiches, sondern auch über die Tausende und Abertausende der über den gesammten Erdball zerstreuten Glieder der Nation zu breiten hätte. Die Deutschen sind ein expansives Volk wie es die Juden sind, und der Fremdenhaß ist eine Ruthe, welche nicht blos über die Juden in Deutschland, sondern auch über die Deutschen in anderen Ländern geschwungen wird. Die Schmach, welche der deutsche Reichstag mit seiner jüngsten Judendebatte, mit den Aeußerungen brutalen Hasses gegen die jüdischen Einwanderer aus Rußland aus sich geladen hat, wird vergolten werden überall dort, wo der Deutsche auf fremden Boden und unter fremden Völkern eine zweite Heimat gesucht hat. Schon wendet sich die blutige Geißel des Fremdenhasses in Rußland selbst gegen die Deutschen der Ostseeprovinzen, ohne daß das mächtige Deutsche Reich auch nur den Finger rühren dürfte zum Schutze seiner Connationalen. Die Heimzahlung wird erfolgen mit Zinsen und Zinseszinsen, und wie heute die Vertreter der deutschen Culturnation die jüdischen Einwanderer aus Rußland als eine „Landplage" bezeichnen, so werden die rührigen und geschäftseifrigen Deutschen im russischen Reiche, in Frankreich und Oberitalien und weit drüben in Südamerika und China als fremde Blutsauger, als Ausbeuter, als „Landplage" verfolgt werden. Aber ist es denn auch wahr, daß sich die jüdische Einwanderung aus Rußland zu einem socialen und wirthschaftlichen Uebel für das Deutsche Reich gestaltet hat oder in der Zukunft zu gestalten droht? Vor uns liegt eine kleine, aber sehr dankenswerthe Schrift des preußischen Sanitätsrathes Dr. S. Neumann, welche auf Grund amtlicher statiftischer Daten nachweift, daß zwar in den Jahren- 1822—1840 eine Einwanderung von 10.000 Seelen stattgefunden hat, dagegen in dem Zeiträume von 1840—1871 die jüdische Bevölkerung Preußens einen Theil ihres Geburten-Ueberschusses fortgesetzt durch Auswanderung verloren hat, im ganzen Zeitraum circa 35.000 Seelen. Das Gleiche gilt von dem Jahrzehnt 1871—1380, über welches zwar nicht alle amtlichen Ziffern vorliegen, aber als sicher angenommen werden muß, daß die natürliche Vermehrung der Juden viel stärker war als ihre thatsächliche, also nicht die Einwanderung, sondern die „Auswanderung" überwiegt. Und was das Jahrzehnt, 1881—1890 betrifft, so muß geradezu von einer Massenauswanderung gesprochen werden, denn in diesem Zeitraum haben circa 27.000 Juden Preußen verlassen, während nur 3000 einwanderten, in welche Ziffer zudem die jüdischen Einwanderer aus allen außerpreußischen Staaten, also nicht nur die aus Rußland gekommenen, inbegriffen sind. Um aber zu erweisen, wie wenig das Wort von der „Landplage des Ostens" berechtigt ist, sei festgestellt, daß im Jahre 1871 in Ost- und Westpreußen überhaupt nur 4781, in Posen 1166 und in Schlesien 1466, zusammen also 7413 Russen lebten. Daß von dieser Ziffer die Juden nur einen sehr kleinen Theil bilden, wird man schon deshalb nicht bezweifeln können, weil die nicht unerhebliche Zahl russischer, respective polnischer Landarbeiter darin mitgezählt ist, welche die Großgrundbesitzer beschäftigen, und weil ja in den Städten nicht wenige russische Christen ansässig sind. Und daß diese Verhältnisse sich seitdem keineswegs geändert haben können, beweist die von Geheimrath Firks in der Zeitschrift des kgl. preußischen statistischen Bureaus mitgetheilte Thatsache, daß im Jahre 1890 in der ganzen preußischen Monarchie überhaupt nur 11.000 Russen ansässig waren. Was aber den Charakter der russischen Juden anlangt, so genügt folgende Thatsache zu constatiren, welche die „Jüd. Presse" hervorhebt. Im Jahre 1888 — dem letzten, aus welchem amtliche Ziffern vorliegen, waren von den 2,404.253 im Ansiedlungs rayon (das sind den Juden offen stehende Provinzen) ansässigen Glaubensgenossen nicht weniger als 293,507, somit 12 Procent Handwerker. In Frankreich beträgt das Verhältnis; der Handwerker zur Gesammlbevölkerung nur 10 p<3>., in Preußen sogar nur 9°1 pCt. Dazu kommt, daß eine sehr große Anzahl jüdischer Handwerker in den inneren Provinzen ansässig ist, so daß jener Procentsatz sich wesentlich, wahrscheinlich um das Doppelte höher stellt! Bedarf es mehr, um eine solche Bevölkerungsschichte gegen Bezichtigungen zu schützen? Bekannt ist, daß es in den Jahren der Massenausweisungen die städtischen Verwaltungen von Danzig, Memel, Königsberg :c. :c. waren, welche bei der Regierung für die von der Scholle Verwiesenen vorstellig wurden.Man empfand ihreAnwesenheitalsonichtals „Landplage". Die gehässigen Uebertreibungen, welche die letzte Judendebatte des deutschen Reichstages bezüglich der jüdischen Einwanderung aus Rußland zu Tage förderte, erscheinen damit ins richtige Licht gesetzt. Der Haß ist blind! Hier aber ist er es nicht blos gegen die Fremdlinge im eigenen, er ist es auch gegen die eigenen Volksgenossen in fremden Landen, an denen gerächt werden wird, was der deutsche Reichstag an unseren Glaubensbrüdern verbrochen hat. Die Nothlage unter den jüdischen Haustrern und das neue Haustrgesetz. n. In der Nummer vom 23. Februar der „Oesterreichischen Wochenschrift" wurde das die Regelung des Hausirwesens betreffende Gesetz, welches derzeit der parlamentarischen Behandlung zugeführt worden, vom allgemeinen Gesichtspunkte aus erörtert, der Nachweis zu erbringen versucht, daß dieses Gesetz seine Tendenz direct gegen die jüdischen Hausirer richtet und daß es unter der Wirksamkeit dieses Gesetzes im Sinne der von den Antisemiten initiirten Tendenz möglich gemachk sein wird, die Juden gänzlich vom Hausirhandel fern zu halten, indem man ihnen, mit Berufung auf die gesetzlichen Bestimmungen, neue Hausirpatente nicht ertheilen wird und die Fußangeln des selben dahin handhaben könnte, um ihnen die bestehenden Hausirlicenzen zu entziehen. Heute wollen wir uns der Aufgabe unterziehen, darzuthun, wie die materielle Lage beschaffen ist, derjenigen, welche man mit dem neuen Hausirgesctze zu treffen beabsichtigt. Es erscheint eine derartige Darlegung umso nothwendiger, als auch in den Kreisen, welche sich an dem Antisemitisnms nicht werkthätig betheiligen und denselben nur mit mehr oder weniger innerer Befriedigung toleriren, die grundfalsche Anschauung besteht, die jüdischen Hausirer seien, wie die antisemitischen Blätter behaupten, die „Finanzbarone von morgen", das Hau-