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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-03-02 · 9 (2.3.1894) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
9 (2.3.1894)
Date
1894-03-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 9. VrstewttEWtzr befragt, gibt es an: „Min Mann ijt gelernter Schlosser. Im Kriegsjahre 1866 wurde er bei der Sprengung einer Brücke an der rechten Hand schwer verwundet und obwohl geheilt, ist er, weil der Arm nicht vollständig beweglich, unfähig, das Schlosserhandwerk auszuüben. Gegenwärtig ist derselbe bei der Tramway als Conducteur bedienstet, mit einem Maximalverdienste von 50 bis 55 Gulden monatlich. Wir haben mer Kinder, drei Töchter und einen Sohn. Die älteste Tochter ist bruftleidend, die zweite ist Bonne, die dritte arbeitet für ein Wäschegeschäft, und da sie in der Wirthschaft aushelfen muß, beträgt ihr Verdienst 6 bis 8 Gulden monatlich; der Sohn ist noch in der Lehre als Schlosser. Die Krankheit der ältesten Tochter macht erhebliche Auslagen, so daß ich als ältere Frau gezwungen bin, durch Hausiren etwas zu erwerben, um zur Bestreitung des Haushaltes beizutragen, denn mein Mann, der 16 Stunden täglich Dienst hat, braucht für seine Person dreiviertel seines- Gehaltes. Da ich tagsüber bei der Wirthschaft und meinem kranken Kinde sein muß, kann ich nur die Abende zum Hausiren benützen. Im Sommer ist der Verdienst sehr schwach, im Winter dagegen verdiene ich durchschnittlich 3 Gulden wöchentlich, .muß mich jedoch tagtäglich bis 13 Uhr Nachts in den Gast- und Wirthshäusern herumschlagen und die peinlichste Behandlung erdulden. Wohl bin ich schon gegen Vieles abgestumpft, aber oft vergieße Thränen, daß mir das traurige Los Geschieden ist, hausiren zu müssen, allein ich weiß keinen anderen Erwerbszweig, denn tagsüber kann ich mich vom Hause nicht entfernen." Der Waarenvorrath der erwähnten Hausirerin bestand in einem Carton mit Hemd- und Chemisettknöpfen im Höchstwerthe von 3 bis 3 Gulden. Nun kommt ein polnischer Jude, in einer Ledertasche hat er einige gewirkte Hemden, Beinkleider, Pulswärmer und dergleichen. Er ist aus Ostgalizien. „Mein Weib erzählt er, ist mir voriges Jahr nach einer Tumor-Operation im hiesigen Spitale hier gestorben. Das kleine Vermögen, das ich besaß, reichte kaum hin, die Reisekosten nach Wien zu bestreiten. Ich habe zwei Söhne und eine Tochter. Der ältere Sohn dient beim Militär, der zweite ist Schlosser in einer Maschinenfabrik in Lemberg, meine Tochter ist an einen Schuster vexheiratet. In meiner letzten Heimat besitze ich, da mein Vater nicht lange dort ansässig war, weder Verwandte noch Bekannte, auf deren ausdauernde Unterstützung ich rechnen könnte und so entschloß ich mich, in Wien zu bleiben und zu hausiren, ein Patent bekam ich, da ich beim Militär acht Jahre gedient habe. Ich bin 66 Jahre alt und leide seit zwanzig Jahren an einem schweren Leiftenbruch, welcher mich hindert, mit schwere Lasten zu hantiren, überhaupt manuell thätig zu sein. Mein Verdienst Beträgt im Sommer durchschnittlich 3, im Winter 4 bis 5 Gulden wöchentlich. Wenn mir hie und da nicht gute Menschen mit alten Kleidern zu meiner Ausstattung behilflich sein würden, könnte ich mir die ganze Woche hindurch außer dem Samstage kein warmes Mittagmal gönnen. Mein Vater war als Talmudist, der die Stelle eines Rabbiners versah, höchangesehen und verehrt, umso tiefer schmerzt mich die verletzende Behandlung, welche mir in meinem Berufe als Hausirer tagtäglich und häufig von den intelligentest aussehenden Leuten widerfährt." Ich will mit weiteren Schilderungen nicht ermüden, denn Aehnliches oder Gleiches wußten mehrere Andere jüdische Hausirer von ihrem Berufe zu erzählen. Mögen die Antisemiten auch noch so herz-, gefühllos und verkommen sein, die Seelenpein eines jüdischen Hausirers wären sie mit gleicher Standhaftigkeit, Widerstandsfähigkeit und Ergebung doch nicht zu erttagen im Stande. Antisemitischerseits scheint man freilich die Vogel-Strauß- Politik zu spielen. Man will wegen der relativ geringen Zahl Juden das Hausirwesen ganz unterdrücken. Man sagt, die jüdischen Haustier bereichern