Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-03-09 · 10 (9.3.1894) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
10 (9.3.1894)
Date
1894-03-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021018--03291-3027421
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 10. Wien, 9. MSrr 1894. Jahrgang XI. Crnlralorgan für die gefammten Interessen des Iudrnthums. /0M$ S. k. Po sttzi srraffrn-Amk Clearingverkehr Nr. 810.976. LrLarlion und Administration: Wir« Franr Dosefs-Luai De. 3. Ttlephcn-Nr. 6535 -#- »erausgeber: Keichsraths-Avgeordneter Di*. Kloch. —->-.H' - Erscheint jeden Freitag. --- M Man abonnirt bei allen Pofisnstslirn des In- und.Auslandes. M Drfllgsxrris für Srffrrrrir! Halbjährig 4 fl. — 8 Ar. Einzelexemplare SS kr. Für'» Ausland: halbjährig s fl. — 10 Ar. ganzjährig 10 „ 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 kr. Inhalt: Leltariikel: „Inden, Junker und Pfaffen." — Organisirte Abwehr-. — Zu den Berhanvlungeu wegen des Handelsvertrages mit Rußland. — Von der Woche. — Das Gesetz gegen öie Ratengeschäfte. — Zue Lage der Landjuden in Rumänien. Ein Verzloeiflungsfchrel eines jüdischen Russen aus Sibirien. — Bndapester Briefe. — Rabbiner Di. Perles in München. —Correspondenzen: Wien, Prag, München, Berlin, Königsberg, Sofia, Amsterdam, New-Z)ork.— Vermischtes: Wien, Klosterneuburg, Nikolsburg, Meran, Proßnitz, Budweis, Raudnitz, Jungbnnzlau, Kojetein, Straßnitz, Jägerndorf, Lemberg, Przemysl, Tarnopol, Karlstadt, Berlin, London, Paris, Divinsk. — Zürjtengunst XLIX. — Neueste poetische Literatur. — Das Buch Job. — Wochenkalender — Briefkasten. — Eingesendet. —Inserate. ,,Juden. Junker und Pfaffen." Bon A. Gundacear Baron Suttner. Der Antisemitismus hat eine ganz merkwürdige Erscheinung gezeitigt, nämlich die, daß gewisse Gesellschastsclassen Anfangs ein Auge zudrückten, ihm später sogar zuneigten, säst könnte man sagen, zuschworen, und zwar Classen, die die eminente Gefahr hätten sehen sollen, welche ihnen aus ihm droht. Das erinnert mich an einen analogen Fall, den ich während eines mehrjährigen Aufenthaltes im Oriente näher zu beobachten Gelegenheit hatte. Dort gab es zwar keinen Antisemitismus, wohl aber einen Antiarmenismus. Der Armenier ist nämlich dort das unermüdlich arbeitende, verdienende und in Folge dessen capitalansammelnde Element. Das ewig hungrige Popenthum und der Adel, der durch Nichtsthun in den Zustand der Decadence gerathen ist, hat es nämlich für gut befunden, sich Jenen anzuschließen, denen das erwerbende Armenierthum ein Dorn im Auge ist. Dabei haben jedoch die beiden obgenannten Stände in ihrer Blindheit ganz übersehen, daß der Verfolgungswuth des antiarmenischen Proletariats kaum Grenzen zu ziehen sein dürften, wenn es das Unglück wollte, daß dieser Versolgungsdrang zur thatsächlichen Berfolgung würde. Da habe ich denn dort ein Märchen — oder wollen wir es Fabel nennen — kennen gelernt, die sich vollkommen gut auf unsere deutschen Verhältnisse anwenden ließe: Eines Tages ist der Fuchs in den Gestügelhos eingebrochen und hat sich zum Frühstück ein Paar Hühner geholt. Darob im ersten Augenblick große Consternation; die Enten und Gänse steckten schnatternd die Köpfe zusammen und beriethen, ob man nicht beim nächsten Einbruch ins Gehege doch den Gebieter durch großen Lärm zu Hilfe rufen solle. Nach eingehender Berathung jedoch