Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 10 (9.3.1894)
- Date
- 1894-03-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021018--03295-3027425- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. io Drflerreichischr Wochrnsthrift Seite 185 das Wohl und'Wehe der Landjuden entscheiden nämlich die Ruralgemeinderäthe und der jeweilige politische Beamte, sei er nun Präfect oder Subpräfect. Was die Bauernselbst betrifft, so sieben sie, wenn anders sie nicht verhetzt sind, den Juden freundschaftlich gegenüber. In bäuerlicher Schlauheit wissen sie, besser oft als die Herren Minister und die redseligen Phrasendrescher von der politischen Arena, sehr wohl, daß ihnen mit der Vertreibung der Juden auch die Möglichkeit benommen wird, die Products ihrer Arbeit gut zu verwerthen. Deshalb ziehen sie auch den Juden sogar ihren Glaubensgenossen, den wucherischen Griechen und den knickerischen, engherzigen, kaufmännischen Unternehmungsgeistes entbehrenden Bulgaren vor, .welche wirklich und wahrhaft Fremden die Stelle der verjagten rumänisch-jüdischen ..Fremden" einnehmen. Die Juden könnten demgemäß auf dem Lande friedlicher und ungestörter als in der Stadt ihrer Arbeit obliegen, wenn nicht die ländlichen Gemeinderäthe in erster Linie von ihren Gemeindenotären, in zweiter Linie von den politischen Districtsbeamten haranguirt würden. Diese beiden Kategorien sind in ihrer großen Majorität geschworene Feinde der Juden. Aus einem sehr plausiblen Grunde. Diese würdigen Beamten leiden nämlich fast immer an Geldbeutelleere, und da wird dann der Jude, der unter Müh und Sorgen seinen Nothpfennig erwirbt und ihn zehnmal umwendet, ehe er davon etwas ausgibt, häufig um Darlehen angegangen. Das Charakteristische bei diesen Geldgeschäften ist, daß der Schuldner gleich bei Aufnahme des Darlehens den ernsten Willen hat, die entliehene Summe niemals zurückzuzahlen und daß der arme Gläubiger es nicht wagen darf, die allmächtigen Herren Schuldner auch nur in untertänigster Weise zu mahnen. Reißt endlich dann dem Juden die Geduld oder ist es ihm nicht mehr möglich, Geldvorschüsse auf Nimmerwiedersehen zu gewähren, dann ... treten die Ausweisungsgesetze in Wirksamkeit, man legt sie im weitesten Sinne aus, und wenn das nicht hinreicht, so wird frisch und flott den Ge- ' setzen ein ganz anderer Sinn unterlegt, und dann kommt es schließlich dazu, daß ehrbare Judenfamilien, die seit Generationen in irgend einen Dorfe ruhig ihrem Erwerbe nach gingen, Knall und Fall aus ihrer engeren Heimat verjagt werden. Sie ziehen notgedrungen in die Städte, wo ihnen ja großmütig der Aufenthalt gestattet wird. Und in den Städten vermehren sie das ohnehin große Elend unter den Juden. Selbstverständlich versuchen es die also Behandelten, sich Recht zu verschaffen; man telegraphirt an den Minister, man petitionirt — aber das Recht ist bei uns eine Münze, mit der Kehrseite „Unrecht" für die Juden. Wie wäre auch von Herrn Lascar Catargin. diesem weniggebildeten Bojaren alten Schlages, zu erwarten, daß er einen Begriff von dem Begriffe „Recht" habe! Und auch der gebildetere Bratianu unseligen Angedenkens war in dieser Hinsicht keineswegs viel höher. In vergangenen Tagen hat sich aber in einer solchen Judenvertreibungsangelegenheit etwas Unerhörtes zugetragen: Ein Gerichtshof hat einem gegen seine völlig ungerechtfertigte .Vertreibung protestirenden Landjuden nicht nur Recht gegeben, sondern sogar die Urheber dieser Verfügung zu Arreststrafen verurteilt. Es handelte sich um folgenden Fall: Ein gewisser Jancu Gerschen. der in der Landgemeinde. Leca des Bezirkes Bacau wohnhaft war, erhielt auf Grund eines Beschlusses des dortigen Gemeinderathes den Auftrag, die Commune ehestens zu verlassen. Der Subpräfect seines Departements beeilte sich, diesen Beschluß des Gemeinderathes .recht bald in roher Weise durchzuführen. Gerschen wich der . Gewalt, begab sich nach Bacau und führte sowohl gegen den Vorsitzenden des Jnterimscomites der Gemeinde Lcca, als auch gegen den Subpräferten vor dem Tribunal von Bacau Klage. Und das völlig Unerwartete, das Unglaubliche geschah — das' Gericht erkannte, daß dem Jancu Gerschen Unrecht geschehen sei und verurteilte den erwähnten Vorsitzenden zu einem ' Monate Arrest, den Sübpräfectett zu 6 Monaten und einem Tage Gefängniß und zu zwei Jahren Verlust der politischen Rechte, ferner beide Geklagte solidarisch zu einem Schadenersatz von 300 Franken. Mit dankbarer Genugthuung nahmen es die Juden zur Kenntniß, daß es doch noch