Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 10 (9.3.1894)
- Date
- 1894-03-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 10 Drflerrrichischr WochrnschrM Sette 193 Wertheimer schritt der Thüre eines Kabinetes zu, öffnete dieselbe und der treueste Diener, der edelste Mensch, Josel Deidelsheimer überschritt die Schwelle. Bei dem Anblicke der Fränkl'schen Familie, gerieth er vor Freude in fast sinnlose Aufregung, er riß Rafael an seine Brust, bedeckte seine Haare, seine Augen, seinen Mund mit tausend heißen Küssen und rief vor Rührung schluchzend und vor Glück jubelnd: „Ich habe viel Leid und Schmerz erfahren, aber die Wonne dieses Augenblicks, in welchem ich Euch Alle wohl und glücklich und im Besitze der Ehre, die Euch gebührt, wiedersehe, wiegt Alles auf, was ich erlitten!" „Wie der Herr Oberhoffactor die Gnade hatte, uns mitzutheilen", sprach Dina, „befindet sich mein Herr und Gatte wohlbehalten in Jerusalem. Ihr treuer Mann habt ihn bis nach der heiligen Stadt begleitet?" und als Deidelsheimer vergnügt und selbstbewußt, bejahend mit dem Kopfe nickte, fuhr Dina fort, „nun seht Euch, Reb Josel und erzählt ausführlich, in welcher Weise, Gott Euch wunderbar geschützt und wie es meinem Gatten seit der Nacht des zwanzigsten November 1717 ergangen." „Das will ich gerne thuu, doch will ich nichts, was Ihnen schon bekannt ist, wiederholen. Ich beginne mit dem Momente, wo ich neben dem Rabbi im Wagen saß, den Kutscher zur höchsten Eile anspornte und erwartete, daß wir an der Stromesbiegung die beiden Damen finden und uns der junge Herr am Ufer bald Nachkommen würde. Als wir allein im Wagen saßen, sprach unser Rabbi: „Ich sehne mich darnach. Weib und Kind zu sehen, ich hatt' nicht mehr gehofft, dieses Glück hier auf Erden zu erleben, ich will sie segnen, dann aber will ich ein Gelübde, das ich ausgesprochen, erfüllen. *) Ich wußte nicht, was der Rabbi mit diesen Worten sagen wollte und er war nach kurzer Pause fortgefahren: „Dir. Reb Josel dank' ich aus voller Seele, Du hast weit mehr als Deine Pflicht gethan. Daß mein Sohn sein Leben eingesetzt, mich aus den Qualen des'Mauerthurms zu erlösen, ist leicht erklärlich. Ich will damit nicht sagen, daß er in gleicher Lage mit Dir, nicht ebenso gehandelt, denn er ifl ein Mensch, dessen Vater zu ein, ich stolz bin; aber in diesem Falle hat er nur seine Pflicht erfüllt, ich bin sein Nächster hier auf dieser irdischen Welt. Du aber, Josel Deidelsheimer, hast Weib und Kind, Du hast die heilige Pflicht, Dich Deiner Familie zu erhalten und doch hast Du dein Leben gewagt, mich zu retten! Das will ich Dir gedenken, nicht nur so lange ich lebe, nein, auch wenn ich eingegangen bin zu meinen Vätern, will ich Deiner in Lieb' und Dankbarkeit gedenken und Gott anflehen, Dich und die Deinen zu segnen!" Deidelsheimer mußte einen Moment bewegt innehalten und auch die beiden Frauen vermochten ein leises Schluchzen nicht zu unterdrücken. „Wir hatten, während der Rabbi sprach, eine kurze Strecke auf der Eisfläche zurückgelegt, als plötzlich ein Knistern und Knarren der Eisdecke unter den Wagenrädern an mein Ohr schlug. „Wende den Wagen!" rief ich in höchster Bestürzung dem Kutscher zu, „ans Ufer, ans Ufer! Du bekommst noch dreihundert Gulden über den bedungenen Lohn, wenn Du uns glücklich ans Land bringst", aber der Kutscher erwiderte in seinem Dialecte, „was nützt mich das Geld, wenn ich ersöffe bin", durchschnitt rasch die Wagenstränge, schwang sich auf eines der Pferde und verschwand im Dunkel, uns in dem Wagen ohne Pferde zurücklassend. Wir befanden uns in einer furchtbaren Lage, aber Gott, gelobt sei er. verlieh mir in dem entscheidenden Momente Fassung und Einsicht, das Richtige zu thun. Ich hob den Rabbi aus dem Wagen, ich bemerkte erst jetzt, daß die Eisdecke dünn geworden, ich befürchtete, wenn ich den Rabbi trüge, könnte sie unter der Doppellast zusammenbrechen, ich frug in fliegender Eile: „Kann der Rabbi die wenigen Schritte bis ans Ufer gehen?" Der Rabbi ist aber nicht nur der frömmste, er ist auch der klügste Mensch auf Erden. Trotzdem er mir zuerst durch den langen Aufenthalt im Kerker und seiner Abgeschlossenheit von allem menschlichen Verkehre wie betäubt erschienen, sah ich doch sofort, daß er den Dieser scheinbar höchst sonderbar klingende Ausspruch soll wohl nur der trüben verbitterten Stimmung jener Zeit Ausdruck g 'ben und besagen, daß nachdem das Undenkbarste ein getreten, alles Zukünftige völlig unberechenbar erscheint und nicht die Voraussetzungen der Vernünftigen und