Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 7 (16.2.1894)
- Date
- 1894-02-16
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Sette 1B6 -M M -. » -— ■ - jPf)iviTriniiimy jwnnrnjmnn Nr. 7 Welch' neue Kraft schien plötzlich die mumienhafte Gestalt * der Sterbenden zu durchströmen! Sie richtet sich auf. die abgezehrte Hand greift in den welken Busen, aus dem sie ein vergilbtes mit sonderbaren H'eroglyphen bedecktes Papier zieht. Welch ein Glanz erstrahlt plötzlich in dem erlöschenden Auge, das sich auf jene verwitterten Schciftzeichen richtet. Die Lippen bewegen sich: „Ich komme, ich komme. Dein Mutterle naht, lebend will ich Dich wiederfinden", ertönt es kaum hörbar — dann entsank das Papier ihren Händen — und Mutter und Sohn waren endlich vereint. Fürstengunst. Roman von S. K o h n. Verfasser von „Gabriel". Jever unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersetzungs 46) rechte Vorbehalten.) Das energische, zweckmäßige Vorgehen Wertheimer's führte rasch zu erfreulichen Resultaten. Sckon in relativ kurzer Zeit war aus Zülz in Oberschlesien ein Brief von Dina und Eva an Rafael Frankl und an den Oberhoffactor eingelaufen, in welchem sie anzeigten. sie würden am nächsten Tage, von mehreren angesehenen Familienvätern begleitet, ihre Reise nach der österreichischen Residenz antreten. Rafael gerieth bei dem Empfange dieses Briefes in die freudigste Aufregung, und doch war eine seiner schönsten Hoffnungen zerstört worden. Sckon nach Marlbreiter's Mittheiluugen mußte er annehmen, daß Mutter und Sckwester ebenso wie er selbst in der Nacht des 20. November 1717 von seinem Vater getrennt worden waren; aber in der jedem Menschen angeborenen Neigung, sich selbst zu täuschen, hatte ihm doch der Gedanke an die Möglichkeit vorgeschwebt, daß sie in irgend einer Weise günstige Nachrichten über ihn erhalten und ihm - diese miltheilen würden, allein sie schrieben ihm. daß sie es vor Sehnsucht nicht erwarten könnten, ihn in ihre Arme zu schließen und hofften von ihm Günstiges über den Vater zu erfahren. Rafael, der den Moment des Wiedersehens nicht erwarten konnte, reiste ihnen entgegen und begegnete ihnen auf halbem Wege. „Ich habe Dich wieder", hatte Dina Fränkl gerufen, „Du hast nicht mehr um uns, wir nicht um Dich die tödtliche Angst zu haben, ein Schandgeselle könnte für elenden Blutlohn uns an den Markgrafen verrathen, er könnte uns als Hexen und Zauberer lebendig verbrennen lassen, aber Eines bedrückt mein Herz zum Brechen! Mein lieber Sohn, ich und unsere Eva haben schon so Entsetzliches erlebt, daß wir es auch ertragen würden, wenn wir mit Gewißheit erführen, was wir befürchten müffen: daß Dein Vater und unser treuer Josel Deidelsheimer den Tod in den Wellen gefunden! Verheimliche uns nichts, mein theuerer Rafüel, die traurigste Gewißheit ist leichter zu ertragen als peinlicher, die Seele aufreibender Zweifel! .... Dein Vater fand in den Wellen der Schwabach sein Grab, — ist's nicht so, mein lieber Sohn?" „Ich weiß es nicht!" erwiderte dieser und nun erzählte er, in welcher Weise er in der Nacht des 20. November 1717, nachdem sein Vater glücklich seinen Kerker verlaffen, von diesem getrennt wurde und bis jetzt nichts über sein Schicksal erfahren. „Dann hoffe ich", rief Eva. „daß auch der Vater lebt, daß Gott auch ihn gnadenreich in seinen Schutz genommen und wir ihn noch in diesem Leben wieder sehen werden." Nun forderte Rafael Mutter und Schwester auf, ihm mitzutheilen, was sie in jener Schreckensnacht und dann weiter bis zu ihrem heutigen Wiedersehen erlebt und erfuhr von Mutter?nd Schwester, die abwechselnd erzählten, einander zuweile oerichtigten und ergänzten, Folgendes: Als er sie in jener, ihnen allen unvergeßlichen Nacht nassen, um seinen Vater aus dem Mauerthurm zu entführen, waren sie in ziemlicher Entfernung von diesem auf der Eisstäche in der äflitte be§ Flusses an einer Krümmung desselben, von wo sie die Heerstraße übersehen konnten, gestanden, um, für den Fall, als sich etwas Verdächtiges zeigen sollte, den Fliehenden entgegenzueilen, um es zu verhindern, daß sie etwa einer aus der Stadt kommenden Patrouille oder der Thurmwacheablösung in die Hände fielen. Durch die tiefe Dunkelheit war eS ihnen bei der großen Entfernung nicht möglich, zu sehr», was an der Rückseite des Mauerthurmes vorging und das Plätschern des Regens und das Sausen des Windes verhinderte es auch, daß irgend ein Ton von dem Schauplatze der Begebenheiten an ihr