Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 10 (9.3.1894)
- Date
- 1894-03-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 188 Oesterrrichifttzr Wochenschrift Nr. 10 Mann weiß sehr gut, warum er das thut. ®r ist eben auch ein aebeimer Antisemit, nur macht er es auch wie so viele unserer liberalen Größen — er sagt es nicht, was ihm am wenigsten übel zu nehmen ist. Dafür handelt er vraktischer — quod erat demonstrandum!" Nun war doch Ferles das Prototyp eines Ariers, der deiraudirt, das Geld vergeudet und seine Gattin bis zur Scheidung treibt. Ilebriaens haben die Rothschild's keine Ursache, von ihren arischen Cassieren besonders befriediat zu sein. Die Defraudation des arischen Cassiers des Frankfurter Hauses Rothschild im Vorjahre, der gleich die Kleinigkeit von einer halben Million verschwinden ließ, ist noch in frischer Erinnerung. E.B. Wien. (In puncto arischer S ittlichkeit.) Bon dem Strafrichter des zweiten Bezirkes wurden vorige Woche zwei Leopoldstadter Bürger wegen grober, unsittlicher Handlungen vernrtheilt. Dieselben belästigten in ganz unerhörter Weise im Augarten daselbst promenirende Schulmädchen und verletzten deren Scham- und Sittlichkeitsaefübl in einer nicht wiederznaebenden Art. Der Eine dieser Abgestrasten" ist ein bekannter Gastwirth. der Zweite ein reicher Bäckermeister des Bezirkes, aus einer Leopoldstädter Vatrizierfamilie stammend, und. man höre und'staune, mit einer Dame aus sehr achtbarem ' Hause verlobt. Eines Commentars über die von den antisemitischen Blättern todtgeschwiegenen empörenden Unsittlichkeiten bedarf es wohl nicht. Prag, 5. März. (Die Auflösung des jüdischnationalen Vereines.) Die Begründung des Erlasses, mit welchem die Auflösung des czecknsch-jüdischen Nationalvereines verfügt wurde, lautet folgendermaßen: Mit Erlaß der Statthalterei in Prag voul 5. August 1893 wurde die Errichtung eines nichtpolitischen Vereines unter dem Titel „Narodni cesko-zidovskä jednota“ mit dem Sitze in Prag nicht verboten. Dieser Verein hat in seinen nicht verbotenen Statuten den Zweck, aus das einträchtige Zusammenwirken der Czechen jüdischer Confession mit den anderen czechischen Connationalen in nationaler, geistiger, gesellschaftlicher und volkswirtbschaftlicher Beziehung hinzuarbeiten. Wiewohl nach Artikel 3 derselben Statuten dem Vereine zur Erreichung dieses 'seines Zieles ein sehr ausgedehnter Boden geboten war, zeigt doch Me Entwicklung seiner Tbätiqkeit. daß derselbe die kür die Tbätigkeit eines nichtpolitischen Vereines zulässigen Grenzen überschritt und daß der Verein den Boden von Bestrebungen betreten hat. welche zweifellos politischen Charakters sind. Schon bei den verschiedenen Versammlungen des Vereines, namentlich aber bei den constituirenden Versammlungen einiger seiner Ortsgruppen, insbesondere Pilsen, wurden Reden entschieden politischen Charakters gehalten. Der Verein hat weiter im eigenen Berlage die Reden als Broschüre herausgegeben und sich damit mit den politischen Tendenzen identistcirt, in welchen die Reden aehalten sind. Allein der Verein hat auch durch eine an die Statthalterei aerichtete Eingabe angesucht, den Statuten der israelitischen Cultus gemein de in Prag möae die behördliche Genehmigung verweigert werden, wenn in denselben als Geschäftssprache dieser israelitischen Cnltusgemeinde die deutsche Sprache bestimmt wäre. Durch diese Eingabe wird die Ausübung eines Einflusses auf die Art und Weise, in welcher eine öffentliche Angelegenheit behördlich erledigt werden soll, beabsichtigt, in welcher ganz unberufenen Einmengung in eine nicht zugehörige Angelegenheit blos das Bestreben des Vereines erblickt werden kann, ffch in öffentlichen Dingen eine Autorität anzumaßen. Praq. (Generalversammlung.) Der Verein für qereoelten Gottesdienst bat am 18. Februar im Sitzungssaale des Temvels seine ordentliche Generalversammlung abgehalten. Der Borfftzende derselben, Herr M. H. Neustadtl. eröffnete sie mit einem dem verstorbenen Rabbiner und Prediger Professor Dr. Kämpf gewidmeten Nachruf, den wir seinem Wortlaute nach hier folgen lassen, er sprach: Sehr geehrte Herren! Bevor wir zur Erledigung des Proarammes der heutigen Tagesordnung schreiten, hot der Vorstand eine traurige Pflicht zu erfüllen und des in die abgelaufene Verwaltungsveriode fallenden Hinscheidens Sr. Ehrwürden des um unser Gotteshaus hochverdienten Predigers und Rabbiners k. k. Regierungsrathes Herrn Prof. Dr. S. I. Kämpf pietätsvoll zu gedenken, und es ziemt uns wohl, seines Wirkens heute an dieser Stätte ehrend zu gedenken und sein den höchsten Idealen im Dienste der Tempelgemeinde