Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-03-09 · 10 (9.3.1894) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
10 (9.3.1894)
Date
1894-03-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021018--03296-3027426
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 186 Wrjkberretchtphr Wochrnpltzrtfi Nr. 10 auf welchen eine Menschenmenge auf- und abwogt; daß es auch Länder gibt, wo die Flüsse im Februar zu fließen beginnen und bis zum November nicht frieren, wo anstatt schneebedeckter Sümpfe Felder mit dichtbesäetem Korn und Gras sind; Länder mit Wäldern und Gärten mit grün belaubten Baumen, wo die Menschen von Brot und verschiedenen anderen Pflanzennahrungen leben. Für uns besteht die Wirklichkeit aus einer ewig gefrorenen Wüste mit kleinen Hügeln bedeckt, bewachsen mit verkümmerten Lärcheubäumen, die kaum in dem ewig gefrornen Grund Wurzel fasten können. Eine kalte und schmutzige Wohnung, die kaum eine menschliche genannt werden darf, selbst von Völkern, die an die ärmlichen Hütten der russischen Bauern gewohnt sind; als Nahrung nichts als verfaulte Fische; als Kleidung Lumpen, die uns von unserer europäischen Kleidung übrig geblieben sind und rauhe einheimische Kleidungsstücke aus halb gebeiztem Fell; der Nest ist Einsamkeit, Stille und Leblosigkeit. Ich glaube, daß die Geister, welche trauernd entlang der Ufer des Acheron wandelten, laut um ihr verlornes Lebcn jammernd, müssen dasselbe gefühlt haben, was mir fühlen, die wir unser Leben Mein an den Ufern der Kolyma dahinschleppen. Der gänzliche Mangel von Zielen und Interesse, Vergessenheit des Vergangenen und Gleichgiltigkeit der Gegenwart gegenüber bemächtigen sich unser zunehmend. Es sind nur wenige unter uns, die den Muth und die Lebensfähigkeit gehabt haben, sich kopfüber in den schmutzigen Sumpf von örtlichen Bedürfnissen und Wünschen zu stürzen und damit beschmutzt zu haben. Diese wenigen haben in der Verzweiflung einheimische Frauen geheiratet,, haben sich mit Fischwerkzeugen und Netzen versehen, erziehen Kinder heran, und werden nach und nach den Eingeborenen, unter denen sie leben, ähnlich. Alle ihre Gedanken sind auf die Erhaltung und Vertheidigung ihrer schwachen Existenz gerichtet, um sich vor den von allen Seiten auf sie ausgeübten Gnwirkungen einer wilden Natur zu schützen. Im Sommer fangen sie Fische, und was das anbelangt, fangen wir alle mehr oder weniger Fische und schießen Vögel und Rennthiere. Im Winter gelen sie. in die Tundra, um mit Tschutschken, mit Fellen und Rennthierfleisch Tauschhandel zu treiben, bringen Vorrath von Holzstücken, verbessern und vervollkommnen ihre Durta u. s. w. Was den Rest von uns anbelangt, leben wir, wie wir können, kümmern uns wenig um unsere materielle Lage, so lange wir noch einen Bisten Nahrung haben. Die abscheuliche Wirklichkeit, die uns umgibt, drängen wir zurück und leben von alten Erinnerungen und nutzlosen Hoffnungen nach einem Lichtstrahl in der Zukunft oder um die Wahrheit zu sagen, wir leben gar nicht. Wir lesen fast ni mals; wir bekommen sehr selten ein neues Buch oder eine Zeitung und niemals Fremde. Was die alten Bücher anbelangt, die auf unseren Schränken wie verfaulte Leichname liegen, so haben sie kein Interesse mehr für uns. Alles, was zwei oder drei Jahre in Kolymsk gelegen, ist für uns siech, da wir vor dem bloßen Schatten unserer Umgebung uns ekeln. Verzeihen Sie die Kürze dieses Briefes; ich würde genauer geschrieben haben, wenn ich wüßte, daß das, was ich schreibe, Sie jemals erreichen werde. Vudapester Briefe. VI. Anfangs März 1894. Es wäre Affectation, wenn ich jetzt, wo die Luft bei uns von der Hitze eines parlamentarischen Culturkampfes saturirt und jeder Ungar vom kirchenpolitischen Fieber ergriffen ist, die Aufmerksamkeit des freundlichen Lesers nicht gleich vorweg auf jene epochale Bewegung lenken wollte, die gerade jetzt anläßlich der legislatorischen Verhandlung über den Civilehe-Gesetzentwurf ganz Ungarn mächtig durchzieht. Denn auch in diesen Blättern kann auf dieses Schmerzenskind des ungarischen Liberalismus nicht genugsam hingewiesen werden. Ist doch das Schicksal