Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 10 (9.3.1894)
- Date
- 1894-03-09
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 10 Vrstrrretchtptzr Wochenptzrtst Seite 195 sich des eifrigsten Studiums. Selbst Herz Wesel's „Schire Tifereth" und andere ähnliche Schriften wurden nicht nur einfach gelesen, sondern förmlich auswendig gelernt. Man ging überdies auch bereits an die Erlernung fremder Sprachen und nützlicher Wissenschaften und Alles, was man damals in den Kreis des Wissenswerthen zog, darauf warf man sich mit ganzer Seele, mit der vollsten Hingebung. Die elegische Klage unserer heutigen Zeit über die Ueberoürdung der Jugend war damals etwas ganz UngekannteS. Die zärtlichsten Mütter und Väter hatten das Herz, ihre Knaben zu dem „Bortags-Aufstehen" anzuhalten. Die Morgenstunde sollte, wenn auch nicht Gold, so doch die Thora im Munde führen. Aus jener Zeit sind unserem Stamme zahlreiche Männer erstanden, die ihre Namen in den Annalen unserer Gelehrtengeschichte verewigten. Und solch' ein Man» war eS eben auch, dessen hebräische Dichtungen in den drei hier angeze'grcn Theilen uns vorlieaen. Und in der dem 1. Theile vorangebenten Biogropai.' — geschieben von der warmen, pietätvollen Feder, de? Kochgel h ren Sohms— zeig' sich un? ein Jugendleben, wie solches eb.n in den vorar.üehenden Zeilen;u zeichnen versucht ward. Simon Bocher, dessen I geudzeii rem »i»laehendslen Studium des Talmuds derart gcw-ihr rv r. daß dreier letztere an sein Lebensende die Gedankenwelt bild tt, in der er mit allen Fasern wurzelte, besaß dennoch schon frühzeitig ein glübendcS Streben nach jeder Art geistigen Wissens und Könnens. Im Vordergründe jedoch all dieser geistigen Strebungen stand sein hervorragendes und schöpferisches Dichtertalent. All' sein Denken und Fühlen kam dichterisch zum Ausdrucke. Wie die Harfe Davids — so lautet eine der biographischen Bemerkungen — bei dem leisesten Hauche, der ihre Saiten streifte, gesangvolle Klänge ertönen ließ, so ging kein Ereigniß an ihm vorüber, das nicht sofort seine Feder zu einer poetischen Schöpfung anregte. Und daher kommt es. daß dieser 1. Theil — der nur Originaldichtungen enthält — neben den lyrischen Ergüssen zugleich ein Stück Zeitgeschichte wiederlpkegelt. Kein hervorragender Mann der jüdischen Welt aus halbvergangener Zeit, der hier nicht durch die Poetische Muse des Dichters verherrlicht erscheint. Die kleine dramatische Dichtung zur Jubiläumsfeier des Wiener Stadttempels in der Seitenstettengasse — im Jahre 1876 — ist ein wahres Kabinetstück von feinem Humor und künstlerischen Sprachformen. Unter den lyrischen Dichtungen findet fick» manches Stück, das durch sprachliche Schönheit aber zugleich auch durch ergreifende Innigkeit an die Schöpfungen der spanisch-jüdischen Dichterperiode erinnert. Der 2. Theit enthält 94 Uebersetzungen nach de» größten deutschen und ungarischen Dichtern— darunter 14 Aphorismen und Sinngedichte nach dem persischen Dichter Sadi. Und hier erst kommt die große Meisterschaft^ mit der der Vers, das Hebräische beherrschte, zur vollsten Geltung. Die sogenannte todte Sprache verwandelt sich unter seiner Feder zur neuverjüngten lebenden Sprache. Nicht nur für jeden Gedanken deS fremden Dichters wird ohne