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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-02-23 · 8 (23.2.1894) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
8 (23.2.1894)
Date
1894-02-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 8 Vrsterrrichlvtzr WochrnsthrM Sette 145 efinde» sich 70.000 Juden, hierunter ungefähr 30.O0O Fachini, welche ausschließlich die Löschung und Ladung der Schiffe besorgen und alle Geschäfte, zu welchen das Tragen von schweren Lasten gehört, versehen. Dabei sind diese jüdischen handlanger von einer Genügsamkeit und Nüchternheit, wie sie sonst bei keiner andern Rasse anzutreffen sind und anderwärts Schule zu machen werth wären. Salonichi mit der dominirenden jüdischen Einwohnerzahl ist eine Stadt, und dies ist charakteristisch, die keine Prostitution kennt, kein Gericht und keinen Kerker besitzt. Das avitische und traditionelle Familienleben der Juden bildet in dieser Hafenstadt ein Culturelement, die Genügsamkeit, der Sparsinn und die ascetische Lebensweise der Juden in Salonichi wirken unwillkürlich verbessernd auf die Sitten der übrigen, sich in viele Rassen zersplitternden Bevölkerung dieser Stadt. Was ist die eigentliche Ursache der Klage der Antisemiten gegen die Juden; nicht so sehr die Fehler, sondern die Vorzüge der Juden sind es, die sie in den Augen ihrer Feinde und Gegner verhaßt machen. Der arische Profefsionist sitzt in der Regel tagsüber im Wirthshause, vergeudet die Zeit, die Geld bedeutet, gießt ein Glas Bier, Wein oder Schnaps nach dem andern hinter die Binde, während daheim Weib und Kinder am Hungertuche nagen, das Handwerk vernachlässigt bleibt,-was den materiellen Ruin zur Folge hat und wodurch Zwist und Zank im Familienleben einziehen. Leicht, ist's, den Splitter im Auge des Nächsten zu sehen, der Balken im eigenen Auge bleibt unbeachtet. Stat sua cuique dies. Der Tag für unsere Widersacher und Feinde wird endlich einmal.kommen und damit auch die Zeit, in der den Juden Gerechtigkeit und Recht, welche sie gegenwärtig schwer vermissen, nicht vorenthalten bleiben wird. - E d u a r d B e e r. Bas Wundsrinstrumrnt. Posse in einem Act von Miguel de Cervantes Saavedr a.*) In manchen Sammlungen von Schwänken und Schelmenstreichen ist zu lesen, wie Betrüger unter dem Vorwände, sie könnten einen Stoff oder ein Gemälde verfertigen, das nur von Leuten ehelicher Geburt oder Gatten treuer Frauen gesehen wetden könne, einen König oder andere Personen um viel Geld betrogen. Schon der französische Schriftsteller Alexis Piron hat i,n vorigen Jahrhundert (1736) diesen Schelmenstreich in seiner komischen Oper „La robe de dissention ou le faux prodige" dramatisch bearbeitet und in neuester Zeit hat ihn Ludwig Fulda in seinem „Talisman" zu einer köstlichen Satyre auf das sich unfehlbar dünkende Königthum in geistreicher und poetischer Weise verwendet. Nur Wenige aber wissen, und wahrscheinlich hat eauch Fulda nicht gewußt, daß ein viel größerer Dichter den witzigen Schelmenstreich schon vor beinahe drei Jahrhunderten auf die Bühne gebracht hat. Kein Geringerer als der unnachahmliche Verfasser des „Don Quixote" war der Vorgänger Fulda's und sein im Jahre 1615 gedrucktes „Wundertheater" oder „Wunderinstrument" ist noch so modern, so actuell, wie der zeitungstechnische Ausdruck lautet, daß man glauben könnte, es sei erst in diesem Jahrzehnt geschrieben. Und warum das? Well es uns Gestalten vorführt, die wohl in jedem Zeitalter nicht fehlten, zu keiner Zeit aber so häufig waren sich so naiv dumm oder stolz frech an die Oeffentlichkeit drängten, wie in der Gegenwart. Der eigennützige Demagog, der Streber, der Judenfeind der auf seinen reinchristlichen (damals wußte man noch nichts von Ariern) Stammbaum stolze Strohkopf, der ängstliche *) LI Betabio de las maravillas, Entremes compuesto por Miguel de Cervantes Saavedr^ Madrid 