Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 9 (2.3.1894)
- Date
- 1894-03-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Vestrrredhifchr Wochenschrift Sette 165 Ar. 9 als Beweis für dessen „semitischen Erwerbssinn" angeführt. Nachträglich stellte sich aber heraus, daß Adolf Ferles nicht blos den Staat um mehr als hunderttausend Gulden betrog, sondern auch auf den Namen seiner Frau Wechsel in hohem Betrage fälschte und deren Geschäfte zu Grunde richtete. Wo bleibt da der „semitische Erwerbssinn?" Die läppische Beweisführung des „Deutschen Volksblatt" ist durch die Thatsache widerlegt worden. Nein, Adolf Ferles war ein reiner und unverfälschter Arier und er hat seiner...Rasse" auch durch die Unterschlagung der ihm anvertrauten Gelder seines Veteranenvereines alle Ehre gemacht. Die Unterschlagung von Bereinsgeldern bildet seit geraumer Zeit eine stehende Rubrik in den Tagesblättern und sie ist eine rein arische Specialität. Und da haben wir einen charakteristischen Unterschied zwischen jüdischen und arischen Spitzbuben. Der jüdische Spitzbube richtet seine Angriffe immer nur auf die Taschen von Privatpersonen, der arische Gauner aber bestiehlt und beraubt den Staat und öffentliche Corporationen, oder mit einem anderen Worte: Das „christliche Volk". Adolf Ferles bat übrigens ein würdiges Seitenstück in dem Lemberqer Finanz - Commissär Kijanski gefunden, welcher im Vereine mit anderen Functionären des Salzdepartements Untersckleife im Betrage von mehr als 20.000 st. zum Nachtheile des Finanzärars verübt hat. Auch Kijanski und seine Complicen sind unverfälschte Arier. Und nicht nur Arier, sondern waschechte Antisemiten sind die Beamten und Aufsichtsräthe des verkrachten Siegener Bankvereines, gegen welche soeben in Siegen, dem früheren Wahlorte Stöcker's, ein Proceß wegen Unterschlagung von zwei Millionen Mark durchgeführt wird. Es sind dies der Baukdirector Brüggemann, der Bankcassier Kö ltzsch. der Aufstchtsrath Schröder und der Kaufmann Franz. Sie sind wegen Unterschlagung. Betruges, Fälschung der Bilanz und unerlaubten Differenzspieles angeklagt. Das sind lauter gut arische Namen, die man nicht leicht judaisiren kann. Die Träger-derselben sind die guten Freunde des Hew?n Stöcker und der Siegener Bankverein hat bei den Reichstagswahlen das Seinige getban. um Ehren-Stöcker zum Siege zu verhelfen. Und die jüngste Niederlage des ehemaligen Hofpredigers steht mit dem Zusammenbruch des Siegener Bankvereines in einem sehr engen Zusammenhang. Namentlich wird Kaufmann Franz als eine Säule der Stöckerpartei bezeichnet. der das veruntreute Geld in Getreidespeculationen verspielte. Der Vorsitzende des antisemit ischen konservativen Wählervereines, Heinrich Fuchs, hat die Wechsel feines Compagnons Franz acceptirt und damit seinen Socius ruinirt. Bei diesem Stöckerkrach ist auch das Siegener Stöckerblatt draufqegangen und diesem widmet das freisinnige Siegener Volksblatt einen Nachruf; er lautet: „Schlafe wohl!" Nun ist auch ihm. dem frommen Stöckerkinde, das Lebenslicht ausgegangen. Kurz nur war des „Tageblattes" Erdenwallen, es starb im zarten Alter von 4 Monaten, 2 Wochen und 3 Tagen an einem tückischen und hartnäckigen Geldleiden, verbunden mit galoppirender Abonnenten-Schwindsucht. Alle zur Heilung dieser Krankheiten in Anspruch genommenen „Aerzte" mußten sich nach festgestellter Diagnose von der Cur zurückziehen, weil sie die Unmöglichkeit, den schon schwerkrank zur Welt gekommenen Patienten — die Mutter war bekanntlich eine Haardterin — zu helfen, einsahen. Kein Menschenfreund war weit und breit mehr zu finden, der zur Heilung sich weiter hergeben mochte, und so konnte man schon seit einigen Wochen das Ende stündlich erwarten. Beschleunigt wurde dieses schließlich durch das Hinzutreten des Wechsel-Bacillus, der in der Regel tödtlich auftritt. Verödet steht das „Deutsche" Buchhaus da. und groß ist die Schaar der Leidtragenden, welche dem dahinqeschiedenen frommen Blatte in stiller Wehmuth nachtrauern. Soeben hat das Deutsche Buchhaus beim Gericht den Concurs angemeldet. * * * Berliner arische Antieorruplionisten. Berlin. 