Ohr drang. Die beiden Frauen waren lange Zeit fröstelnd, ohne ein Wort zu sprechen, nebeneinander gestanden, ihre Herzen pochten, als wenn sie brechen sollten, jede Secunde dehnte sich ihnen zur Ewigkeit aus. Dina starrte fassungslos, angstvoll in die dunkle Nacht hinaus; sie vermochte es nicht, sich auf ihren zitternden Füßen zu erhalten und mußte sich, um nicht umzusinken, auf Eva stützen. Diese hatte sich auch in diesem entscheidenden Momente ihre Geistesruhe bewahrt, sie legte ihre ganze Seele in Aug und Ohr und beobachtete mit unermüdlicher, gespannter Aufmerksamkeit, was rkngs um sie vorging. Plötzlich hatte Eva ein eigenthümliches Knistern gehört, hatte zu ihrem Schrecken die Ursache desselben erkannt und rief: „Wir müssen eiligst ans Ufer, liebe Mutter." Diese hatte sich w'llenlos, wie traumbefangen, an Evas Arm gehängt und sie waren, die halbe Stromesbreite rasch durchschreitend, ans Ufer gelangt, als fast unmittelbar darauf die Eisdecke barst und sich vor ihren Augen das Naturereigniß, dessen Anblick auch Rafaels Herzblut vereisen ließ, in seiner ganzen Furchtbarkeit abspielte. Als Dina Fränkl mit voller Zweifellosigkeit zu erkennen glaubte, ihr Gatte und ihr Sohn würden den Tod im Wcllengrabe, dem sie selbst nur durch die Energie ihrer Tochter entgangen, finden, da hatte sich ihr Herz zus'ammengekrampft und sie war besinnungslos zu Boden gestürzt. Eva batte sich in der peinlichsten, verzweifeltsten Lage befunden. Ihre Mutter lag ohnmächtig an dem Ufer des empörten Stromes — weit und breit war kein Mensch zu sehen und zu hören; — auch wäre ihr Hilferuf von dem donnernden Getöse der wild dahinstürmenden Wogen, der zerschellenden, zerprasselnden Eksblöcke übertönt worden; allein, auch wenn Eva die Macht besessen hätte, ihre Stimme übermächtig zu verstärken, so hätte sie von dieser Fähigkeit keinen Gebrauch machen dürfen, ihr Hilferuf konnte ihren Vater, ihre Mutter, ihren Bruder, sie selbst rettunglos verderben! Das kräftige Mädchen nahm die besinnungslose Mutter auf den Arm und schlug die Richtung der Heerstraße ein. Sie lief ziellos die ganze Nacht fort. Bei dem leisesten Geräusche, wenn der Wind durch die entlaubten Bäume fuhr, bei dem Schrei eines Nachtvogels, war sie vor tödtlichem Schreck znsammengezuckt und hatte doch dabei stets gehofft, auf dem Wege das' Gefährte zu erblicken, in welchem ihr Vater, ihr Bruder und der treue Josel Deidelsheimer saßen, aber sie war bei ihrer nächtlichen Wanderung keinen Menschen begegnet! Als der Morgen graute, hatte Eva erkannt, daß sie die Grenze ihrer Heimat überschritten habe und sich in der Nähe eines Dorfes befinde. Die Mutter in . ihren Armen hatte die Augen geschlossen und Eva wußte nicht, ob sie noch immer ohnmächtig oder vor übergroßer Erschöpfung eingeschlafen war. Eva war zum Umsinken müde und fühlte nach den eben überstandenen Aufregungen und körperlichen Mühsalen die gebieterische Nothwendigkeit, eine kurze Zeit zu ruhen. Sie lenkte ihre Schritte dem Dorfwirtbshause zu. Sie erzählte, sie wären Reisende, die bei dem Uebersetzen eines gefrorenen Flusses mit dem Wagen eingebrochen und während ihre Reisebegleiter sich nicht zu retten vermochten, wäre dies ihr und ihrer Mutter gelungen, doch wäre diese vor Schrecken ohnmächtig geworden und sie hätte sie eine Strecke hierhergetragen. Nachdem Dina einige Zeit im warmen Zimmer gelegen, war sie zum Bewußtsein erwacht. Sie hatte zuerst geglaubt, aus einem bösen Traume zu erwachen; und es hatte längere Zeit bedurft, bis sich ihre Erinnerungen verdeutlichten und sie sprach: „Mir braust's und hämmert's im Kopfe, als wenn brandende Wogen und zerschellende Eisblöcke mein armes Hirn durchstürmten .... ich bin nicht im Stande, einen Gedanken zu fassen . . . ..was glaubst Du, mein liebes, kluges Kind, ist Dein Vater gerettet? Oder hat es Gott in seinem unerforfchlichen Rathschlusse anders bestimmt? Ist Rafaels kühne, edle That mißlungen, ruhen Vater und Sohn vereint im kühlen Stromesgrunde?" „Ich weiß es nicht", hatte Eva mit gepreßter Stimme und zuckenden Lippen geantwortet, „und es wäre völlig vergeh-, lich, wollten wir unser Gehirn zermartern, alle Möglichkeiten zu ersinnen." „Was sollen wir nun beginnen?" hatte Dina nach einer Pause gefragt. „Wir halten es ja mit Rafael und Deidelsheimer besprochen," hatte Eva erwidert, „in einem Zuge ohne auszuhalten nach Cham zu fahren und erst dort eine kurze Zeit ' Rast zu halten." Wir müssen daher trachten, nach Cham zu ge-