Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 9 (2.3.1894)
- Date
- 1894-03-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 9 SeyrrrrrchtWe Wortzerttchrtfl Seite 171 nung desselben aber von seinem ursprünglichen Stammsitze verlor sich das Berständniß und für Kint leve, Vater leve sagte man mißverständlich Kindleben, Baterleben u. s. w. statt des richtigen Kindlieb, Vaterlieb; Zusammensetzungen, welche sich noch in den Vornamen Lipmann (Liebmann), Mannlieb, Liebkind, Aberlieb, Liebetraut, Trautlieb u. s. w. erhalten haben." (Güdemann a. ä. O. S. 100 ff. vrgl. auch Zunz a. a. O. S. 36'ff.) Uebrigens werden den Begriff „Leben" bezeichnende Wörter auch in indogermanischen Sprachen bei der Namengebung verwendet. So heißt im Sanskrit jiva (das j ist wie im Englischen zu sprechen) „Leben"; davon sind Personennamen gebildet, wie: Jiva, Jivaka. Jivala. Jivanta. (Bergl. Sanskrit-Wörterbuch von Böhtlingk und Roth Bd. HL St. Petersburg 1861, S. 115 ff.) Noch häufiger sind derartige Namen bei den Griechen. So finden wir an Frauennamen: Zor'q, Zioör, ZtaliyoL, Za>u>, ZwtXo, Zioßb'jJLYj an Männernamen : ZuWjc, Ztu.a'voc, Zwaäg, Zoy.iXoz, ferner B-tov, B ioc, Bt(«v:3a;, B’.iu, u. s. w. (Bergl. Papen's Wörterbuch der griechischen Eigennamen 3, I. S. 214 und 448 und Angermann, Beiträge zur griechischen Onomatologie, Meißen 1893. Gymnasialprogr. der St. Afta S. 7 ff.) M Jenes Chäjim wird nun, wie gesagt, in Polen vielfach modernisirt, und zwar in — „Joachim", und das kommt daher, weil die wenigsten wissen, daß dieses erst recht hebräischen (biblischen) Ursprunges ist und aus Jojakim entstanden ist; ein Name, der bei den Juden längst erloschen ist, wohl aber namentlich in Norddeutschland bei Christen in der genannten Form gang und gäbe ist, wie ja auch mehrere brandenburgische Kurfürsten hießen, im niederdeutschen (plattdeutschen) Sprachgebiet aber in der Form „Jochen" (vergl. Jochen Rüßler bei Fritz Reuter) gar häufig zu hören ist. Ein ähnliches Schicksal widerfährt bei den flavischen Juden einem anderen alten Namen arischen Ursprunges, der sich heute nur bei diesen, und zwar sehr häufig findet, Christen aber völlig unbekannt ist, wie auch den Juden in Mittel- und Westeuropa. Ich meine den Namen „Feibisch" (Fabisch gewohnlich Fawisch und Favel gesprochen), der bald bald V2"i und geschrieben wird, „die Schreibeweise ist je nach den Zeiten und Ländern verschieden," wie M. Grünbaum sagt (Neue Beiträge zur semitischen Sagenkunde, Leiden 1893, S. 4 Anmerkg.) Dieser Name nun kommt bei Juden schon früh vor (s. Zünz a. a. O.) und ist nichts weiter, als das griechischlateinische Phoebus, das auch im Hebräischen, wie Uri >tik „Mein Licht" oder in aramäischer Uebersetzuug, wie ju-ib* „Licht" erscheint. Aber wie gesagt, bei den osteuropäischen Juden ist der Name in den erwähnten Formen noch viel in Gebrauch und wird dort von solchen, die sich ihrer jüdisch-deutschen Namen schämen, in Fabius umgewandelt; wie sich ein gewisser Mieses mit Bornamen nennt, der 1891 in Krakau „gesammelte Gedichte" in hebräischer Sprache hat erscheinen lassen; er fungirt zwar auf dem hebräischen sowohl wie auf dem deutschen Titelblatt als Fabius Mieses, er heißt aber, wie ich positiv weiß „Fabisch". Man sieht also, daß nicht blos Bücher, sondern auch Namen ihre Schicksale haben; doch soll nicht geleugnet werden, daß der Name Fabius schon in alter Zeit bei Juden im Gebrauch war. (Vgl. Hamburger Real-Encyklopädie für Bibel und Talmud, ll. Strelitz, 1883, S. 833).*) Zum Schluß dieser Skizze möchte ich mir nun noch einige Bemerkungen erlauben in Betreff jüdischer Familiennamen. Wie allgemein bekannt, sind sie jungen Datums. In Oesterreich existiren sie seit dem Ende des vorigen und in Deutschland seit dem Anfang dieses Jahrhunderts. Ich meine natürlich die allgemeine Annahme der Familiennamen datirt aus der Zeit her; denn, wie wir gleich sehen werden, finden sich unter Juden alte Familiennamen, die sich weit über das siebzehnte Jahrhundert hinaus verfolgen lassen. Es gibt nämlich auch unter Juden, was den wenigsten Christen bekannt ist (und ebensowenig den modernen deutschen Juden), einen alten Adel; es sind aber nicht die Cohn und die Levy, wie vielfach von Nichtjuden geglaubt wird und unwissende Glaubensgenossen ihnen einreden wollen; schon nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil, wußte man nichts mehr, wie es im Talmud einmal heißt, wer wirklich zum Priester- oder Levitenstamme *) Mit diesem Namen „Feibisch" hängt auch der jüdische, namentlich in Deutschland sich findende Familienname Beusey zusammen, aus Ben-Feibifch entstanden, wie mir der bekannte