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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-02-23 · 8 (23.2.1894) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
8 (23.2.1894)
Date
1894-02-23
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Sette 156 Kesterretttzifttze sie können nicht ihr schweres Leid gemeinsam tragen, nicht einander gegenseitig Trost und Gottvertrauen einflößen, einander Muth zusprechen, sie müssen jeder allein, vereinsamt die weite Welt durchirren, denn wären Mutter, Sohn und Tochter vereint, wären sie weit leichter erkennbar, weit gefährdeter." Den beiden'Frauen hatten bei den letzten Worten Kröndl Buttenwiesers von Neuem das Herz zum Zerspringen geklopft. Sie waren ja, das war nicht zu verheimlichen, aus der Richtung von Schwabach gekommen, wie leicht konnte man, wenn man die Angelegenheit noch länger besprach und bedachte, auf die Wahrheit verfallen! Von Kröndl und Wolf Buttenwieser hatten sie wohl nichts zu befürchten, aber die Hausgenossen, namentlich und ganz besonders die Wanderbettler, die am Tische fassen, konnten gefährlich werden. Die jüdischen Wanderbettler waren zu jener Zeit nicht beliebt, vielmehr gehaßt und gefürchtet. Der unerhörte Druck, der auf die Juden im Allgemeinen lastete, verstärkte sich für die Armen, die sich nicht Duldung erkaufe» konnten, - zu voller Unertragbarkeit. Ihre Rechtlosigkeit, die tyrannische Willkür, mit welcher sie ohne jeden Grund aus ihren Wohnstätten verjagt werden konnten, die absolute Unmöglichkeit, eine neue Heimat zu erwerben, hatte sie häufig gezwungen, dem Triebe der Selbsterhaltung folgend, um nicht mit Weib und Kindern zu verhungern, zum Verbrechen ihre Zuflucht zu nehmen, Diebstahl und Raub zu begehen. Wenn einer der beiden Schnorrer sie kannte, konnte der arme, elende, b-dauecnswerthe Mensch mit einem Male reicher werden, als er sich's je in dem kühnsten seiner Träume gedacht hatte. Und wie leicht konnte sich nicht einer der beiden Bettler unter jenen zahlreichen befunden haben, die in ihren: Hanse reiche Gaben c mpfaugen und sie kennen gelernt hatten! Diese Möglichkeit beängstigte Eva in hohen: Maße; aber die prahlerische Lügenhaftigkeit des einen der Vagabunden, der sich nun auch in das Gespräch mischte, beruhigte sie wieder. „Ich bin einmal", begann der ältere der beiden Schnorher, zuerst schüchtern, aber während des Sprechens an Sicherreit gewinnend, „bevor ich durch eine Feuersbrunst verarmte, als Kaufmann in Fürth gewesen und da ich etwas verwandt von Rabbi Hirsch Fränkl bin, wurde mir die Ehre zu Theil, auf Schabos zu ihm zu Tisch geladen zu werden", - und nun schilderte'er die Pracht und Herrlichkeit seiner Wohnung, seiner Tafel, seiner Dienerschaft in übertriebenster und dadurch so anziehender Weife, daß alle Tischgenoffen dem Lügengewebe mit gespanntester Aufmerksamkeit lauschten. Daun überging er zur Schilderung des Rabbi und seiner .Familie, die allerdings höchst schmeichelhaft war, aber glücklicherweise. mit der Wahrlvit nicht im Entferntesten überemstimmte. Die Oberrabbinerin schilderte er als eine ehrwürdige Matrone mit silberweißem Haare, während Drna Fränkl noch jetzt als eine Frau von großer Schönheit gelten konnte. Nach Art aller Gewohnheitslügner, welche, je weniger sie eine Person, mit deren Bekanntschaft sie sich rühmen, kennen, dieselbe desto ausführlicher bis in die nebensächlichsten Details schildern, hatte auch der Vagabund, — der eben so wenig jemals ein wohlhabender Kaufmann als ein Verwandter des Fürther Oberrabbiners gewesen oder an dem Tische desselben gesessen, — dessen Tochter als goldblond, von mittlerer Größe geschildert und ihr glücklicherweise noch ein herzförmiges Muttermal unter dem Auge angedichtet, das, wie der Schnorrer behauptete, de«: Mädchen so betamt") stand, daß sich jeder Mann, der sie sah und wenn er auch ein neunzigjähriger, dem Grabe zuwankender Greis war, sich sofort wahnsinnig in sie verlieben mußte. Der zweite Orach,**) welcher seinen' Bemfsgenoffen die augenfälligen Erfolge, welche er durch seine erfundenen Schilderungen errang, beneidete, aber offenbar nicht dessen reiche Erfindungsgabe und Phantasie besaß, wollte ihm nicht nachstehen und versicherte, auch er wäre an des Rabbi Tisch gesessen, und daß sein College die Frauen so treu geschildert, daß man sie nur vor sich zu sehen glaube, und beschränkte sich daher nur darauf, deren Toiletten, aber in so lächerlich übertriebener Art zu beschreiben, dass sich Eva, wie sie ihrem Bruder versicherte, trotz ihrer tiefen Traurigkeit eines Lächelns nicht erwehren konnte und auch Frau Kröndl ihre Zweifel in die Richtigkeit der Toilettenschilderungen durch ein nicht mißzuverstchendes Kopfschütteln ausdrückte. Der dumme Mensch erzählte, die Oberrabbmerin und deren Tochter hätten