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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-03-09 · 10 (9.3.1894) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
10 (9.3.1894)
Date
1894-03-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 182 Oestrrprichifche Wochrnphrifk Nr. 10 Intelligenz, die, weil sie zum großen Theile innerlich dem Judenthume entfremdet waren und an ihre Abstammung gern vergaßen, nicht glauben wollten, daß auch gegen sie die Angriffe sich richten, überließen die Abwehr derselben Jenen, die sich allein davon betroffen glaubten, und waren leicht bereit, auf deren Kosten alle möglichen Zugeständniffe zu machen. Bald sollten ihnen Allen in der unerfreulichsten Weise die Augen geöffnet werden. In der Nichtswürdigsten Weise wurde der Name eines Jeden, der etwas besaß, in den Koth geschleift; was Talent und Arbeit erworben hatten, wurde als „Raub" erklärt, die großherzigen Stiftungen und reichen Spenden, die von jüdischer Seite, und nur von jüdischer Seite, der gesammten Bevölkerung dargeboten wurden, wurden nicht weiter beachtet oder gar als „zurückerstatteter Raub" hingestellt. Auf der anderen Seite fanden alle der Intelligenz angehörenden Männer: Juristen, Aerzte, Techniker, Lehrer rc. plötzlich Schranken auf ihren Lebenswegen, die sie nicht durchbrechen konnten, und sahen sich in ihrer Existenz und ihrem Fortkommen gehemmt. Aber auch jetzt noch ttat, namentlich in den letztgenannten Kreisen der Intelligenz, nicht die Wirkung ein, die man als die allein richtige hätte erwarten sollen. Man fand die Forderung der „Affimilation", welche der sogenannte „geläuterte Antisemitismus" erhob, berechtigt, erkannte aber nicht, daß diese „Assimilation", soweit sie diesen Namen verdient und nicht zur gänzlichen Selbstentäußerung wird, ein historischer Proceß sei, also naturgemäß sich nur langsam und allmälig vollziehen könne, und schrak endlich auch nicht zurück, als man bald sah, daß die „Geläuterten" zwar von einer Annäherung und Anpaffung sprachen, aber in Wirklichkeit die Taufe darunter verstanden. Die Fahnenflucht griff um sich; man glaubte, durch einen Sprung über die confessionelle Barriere sich zu retten, oder, wenn man es doch nicht über sich gewinnen konnte, ein neues Glaubensbekenntniß feierlich abzulegen, dem man innerlich ebenso gleichgiltig gegenüberstand wie dem alten, wenigstens seine Kinder durch den Uebertritt vor den feindlichen Angriffen zu sichern. Abcr auch hier sollte die wohlverdiente Enttäuschung nicht ausbleiben. Bis auf das kleine Häuflein derer, welche für ihren Judenhaß religiöse Motive — wenigstens Vorgaben, machte das Gros der Antisemiten zwischen ungetauften und getauften Juden keinen Unterschied, und die Letzteren wurden bald gewahr, was es mit der an gestrebten „Sicherung" ihrer Kinder auf sich habe, als sie Gelegenheit bekamen, die urkomischen genealogischen Nachforschungen mitanzusehen, welche die Antisemiten in den Stammbäumen Aller, die nicht zu ihnen gehörten, anstellten, um einen jüdischen Einschlag herauszufinden. So stand man also in unseren Kreisen anfangs der feindlichen Bewegung im Großen und Ganzen rath- und thatlos gegenüber. Wohl waltete die specifisch-jüdische Presse tapfer, unerschrocken und mit großem Geschick ihres Amtes; aber was half das? Gerade in den Kreisen, in denen ihre schlagenden Widerlegungen der schmählichen, verlogenen Angriffe hätten wirken können, wurden die jüdischen Blätter nicht gelesen. Inzwischen kam die erste Hilfe von anderer Seite. Der Antisemitismus hatte nämlich sehr bald Dimensionen und Formen angenommen, die ihn als eine arge sociale Krankheit erscheinen ließen; nicht mehr die Judenheit allein war bedroht, sondern in weit höherem Grade waren es Cultur und Gesittung, die öffentliche Ruhe und der innere Friede der von dieser Pest heimgesuchten Länder. In Folge dessen traten christliche Männer aus allen Ständen, zumeist der Elite derselben angehörig, zur Abwehr der Gefahr zusammen. Zuerst in Berlin und bald darauf in'Wien wurden von christlicher Seite Vereine zur Abwehr des Antisemitismus gegründet, die eine rege Thätigkeit entfalteten. Mit unauslöschlichem Dank wird zu allen Zeiten in jüdischen Kreisen der Männer gedacht werden, die den Muth hatten, für uns einzutreten, die in voller Kenntniß der unsauberen, verlogcnen Kampsweise der Gegner, sich in ihren edlen, humanen Anregungen nicht durch die sicher zu erwartenden gemeinen Beschimpfungen beirren ließen. Die Namen Gneist, Nothnagel, Leitenberger werden in den Annalen des Judenthums stets mit der größten Ehrenbezeigung genannt werden. Auf jüdischer Seite hielt man sich anfangs aus Discretion von dem Abwehrvereine fern; erst nachdem aus der Mitte desselben diese