Sanskritist und Sprachenforscher Professor Bensey in Göttingen während meiner dortigen Studienzeit gesagt hat. gehörte; alle genealogischen Tabellen waren vernichtet, und die Verwirrung trat erst recht ein im Laufe der Jahrhunderte in der Diaspora; also, wer Cohn und Levy heißt, gehört durchaus noch nicht zum jüdischen Adel, wenn auch dem „Cohn" im Cultus. aber auch nur da, noch bis auf den heutigen Tag gewisse Vorrechte eingeräumt werden. Der jüdische „Adel" kann sich selbstverständlich auch nicht solcher Ahnen rühmen, die schon m i t Karl dem Großen oder gegen ihn mit den Sachsen gefochten haben, ja nicht einmal, wie man vielleicht glauben könnte, der Reichthum der einen und der anderen Familie drückte ihr den Adelsstempel auf, —- wie so vielfach bei unserem modernen, namentlich jungen, christlichen Adel — sondern einzig und allein maßgebend war und ist es in den flavischen Ländern bei Juden bis auf den heutigen Tag die theologische oder auch profane Bildung; ein .4m ha-arez d. h. ein Ignorant, hat in der jüdischen Gemeinde, mochte er noch so reich sein, nie was gegolten, und ebensowenig seine Nachkommen, wenn sie nur materielle aber keine geistigen Güter sich zu erwerben bestrebt waren. Mit einem Worte: der jüdische Adel ist ein Patrizieradel oder genauer ausgedrückt: ein Beamtenadel; denn gewöhnlich waren die, welche durch Kenntnisse und geistige Fähigkeiten vor Anderen hervorragten, theils Rabbiner, theilsFührer und Vorsteher der Gemeinden. SolcheFamilien sind noch heute z. B. die Rapoport, Landau, Horowitz, Spiro, Wallerstein, Babad (aus 12". 82 entstanden), Minz und noch viele Andere. Natürlich gilt das alles nur, wie gesagt, von den Juden in den flavischen Ländern, wo die Judenhert im Großen und Ganzen — von wenigen Ausnahmen in den größeren Städten abgesehen — so ziemlich noch auf derselben Culturstufe steht, wie vor drei-, vierhundert Jahren, während in germanischen und romanischen Ländern, wo die Kenntniß und das Studium der eigenen Geschichte und Literatur nur bei wenigen Juden zu finden sind und wo diese, dem nivellirenden Zuge der Zeit folgend, den Geburtsadel ignoriren, jene geschilderten Standesunterschiede — natürlich, so weit sie die Abstammung betreffen — völlig geschwunden sind. Im Allgemeinen aber sind, wie gesagt, auch bei den Juden in Polen die Familiennamen jüngeren Datums und für den täglichen Verkehr jener untereinander völlig belanglos, da, Mann wie Weib, nicht mit dem Zu-, sondern mit dem Vornamen begrüßt und benannt werden, dem beim Manne das Wort „Rab" Herr vorgesetzt wird, beim Weibe dagegen der Vorname allein vollkommen bei der Anrede genügt. Eine Umgangsform übrigens, die in gewisser Beziehung in Deutschland auch bei Nichtjuden sich erhalten hat. So sagt Vilmar, dessen Heimat Hessen war, von den Familiennamen (s. deutsche Familiennamen, Marburg, 1855, S. 1). „Sie dienen nur, um uns schreiben zu können, wie man hier zu Lande noch bis auf diesen Tag den richtigen Unterschied macht. Ich heiße Johannes, aber ich schreibe mich Schmidt." Aehnliches finden wir auch in Friesland. Indem „Marschenbuch" von Allmers heißt es S. 140 ff: „Eigentliche Familiennamen waren bei den Frinen selbst noch bis ins vorige Jahrhundert selten. „Der Sohn erhielt zu dem Vornamen seines Vaters nur noch einen eigenen Taufnamen, wie es noch jetzt auf vielen friesischen Inseln Gebrauch ist. Hieß z. B. der Vater Eke Lübs und man taufte seinen Sohn Siade. so hieß dieser Siade Eks und der Enkel, wenn er nach dem Großvater Lübbe genannt wird, Lübbe Siads oder Eke Lübbe Siads. Das angehängte s ist nichts weiter als Bezeichnung des Genetivs. Man kann leicht ermessen, welche bunte Verwirrung solche Sitte zur Folge haben mußte. Früher oder später machte daher in den verschiedenen Marschen ein Gesetz, wonach jede Familie einen festen Namen annehmen mußte, diesem Unwesen ein Ende, welches in manchen Gegenden bis ins letzte Jahrhundert fortdauerte und auf den Inseln sogar heute noch angetroffen wird. Denn wenn auch alle Friesen nunmehr Familiennamen angenommen haben, so betrachten sie, wenigstens die Landbevölkerung, dieselben als unnütze Anhängsel, die nur vor Gericht und bei ähnlichen Gelegenheiten erforderlich sind. „(Citirt bei Alb.Heintze: Die deutschen Familiennamen, Halle a. S. 1882 S. 29, Anmerkung 1)". Man sieht also, daß in Betreff der Familiennamen die Verhältniffe hier ähnlich sind denen bei den Juden in Polen. Und dazu kommt bei diesen noch, daß ihre Zunamen zu einer Zeit geprägt wurden, da das Sprachgefühl längst erloschen war und sie vielfach gezwungen wurden, Namen anzunehmen, die nur ein Gemisch von Spott und Hohn waren. Was Wunder