Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 9 (2.3.1894)
- Date
- 1894-03-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 172 Orstrrrrützrsche Wochrnpchrifr Vir. 9 also, wenn in Deutschland ungefähr zwei Jahrzehnte nach der Namengebung in Oesterreich-Ungarn die Juden eine gewisse Vorliebe zeigten für schönklingenve Namen, Zusammensetzungen nicht nur mit Gold und Silber, sondern auch mit Löwen, Rosen und Lilien, Löwenberg und Löwenthal, Rosendorf und Rosenberg, Lilienthal u. ähnl., wie ihnen Heintze (a. a. O. S. 65) zum Borwurf macht! „Woher", fragt er, „diese Prächtig klingenden Namen, welche zu den die jüdische Namengebung beherrschenden gehören? Ist es noch ein Nachklang jenes poetischen Sinnes, der fich einst in den Dichtungen des alten Testamentes kundgegeben, ein Stück von dem Farbenreichthum des Morgenlandes nach dem Abendlande verpflanzt? Oder ist es nur das Bestreben, wie die Waare so auch den Namen möglichst herauszuputzen, durch schönes Etikett Reclame zu machen?" Mit nichten. Keines von beiden. Wenn Herr Heintze etwas hebräisch verstünde, was höchst wahrscheinlich nicht der Fall ist, so würde er wissen, daß in den biblischen Namen selbst sich keine Spur findet, „von dem Farbenreichthum des Morgenlandes". „Die theophoren Personennamen", sagt Fr. Bäthgen: Beitrage zur semttischen Religionsgeschichte. Berlin 1888. (S. 140), „find auf dem Gebiete des gesammten Semitismus und so auch bei den Israeliten weitaus die zahlreichsten. Bei Phöniciern und Syrern. Babyloniern und Arabern, sowie bei den, kleineren semttischen Stämmen nennt man sich von Alters her mit Vorliebe nach irgend einem Gott... Daß auch den Israeliten, dem Religionsvolke -E diese Sitte, durch welche man seiner Frömmigkeit einen sichtbaren Ausdruck gab, nicht fremd war, beweisen die seit den ältesten Zetten vorkommenden mit „Gott" oder mit dem alterthumlichen und mir gebildeten Personennamen und von Moses an die zahllosen mit )rr>, r»/ .ff» rv zusammengesetzten." Und was die jüdischen Familiennamen in Deutschland betrifft, so darf man doch nicht vergessen, daß sie zu einer Zeit entstanden sind, als das große deutsche Namenmaterial längst vergeben war. Dagegen waren Namen, „Lttienfeld, Veilchenfeld, Cohnheim, Aronbach, Lewinthal," über die sich Heintze (a. a. O.) lustig macht, unter Christen noch nicht vorhanden. Ich möchte allerdings bezweifeln, ob es einen Namen Aronbach gibt und ob das wirklich bei Juden vorkommt, wie jener behauptet, (ebda. Anmerkung 1) „daß die Frau auch wohl den V o rnamen des Mannes annimmt, Esther Salomon Gottschalk, Bertha Philipp Freundlich — es ist die Firma, die so selbst noch auf den Grabsteinen prangt." Solange aber Heintze, der Gymnasiallehrer in Stolp in Pommern ist, nicht angibt, wo und auf welchem jüdischen Friedhofe er eine solche Namensverbindung, die Firma, wie er sie nennt, gesehen hat, so halte ich seine Aussage für völlig unwahr, da ich oft die Beobachtung gemacht habe, daß selbst die gebildetsten Christen, die trotz ihrer vielgerühmten „christlichen Liebe" nur mit wenigen Ausnahmen Judenhasser sind,' es mit der Wahrheit, sobald es sich um Juden handelt, keineswegs genau nehmen. Heintze findet es auch besonders bezeichnend, daß neben den altdeutschen und kirchlichen auch die Handwerks-Namen bei jenen zurücktraten. Nun rühren bekanntlich die Familiennamen Schuster, Schneider, Schröder, Schmid, Töpfer rc. daher, daß meist die Ahnen dieser jetzigen Namensträger eines jener Handwerke wirklich getrieben haben, aber ließ man denn im ganzen Mittelalter, ja noch bis in die neuere Zeit hinein, in Mittel¬ und Westeuropa einen Juden Handwerker werden? Wenn sich doch christliche Gelehrte erst über Juden informiren wollten, bevor sie über sie schreiben! Es sind übrigens einige Handwerks-Namen bei Juden doch vorhanden, wie Goldschmidt, Goldstücker, Goldscheider. Müller und Andere. Falsch ist auch Heiutze's Erklärung jüdischer Familiennamen. „So theilen sich", sagt er (a. a. O. Anmerkung 2) „zwei Familien in das Wort Israeliten in der Art, daß die eine sich Israel, die andere Litten nannte! Kahn und Hahn wurden als Nebenformen von Cohn (Priester) verwendet, um die verschiedenen Glieder einer weitverzweigten Familie zu unterscheiden." So viel Worte, so viel Jrrthümer! Wenn Heintze sich im Ortslexikon von Rudolphi ümgesehen hätte, so hätte er da Sp. 2605 einen Ort Litten gesunden: „Markt und Gemeinde in Böhmen bei Prag." Kahn und Hahn haben mtteinander gar nichts zu thun. Der erste Mme hängt richtig