Richter in Rumänien gibt, die nicht zweierlei Urtheil und zweierlei Recht kennen und die den Muth haben, eine empörende Ungerechtigkeit, begangen an einem 'harmlosen jüdischen Bürger, an den Urhebern, wenn sie auch behördliche Personen sind, strenge zu sühnen. Aber freilich,, die 'Freude wurde bald gedämpft. Das Sprachrohr der rumänischen Regierung, das in Bukarest erscheinende Blatt „Timpul", bezeichnet das Ereigniß als unerhört, will nicht recht an die Möglichkeit desselben glauben und gratulirt „vorläufig" in ironischen Worten dem Gericht von Bacau zu seinem Urtheile. Das zeigt bester, als spaltenlange Commentare, was von dem Ministerium Catargiu zu erwarten ist . . . Und in diesem Ministerium sitzen Männer wie der Unterrichtsminister Take Jonescu, der vor etwa 14 Jahren an den Hochschulen des Auslandes voll von liberalen und humanen Ideen heimkehrte, — wie der Domänenminister Carp, der vor 15 und 20 Jahren in der Kammer muthig und freudig für die Juden eintrat . . . Die Hoffnung also, daß das Urtheil des Gerichtes von Bacau eine Wenvung zum Guten bedeute, ist eine trügerische; die Tribunalsitzung kann blos als merkwürdige Ausnahme in den Annalen der rumänisch-jüdischen Leidensgeschichte verzeichnet werden. T. Ern Verrweissungsfchrri eines jüdischen Russen aus Sibirien. Vorbemerkung: Dieser Brief eines politischen Verbannten wurde einem Freunde im europäischen Rußland geschrieben, den wir ersuchten, sich mit dem Exilirten in Verbindung zu setzen. Unsere Sendung wurde in London im Oktober 1892 postirt. Es fand nicht die geringste Verzögerung von Seiten des Vermittlers statt, und trotzdem konnte der Brief erst im Juni 1893 von Kolymsk beantwortet werden, und zwar langte die Antwort erst in sechs Monaten in London an. Der Brief des Verbannten ist schon an und für sich ein wahrer Aufschrei der Verzweiflung eines intelligenten, edelherflgen Mannes, welcher sich sehnt, nützlich zu sein und Antheil an der Arbeit zu nehmen, den Freuden und Leiden seiner Mitbrüder, der kühlt, daß er allmälig in dem Schlamm phuflscher Degradirung und moralischer und geistiger Gleichgiltigkeit versinkt. Das ist schlimmer, tausendmal schlimmer als der Tod. Wir wollen den Leser darauf aufmerksam machen, daß Jene, deren Schicksal hier beschrieben ist, nicht durch Anteil an terroristischen Plänen schuldig waren. Ihr schlinimstes Verbrechen war Theilnahme an organisatorischer Propaganda. Ohne Zweifel würden mehrere von ihnen ein milderes Schicksal gefunden haben, wenn ihr wirkliches Verbrechen in den Augen der Regierung nicht darin bestanden hätte, daß sie Juden waren. * » * Es sind jetzt mehr als drei Jahre her, daß wir in dieser vergessenen, gottverlassenen nördlichen Höhle, außerhalb der Grenze der Civilisation, ausgeschlossen von allen Vorbedingungen intellectuellen Lebens, vegetiren. Die Post kommt regelmäßig nur einmal in drei Monaten. Die Strafe des Exils nach Kolymsk ist augenscheinlich für verschiedene Verweser von gleich reizlosem Charakter, aber innerhalb der Grenzen unseres „lieben Vaterlandes" gegeben. Denn über zwei Jahre find keine neuen Verbannten hier angekommen und jetzt hat mehr als ein Drittel der Exilirten uns verlassen, die einen für das europäische Rußland, die anderen für einen mehr bewohnten Theil Sibiriens. Noch andere werden es zwischen 1893 und 94 verlaffen. Nur wir langjährig und lebenslänglich Verbannten werden bleiben, verurtheilt, hier in einem gänzlich ausgestorbenen Lande zu verfallen. Während der ersten Periode meines hiesigen Aufenthaltes dachte ich, daß es eine interessante Arbeit sein würde, meinen Freunden mehr oder weniger ausführliche Berichte, besonders der Lebensverhältnisse, in welche wir, eine Handvoll Europäer, plötzlich geschleirdert wurden, zukommen zu lassen; Verhältnisse, in welche wir uns so wenig hineinsinden können, wie eine Körperschaft von civilisirten Reisenden, die, gestrandet an der Küste Queenländs, sich ihr Leben den Gewohnheiten und Umständen der Eskimos gemäß einrichten könnten. Aber die meisten meiner Manuscripte erreichten nicht die Personen, an die sie gesandt wurden, und nun ist selbst das Verlangen, sie zu schreiben, verschwunden. Mein eigenes Erstaunen über die außergewöhnliche Umgebung ist immer schwächer und schwächer geworden. Das Leben in Kolymsk saugt Jeden aus. Es kommt mir nun wie ein halbverklungener Traum vor, daß es irgendwo in der Welt große bevölkerte Städte gibt, mit großen Kaufläden, mit Häusern mit mehreren Stockwerken, mit gepflasterten Straßen