Zurückhaltung für überflüssig und unerwünscht erklärt worden war, nahmen auch die Juden regeren Antheil. Aber so überaus dankenswerth und geradezu unentbehrlich diese Hilfsaction auch ist, so kann der Verein doch nur einen Theil der Abwehr vollbringen. Seine moralische Wirkung ist imponderabel, aber darum nicht weniger mächtig und wirksam; er tritt der Lüge und Verleumdung mit der Autorität von Männern entgegen, denen man keine Befangenheit in eigener Sache vorwerfen, kein persönliches Interesse nachsagen kann. Er kann, begünstigt durch die sociale Stellung seiner Führer, bei den obersten Centralstellen einschreiten und ihre Aufmerksamkeit auf den staatsgefährlichen Charakter der antisemitischen Bewegung hinlenken. Aber was er nicht thun, was nur von Uns allein geschehen kann^das ist: i n \ e b t m e i n* zelnen Fa'lle gegen die grobe Beschimpfung der gesammten Judenheit und ihres Glaubens, gegen die lügenhaften Verleumdungen, die in der Presse und in ben Versammlungen die stehende Rubrik bilden, den Schutz der Gerichte und der unteren Executiv-Behördeman rufen. Dazu hat ja auch der einzelne Jude oder eine einzelne Cultusgemeinde, und wäre letztere noch so bedeutend, kein Mandat; das kann nur von der Gesammtheit ausgehen. Und da weder in Oesterreich noch in Preußen für die Vertretung derselben nach Außen eine oberste Kirchenbehörde besteht, so blieb eben nichts Anderes übrig, als für diesen Zweck eine eigene Vereinigung zu bilden. Das hat man endlich in Berlin erkannt, und so entstand dort in der zweiten Hälfte des vorigen Jahres der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", der bereits nach kurzem Bestände nahe an 2000 Mitglieder zählt. Ueber die Ziele desselben und die Art seines Vorgehens gibt die gedrückt vorliegende Rede, die der Vorsitzende Dr. M. Mendelssohn in der ersten Generalversammlung gehalten hat, Aufschluß. Der Verein schließt zunächst alle politischen und religi sen Fragen vollständig aus. Welcher politischen Partei der Einzelne angehört, wie er über specielle religiöse Fragen, über religiöse Lebensführung denkt, das ist seine Privatsache. Der Verein hat vor Allem den Zweck, „mit dem ganzen Gewichte, das die Vereinigung Aller ihm verleiht, die zu fassen, die uns schmähen, sie zur Verantwortung zu-ziehen, wo wir sie finden." Zu diesem Zwecke ist eine Rechtsschutz-Commission organisirt, „welcher Alles, was die Handhabe für strafrechtliche oderdisciplinarische Verfolgung abgeben kann, zur Begutachtung vorgelegt wird." — „Schon die Nachwirkung, welche unser Eingreifen' auf spätere gleichartige Vorkommnisse ausüben wird, verspricht einen Erfolg. Wenn wir immer auf der Wacht sind, stets da einspringenwo das bedrängte Recht der.Juden gefährdet wird, wenn - man nicht mehr mit verschränkten Armen zusieht, wie uns um unserer Religion willen das Recht verkürzt bleibt, wenn, man bereit ist, jeden einzelnen Fall zu verfolgen, soweit die Kraft reicht, dann wird man wohl doch schwankend werden, ob man fortfahren soll, uns das gleiche Licht und die gleiche Sonne zu berweigern, wie das bisher geschehen ist." Außerdem existirt'ein Rechtsbureau, das bestimmte Sprechstunden hat; „in welchem ein Jeder durch persönliche Miltheilung und persönliche Auskunft an dem Werke mitzuarbeiten-in die Lage gesetzt wird." Endlich verwahrt sich der Verein aufs Entschiedenste dagegen, daß durch ihn der Abwehrbewegung auf christlicher Seite Coneurrenz oder dieselbe etwa gar überflüssig gemacht werden sollte. Im Gegentheil: ihre Wirksamkeit wird mit tiefgefühltem Danke anerkannt; nur ergänzt soll sie werden an jenen Punkten, wo ihre Thätigkeit der Natur der Sache nach nicht hingelangen kanm Es ist ganz unmöglich, den reichen Inhalt dieser Rede so im Einzelnen wiederzugeben, wie sie es verdient. Wer sich dafür interessirt, kann sie *) durch jede Buchhandlung beziehen. Aber es ist im hohen Grade wünschenswerth, daß die bestehenden jüdischen Vereine'und Corporationen sich eine größere Anzahl von Exemplaren der erwähnten Schrift kommen lassen und an ihre Mitglieder vertheilen. Vielleicht finden sich dadurch notable Männer aus unserer Mitte veranlaßt, die Gründung e es „Centtal-Bereines österreichischer Staatsbürger jüdischen Grt. ibens" in Angriff zu nehmen, der, wenn auch im Einzelnen den -- nders gearteten Verhältnissen unseres Reiches Rechnung tragend, doch im Großen und Ganzen dieselben Ziele verfolgt. Eine solche Bereinigung ist ebenso nothwendig wie möglich, und erreichbar; möge sie nicht zu lange auf sich warten lassen! . *) Sie ist bei Irnberg & Lefson, Berlin,'Jäcöbsstr. 64a erschienen und kostet 40 Pfennige; beim Bezuge von größeren Partien tritt bedeutende Preisermäßigung ein.

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