mit Cohn zusammen und wird nur anders ausgesprochen, (vgl. aramäisch Kinn und den gleichlautenden, noch jetzt vorhandenen Familiennamen Kahane); der Letztere, Hahn, ist derselbe Zuname, den auch chrfftliche Familien führen; außerdem gehören nicht Alle, die Cohn heißen, zu einer Familie, wie ich oben schon auseinandergesetzt habe: es gibt Leute, die nicht Cohn heißen, und trotzdem Cohanim (so heißt der Plural von Cohen im Hebräischen) sein können und wirklich sind. Was endlich die mit „Sohn" zusammengesetzten jüdischen Familiennamen betrifft, wie Abramsohn, Lewysohn, Mendelsohn, Nathansohn, Samuelsöhn rc., so findet sich diese Bildungsweise in der Namengebung aller Culturvölker. So wird im deutschen: sen (statt son) dem Baternamen angehängt zur Bildung von Geschlechtsnamen; wie in Paulsen, Petersen, Wilmsen, Jacobsen, Classen (aus Niclassen), Dirksen (aus.Diedriksen) u. s. w.: in skandinavischen Sprachen spielt das „sen" oder „son" eine noch größere Rolle bei Familiennamen als im Deutschem Im Neugriechischen werden Patronymika gebildet durch Anhängung von ^o-jXoc und -oüha und in den slavischen Sprachen durch Suffixe icz und viczf oder im Spanischen iez und icz. Auch nach der Mutter gebildete Namen, die Matronhmika, Wie Jeiteles, Sprinzeles. Taubeles rc. erscheinen schon im Griechischen. So findet man auf Inschriften einen Aso» „Löwe" als Sohn einer Aeaiva EoTox-avoq als Sohn einer Efc-r/'s (siehe Angermann a. a. O., S. 19). Der bekannte deutsche Familiennamen Bernaleken bedeutet: der Sohn der Frau Aleke d. i. Adelheid, wobei „ver" aus Frau abgestumpft ist. Aus alledem ersieht man nun, daß sowohl die jüdischen Borwie Zunamen, die vielfach von Christen verspottet werden, in derselben Weise gebildet werden, wie bei anderen auch nicht semitischen Völkern. _ GüMNMäenLen. Wien. (Die Wahrheitsliebe des Dr. Lueger.) Das „Vaterland" veröffentlicht folgende Erklärung: „Löbliche Redaction! Im Beiblatte Nr. 49 des „Vaterland" befindet sich ein Passus aus der Rede des Dr. Lueger im Landtage. Dort heißt es, daß der Gemeinderath Schönacha von Unter- Siebenbrunn den Pfarrer zum lebenslänglichen Obmann der Raiffeisen'schen Casse bestellen ließ. Der Gefertigte erklärt dagegen, niemals Mitglied noch Obmann dieses Raiffeisenffchen Caffenvereines gewesen zu sein. Sapienti sat! Unter-Siebenbrunn, 23. Februar 1894. P. Petrus Michelis, Pfarrer." Wien. (Aus einer antisemitischen Genossenschaf t.) Die Genossenschaft der Wiener Hallentrödler (IX. Be- Bezirk, Trödlerhalle), in welcher bekanntlich kein Jude ausgenommen wird, hielt am 3. Februar in Schnalzenberger's Gasthaus eine Generalversammlung ab, in welcher es zu beispiellosen Scandalen kam. Der Hallentrödler-Ausschuß plante nämlich eine Reducirung des Werthes jeder einzelnen Halle von 1(X)0 fl. auf 800 fl., wogegen der Hallentrödler Wilhelm Beininger schon in einer früheren ebenso turbulenten Versammlung opponirt hatte. Als er sich am 3. v. zum Worte meldete, wurde ihm dies verweigert, und als er dennoch eine Rede begann, stürzten zahlreiche Genossenschaftsmitglieder auf ihn los und es kam zu einer Balgerei, bei welcher die Holzwand umgestürzt wurde, worauf einige Bersammlungstheilnehmer zu Boden fielen. Reininger trug hiebei laut ärztlichem Parere in Folge von Faustschlägen und Fußtritten am Arme, Rücken und Schienbein Verletzungen davon und schließlich schleifte man den Oppositionsmann hinaus und setzte ihn an die Luft. Unlängst hatten sich die drei Mitglieder der Hallentrödler Franz Pfeffer, Franz Grundier und Franz Pichler, von Doctor Pupovac vertheidigt, wegen Verletzung im Raufhandel zu verantworten, Grundier und Pfeffer überdies wegen Ehrenbeleidigung, weil ersterer drohte, er werde Reininger das Bierglas an den Schädel werfen, Letzterer aber ein bekanntes Citat aus „Götz von Berlichingen" vorbrachte. Die Verhandlung beschäftigte mehrere Stunden hindurch den Strafrichter Doctor Ritter v. Stahl des IX. Bezirkes, da eine ganze Schaar von Hallentrödler als Zeugen geführt wurde. Einige bezeichneten. Reininger als Krakehler, Andere belasteten die Angeklagten; darin stimmten Alle überein, daß die Exceffe unter aller Kritik waren, einem solchen Scandale hätten sie noch nie beigewohnt. Zeuge Radschitzky versicherte, daß ihn keine Macht der Welt mehr in eine Hallentrödler-Versammlung bringen werde. Reininger gibt zu, daß das Attentat gegen ihn geplant worden sei; wenn der Wirth ihn nicht gerettet hätte, wäre er von der Gegenpartei umgebracht worden. Die Verhandlung endete mit