sich in rothsammte reu Kleidern zu Tisch gesetzt und diese hätten so lange Schleppen *) Amnuthig. **j Gast, Söanbeibeitlci. Wochenschrift Nr. 8 von Gold- und Silberbrocat gehabt, daß hinter dem Stuhle jeder der Frauen zwei Mädchen standen, welche die Schleppen hielten, damit die zahlreichen Diener beim Aufträgen der Speisen nicht auf dieselben träten. Ms die beiden Frauen sich in dem ihnen zum Schlafen bestimmten Zimmer allein befanden, sprachen sie sich über ihre Lage aus und konnten es nicht verheimlichen, das sich diese noch viel trauriger gestaltete, als selbst sie befürchtet hatten. Daß der Markgraf einen hohen Preis auf ihre Köpfe ausgesetzt hatte ihre Lage im höchsten Grade verschlimmert. Sie konnten jetzt nicht daran denken, nach Cham zu gehen, Kröndl Buttenwieser hatte recht, sie durften eine Zusammenkunft mit ihren Lieben, die sie verrathen konnte, nicht suchen, ebenso wenig konnten sie zu Jonas Meyer nach Dresden gehen,^ um einen Theil ihres Vermögens zu erheben, oder sich diesbezüglich brieflich an ihn wenden. Nach einer langen Berathung kamen die Frauen überein, nichtzu thun, die Spuren ihrer Lieben aufzufinden und eS der Fügung Gottes zu überlassen, ob sie je mit ihnen Zusammenkommen würden. Gleich nach dem Sabbätausgung traten sie ihre ziellose Wanderung an; sie wollten so rasch als möglich den deutschen Boden verlassen, aber sich denn doch nicht so weit entfernen, daß jede Möglichkeit, Nachrichten über das Schicksal ihrer Lieben zu erhalten, abgeschnitten wäre. Sie schlugen zunächst den Weg nach Böhmen ein. Ist schon die Lage zweier Frauen, von denen eine durch ihre ungewöhnliche Schönheit auffallen muß, welche ohne männlichen Schutz allein eine weite Reise unternehmen, eine traurige, so war sie in diesem Falle eine entsetzliche. Die Frauen mußten - eS vermeiden, Orte zu berühren, von denen sie annehmen konnten, dort einem Menschen, der sie kannte, zu begegnen, sie durften sich Niemanden anschließen, und wenn, von Evas Schönheit angelockt, sich ihnen Männer in unbescheidener Weise nahten, besaßen sie nicht nur keinen natürlichen Beschützer, sondern sie durften es nicht, wie Andere wagen, sich an irgend Jemanden um Hilfe und Beistand zu wenden; sie wagten es. nicht, sich, wie dies im Leben so häufig vorkommt, von irgend Jemanden den geringsten Dienst erweisen zu lassen, weil sie jeder Veranlassung, über ihre Verhältnisse, über, das Ziel ihres, Reise befragt zu werden, aus dem Wege gehe» mußten. \ ®er Zudringlichkeit frecher Gesellen vermochten sie sich stets, nur durch rasche Flucht zu entziehen. Jede Secunde wurde ihnen durch die Angst vergällt: Verrathen, verhaftet nach Ansbach auSgeliefert zu werden, nicht einen Augenblick verließ sie die. grauenvolle Furcht, plötzlich von einer entsetzlichen, ihre Lieben. betreffenden Nachricht überrascht zu werden, diese Angst verfolgte sie bis in ihre Träume, vergiftete mit ihren Schreckbildern die wenigen Stunden ihres Schlafes. Sie konnten sich in keinem Orte längere Zeit anfhalten, weil sie sich fürchten mußten, die Aufmerksamkeit,' namentlich der Behörden auf sich zu ziehen. Eva fürchtete stets, di6> Mutter tvürde den uncrhörten, mit nerveuzerstörenden Aufregungen * verbundenen Strapazen erliegen. Bald stellte sich noch ein neues, entsetzliches Uebel ein. Die beiden Frauen hatten sich, trotzdem sie die Reise nach Ansbach gemeinschaftlich mit Rafael gemacht hatten, welcher eine große Summe bei sich trug, doch auch im Besitze einer mäßigen Summe befunden, allein diese war durch die Kosten der Steife nach und nach erschöpft worden, sie mußten die Schmuckgegeustände, die sie trugen, Ohrgehänge, Ringe, Busennadeln verkaufen. Zumeist waren sie gezwungen, dies in kleinen Orten zu thun, wo sich für derlei Kostbarkeiten kein Abnehmer fand und sie selbe zu Preisen verkaufen mußten, die zu dein wahren Werthe derselben in keinem Verhältnisse standen. In dem Maße, als sich ihre Mittel verringerten, in dem Maße mußten sie sich einschränken, endlich konnten sie bei ihrer Reise nicht mehr einen Wagen benützen, sie mußten dieselbe zu Fuß fortsetzen! Schließlich mußte naturgemäß ein Moment völligen Mangels an Geld eintrcten. An einem Wintermorgen, nachdem die beiden Frauen in! einen: mährischen Dorfwirthshause übernachtet ui:d ihnen der Wicth mehr als Eva erwartet abgefordert hatte, mußte diese, welche die Caffe führte, so schmerzlich es ihr auch fiel, der Mutter erklären, daß sie nicht einen Kreuzer Geld und auch nicht für einen Kreuzer Geldeswerth besäßen. Es war dies um so entsetzlicher, als sich auch, in Folge der lailgen Fußwanderung, ihre-Kleider und Schuhe im traurigsten Zustande befanden. „Was werden wir mm beginnen?" hatte Dina verzweifelnd gefragt und Eva geantwortet:

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