Erfahrenen, sondern jene der Thoren und Kinder eintreffen. vollen Umfang der Gefahr, in der wir schwebten, erkannte und daß er, um mich zu retten, mich täuschen wollte, denn er sprach wohl rasch aber mit seinem gewohnten milden Lächeln, als säße er ruhig und sicher in seiner Studierstube: „Geh nur rasch, leicht auftretend voran, mein lieber Josel, wenn's Gott beliebt, komm' ich Dir nach;" aber unser Rabbi war fünf Jahre lang an der Kerkerwand angeschmiedet gewesen und hatte, mit schweren Ketten belastet, fast fortwährend stehen müssen, er war des Gehens ungewohnt, seine armen Füße wollten ihn zuerst nicht tragen, er vermochte sich kaum aufrecht zu erhalten." „Allmächtiger Gott!" seufzten Dina und Eva gleichzeitig auf. „Ich aber sprach in meinem Herzen: „Gott wird den heiligen Rabbi nicht verlaßen und Wenns in Gottes Rath bestimmt ist, daß der Rabbi hier seinen Tod finden soll, ist es mir lieber, wenn ich vereint mit dem heiligen Rabbi sterbe, als daß ich mich rette und ihn verderben lasse, ich glaube, ich hätte nie vor Euch — und nie vor Gottes Thron treten können.!" „Du treuer, edler Mensch, wie können wir Dirs je lohnen?" rief Rafael. „Das kann nur der allmächtige Gott!" „Ich nahm den Rabbi auf den Arm und eilte dem Ufer zu, die kurze Strecke kam mir endlos lang vor. jede Secunde befürchtete ich, die Eisdecke würde sich, spalten und uns verschlingen, allein wir gelangten glücklich ans Ufer und als ich der Heerstraße zuschreiten wollte, fand der Eisstoß statt. Sie haben alle diese Scene erlebt, ich brauche Ihnen ihre Färchterlichkeit nicht zu schildern." „Gott Lob" rief Eva tief aufathmend, als wäre sie in deu, Augenblicke Augenzeugin dieses Vorfalles gewesen. „Allein", fuhr Deidelsheimer fort, „während das Ufer der Schwabach fast überall steil aufsteigende Hügel bildet, waren wir unglücklicherweise an eine Stelle gelangt, wo sich das Ufer senkt und wir eine ziemlich weite Niederung zu durchschreiten hatten und diese wurde bald von dem austretenden Strome überschwemmt. Ich beflügelte meine Schritte, aber ich mußte bald erkennen, daß die Fluchen sich weit rascher bewegten, als meine im Eisivasser erstarrenden Füße, um so mehr als ich eine theuere Last auf dem Arme trug und ich in der tiefen Dunkelheit alle meine Aufmerksamkeit darauf richten mußte, den einzelnen Eisblöcken, welche von den Wassermaffen ans Ufer geschoben wurden, auszuweichen. Da sprach plötzlich der Rabbi, und ich glaube noch jetzt die Worte zu hören und werde sie ewig hören. „Die Fluthen überholen uns, setze mich nieder, hier ragt ein hoher Baum empor. Du bist ein gewandter, starker Mann, allein kannst Du ihn leicht erklimmen und wenn's Gott beliebt, kannst Du am Leben erhalten bleiben. Thu', mein Sohn, was ich Dir befehle, mich vermagst Du nicht zu retten und es würde mir den letzten Moment verbittern, wenn Du zum Lohn für die mir erwiesene Treue nutzlos sterben solltest, bedenk es wohl, Du hast Weib und Kind", und so sprechend wollte er sich von meinem Arme losreißen. Ich aber preßte ihn fest an mich und — es war nicht leicht und nicht ungefährlich — erkletterte mit meiner Last den Baum. Dieser hatte ein mächtiges Astgeflecht, das, Gott sei Dank, im Stande war, zwei Männer zu tragen. Ich verlebte vierundzwanzig Stunden; böte man mir dafür vierundzwanzig Jahrtausende des höchsten irdischen Glückes, ich würde auch um solchen Lohn nicht solche Qual noch einmal erdulden wollen! Ich zitterte unaufhörlich vor Angst, unsere erstarrten Hände würden unwillkürlich die Aeste, die wir umklammerten, loslassen oder die Eisblocke, die von den Fluthen ans Ufer gespült wurden, würden den Baumstamm zertrümmern, wir würden in die Fluthen stürzen. Mir war entsetzlich kalt, aber ich dachte nicht an mich, ich bin ein starker, kräftiger Mann, der schon etwas Mühsal ertragen kann, mir schnürte nur der Gedanke, der Rabbi könnte vor Kälte umkommen, das Herz zu. Nach vierundzwanzig Stunden erst, als der Morgen des zweiten Tages graute, waren die Wasser wieder verlaufen und wir konnten langsam vom Baume auf den schlammigen Boden herabsteigen." „Ihr habt Entsetzliches erlitten!" meinte Dina Fränkl. „Ich brach von dem Baume, auf dem wir Schutz vor den andrängenden Fluthen gefunden hatten, einen derben, ge-! raden Ast ab, der dem Rabbi, so lange, bis ich einen Wagen miethen konnte, zur Stütze dienen sollte. Als wir auf die Straße kamen, war es noch halb dunkel. Der Rabbi lehnte sich auf meinen Arm und stützte sich auf den Stock und so ' konnten wir, wenn auch nur langsam vorwärtsschreiten. —