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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-03-09 · 10 (9.3.1894) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
10 (9.3.1894)
Date
1894-03-09
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 194 Vesterreichifchr Wochenschrift Nr. 10 Unsere Lage war die denkbar ungünstigste. Alle Vorsichtsmaßregeln, die wir nach reistichstem Erwägen getroffen, waren durch das Eintreten unerwarteter Ereignisse werthlos geworden. Der Rabbi trug noch die Sträflingskleider von auffallend greller Farbe, wir hatten ihm vorläufig nur einen weiten bis zur Ferse herabreichenden Mantel umgeworfen; aber wenn unglücklicherweise ein Windstoß den Mantelzipfel in die Höhe hob, mußte ihn Jeder sofort als einen aus dem Mauerthurm entwichenen Gefangenen erkennen. Wir hatten in einem verfallenen, abseits gelegenen Forsthause, das wir bei günstigem Verlaufe unseres Fluchtversuches noch vor Morgenanbruch erreicht hätten, einen Pack Kleider gelegt, welche der Rabbi anziehen hätte sollen; allein wir hatten dreißig kostbare Stunden versäumt, ich konnte nicht wissen, was Ihnen mittlerweile begegnet, am^ wenigsten durfte ich, durch einen Umweg, noch weitere Zeit verlieren, ich befand mich im Zustande vollständiger Rathlosigkeit. Es trat noch ein Umstand hinzu., der wenn möglich meine Verzweiflung noch steigerte. Ich hätte gerne den weisen Rabbi um seinen Rath gefragt, aber als er lange Zeit, ohne den Mund zu öffnen, neben mir herschritt, überkam mich auch die grauenhafte Angst, die Qualen-der langen Kerkerhaft, die Erlebnisse der letzten dreißig Stunden hätten seinen sonst so Hellen Geist umflort, denn sonst schien es mir völlig unerklärlich, daß er mit mir nicht über das muthmaßliche Schicksal seiner Angehörigen sprechen sollte, aber wie kann sich ein gewöhnlicher, profaner Mensch wie ich, in die Gedankenwelt eines solchen Heiligen hineinversetzen? Denn plötzlich sprach er: „Ich bin innig überzeugt, daß der allbarmherzige und allmächtige Gott, meine Frau und meine Kinder in seinen heiligen Schutz genommen hat — was aber mich betrifft, glaube ich, daß, da ich mich durch die Ungunst der Verhältnisse noch immer auf Ansbach'schen Boden befinde, es thöricht, vergeblich wäre, den Fluchtversuch noch fortsetzen zu wollen. Wenn der Markgraf erfährt, daß ich entflohen bin, wird er mich verfolgen lassen. Ich trage noch die Sträflingskleider und wer mich anhält, muß erkennen, daß ich ein Flüchtling bin. Es wäre ein Verbrechen, wollte ich — ohne baß ich dadurch meinem mir von Gott bestimmten Schicksal entgehen könnte — Dich mit in mein Verderben reißen. Ich will's nicht leugnen,, als ich das erste Mal nach Jahren wieder unter Gottes freiem Himmel aufgeathmet, da schwellte Hoffnung meine Brust und ich wollte, was ich Gott in Stunden banger Qual gelobt, erfüllen; aber wie sich die Dinge, jetzt gestaltet haben, bin ich fest entschlossen wieder als Gefangener in den Mauerthurm zurückzukehren und ruhig auszuharren, bis mich Gott, der Herr von meinen Qualen erlösen wird. Dir aber,lieber Josel, danke ich viel tausendmal für Deine beispiellose Treue, ich werde Dir sie nie, auch im Jenseits nicht vergessen. . . . Wenn Du meine Frau und meine Kinder siehst, überbringe ihnen meinen reichsten Segen! Nun aber muß ich Dich herzlichst bitten, mich zu verlassen! Leb wohl, mein treuer Josel!" „Allmächtiger Gott!" stöhnte Eva auf, „einen solchen Mann konnten in Gottes Ebenbild erschaffene Wesen wie ein reißendes Thier an die Mauerketten schmieden!" „Zuerst war ich von des Herrn Vorhaben so erschreckt, daß ich fassungslos wurde; der Rabbi hatte ja — ich mußte mir das entsetzt gestehen — vollkommen recht, viel tausend Möglichkeiten gab's, ihn zu verrathen, und kaum eine, ihn, unter so unglücklich sich gestaltenden Umständen zu retten. In meiner schweren Herzensangst, die doch mein Gottvxrtrauen nicht ganz zu verdrängen vermochte, hoffte ich schon, der Allmächtige würde aus seinen Höhen einen Feuerwagen herabsenden, unseren Rabbi zu erretten, aus dieser elenden Wrlt zum Himmel emporzuführen; aber der Allgütige gab mir plötzlich einen glücklichen Gedanken ein. Zwei Stunden von der Stelle, an der wir uns befanden, mohnt mein Bruder Abraham. Wie Sie sich wohl erinnern werden, hatten wir ursprünglich daran gedacht, den Rabbi gleich nach gelungener Flucht .zu diesem zu bringen und ihn dort sich umkleiden zu lassen; allein wir waren aus mehreren Gründen davon abgekommen, aber jetzt, unter den geänderten Verhältnissen war's nicht nur das Beste, es war das Einzige, was ich zu thun vermochte, und ich rief: „So wahr Gott und so wahr Deine Seele lebt, ich verlasse Dich nicht!" Rabbi! Gehst Du in den Kerker zurück, so folg' ich Dir — doch hoff' ich Dich mit Gottes Hilfe zu retten! Wir eilten, so rasch als es eben der Rabbi vermochte, dem Dorfe Burgsdorf, wo mein