seiner parlamentarischen Geburt mit dem Loos seines Schwesterentwurfes über die Reception unserer Religion eng verknüpft. Nach dem bisherigen Verlauf der Debatte und der im Unterhause herrschenden liberalen Stimmung, aus der sich auf die zweifellose Annahme des Gesetzentwurfes über die obligatorische Civilehe schließen läßt, können wir auch auf die seinerzeitige Annahme der Receptionsvorlage hoffen. ~ Rühmenswerth und für die objective Denkungsart der ungarischen Parlamentarier charakteristisch ist es, daß in der ganzen dies- und vorwöchentlichen Debatte mit Ausnahme zweier Abgeordneten von sphinxartig politischem Charakter Niemand die jüdische Confession berührte, während doch ihr Verhältniß zum Gesetzentwurf dasselbe wie dasjenige der katholischen und lutherischen Religionen ist. Wir Juden haben eben nicht gleich in die Kriegstrompete geblasen und geben dem Staate, was des Staates ist. Einer der erwähnten zwei Abgeordneten, die in ihren oratorischen Sprüngen auch auf die jüdische Confession zu sprechen kamen und uns, ihre Reverenz machend, beim Ohre zupften, ist der berühmte (?) Advocat Gsza Polünyi. In seinem Gefasel über das jüdische Ehegesetz behauptete er, es gebe gar kein solches und in Einem Athem seiner jüdisch-theologischen Gelehrsamkeit that er auch den Ausspruch, daß wir seit der Zerstörung Jerusalems keine Tempel und seit dem letzten Hohenpriester keine Geistlichen mehr haben. Synagoge und „Religionslehrer" gestand er uns aber großmüthig zu. Nun wage drüben bei Ihnen noch Jemand zu behaupten, daß Ungarn nicht schon ganz verjudet ist, wenn schon selbst unsere im antisemitisch-ultramontanen Gerüche stehenden Abgeordneten in der jüdischen Religion so gut bewandert sind. Doch schade, daß unser Polönyi nicht im österreichischen Reichsrathe sitzt. Der Wiener „Schneider" könnte dem Pester Advocaten bei seinen Excurstonen auf das jüdisch-theologische Gebiet etwas am Zeug flicken, indem er ihm die photographische Copie des dickleibigen Traktat-Kidduschin zeigen würde, welches Werk, wie bekannt, nur das Ehegesetz behandelt und zumindestens so alt wie das kirchliche Ehegesetz ist. Der andere Abgeordnete, der sich gelegentlich der Debatte den Juden zuwendete und sie voll Hypokrisie becomplimentirte, war Graf Pongratz. Von jüdischen Abgeordneten hat bisher blos Abgeordneter Visontai zur Vorlage gesprochen, der ein engerer Parteigenosse Potonyi's (Unabhängiger) ist. Natürlich leuchtete er diesem und dem edlen Grafen betreffs ihrer Bemerkungen über die Juden heim. Schr zutreffend hielt er ihnen vor, daß es gewisse Abgeordnete gebe, die sich, wie in den „Hugenotten", zum Streite der Christen von den Juden die Musik machen lasten und auf deren Rücken den Tact dazu schlagen. Abgesehen vom katholischen Dogma, fügte er hinzu, welches bei Feststellung des Gesetzentwurfes gewiß die größte Berücksichtigung beanspruchen darf, muß bestritten werden, daß die protestantische und jüdische Confession weniger von ihren Rechten und Traditionen zu opfern bemüssigt ist, als die katholische. Die übrigen jüdischen Abgeordneten, die sich als Redner für die Gesetzesvvrlage eintragen ließen, haben sich mittlerweile, wie verlautet, aus der Rednerliste streichen lassen. Diese Reserve setzt der ganzen bisherigen Haltung des ungarischen Judenthums dieser Reformbewegung gegenüber die Krone auf, da es doch uns sonst immer unwiderstehlich zum Mitthun drängte,, wenn es hieß, den liberalen Ideen zum Durchbruche zu verhelfen. Dank dem traditionell bewahrten Liberalismus des magyarischen Volkes ist man jedoch hier auf die freisinnige Mitwirkung der jüdischen Bürger überhaupt nicht angewiesen, wie dies glänzend und imposant das gerade heute hier stattfindende Meeting der liberalen Katholiken beweist, welche sich zu vielen, vielen Tausenden aus allen Theilen des Landes hier unter dem Jubel der hauptstädtischen Bevölkerung versammelten, um für die kirchenpolitischen Vorlagen, mithin auch für die Receptton Stellung zu nehmen. Der Telegraph ' wird Ihnen morgen, früher als diese Zeilen, die Resolutionen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.