alle Härte der zutreffendst bezeichnende Ausdruck gesetzt, sondern auch der volle Zauber deS Originals wird mit herüber genommen. Für jede feinere Redewendung, sogar für jedes Wortspiel der fremden Sprache wird in überraschender Weise ein schlagendes Aequivalent aufgefunden. Alles dies gilt auch von dem 3. Theile dieser Dichtungen, der eine vollständige Ueberfetzung von Leffing'S Na thcrn d er Weise enthält. Zu unserem Bedauern ist uns die Uebertragung desselben Dramas durch A. L. Gottlober nicht bekannt. Die Vergleichung der beiden Uebersetzungen wäre gewiß von großem Interesse. (Man vergl. das wirklich reizende Gedichtchen von Bacher an Gottlober. 1. Th.. S. 103). Jndeß uns gewährte es innige Freude, durch die treffliche Bacher'sche Uebertragung; das Lesfing'sche Hohelied der religiösen Toleranz nunmehr auch in den heiligen Lauten unserer biblischen Muttersprache lesen zu können und wir empfehlen wärmstens jedem aufrichtigen Freunde derselben die Lectüre dieser drei Theile hebräischer Dichtungen, die einen vollen Platz in unserer Literaturgeschichte einzunehmen unbestreitbares Anrecht haben. Rabbiner Dr. Sch m i e d l. Das Buch Job.*) Von Gustav Bickel. Ohne Frage könnte man aus den Werken, welche über Jjjob geschrieben worden sind, eine stattliche Bibliothek zusammenstellen. Mit dieser herrlichen Dichtung, welche die Theodicea in tiefgründiger Art behandelt und des menfchlichens Herzens und Denkens Stärken und Schwächen plastisch zum Ausdruck bringt, haben sich nicht nur Berussexperten beschäftigt; jeder Gebildete kennt deren Inhalt; jeder Dichter deren Thema und Probleme. Als ein/m in den Kanon des Alten Testamentes aufgenommenen Werke wurde ihm von Seite jüdischer Forscher jenes liebevolle und verständnißinnige Studium zutheil, das sie allen Schriften des alten Bundes angedeihen ließen. Die Beschäftigung nichtjüdischer Forscher mit dem Alten Testament ist noch nicht allzulange gang und gäbe. Die Bibelstudien haben mit der. Reformation erst großen Aufschwung genommen. Juden be- Das Buch Job, nach Anleitung der Strophik und der Septuaginta auf seine ursprüngliche Form zurückgeführt und im Versmaße des Urtextes übersetzt von Gustav Bicket. Wien, Gerold's Sohn 184. fl . 1. schästigen sich mit ihrer Bibel seit Jahrtausenden. Vielleicht kann man die Behauptung wagen, es gehöre das Aufwacysen mit der Bibel und deren Gesetz und der demnach gestalteten Umgebung, das vollständige Eindringen in den jüdischen Geist dazu, das Alte Testament wirklich zu verstehen, wie man bei gelehrten jüdischen Bibelforschern es findet. Und — auch das kann man zu behaupten wagen — bis jetzt hat noch kein anßerjüdischer Gelehrter es zu dieser inniglichen Vertrautheit gebracht, zu diesem völliaen Verwachsen, Aufgehen, Mitempfinden und Fühlen. Die jüdischen Erklärer des Alten Testamentes, und zu diesen gehörten die Tannaiten und Amvräer, allesammt die großen Religionsphilosophen des Mittelalters, die unendliche Reihe wahrhaft großer Talmud-Commentatoren wie fraglos auch die Verfasser von Subcommentaren; sie alle bedienen sich der hebräischen Sprache wie einer Muttersprache, ihr Geist wohnt ihnen von Kindheit ans inne. Gewiß drangen nichtjüdiiche Forscher tief ein in den Ban der semitischen Sprache, des