Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 9 (2.3.1894)
- Date
- 1894-03-02
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021017--03285-3027414- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seile 176_Vekerretchtfche Sie waren in unschilderbarer Verzweiflung wieder eine Stunde Weges gegangen, als ihnen ein Reiter entgegen trabte. Er war gut gekleidet und machte seiner äußeren Erscheinung nach den Eindruck eines vornehmen Herrn. Als er den beiden Frauen so nahe kam,, daß er ihre Züge und ihre Gestalten deutlicher erkennen konnte, schien er von der Schönheit Evas betroffen, er hielt sein Pferd an und frug, sich an Eva wendend,:. „Wohin des Weges, meine Schöne?" Eva zitterte vor Zorn und Schrecken, sie hielt es für das Beste, die kecke Frage unbeantwortet zu lassen und versuchte es — den Arm der Mutter ergreifend — rasch an dem Reiter vorüberzukommen, aber dieser machte mit seinem Pferde schnell eine Schwenkung, so daß er mit diesem die Breite der Straße versperrte. „Mein Schloß liegt in der Nähe, ich lade Euch ein, über Nacht mein Gast zu sein und hoffe, Ihr werdet nicht so unhöflich sein, meine freundliche Invitation zurückzuweisen. . . . Ich bin Gras Moldenheim." „Herr Graf", hatte Dina geantwortet, „wenn man zwei Frauen in später Stunde allein auf der Heerstraße begegnet, setzt man voraus, man dürfe von ihnen das Niedrigste denken. Wir, Herr Graf, befinden uns in einer Ausnahmslage, wir sind zwei unglückliche Frauen, ich bitte sie inständigst, mir zu glauben und den Weg frei zu geben." Der Graf wurde von diesen Worten überrascht, aber schien offenbar nicht geneigt, ihnen Glauben zu schenken und er replicirte. „Ich bedauere Ihrem Wunsche nicht willfahren zu können, ich muß auf meiner Bitte, mir das Vergnügen Ihres Besuches zu gewähren, bestehen. Trotzdem ich, wie sie sehen, noch ein ziemlich junger Mann bin, besitze ich doch so viel Lebenserfahrung, um zu wissen, daß der größte Theil des menschlichen Unglücks aus Mangel an Geld entsteht. Ich bin reich, wenn Sie mir durch Ihren Besuch", er richtete das Wort an Eva, „angenehm die Zeit vertreiben wollen, will ich mich recht dankbar beweisen nnd Sie sollen nebst Ihrer Begleiterin, wenn Sie es nicht vorziehen sollten, mich noch längere Zeit durch Ihre Gegenwart auf meinem Schlosse zu erfreuen, am Morgen reich beschenkt — viel reicher, als Sie es sich vorstellen und gewöhnt sein mögen — entlassen und überdies mit meinem Wagen an jeden von Ihnen beliebig gewählten Ort geführt werden. Ich will noch hinzufügen, daß Sie 'mir so gut gefallen, daß ich durchaus nicht geneigt bin, Excusen anzunehmen und .wenn Sie mir nicht freiwillig folgen wollten, müßten Sie cs meiner leidenschaftlichen Aufregung zu Gute halten, wenn ich Gewalt gebrauchen, Sie zu mir aufs Pferd heben und auch gegen Ihren Willen auf mein Schloß bringen würde." Rafael hatte die traurige Erzählung, die ihm abwechselnd von Mutter und Tochter mitgetheilt wurde, mit den schmerzlichsten Gefühlen angehört; aber die Schilderung dieser Scene ergriff ihn so machtvoll, der tiefe Schmerz, in diesem kritischen Momente, wo seine Schwester der Hilfe eines Beschützers bedurfte, von dieser ferne gewesen zu sein, bohrte sich mit solcher Heftigkeit in seine Seele, daß er krampfhaft die Fäuste ballte und tief aufstöhnte: „Weiter, weiter, wie endete diese affreuse-Scene?" Eva fuhr fort: „Die Mutter sprach zu ihm. Wenn Sie ein Cavalier sind, fordere ich Sie als Mann von Ehre auf, mich und meine Tochter ungehindert unseres Weges ziehen zu lassen und . . . ." Eva stvckte und ihre Mutter ergänzte, „als der Graf keine Miene machte, meiner Bitte zu entsprechen und sich vom Pferde herabbeugte, um Eva zu umschlingen und zu sich aufs Pferd zu heben, ergriff diese den Zügel, riß das Pserd bei Seite und versetzte dem überraschten Reiter einen so heftigen Stoß in die Brust, daß er taumelnd vom Roß in den ziemlich tiefen Straßengraben fiel, sein Aufschrei schien zu beweisen, daß er sich beim Sturze verletzt habe; — wir aber eilten so schnell uns unsere ermatteten Füße trugen, weiter, als wenn böse Schemen uns auf den Fersen folgten." „Eva, das war klug und tapfer von Dir", rief Rafael, „das war einer Fränkl würdig, aber weiter meine Lieben!" „Die Mutter", fuhr wieder Eva fort, — „war vor Entsetzen außer sich, sie rang die Hände und blickte verzweifelnd zum Himmel empor. Wenn sich der freche Mensch, sprach sie, bei seinem Sturze eine Verletzung zugezogen, wenn ihn Leute in diesem Zustande finden und er uns verfolgen läßt, dann wären wir Armen in fremdem Lande rettungslos verloren, ich aber hatte