1615. Manche übersetzen den Titel mit „Das Wnn d ert*vate v". Judenriecher und die sich von jedem kecke« Betrüger so leicht betrügen lassende abergläubische Menge — sie alle werden vom spanischen Satyriker so lebensvoll gezeichnet, daß man beinahe glauben könnte, er habe in irgend einem antisemitischen Verein seine Studien gemacht. Man vergißt ganz, daß der Dichter schon vor dritthalb Jahrhunderten gestorben ist, und fragt sich unwillkürlich, welchen antisemitischen Volksbe .... glücker, welchen Gemeinderath hat er denn gemeint? Als Cervantes seine Posse dichtete, waren die Juden schon längst aus Spanien vertrieben; es lebten aber dort noch viele Nachkommen von solchen, die aus Zwang oder des irdischen Vortheils wegen zum Christenthum übergetreten waren. Obwohl manche von ihnen zu hohen Aemtern gelangt waren oder sich mit vornehmen Familien verschwägert hatten, galten sie doch nicht für vollgiltige Christen und die Inquisition hatte auf sie ein scharfes Auge, besonders wenn sie reich waren. Der ungebildete Spanier, wenn er auch auf nichts stolz zu sein Ursache hatst, dünkte sich doch als „alter Christ" für ein höheres Wesen als diese „Neuchristen" und betrachtete die durch Talent und Fleiß zu Reichthum und Würden Gelangten mit demselben Gefühl von Neid und Hochmuth, wie irgend ein moderner biervertilgender antisemitischer Müssiggänger den fleißigen pro sperrenden Juden. Und wie der Antisemit Jeden, der nicht nach seiner oder seines bierspendenden Gönners Pfeife tanzt, eine« Juden Judenknecht oder Jndenstämmling nennt, so nannte auch der Spanier zu Cervantes Zeiten Jeden, der ihm mißliebig war, Marrano, Confeffo oder Neuchrist. Anders als bei uns scheint aber in Spanien die Hauptstadt von nationalem und religiösem Hochmuth freier als die Provinz gewesen zu sein, denn Cervantes führt uns, um seine lächerlichen „Reinspanier" zu zeigen, nach einem kleinen Städtchen. Dort finden wir den Gubernador (Bürgermeister) Gomazillos, einen halbgebildeten Schöngeist, der sich für einen Dichter hält, aber nicht klüger als seine College« ist, den Alcalde (Richter) Benito Repollo, den Regidor (Gemeinderath) Juan Castrado und den Stadtschreiber Pedro Capacho als die weisen und frommen Häupter der Stadt. Wenn ich hinzufüge, daß ihre Namen auf Deutsch Kohlstrunk, Schöps und Nachteule bedeuten, so kann sich der Leser leicht vorstellen, als wessen Geisteskinder der Autor uns diese Leutchen vorstellt. In dieses Städtchen kommt nun das geriebene Spitzbubenpaar Chanfalla und Cherinos, um die Leichtgläubigen zu rupfen, und stellt sich den würdigen Stadthäuptern mit der größten Demuth und den ausgesuchtesten geschmacklosesten Phrasen, als ob es das Feuilleton eines Antisemitenblattes geplündert hätte, vor. Chanfalla, der sich Montiel nennt, gibt vor, er reise im Aufträge der hauptstädtischen Spitalverwaltung, deren Einnahmen durch den Mangel an Dichtern und Theaterstücken sehr abgenommen hätten*), und dem habe er nun mit seinem Wundertheater abzuhelfen. „Was"' ist denn eigentlich ein Wandertheater?" fragt der Bürgermeister.' '* „Das ist ein Instrument", antwortet Chanfalla, „das der weise Tontonello (zu deutsch Dummrian) unter den Einflüssen solcher Planeten, Fixsterne und Luftbeschaffenheiten und mit solch wunderbarer Kunst verfertigt hat, daß von dem, was darauf gespielt wird, Niemand, der etwas von jüdischem Blut in sich hat oder nicht in legitimer Ehe erzeugt ist, etwas sehen könne. Wer an einem dieser weitverbreiteten Uebel leide, der müffe darauf verzichten, etwas von den unerhörten Wundern dieses Theaters wahrzunehmen." Nachdem die weisen Stadthäupter ihre Verwunderung über diese erstaunliche Erfindung des weist« Tontonello aus- *) Die Theater von Madrid mußten einen großen Theil ihrer Einnahmen an Spitaler und andere Wohllhätigkeitsanstalten abgeben

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