Bruder wohnt, zu und gelangten, Gott sei Dank, unbemerkt und unbehindert dort an. Der Rabbi war vor Kälte ganz erstarrt, wir entkleideten ihn, brachten ihn zu Bett, und verbrannten sofort die Sträflingskleider, damit diese nicht zu Verräthern würden. Ich beabsichtigte, sobald sich der Rabbi erholt hätte, sofort die Reise fortzusetzen, aber zu meinem, meines Bruders und seiner Frau größten Schrecken, war der Rabbi in wilde Fieberphantasien verfallen; es hatte sich in Folge der überstandenen Qualen^ und Aufregungen eine schwere Krankheit entwickelt, die ihn lange im Hause meines ' Bruders festhielt." ' „Mir war's ja in gleicher Weise ergangen", warf Rafael dazwischen. „Ich war durch den neuen Unglücksfall so niedergeschmettert, daß ich eine Zeif lang nicht im Stande war, richtig zu denken, unsere Lage richtig zu beurtheilen; aber meines Bruders Frau sprach eine Besorgniß aus, die mein Herzblut von Neuem vereiste. Die Nachricht von der Flucht unseres Rabbi, so meinte sie, würde sich rasch verbreiten und da müßte ein auf der Reise Erkrankter, der sich in einem nahe der Ansbach'schen Grenze gelegenen Dorfe, bei dem Bruder, des treuesten Diener des Hauses Fränkl, befände, Verdacht erregen, müßte zur Entdeckung des Rabbi führen, für diesen, für ihren Gatten und für sie selbst von verderblichsten Folgen sein. Allein einem glücklichen Umstande und dem Rathe eines klugen, braven Mannes war es zu danken, daß diese Gefahr glücklich abgewmdet wurde. Meines Bruders Schwiegervater, Reb Nachum Hanau, war Abends zuvor aus Oberheffen hier angelangt, um seine Tochter zu besuchen, seine Enkelchen, die er noch nie gesehen, kennen zu lernen. Mein Bruder hatte schon Wochen laug vorher Jedem im Dorfe erzählt, daß er den Besuch -seines Schwiegervaters erwarte und als dieser in der That Abends vorher in der Dunkelheit mit seinem Diener in Burgsdorf anlangte. war er, ein großgewachsener Mann, der seiner Statur nach Aehnlichkeit mit unserem Rabbi besitzt, von mehreren Bauern gesehen worden. Rabbi Nachum erklärte nun, er werde, so leid es ihm auch thue, so bald von seiner Tochter und seinen- Enkeln zu scheiden, doch sofort nach Anbruch der Nacht mit seinem Diener unbemerkt das Dorf verlassen und mein Bruder solle am andern Morgen Jedermann erzählen, sein gestern angelangter Schwiegervater fei schwer erkrgnkt, und da glück- . licher Weise unsere Ankunft in Burgsdorf unbemerkt geblieben, konnte unser kranker .Rabbi, ohne daß Jemand 'den geringsten Verdacht schöpfen konnte, für Nachum Hanau, ich als dessen Diener gelten und es konnte Ansbach'schen Spähern nicht einfallkn, in meines Bruders Hause den flüchtigen Rabbi zu suchen. Ileberdies erwies uns der wackere Hanau noch einen völlig unschätzbaren 'Dienst dadurch, daß er uns seine Reisedoylmente überließ." „Gott lohne es dem guten Nachum Hanau rief Dina Fränkl. (Fortsetzung folgt.) Neueste poetische Literstur. Hebräische Dichtungen von Simon Bacher. 3 Theile, züsauuneu 752 und XXXVI. Octavseiten. Herausgegeben und mit einer Biographie eingeleitet, von seinem Sohne Prof. Dr. Wilhelm Lacher. Wien 1894. Bei Ch.D. Lippe. Es ist ein Gefühl halb der Wehmuth und halb der Freude, das Denjenigen ersaßt, der, in das erste Viertel dieses zu Ende gehenden Jahrhunderts den Blick zurückwendend, die eigene Jugend vor seiner Erinnerung auftauchen läßt. Es war eine Zeit, überaus trüb nach Außen und dennoch unvergleichlich herrlich von Innen, so daß Derjenige, der diese Zeit nicht aus Autopsie kennt, nicht selbst miterlebt hat, uns vielleicht der Uebertreibung zeihen dürfte. Es war ein merkwürdiger Geist, der unsere Gemeinden — die armen jüdischen Ghetti — durchdrang. Ein innig religiöser Sinn, gepaart mit einem Lerneifer sondergleichen, hatte größtentheils die Heranwachsende Jugend erfaßt. Selbst die kleinste Gemeinde hatte eine Art rabbinischer Akademie in ihrer Mitte — es war die Jeschiba, zahlreich, weil fast von sämmtlichen kaum dem Knabenalter entwachsenen Jünglingen der Gemeinde besucht. Der Rabbiner des Ortes, lehrte hier nicht nur durch sein Wort, seinen sprühenden Scharfsinn und seine Kenntnißsülle, sondern zugleich auch durch sein voranleuchtendes Beispiel, seine ungeheuchelt tiefe Frömmigkeit und seine rührende Bedürfnißlosigkeit. ■ In' einer Winternacht durch die kleinen Gassen des Ghetto gehend, sah man bis in die Mitternachtsstuude hinein Licht in den meisten Häusern, und wenn man die verfrorenen kleinen Fensterscheiben durchzublicken vermochte, dann sah man jugendliche Gestalten über die Talmudfolianten gebeugt und darin eifrig lernend. Doch dabei kamen die damals noch sogenannten „Nebensachen" doch auch schon hoch zu Ehren. Es wurde dem großen biblischen Schriftthum und der gründlichen Erlernung der heiligen Sprache großer Fleiß zugewendet. Bensew's grammatisches Lehrbuch erfreute

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