nichts Anderes zu antworten gewußt, als: Wochenschrm Nr. 9 Gott wird helfen! Allein, es schien, als sollten wir des Lebens höchste Bitternisse kennen lernen, als sollte Alles, Menschen sowohl, als die unbelebte Natur, dazu beitragen, unser namenloses Elend zu voller Unertragbarkeit zu steigern. Plötzlich brach ein Orkan los, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Heftige Windstöße fuhren brausend, donnernd, heulend, pfeifend, sausend, grollend, über die Haide hin, und brachen mächtige Aeste von den Bäumen, die sich vor dem Anprall des wilden Sturmes beugten, es war plötzlich so finster geworden, daß wir Beide, die Mutter und ich, trotzdem wir, nebeneinander standen, einander nicht sahen, die dichten Schneeflocken, die unaufhörlich aus den schweren, schwarzen Wolken niedersanken, wirbelten wie im tollen Hexentanze in der Luft herum und wurden uns ins Gesicht gepeitscht und auch dem stärksten, kräftigsten Menschen wäre es unmöglich erschienen, sich in dem Sturme vorwärts zu bewegen und wir hatten schon zwei Tage keine Nahrung zu uns genommen, unsere Gliedmaßen waren erstarrt, wir waren zu Tode ermattet, aber trotzdem schritten wir vorwärts .... wir wußten nicht wohin, wir wußten nicht weßhalb, wir schritten in dumpfer Sinnlosigkeit vorwärts! Endlich waren wir an einer Waldesstelle angelangt — da erfaßte übermächtige Verzweiflung unsere arme Mutter, das Maß unseres Elends war voll — aber da sandte uns Gott in seiner Barmherzigkeit einen Retter, einen edlen Menschen! . . o! wir mußten undankbar gegen ihn werden, wir haben ihm seine Menschenfreundlichkeit, seinen Edelmuth schlecht gelohnt! O! Rafael, mein lieber, theuerer Bruder, ich kann Dir's nicht.schildern, wie's mich schmerzt — und Gott verzeihe mir die Sünde! ich fürchte, was mir auch Gutes im Leben mag geschehen — die Wunde meines Herzens wird nie heilen! Daß er mich für undankbar halten muß, das werde ich nie verwinden! Er wird mir's nie verzeihen können!" „Eva, Du liebe Schwester", rief Rafael und das Erstemal seit langer, Zeit hob ein freudiges Lachen seine breite Brust, „ich kenne Euern Retter und kenne das Erlebnißr von dem Du sprichst, ich kenne ihn ja, den herrlichsten jungen Menschen, den ich je gesehen, Perez Markbreiter hat es ja mir selbst erzählt; — er war es ja, durch den ich erfahren, daß Ihr am Leben, er war es ja, der nachdem er Euch vergeblich in ganz Mähren gesucht, ru Samson Wertheimer kam und ihn beschwor, Euere Spur in oer Welt aufzusuchen. Wie es Euch die kurze Zeit von jenem Abend an bis zu jenem Momente ging, wo Euch seine Werbung um Deine Hand, Eva, von Neuem zur Flucht in die weite Welt zwang, ist mir bekannt und auch das kann ich Dir sagen, Perez Markbreiter liebt Dich endlos und erkennt jetzt, wo die Hülle räthselhaften Dunkels, die uns umschwebte, gesunken, daß Ihr . nicht anders handeln konntet, als Ihr gehandelt und. Samson Wertheimer sagt — und was er sagt, das ist so wahr als wär's das Wort eines von Gott gesandten Propheten — daß jetzt Euerer Verbindung nichts im Wege steht." „Wie mich das freut!" rief Dina. .. „Wie sollte er Dir auch zürnJ? Das Mädchen, das fogelfrei war, das jeden Augenblick befürchten mußte, verrathen, an den Todfeind ihrer Familie ausgeliefertzu werden, als Hexe den Holzstoß besteigen zu müssen, mußte ja die Bewerbung eines edlen Mannes zurückweisen!" , „Ich habe unendlich viel Leid erfahren", sprach Dina Fränkl, „aber der tiefe Schmerz, den ich in dem Momente empfand,^ als Eva ihrem höchsten Lebensglücke entsagen mußte, war einer der härtesten, den ich erlebte!" „Hab' ich Dir's nicht immer gesagt, Mutter", sprach Eva, „der Allmächtige kann, wenn er nur will, uns wunderbar erretten! Nun hoff' ich auch, daß Gott auch unserem Vater gnadenreich beigestanden und ihn uns erhalten!" „Wie ist es Euch seit Eurem plötzlichen Verschwinden aus Schönhof ergangen?" frug Rafael. „Wir fürchteten, die edlen Menschen, die Markbreiter, besonders Perez, würden unsere Spur verfolgen und versuchten so rasch als möglich Mähren zu verlassen. Da wir kein festes Reiseziel hatten, ließen wir uns bei der Wahl der Richtung blos vom Zufall leiten und dieser führte uns nach Oberschlesien, wo wir von Neuem verlassen, von allen Schrecken verfolgt, von Ort zu Ort, von Gemeinde zu Gemeinde herumirrten. Wb hatten eine mäßige Summ.' Geldes für Handarbeiten erworben, wir waren besser gekleidet und so war es uns möglich gewesen, uns kurze Zeit zu erhalten, aber als wir in Zülz anlangten war unser kleiner Geldvorrath erschöpft, wir glaubten schon dem' Elend von Neuem zu erliegen; nachdem wir das Härteste er-