sich und werden Großindustrielle oder Finanzgrößen, das Hausirwesen sei eine jüdische Domäne. Man dürfte wohl bald gewahr werden, daß man das Kind mit dem Bade ausschütten wird und daß sich die arischen Gewerbetteibenden und Industriellen als Leidtragende melden werde», welchen der jüdische Hausirer den Büttel und Hand- AochmflWfl Sette 163 langer macht. Erst jüngst mußte der oberöfterceichische Landtag eine für Linz verfügte drakonische Maßregel, mit welcher man einige jüdische Hausirer treffen wollte, das Hausirvetbot, aufheben, weil durch dasselbe die Mühlviertler Hausindustrie total vernichtet wurde. Gleiche Erfahrungen dürfte man mit einem gegen das Hausiren gerichteten Reichsgesetze machen. Wohl scheint man Derartiges zu ahnen und ist auch schon mit Palliativen bei der Hand, wie Ausnahmen für die Tiroler und Oberöfterreicher-Hausirer u. s. w. Auch an obscuren Rathschlägen mangelt es nicht, wie: die bei den Großindustrien und Kleingewerben zurückbleibenden Partiewaaren durch genossenschaftlich arrangirte Ausverkäufe mit Umgehung jüdischer Händler loszuschlagen u. s. w., dabei wird jedoch festgehalten, daß die Vorschläge der Regierung noch nicht weitgehend genug sind. Nun, wie die Würfel auch fallen werden, die Juden werden sich auch mit den neuesten, ihnen zugedachten Schlag abzufinden wissen. _ Eduard Beer. Die Schächthehe in Grs;. Die Agitation gegen das Schächten hat zu einem ersten greifbaren Resultate geführt. Der Gemeinderath hat in seiner Sitzung vom 36. Februar den Antrag der fünften und sechsten S-ction, daß das Schächten im Schlachthause und im Bereiche der Stadt Graz abgeschafft werde, mit 20 von 32 Stimmen angenommen. In der Debatte hierüber äußerte sich ein Gemeinderath gegenüber einem Anträge auf Rückweifung der Angelegenheit an die Sectionrn dahin, daß dr Beschluß ohnehin sistirt werden dürfte und daß die Frage dann endlich vor den Verwaltungsgerichtshof gelangen werde. Die Sistirung dieses Beschlusses ist allerdings mit ziemlicher Sicherheit zu e warten. Bekannt!ich haben wir vor Kurzem einen Erlaß des Ministeriums des Innern an die Grazer Statthalterei püblicirt, in welchem es heißt, daß das österreichische k. k. Ministerium des Innern amtliche Erhebungen über das Schächten gepflogen hat und auf Grund derselben zu der Erkenntn iß gelangt ist, daß, „wenn alle Bestimmungen des Rituals erfüllt werden, in der Methode des Schächtens eine thierquäle rische Handlung nicht gefundenwerden kann, daher auch für das Ministerium des Innern eine Veranlassung nicht vorlag, um gegen dieselbe einzuschreiten". Ueber die wissenschaftliche Seite der Schächtfrage ist, wie wir in unserer letzten Nummer berichteten, soeben ein ausgezeichnetes Buch des Hofrathes Dr. Dembo in St. Petersburg erschienen. Mit welcher bewundernswerthen Hingebung Herr Hofrath Dr. D e m b o seit einer langen Reihe von Jahren das Gewicht seines wissenschaftlichen Könnens in den Dienst der Bekämpfung der Angriffe auf das Schächten stellt, zeigt der gefeierte Gelehrte nunmehr in einer Schrift, welche den Titel führt: „DasSchächten im Vergleich mit anderen Schlachtmethooen, vom Standpunkte der Humanität und der Hygiene beleuchtet "*) Der hohe Werth dieses Meisterwerkes kann wahrlich nicht beffer charakterisirt werden als durch die Wiedergabe des Schreibens, welches einer der sicherlich berufensten Beurtheiler, Herr Hofrath Prof. Dr. P r e y e r, an den Veriaffer gerichtet hat. Der berühmte Physiologe äußert sich in einem dem Buche vorgedruckten Briefe an Dr. Dembo wie folgt: An Herrn Hofrath Dr. Dembo z. 3» in Berlin. Sehr geehrter Herr! Mit lebhaftem Interesse habe ich von Ihrer Schrift, deren Druckbogen Sie mir zugesandt haben, Kenntniß genommen und freue mich bezüglich der Schlachtfrage mit Ihnen übereinzustimmen. Wie ich in einem Gutachten über die beste Schlachtmethode auf Grund von vergleichenden Beobachtungen und Experimenten im Laboratorium und Schlachthaus erklärte, ill ÄLS don de» Israeliten mit brrnsrkrnswerkhrm Erfolge geübte *) Leipzig, 1894. Slavische Buchhandlung (H. RoSkoschni)'» Preis Mark 3-50.

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