kamen sie zu folgendem weisen Resultat: Es ist allerdings nicht gerade ganz in der Ordnung, daß sich der Fuchs hier das' so ohneweiters Holk, was ihm zur Veranstaltung seiner Mittagstafel nothwendig scheint; aber schließlich hat er sich ja mit ein paar Hühnern begnügt, und streng genommen sind diese Hühner in unserem Gehege doch eher ein „schädliches Element"; kaum ist das Futter aufgestreut, so sind sie schon hastig da, um uns in aller Eile die Körner vor dem Schnabel wegzupicken. Wie wäre es also, wenn wir mit dem Fuchs ein Compromiß schlößen? Gut denn — der Vergleich wurde abgeschlossen: der Fuchs durste sich jeden Tag seine Hühnchen holen, ohne daß ihn die Enten und Gänse dabei gestört hätten. Ja, es kamen sogar Fälle vor, wo sie ihm die Sache erleichterten. Eines Tages jedoch war der Fuchs mit den Hühnern fertig, —- denn er besaß eine zahlreiche Familie, für deren Bedürfnisse es sorgen hieß. Und da geschah es denn, daß plötzlich eines Morgens mehrere Enten fehlten. Jetzt freilich gab es im Gehege lauten Lärm und Geschnatter, allein da war es schon zu spät: In kurzer Zeit hatte er mit den Enten und Gänsen ebenso aufgeräumt wie mit den Hühnern. Und dann erst, als der Gestügelhos entvölkert war, krepirte der Fuchs aus Hunger. Und die Moral der Fabel, auf unsere Zustände angewendet: Wäre es nicht besser gewesen, man hätte unseren Fuchs Hungers krepiren lassen, bevor er die Hühner — und die Enten und die Gänse ausgesressen hat? Die Enten und Gänse bildeten sich ein, der Fuchs werde es ewig blos mit den Hühnern zu thun haben und erfuhren es später, was sie früher hätten wissen sollen, daß er hier blos den Anfang gemacht hat. OrganiNrte Abwehr. Von S. Hamm erschlag. Die neueste Leidensära des jüdischen Stammes hat ihn unvorbereitet gefunden. Ein kurzer Sonnenstrahl des Glückes hatte genügt, - um die Erinnerung an die Vergangenheit mit Allem, was sie Schmerzliches für uns gebracht hatte, scheinbar in die Nacht der Vergessenheit zurückzudrängen. Die Verfassungsmkunden enthielten ja die vom Zeitgeiste geforderten Gleichberechtigungs-Paragraphe, so sah man sich also für alle Zeiten gesichert. Jetzt blieb nur noch übrig, daß wir selbst ausnahmslos Alles, was uns im täglichen Leben von unseren Mitbürgern trennt, so rasch als möglich beseitigen; und in dieser Selbstentäußerung glaubte man sich gar nicht genug thun zu können. Da trat plötzlich der Rückschlag ein, und zwar gleich mit solcher Vehemenz und in so ungeschminkter und unverclausulirter Form, daß an seiner Gefährlichkeit nicht gezweifelt werden konnte. Die Wirkung aber, die er in unserer Mitte im Anfänge hervorbrachte, war eine ganz eigenthümliche und für den, der unsere innere Entwicklung in den letzten Jahrzehnten nicht genau verfolgt hatte, vollständig unerwartete. Die Kreise, die nach außenhin immer die führende Rolle beansprucht und auch eingenommen hatten, der Besitz und die Intelligenz, zogen sich, sehr wenige Ausnahmen abgerechnet, gänzlich zurück und hielten sich so, als ob sie die Sache gar nicht mitbeträfe. Die Besitzenden fanden in dem gesellschaftlichen Verkehre mit ihren nichtjüdischen Bekannten zunächst keine Aenderung; daß diese Letzteren nur durch irgend ein Interesse, und nur wo ein solches vorlag, mit ihnen verbunden blieben, erkannten sie nicht. Die Kreise der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.