Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-02-16 · 7 (16.2.1894) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
7 (16.2.1894)
Date
1894-02-16
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021015--03242-3027369
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

, Nr.' 7 Oesterrrichifchr Wochenschrift Seite 135 Der Anfall war so plötzlich gekommen, daß die Enkelkinder, die oft unter ihrer Wunderlichkeit zu leiden hatten, unmöglich vor dem Ende eintreffen konnten. Der große Kampf des Lebens, ein Meer von Weh, lag hinter ihr. Weit ab weilten die Gedanken der Sterbenden und keine der umstehenden Frauen ahnte, daß sie eben jetzt die entscheidendste Episode ihres Daseins im Geiste noch einmal durchlebte. Es sind nun fast vierzig Jahre her, daß sie — schon damals eine hohe Sechzigerin, deren ganzen Horizont das polnische Dorf bildete, in dem sie wohnte — einen Brief erhielt von ihrem einzigen Kinde, ihrem Sohne, der viele Meilen weit entfernt in einem andern Districte eine Dorfschenke hielt, um sich und seine Familie zu ernähren. Mit zitternden Händen öffnete sie den Brief, es fielen einige Rubel heraus, die sie achtlos fallen ließ. Schnell überflog ihr Auge beim Dämmerlicht des trüben Sommerabends die kleine hebräische Schrift von rechts nach links, da überkam sie plötzlich eine Schwäche, die sie fast zu Boden warf. Ihr Sohn, ihr Kaddisch, war ihr Augapfel. Und was sagte er ihr da? Mitten im Briefe war es ein Satz, der ihr mit blutiger Flammenschrift entgegenleuchtete: „Ich war die letzte Zeit nicht ganz gesund, liebe Mutter, die schlechte Witterung und die nebligen Nächte! Aber es wird nichts zu bedeuten haben, nur der Magen macht mir zu schaffen." Längst hatte hier die bleiche Furcht, geschwinder, als die säumige Post, das Gerücht vom Ausbruch der Cholera in jenen Districten verbreitet; schon seit Tagen hatte sie um den geliebten Sohn gezittert, der Brief schien die schlimmsten Befürchtungen bestätigen zu wollen. Denn, wenn es schon diesmal nicht die Cholera selbst war, — um wie viel leichter konnte der durch Leiden geschwächte Körper zunächst der gefrässigen Pest zum Opfer fallen! Und eben jetzt, während sie las. lag er vielleicht auf dem Kranken-, ja wohl gar auf dem Sterbebettel Lebte er denn überhaupt noch? Das ging so schnell heutzutage; der Tod, der viel geschäftige, hatte nun nicht Zeit, viel Federlesens zu machen. Und das Ende des Briefes schien schon gar nichts Gutes zu verkünden. „Komm' zu mir Mutterle, komm' geschwind! Wer weiß wie lang' noch ich nicht zu Dir kommen kann". Ja, sie wollte hin, auf der Stelle wollte sie fort. Vielleicht war's zum letzten Male .... Da machte ihr plötzlich' ein furchtbarer Gedanke fast das Blut in den Adern erstarren. Es war Freitag Abends, dort leuchtete schon ein Stern, der Sabbath war eben hereingebrochen, der auch fahren, reiten, kurz reisen jeder Art verbietet. Bierundzwanzig lange Stunden! Was alles könnte inzwischen geschehen! Was thun? Sie führte sich die Situation klar vor Augen. Unter einer Bedingung ist die Verletzung des Sabbaths gestattet — wenn.es gilt, ein Menschenleben zu retten. Aber trotz aller Mühe, ihrer Logik Gewalt anznthnn, konnte sie sich doch nicht überzeugen, daß die Genesung des geliebten Sohnes von ihrem Kommen abhing. Wußte sie denn überhaupt etwas Gewisses über seine Krankheit — und war er auch wirklich krank, wie sie fürchtete? So blieb die Reise zu ihm heute, gleich jetzt, doch eine Entheiligung des Sabbaths. Und doch konnte sie sich des Gedankens nicht erwehren: er ist krank, sterbenskrank und sehnt sich nach der Mutter. Ja, hin mußte sie und das gleich. Nach schwerem inneren Kampfe fing sie an, mit sich zu markten. Sie wollte nicht fahren — das würde ja eine geschäftliche Abmachung voraussetzen und Andere veranlassen, am Sabbath für sie zu arbeiten. — Zu Fuß wollte sie gehen — Aber die Entfernung überschritt ja bei Weitem die „2000 Ellen im Umkreis^ die für den Sabbath gestattet! Doch es mußte sein! Der Ewige, gelobt sei er, würde doch wiffen. daß das, was. eine arme gequälte Mutter in solchem Falle that. keine „Arbeit" war. Ev in seiner unendlichen Barmherzigkeit würde vielleicht gar einem alten Weibe verzeihen, das noch nie vorher den Tag, der ihm geheiligt, entweiht hatte. _ Und so machte sie sich denn, nachdem sie noch schnell ein paar Bissen gegeffen und den theuren Brief in ihren Busen geborgen, auf den weiten beschwerlichen Weg. Einen Stock durfte sie trotz ihres Alters nicht mitnehmen, ebensowenig einen Regenschirm, denn das „Tragen" am Sabbath ist ja als „Arbeit" verboten. Wie