gewidmetes Leben . in kurzen Umrissen zu schildern. In frühe ff en Mannesjahren wurdeder v'erewigte Dr. Kämpf als Prediger in unser Gemeinde berufen — im spätesten Greisenalter schied er aus-diesem Leben — aber zwischen diesen Altersgrenzen liegt ein gottbegnadetes, reich gesegnetes Leben rüsti gen Schaffens auf geistigem, religiösem und literarischem Gebiete. Redner zeichnete in zündender Beredtsamkeit die Bedeutung Kämpf's um die Prager isr. CultuSgemeinde und das gesammte Judenthum und bemerkte in einer Rede: Es muß bei dieser Gelegenheit mit besonderem Danke hervorgehoben werden, daß der verehrlicke Vorstand der „Chewra-Kadischa" in Würdigung der Verdienste, die der Verewigte sich um diesen Verein erworben hat, nicht nur die Kosten der Bestattung ganz auf sich nahm, sondern auch für die irdischen Ueberreste des Heimgegangenen ein Ehrengrab an hervorragender Stätte anwies,, ohne hiefür ein Entgelt zu beanspruchen. Der Vorstand des Tempels hat ferner eine Stiftung auf den Namen I. S. Kämpf errichtet, damit der Name desselben an den hiezu bestimmten Tagen öffentlich nach der von dem Verewigten eingerichteten Weise genannt und dessen Sterbetag in solenner Weise durch das übliche Gebet und Bertheilunq milder Spenden gefeiert werde. Die zahlreiche Versammlung, von der schwungvollen und in ergreifender Weise vorgetragenen Rede sichtlich bewegt, erhob sich, der Aufforderung des Redners zustimmend, von ihren Sitzen, worauf derselbe ferner mittheilt, daß der Tempelvorstand beschlossen hat. die Stätte, in welcher die irdische Hülle des verewigten Herrn Dr. Kämpf ruht, mit einem würdigen Denkmal zu zieren, welches^ in kürzester Zeit seiner Vollendung und Ausstellung entgegensieht, und der Vorstand hält sich überzeugt, alle diese Maßnahmen in Uebereinstimmung mit den geehrten Mitgliedern der Gemeinde verfügt und so das Andenken Kämpf's nach Gebühr geehrt zu haben. Sodann erstattete der Secretär Herr Dr. Sigmund Schneider den Geschäfts- und Rechenschaftsbericht, der einen Vermögensstand von 33.311 fl. 41 kr. inclusive des neuerworbenen Realbesitzes aufweist. Der Bericht wurde mit großer Befriedigung und mit Beifall zur Kenntniß genommen und dem gesummten Vorstände, sowie dem Vereinscassier, Herrn M. Austerlitz, der Dank ausgesprochen und das Absolutorium ertheilt. Den nächsten Vroarammpunkt bildete der Vorschlag des Vorstandes zur Neubesetzung der Kanzel, laut welchem derselbe den seit Monat September v. I. fungirenden Rabbiner und Prediger, Herrn Dr. Armand Kaminka, zur Aufnahme empfohlen hat. Ueber den vom Herrn Samuel Weltsch gestellten und von Herrn Elkan Fischel warm unterstützten Antrag wurde Herr Doctor Kaminka einstimmig zum Rabbiner und Prediger im Tempel auf drei Jahre gewählt. Bei den schließlich erfolgten Wahlen in den Vorstand erscheinen auf drei Jahre gewählt als leitende Vorsteher die Herren: Samuel Fischl, Moriz Maier und M. H. Neustadtl, als Secretär Herr JUDr. Siegmund Schneider und als Verwaltungsräthe die Herren Moriz Austerlitz. SeligMann Elbogen, Siegmund Mautbner. JUDr. Isidor Petschek, JUDr. Ludwig Pick. Julius Pollak und Gottlieb Schmelkes. München, 16/ Februar. Die antisemitische Bolkspartei hielt am 15. Februar im Orpheum eine zahlreich besuchte Versammlung ab, der auch einige Abgeordnete beiwohnten und in der Herr Geisler über die Schächtfrage und ihre Behandlung im Petitionsausschusse der Abgeordnetenkammer berichtete. Redner gab seiner Verwunderung darüber Ausdruck, daß zu Referenten ein getaufter und wirklicher Jude bestellt worden seien. Ein Metzgermeister bezeichnete vom Standpunkte des praktischen Fachmannes aus das Schächten als grausame Thierquälerei. (Die Schlachthausverwalter und Thierärzte sind anderer Ansicht, der Metzger glaubt, daß die Muskelkrämpfe bei. Bewußtsein des Thieres eintreten. Dabei hat das Thier, dessen Gehirn blutleer ist, ebensowenig Bewußtsein, wie ein Fisch, dessen, einzelne Stücke, wenn er schon zerschnitten ist, noch Bewegungen machen.) Abgeordneter Dr. Frank versprach mit vielem Humor den Betrag von 1000 Mark für ein antisemitisches Fest, falls der Nachweis erbracht werde, daß einer seiner Vorfahren jemals Jude gewesen sei, worauf ihn der Vorsitzende namens der Versammlung unter allgemeiner Heiterkeit beglückwünschte. Im Uebrigen erklärte Dr. Frank, daß er neuerliche Informationen erhalten habe, und die Frage anläßlich einer neuerlichen Petition des antisemitischen Landesverbandes nochmals gründlich geprüft und jedenfalls auch im Plenum behandelt werden würde. Die Versammlung schloß mit Annahme einer Resolution e im Sinne der Ausführungen der Petition.