Hebräischen insbesonders, ja es ist kein Zweifel, daß gerade die Unbefangenheit der freien Forschung diesen zugute komuu und herrliche Resultate zutage fördert. So ist G u st a v Bickel mit einer stattlichen Reihe hervorragenden Genossin für Blbelexzesse thätig; man braucht ja nur die Namen de Wette, Schräder, Ewald, Hengstenberg. Reuß, H-tzg. TU pich. Schlottmann, Dillman, Kleinert, Merx u. v. A. nennen, um überzeugt zu werden. All' diese haben sich auch mit dem Buche Jjjob beschäftigt; besonders Dillman n, dessen Jjjobcommentar unstreitig eine Melsterleistung ist; derselbe ist im Jahre 1391 neu aufgelegt worden. Im selben Jahre hat Reuß in Straßburg eine poetische Ueberfetzung des Buches Jjjob gebracht, glänzend in Stil und Sprache, wahrhaft dichterisch. Nun beschenkt uns Bickel mit einer poetischen Version, welche das Resultat einer kritischen, und zwar sehr kritischen Beschäftigung mit diesem Buche ist. Bickel stellt, geleitet von Septuaginta, den Urtext des Werkes her; in der Austilgung secundärer Stücke geht er für den scrupulosesten Zweifler doch zu wett. Wenn Bickel, wie er selbst sagt, den Eindruck des wunderbaren Werkes wirken lassen will, dann wird dieser Eindruck zuweilen dadurch gestört werden, daß der eingeweihte Leser beständig aus dem gewohnten Zusammenhang hinausgedrängt wird — denn Eingeweihte keimen natürlich genau die Aufeinanderfolge im hebräischen Texte; Uneingeweihten aber wird die wiederhergestellte Urgestalt wohl schwerlich eine Vorstellung' von dem Urbilde der Dichtung bringen können. Gibst Du dem Roffe Stärke» Dem Halse Mähnenslattern, Dem Fuße Heupferds Sprungkrast, Den Nüstern schreckend Schnauben? Es scharrt im Thalgrund, kraftfroh, Rennt dem Geschoß entgegen, Verlacht die Furcht, erschrickt nicht, Und kehrt nicht um vor Schwertern. Es klirrt auf ihm der Köcher, Des Speers der Lanze Flamme; Rasch, rauschend schlürft den Boden. Beim Kampfsignal stürmt's vorwärts. Bei Heerhornsklange wiehert's. Den Staub des Heerzugs witternd; Es stürzt sich ins Getümmel, Bei Feldherrnruf und Schlachtenlärm. Demgegenüber gibt es auch manche Härte im Verse: „ Wer gab dem Himmelsstrom Bahn", „Nicht wird Dich mein Schreck ängstigen", aber auch manche glückliche Alliteration und Assonanz: Weißt Du, wie Wolken schweben, Durch Wunder des Allweifen, Du, dem die Hitze zusetzt Wann Südwind schwül das Land drückt. Bickel's Job (so schreibt er) wird gewiß in gelehrten und nichtgelehrten Kreisen ungetheilten Beifall finden, und nicht unverdient. Wer eine gute, schone Ueberfetzung gerne liest, wird seine Freude haben; wer sie nicht braucht, für den hat Bickel sie nicht geschrieben. Zum Schluffe sei noch auf einen Jjjvb-Commentar hingewiesen, der vor wenigen Jahren zum erstenmale edirt, im zwölften Jahrhundert geschrieben worden ist; es ist dies der glänzende Commentar des Rabbi Samuel Nissim Masnuth, den Buber (Mekizah Nirdamim) herauSgegeben hat und der um gar nichts schlechter ist, als die Erklärungen sämmtlicher Männer, welche in dieser Besprechung genannt worden find. * Dr. D. F e u ch t w a n g. NLNn nmö von Selig Lauterbach. — Drohobycz 1893. Herr Lauterbacb, der unermüdliche Gelehrte, gibt »ns ein „neues Geschenk“; es ist ein Commentar zur Pessach-Hagadah mmmm mem