tapfer sie ausschritt! Vor ihrem innern Auge stand das bleiche Antlitz des Sohnes und diente ihr als Leitstern. „Ich komme, ich komme, Dein Mutterle ist unterwegs!" sagte sie leise vor sich hin. Es war eine feuchte Nacht, wie ein Leichentuch hing der Himmel über der Erde. Die Bäume, die den Weg umsäumten, waren in undurchdringlichen Nebel gehüllt. Aber das beirrte die gute Alte nicht, sie wußte es ja, immer grad'aus läuft der Weg. So ging sie die ganze Nacht furchtlos durch den öden Wald, weder Mensch noch Thier trat ihr entgegen, obgleich Wolf und Bär hier nicht zu den unbekannten Erscheinungen gehören. Der Morgen fand sie matt und erschöpft, die Füße wollten sie kaum mehr tragen; und doch ging sie weiter, denn noch hatte sie kaum die Hälfte des Weges zurückgelegt. Im Gehen sagte sie ihr Morgengebet, tn der Hoffnung, daß Gott ihr die große Sünde vergebe, und darüber vergaß sie Hunger und Müdigkeit. Im nächsten Dorfe bestätigte sich ihr die schreckliche Nachricht vom Ausbruch der Cholera im Wohnort ihres Sohnes, was ihren todmüden Füßen, für Augenblicke wenigstens, Flügel gab. Dann gegen Mittag sank sie endlich an einer Hecke kraftlos zusammen. Ein vorübereilender Bettler schenkte ihr ein Stück Brot, zum Glück ohne Butter, sonst hätte sie es nicht ohne Skrupel genießen können. Endlich erhob sie sich wieder, aber nach der Ruhe schmerzten sie die müden wunden Füße nur umso mehr. Wie gern hätte sie sie im nahen Bache gekühlt, aber auch das war verboten. Sie zog den Brief i—.*- überlas ihn; das gab ihr neue Kraft. „Harr'aus, mein Leben, Dein Mutterle kommt, Dein Mutterle ist unterwegs!" ries sie wieder! Dann fing es plötzlich an zu regnen. Welche Erfrischung für die müden erhitzten Glieder! Bald jedoch war sie durchnäßt bis auf die Haut und ihre Kleider wurden so schwer, daß sie sich kanm mehr weiter schleppen konnte. Und doch ging sie muthig vorwärts auf dem durchweichten Erdreich. Aber ihre Schritte wurden schwerer und schwerer und es erfaßte sie plötzlich die Angst, sie könnte hier mitten am Wege vor Erschöpfung kraftlos zusammen sinken. Das durfte sie nicht! Nein! bin zu ihm! Mit jedem Schritte wurden ihre Ahnungen deffen, was sie „dort" erwarte, grauer und trüber. Wenn ihr nur vergönnt wäre, noch einmal seine Stimme zu hören! Aber o weh! Vielleicht käme sie nur gerade noch zurecht, das Antlitz des Todten zu sehen, ehe'man ihn in's Grab senkt. Gewiß, gewiß! so würde Gott sie heimsuchen dafür, daß sie seinen Ruhetag nicht geheiligt. „Harr' aus mein Kind, stirb' noch nicht, Dein Mutterle muß Dich nochlebend antreffeu." Endlich ließ der Regen nach, heiß und glühend trat die Sonne aus den Wolken und trocknete ihr Gesicht und Hände. Bald drang der müden Dulderin der Schweiß aus allen Poren. Jeder Schritt vorwärts war eine Qual, aber muthig holten die müden wunden Füße immer wieder von Neuem aus. Aus weiter Ferne glaubte sie die Stimme eines Sterbenden zu vernehmen, die nach ihr rief. „Ja ich komme, mein Alles, faß' Muth, ich werde Dein Angesicht sehen, Dich in meine Arme schließen!" rief's im Innersten ihres Herzens. Ein Fuhrmann erbot sich, sie eine Strecke weit mit zu nehmen, sie aber schüttelte verneinend das Haupt, denn noch war es Sabbath, schien doch der lange Sommertag schier endlos. Unsicheren Schrittes schwankte sie weiter, während ihr das stachlige Gebüsch, an dem sie sich festhielt, Gesicht und Hände zerkratzte. Endlich neigte sich der Tag, ekle Dünste entstiegen den Sümpfen und noch immer war sie weit vom Ziel. Erst lange nachdem sich die ersten Sterne gezeigt, nachdem der Sabbath zu Rüste gegangen, erreichte die arme Alte das ersehnte Dorf. Wund und gebrochen, kaum noch ihrer Sinne mächtig, schleppte sie sich bis zum Wirthshaus des Sohnes, das Herz voll trüber Ahnungen. Wie einsam und verlassen das Haus dalag, heute am Sabbath Abend, der sonst die Bauernschaft der ganzen Umgegend hier versammelte! Zitternd näherte sie sich, ein Mann in langem Kaftan, mit dem Finger am Munde Stillschweigen gebietend, öffnete die Thür. Entsetzen erfaßte sie, dort im rückwärtigen Gemach saßen Schwiegertochter und Enkel am Boden, wie es Trauernden geziemt. „Gelobt sei der gerechte Richter!" rief sie und zerriß ihr Gewand. „Wann ist er gestorben?" fragte sie weiter. „Gestern, und eilig vor Eintritt des Sabbaths mußten wir ihn begraben." Da erhob die Alte ihre zitternde Stimme und sang mit den Uebrigen den Preis des Herrn: „Singen will ich ein neues Lied, Dir o Ewiger, mit Harfen und Saitenspiel will ich, Dich preisen." — — —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.