20. Februar, 1894. (Proceß gegen die Antisemiten-H äuvtlinge Schwennhagen und Genossen.) Am 12. März werden vor der 7. Strafkammer des hiesigen Landgerichts I die Verhandlungen in der Beleidigungssache wider den Schriftsteller Schweinhagen, genannt Schwennhagen und den Schriftsteller Plack-Podgorski wegen Beleidigung des Finanzministers Miguel stattfinden. Die Ver- Handlung wider den Mitangeklagten Reichstagsabgeordneten Ahlwardt mußte wegen des entgegenstehenden Reichstagsbeschlusses ausgesetzt werden. Die Persönlichkeiten der beiden Angeklagten sind nicht unintereffant. Schwennhagen war eine Zeit lang freireligiöser Prediger in Frankfurt a. M., wo er sich einer Beleidigung der katholischen Kirche schuldig machte. Später arbeitete er eine Zeit lang an socialdemokratischen Blättern, wurde 1888 aus Stettin ausgewiesen, wanderte nach Zürich aus und wurde dort von seinen Genossen als Polizeispion ausgestoßen. Dann ist er Antisemit geworden. Plack Podgorski ist mehrfach wegen gemeiner Verbrechen — Diebstahl, Unterschlagung und Urkundenfälschung — vorbestraft. Er war derjenige, der als Gehilfe Ahlwardt's der Commiffion des Reichstages den Inhalt der bekannten „Acten" erläuterte. Der Dieb dieser Acten, der Bote Meißner, hat sich bekanntlich inzwischen in Jaffa entleibt. Die beiden Angeklagten werden beschuldigt, in Reden und in einer Broschüre neben einer großen Anzahl anderer Personen, namentlich Geschästsmänner und Reichsrathsabgrordneter. insbesondere der .Mitglieder der Ahlwardt-Commission, welche indessen keine Anklage erhoben haben, den Finanzminister Miguel schwer beleidigt zu haben. Die Beleidigungen bezw. Verleumdungen beziehen sich uus die Zeit, wo Dr. Miguel vom Jahre 1870—1873 Geschäftsinhaber der Discontogesellschast war und. auf die Rumänische Eisenbahngesellschast. deren Aufsichtsrathsmitglied er bis zum Jahre 1876 war. Die Angeklagten .haben im Wesentlichen behauptet, daß Herr Dr. Miguel in jener Zeit Speculationsgeschäste aus eigene Rechnung gemacht, dabei 'gewaltige Summen gewonnen und große Reichtbümer erworben, daß er an der Spitze eines jüdischen Consortiums zur Beherrschung deS Staates gestanden habe, selbst jüdischer Herkunft sei rc. In der Broschüre des Plack wird sogar behauptet, daß der Finanzminister seinerzeit als Zeuge in einem Processe wider Joachim-Gehlsen wissentlich die Unwahrheit gesagt habe. Zur Widerlegung der sämmtlichen beleidigenden Unterstellungen sind zablreiche .Personen aus den in Betracht kommenden Kreisen als Zeugen vorgeladen worden, daneben der Bücherrevisor Töpfer, der in Betreff der angeblichen Speculationsge'chäfte des Dr. Miguel die sämmtlichen betreffenden Conten der Discontogesellschast avfs Sorgfältigste r-vidirt hat. Da auch die Angeklagten Zeugen aeladen haben, so ist die Zahl derselben auf 50 angewachsen. Den Vorsitz im Gerichtshöfe wird Landgerichtsdirecior Voigt führen, die Anklage der Erste Staatsanwalt Drescher vertreten. Die Verhandlung wird i.a großen Schwurgerichtssaale stattfinden und voraussichtllich mehrere Tage in Anspruch nehmen. (Bekenntnisse einer schönen Seele) hat Herr L. Schwennhagen im. „Antis. Generalanzeiger" vom 21. Februar veröffentlicht. lieber seine früheren Beziehungen zur Socialdemokratie gibt er sehr gewundene Auskunft, gesteht aber ein, daß er seine Partei — verrathen hat. Um die Berechtigung zum Einj.-Freiwilligen-Dienst zu erhalten, die er in Folge eines nur geheimnißvoll angedeuteten „verbängn'ßvollen Conflicts" zu erlangen vermochte, wandte er sich, der Soeialdemokrat, an „einflußreiche Persönlichkeiten" und stmgirts als — Polizeispitzel: „Gleichzeitig aber mußte ich mich auch an die Ortspolizeibehörde wenden und diese unter Klarlegung meiner Berhältniffe ersuchen, die früher über mich ertheilte Auskunft doch nunmehr in einer für mich günstigeren Weiie abzuändern. — Dieser Bitte willfahrte man; doch gleichzeitig wurde mir die Frage vorgelegt, ob ich geneigt sei, der Behörde einige Aufschlüsse über das Wesen der socialdemokratischen Gemeinorganisation zu geben, da es der Regierung darauf ankomme, ein Gesamwtbild über die unter dem Socialistengesetz geschaffene Parteiverbindung der Socialdemokraten zu erhalten. Diesem Ansuchen habe ich nach einer gewissen Richtung hin entsprochen, und zwar aus folgenden Gründen: Ich hatte die lleberzeugung gewonnen, daß die Gemeinorganisation der Socialdemokratie, welche kn den Jahren 1832 bis 1885 über alle Theilr des Deutschen Reiches ausgedehnt worden war, eine völlig unnütze, aber höchst gefährliche Spielerei war, die zwar einer kleinen Gcüppe von Führern die Aufrechterhaltung ihres Einflusses stcherte, -aber der großen Masse der socialdemokratischeu Arbeiter unsäglichen Schaden zufügte." Herr Schwennhagen ist liebenswürdig genug, sich „eine immerhin zweideutige Haltung" vorzuwerfen. Trotz dieses Berrathes an der Partei verband er sich nach eigenem Geständntß hinterher wieder mit dem ehemaligen socialdemokratischen Abgeordneten Görcki! * * * Germanische Heiratsannoncen. Die Antisemiten haben sich schon oft darüber lustig gemacht, daß manche der jüdischen Ehen durch Annoncen oder durch Heiratsvermittler zu Stande kommen. Wir. erlauben uns Ihnen folgende Annonce eines Vvllblutgermanen zur Ansicht darzureichen, welche der